Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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mag

mag,
s. mage und magen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1429, Z. 29.

mögen, verb.

mögen, verb.
posse, velle, licere.
I.
Formelles.
1)
das präterito-präsens mögen, im genauen etymologischen zusammenhange mit dem subst. macht (sp. 1397) und dem kirchenslav. mošti, präs. moga̜, können, vermögen (Miklosich 381ᵇ fg., vergl. die daselbst weiter genannten slavischen verwandten), ist aus der präteritalen bedeutung: ich bin grosz oder kräftig geworden, zu der bedeutung ich bin kräftig, vermag, entwickelt; andere deutsche verwandte des wortes, wie magd (sp. 1430) und mage (sp. 1435) zeigen, dasz im hintergrunde der begriff des körperlichen erwachsenseins und der zeugungsfähigkeit steht. daher bezeichnet auch mögen zunächst ein bloszes vermögen nach leibeskräften, unterschieden von können (vergl. th. 5, 1724), das eigentlich wissen bedeutet und erst später den sinn von mögen mit aufnimmt.
2)
den präsentialen aus altem präteritum erwachsenen formen goth. mag, magt, mag, plur. magum stehen im ahd. getheilte gegenüber: das alemannische und bairische verwendet zu dem sing. ih, er mag, 2. du mah-t den plur. magum, magut, magun, während das fränkische im plur., hierin im vereine mit dem altsächsischen, mugum, mugut, mugun braucht. diese letzteren formen aber dringen so vor, dasz sie bereits Notker häufiger als jene hat, und dasz sie mhd. als mugen, muget, mugen gänzlich aufgekommen sind, wo magen, maget, magen nur noch im 12. jh. bleibt (Weinhold mhd. gramm.² 440 fg.). dem conjunctiv magi, und mit umlaut megi, 2. magis und megis, plur. magin und megin, wie er ebenso alemannisch und bairisch lautet, steht fränkisches mugi, plur. mugin entgegen, doch so dasz auch bei Tatian und Otfrid die formen megi, pl. megin mehr oder weniger vereinzelt sich finden. im mhd. schwanken die conjunctivformen mege und muge, und für letztere, da sich mittlerweile auch hier der umlaut entwickelt hat, müge, so, dasz die erstere die seltenere ist; mege erhält sich lange: si wennent das men gotte und der natturen megge mittenander geleben. Merswin 77; men megge wol der natturen und gotte in eime einfeltigen guͦten sinne leben. 79.
3)
conjunctive formen des präs. plur. werden auch indicativ verwendet: qui corpus possunt occidere, die den lîchamin magin irslân. Notker ps. 96, 10; irô bechorungun (temptationibus) ne mugin siê uuiderstân. 34, 5; und es entstehen hieraus die mhd. indicativen formen megen und mügen, von denen die erstere nicht, die letztere aber im älteren nhd., namentlich im 16. jh. noch fortdauert: so werden sy (verheiratete weiber) mit kinden geen, so mügen sy dann nichts. Keisersberg geistl. spinne O 1ᵃ; damit nu das, soviel wir mügen, verkomen werde. Luther 8, 371ᵇ; wir mügen es uberweldigen. 4 Mos. 13, 31; nu müget jr denken, was euch zu thun ist. richter 18, 4 u. oft;
vil trübsal müg wir nit entpfliehn.
Schwarzenberg 151ᵃ;
den umlaut nimmt auch der infinitiv an, der zuerst ahd. im alemannischen und bairischen magan, im fränk. mugan, im mhd. mugen, und später mügen lautet: werden nicht entrinnen mügen. Hiob 11, 20; ein unglück, .. dem sie nicht sollen entgehen mügen. Jer. 11, 11;
dein schnudelbüchlein und dein lügen
werden doch nicht viel schaden mügen.
Fischart von Dominici leben 1626;
und noch bisweilen im 17. jahrh.: seine gröste sorge war, meine zarte jugend dörfte ein solch harte und sehr gestrenge art zu leben in die länge nicht ausharren mügen. Simpl. 1, 34 Kurz, vergl. nachher 4.
4)
für den mhd. plur. mugen, conj. muge galt im mitteldeutschen mogen, moge, formen die, nachdem der umlaut sich hier wie bei jenen unter 3 aufgeführten entwickelt hatte, als mögen, möge für indicativ plur., conj. und infinitiv sich fortsetzen, und so bereits im 14. jahrh. ins oberdeutsche dringen: daʒ gar kleine dinc den menschen moͤgent irren. Merswin 104; allerdings bis ins 16. jahrh. nur vereinzelt. Luther sind die formen müge, mügen gerecht (zahlreiche beispiele in dem folgenden verstreut), dennoch läuft möge, mögen bei ihm öfter mit unter: die den leib tödten, und die seele nicht mögen tödten. Matth. 10, 28; das nicht jemand sagen möge, ich hette auf meinen namen getauft. 1 Cor. 1, 15; das jr weissagen möget. 14, 1; nach ihm aber gewinnen die formen mit ö die oberhand, im spätern 16. jahrh. sind sie auch oberdeutsch durchgedrungen: das wir verston mögend, quod in nostram intelligentiam cadit. Maaler 293ᵃ; damit die füle (fohlen) zuͦ rächter schöne, und grösze kommen mögind. Forer thierb. 134ᵇ; die jung wurd basz dann die alt springen mögen. Wickram rollw. 66, 2 Kurz; in den druckereien werden sie durchgeführt, auch wo sie dem sprachgebrauch eines schriftstellers nicht gemäsz sind, wie gelegentlich reime lehren:
so habt wol acht auf seine wort,
ob er zu schneiden sich will fügen,
das wir darnach uns richten mögen.
B. Waldis Esop 2, 4, 16;
aber dennoch bleiben die formen mügen, müge auch im 17. jh. noch in anwendung, Schottel 590 und noch Stieler 1201 verzeichnen die infinitive mögen und mügen;
dasz ich ausz deiner hand
mein täglich brod müg essen
in meinem schlechten stand.
Rist himl. lieder 33;
in mundarten bis heute, z. b. bairisch mügen neben mögen. Schm. 1, 1576 Fromm., ebenso in Düringen.
5)
die 2. sg. goth. mag-t, ahd. mhd. mah-t wird seit dem 15. jahrh. mit dem suffix des präsens gebildet du magest, magst, vergl. Weinhold alem. gramm. 378. bair. gramm. 325, eine form die einzig dem nhd. geblieben ist; eine zwischenform mahst ist wenig belegbar: var an gottes namen, und kom herwider, so du mahst oder es dir wol fügt. weisth. 1, 376 (Schwarzwald, von 1417).
6)
imperativformen haben sich bis heute nicht gebildet. das part. präs. ist ahd. maganti und, später bezeugt, mugendi, was sich in mhd. megende und mugende fortsetzt, später als mügende; im nhd. hat sich seit dem 16. jahrh. mögend ergeben.
7)
doppelformen zeigte auch im präteritum, dem goth. einheitlichen mahta gegenüber, das ahd., wo in alemannischen und bairischen quellen mahta, in fränkischen mohta steht. jenes setzt sich noch mhd. als mahte fort, bis es von mohte verdrängt wird; der conj. des ersteren ist mehte, der des letzteren mohte, später möhte, im nhd. möchte, für dessen 2. sg. du möchtest bis über das 16. jahrh. hinaus auch du möchst erscheint: nu möhstu sprechen zuo mir. Megenberg 132, 26; du möchst seinen weg lernen. spr. Sal. 22, 25;
ob du mit gaben und schenken
die leut freundtlich möchst zu dir lenken.
H. Sachs fastn. sp. 3, 4, 92;
hüt dich, greifs nit an, lasz es stehn,
du möchst dich dran versündigen,
und möchst es machen gar unrein.
L. Sandrub kurzweil 32;
als mechst (e für ö):
den würst (würdest du) für ein freunt angenumen,
mechst zw gwalt, er und reichtum kumen.
H. Sachs fastn. sp. 2, 23, 334;
selbst in der schreibung mächst:
schade dasz du nie begehret
dasz du mächst am galgen henken!
Logau 1, 16, 45;
noch später 2 plur. möcht für möchtet: ihr habt etwas gethan, Genueser, was ihr auch nicht einmal möcht aussprechen hören. Schiller hist.-krit. ausg. 3, 340 (Fiesko, bühnenbearb. 5, 6). neben der indicativform mochte ist seit dem 15. jahrh. mitteldeutsch muchte bezeugt (Weinhold mhd. gramm.² s. 442), was auch nachher dauert:
kamen drei schnaphan her getraben,
schlugen jn, bisz er nimmer mucht,
das er jn saget, was er sucht.
B. Waldis Esop 3, 51, 25;
der luchs wehrt sich so best er mucht;
der hasz wend sich und gab die flucht.
4, 56, 63;
mit einer gleichlautenden unumgelauteten conjunctivform:
(die maus) lief umb den kasten und besucht,
ob sie wider nauf steigen mucht.
2, 32, 10;
zwar möchte geschrieben, aber durch den reim gesichert:
ja, vater, als er suchte,
dasz er mich fressen möchte,
war ich in deinem schosze.
P. Gerhard 59, 10;
sonst wird als conjunctiv zu dieser form müchte verzeichnet. Schottel 590.
8)
auch im präteritum dringen conjunctive formen in den indicativ vor: do er die nüt möhte bekeren, do kerte er sich von in. Haupts zeitschr. 7, 148 (elsässisch, 14. jahrh.); die antwort möchte (konnte) in nicht helfen. Spittendorf denkw. 18 Opel; unser bitte aber möchte nicht gehört werden. 155; aber sie kunten der Nürnberger, und jener Friedberger in der Wetterau fleisz nit gnug loben. darbei möcht ich mein zorn nit inhalten, ... sondern nahme mein Lansium den ich ohngefähr bei dem beth hätte, und wurfe auf dem kopf eines solchen speivogels. Schuppius 740; Schottel a. a. o. kennt nur die formen ich möchte und müchte, du möchtest, er möchte als indicativformen, keine unumgelauteten.
9)
für mochte die schreibung mogte, im 17. jahrh. aufkommend, scheinbar etymologisch, in unkenntnis der wirkenden lautgesetze: es hupfte zurück, so sehr es immer mogte. Simpl. 1, 294 Kurz; fällt mir ein, ob nicht vielleicht in diesem alten gemäur ein schatz verborgen lege, daher es so ungeheur sein mögte. ebenda; man mögte in diesem schlosz lang hören schieszen. 298; sie hält sich bis tief ins 18. jahrh. hinein, und wird von Adelung, und vor ihm auch von andern über die sprache denkenden männern zurückgewiesen: wo stammwörter ein g haben, das in ableitungen unmittelbar vor einem t zu stehen kömmt; da ist es ein wahrer grundsatz der hochteutschen sprache, dasz sich das g sehr oft in ein ch verwandelt .. und aus eben der ursache ist es eine irrige behauptung, wenn man verlanget, dasz man nicht möchte, sondern mögte schreiben solle, weil es von mag, mögen, abstammt. Pütter üb. die richtigkeit u. rechtschr. der teutschen spr. (Göttingen 1780) s. 27.
10)
ein part. prät. erscheint erst spät (als vermocht im reime auf brâht zuerst nachgewiesen Weinhold bair. gramm. s. 326 aus Otackers reimchronik), es heiszt gemocht, mit umgelauteten nebenformen gemöcht Stieler 1201, gemücht Schottel 590; dafür auch die schreibungen gemugt, gemügt: hab ich das maist, so ich gemugt hab, guet lewt ze rosz und ze fuesz aufbracht. urk. Max. nr. 224, s. 299; so best er gemügt hab. d. städtechron. 1, 458, 36; item Sebolt Kresz ist auf der festen beliben, so er allermaist gemügt hat. 2, 283, 30. das part. steht aber in solcher form nur ausnahmsweise bei haben, wenn dieses noch einen infinitiv bei sich hat: dieses wasser hette mocht tewr verkauft, und den armen gegeben werden. Matth. 26, 9; gewöhnlich tritt hier die infinitivform mögen hervor, die indes (vgl. unter haben th. 4², sp. 74) auf einer älteren starken form des part. prät. beruhen wird: des hab aber sein gnade zu disen zeiten ye nicht mugen bekomen. d. städtechron. 1, 458, 37; wie sein hand hat mügen erwerben. 3 Mos. 14, 30; hat dich auch dein gott .. mügen von den lewen erlösen? Dan. 6, 20; der widder hatte keine kraft, das er fur jm hette mügen bestehen. 8, 7; das niemand sein heubt hat mügen aufheben. Sacharja 1, 21; die neuere sprache setzt in solchen fällen mögen lieber an die letzte stelle eines satzes: das hätte ich sehen mögen, wir hätten das erleben mögen, üblicher als das hätte ich mögen sehen, wir hätten das mögen erleben; erklärungsarten .. auf die ich in der folge vielleicht hätte fallen mögen. Schiller hist.-krit. ausg. 4, 257.
11)
ein mit mögen verbundener infinitiv folgt stets unmittelbar; nur ausnahmsweise ist er durch zu vermittelt: ob ihr mit gutem gewissen .. mögt zu haus allein für euer gesind das evangelium predigen zu lassen. Luther br. 4, 631; in wahrscheinlicher abhängigkeit von gleicher verbindung bei dem unmittelbar vorausgehenden vermögen:
o meine gute! diesz ihr heil vermagst
du ganz allein zu schaffen, die gefahr
von ihr zu wenden magst du ganz allein.
Göthe 9, 288.
II.
Bedeutung.
1)
mögen, können, in folge eigener kraft (vergl. dazu auch die bemerkung unter können th. 5, sp. 1729), in dem sinne unseres heutigen vermögen, was ahd. noch selten und sicher nur in reflexiver fügung, auch mhd. noch nicht häufig erscheint; nhd. stehen wol mögen und vermögen noch neben einander, vergl. vorher unter I, 11 die stelle aus Göthe; Caleb aber .. sprach, laszt uns hin auf ziehen und das land einnemen, denn wir mügen es uberweldigen. aber die menner, die mit jm waren hin auf gezogen, sprachen, wir vermügen nicht hin auf zu ziehen gegen das volk, denn sie sind uns zu stark. 4 Mos. 13, 31. 32. die begriffliche nähe von können und mögen zeigt sich öfters in formelhafter verbindung beider verben zur nachdrücklichen hervorhebung éines sinnes, selbst noch in quellen unserer zeit: ich bitte dich was ich kann und mag. Göthe 7, 141;
er sprach: ichn mac noch enkan
iu gebieten mêre
wandels noch êre,
wan rihtet selbe über mich.
Iwein 2286;
kain ding auf ert duet mir pas lieben,
den schon frawen und pulerei.
was mainst, das sunst vür frewden sei?
nems an, die weil dw kanst und magst.
H. Sachs fastn. sp. 2, 15, 87;
mein freunt, des wil ich nit vergessen,
dir dienen, wo ich mag und kan.
16, 117;
weils kann und mag nit anders sein.
Schmelzl Saul 30ᵃ;
vergl. dazu: und fand je drei hundert tausent auserlesen, die ins heer ziehen mochten, und spies und schild füren kundten. 2 chron. 25, 5 (ἐξελθεῖν εἰς πόλεμον δυνατούς, κρατοῦντας δόρυ καὶ θυρεόν septuag.);
und mocht nit aufthun seinen mund,
den lawren auch nit strafen kund.
Grobian. T 2ᵃ (v. 4847);
wiewol auch in andern namentlich jüngeren fällen solcher formelhaften verbindung mögen den sinn des beliebens (unten nr. 8) hat: ich kan und mag es nicht tuhn, nec possem nec velim hoc agere. Stieler 1201;
ich kann und mag nicht, wie du wol
verdienet, dich verderben.
P. Gerhard 133, 31 (nach Hosea 11, 9, wo das ich nicht thun wil);
ich selbsten kann und mag nicht ruhn;
des groszen gottes groszes thun
erweckt mir alle sinnen.
240, 43.
solches mögen steht nun in verschiedener weise.
a)
die kraft zu einer leistung haben, im stande sein zu einer handlung, die in einem folgenden infinitiv bezeichnet ist: ni mag arstanten inti geban thir. Tat. 40, 2 (non possum surgere et dare tibi); ih ni mag graban, betolôn scamên mih. 108, 2 (fodere non valeo, mendicare erubesco);
du hâst mih des wol innen brâht,
möhtestu, du hulfest mir.
a. Heinrich 945;
unser gote mogen uns helfen wol,
den man vil wol getrûwen sol.
livl. reimchron. 5107;
bis ins 16. und 17. jahrh. noch in ganz gewöhnlichem gebrauche, der wie schon mhd. auf körperliches wie geistiges vermögen in gleicher weise geht: so ein wolf ein ferli (ferkel) erwüschet, das er nit wol mag tragen, so fasset er es bei einem or in das maul und fürt es neben im anhyn. Keisersberg seelenpar. 138ᵇ; so einer merkt, wenn er mit eim redt, das der selbig ein klapperman ist, so schweigt er, dan er möcht ihm nit genuͦg antwurt geben. wan er éin wort redet, so müszt er dreiszige dargegen hören. sünd. d. m. 77ᵃ; darumb das got müge seine craft und trost auszgeben und uns mitteilen, so zeucht er hin allen andern trost und macht die sele herzlich betrubt. Luther krit. gesamtausg. 1, 160, 25; auf das ich gottis zorn entgehe, wilchem niemant entgehen mag, dan wer sein Adam creuziget. 164, 5; fülle den mennern jre secke mit speise, so viel sie füren mögen. 1 Mos. 44, 1; ob ich mit jm streiten müge. 4 Mos. 22, 11; so woltestu deinem knecht geben ein gehorsam herz, das er dein volk richten müge. 1 kön. 13, 9; fürchtet euch nicht fur denen, die den leib tödten, und die seele nicht mögen tödten (μὴ δυναμένων ἀποκτεῖναι). fürchtet euch aber viel mehr fur dem, der leib und seele verderben mag (τὸν δυνάμενον), in die helle. Matth. 10, 28; mag auch (μήτι δύναται) ein blinder einem blinden den weg weisen? Luc. 6, 39; graben mag ich nicht (οὐκ ἰσχύω). 16, 3; der gnaden ich mich nimmermehr genugsam bedanken mag. buch der liebe 233ᵈ; er ward krank, dasz er nicht kommen mocht. 307ᵃ; die reichen werden besser zahlen mögen (wann sie anders wöllen) dann die armen. Fischart groszm. 125; also erlangte Olivier durch hülfe des teufels dasjenige, wornach er vorlängst gerungen, auf einem ehrlichen weg aber nicht ereilen mögen. Simpl. 1, 198 Kurz; indem wir unsere herren pfarrherren nicht mehr ernehren möchten. Abele unordn. 3, 252;
und wer in tugend ist ain zag,
kain ewig ehr erwerben mag.
Schwarzenberg 104ᵃ;
so handelt ewer sach fein friedlich (der richter zu den streitenden) ...
als dann ich euch bescheiden mag.
H. Sachs fastn. sp. 1, 56, 60;
die ist gschwetzig gleich einer hetzen,
sie möcht dem teufl ein seel abschwetzen.
4, 13, 351;
verleihe du nur kraft und macht,
damit, was ich bei mir bedacht,
ich mög ins werk auch setzen.
P. Gerhard 43, 47;
und weil des teufels macht und list
gedämpft, sein kopf zertreten ist,
mag er ihm auch nicht schaden.
172, 42;
die redet nur zu wohl, die schweigend reden mag.
A. Gryphius (1698) 2, 385;
auch die neuere sprache, in der in allen solchen fällen gewöhnlich vermögen mit zu und inf. steht, kennt noch dieses einfache mögen, entweder im falle mundartlichen anklangs (da im fränkischen, bairischen und alemannischen sprachgebiet mögen noch immer = vermögen, können ist), oder bei gehobener und alterthümelnder rede: sie ... zweifeln, ob ein Heraklid sie retten möge. Klinger 2, 95; Apollo zu fragen, wie wir uns retten mögen. 96; so kommen jene drüben mit den vielfältigsten waaren ihm entgegen, an denen man den stoff kaum unterscheiden, und den zweck oft nicht erkennen mag. Göthe 15, 306; ein neues unverwerfliches beispiel zu geben, was menschen wagen dürfen für die gute sache und ausrichten mögen durch vereinigung. Schiller hist.-krit. ausg. 7, 8; magst du sie denn leiden? (ein mädchen). Immermann Münchh. 1, 159; jetzt mochte Franz wieder lachen. Felder sonderl. 2, 137; sie hätten so viele (aprikosen), dasz sie sie nicht meistern möchten. J. Gotthelf schuldenb. 406;
eh die frau, vor schrecken starr,
es hindern mochte, stiesz er mit dem schwert
sich durch und durch.
Wieland 18, 65;
sie nähern sich, bis sie erkennen mögen,
es sei ein frauenbild, das seine hände ringt.
17, 95 (Idris 2, 45);
nur ein Cäsar mochte Rom verderben,
nur nicht Brutus mochte Cäsar stehn.
Schiller räuber 4, 5;
du stöszest ihn verschlossen, kalt zurück,
noch sonst ein andrer von den hirten allen
mag dir ein gütig lächeln abgewinnen.
jungfrau v. Orl., prolog, 1. auftr.;
verweinen laszt die nächte mich,
so lang ich weinen mag.
Göthe 1, 97;
ihr anblick gibt den engeln stärke,
wenn keiner sie ergründen mag.
12, 21;
doch wenn wir selbst uns nicht erkennen mögen,
um ein vertrauen in uns selbst zu finden,
wie sollen wir wem anders doch vertraun,
dasz er uns mag erkennen und uns rathen?
Tieck Octavian. 43;
doch willst du (Freiligrath) nicht ins Niederland,
so reit ins land Westphalen;
von alters her ists dir bekannt,
du magst es prächtig malen.
Geibel werke 2, 107
(in den beiden letzten stellen ist kann und kannst wegen des dabei stehenden erkennen, bekannt vermieden); auch in weniger thätigem sinne, mit verben eines zustandes oder leidens, kraft zu einem aushalten, einem widerstande haben: wann der mensch nicht mehr leben mag (keine kraft mehr zum leben hat), so fängt er an eine grosze klag, wil sich erst gott ergeben. Schuppius 443 (aus einem kirchenliede); in deinem gericht mag kein lebendiger mensch bestehen. 445.
b)
mögen in solchen fällen mit sächlichem subject, hinter dem doch die vorstellung eines belebten wesens steht: und das land mochts nicht ertragen, das sie bei einander woneten. 1 Mos. 13, 6; ein land wird durch dreierlei unrügig, und das vierde mag es nicht ertragen. spr. Sal. 30, 21; ein jgliche stad oder haus, so es mit jm selbs uneins wird, mags nicht bestehen. Matth. 12, 25;
menschliche leiber
mögen nicht ertragen die gegenwart
desz, der die donner wirft!
Schiller Semele v. 324;
seine gröste sorge war, meine zarte jugend dörfte eine solche harte und sehr strenge art zu leben in die länge nicht ausharren mügen. Simpl. 1, 34 Kurz;
allein, nichts mocht ihm seine vorsicht frommen, nichts
sein frecher muth und seiner spitzen zunge
behendigkeit: der schwarze ritter hob
ihn hoch empor, und liesz ihn unsanft fallen.
Wieland 18, 19;
das auch viel wasser nicht mügen die liebe ausleschen, noch die ströme sie erseufen. hohel. 8, 7; da aber gewesser kam, da reis der strom zum hause zu, und mochts nicht bewegen. Luc. 6, 48 (goth. ni mahta gavagjan ita);
dann ernstlich, trawrig, wichtig sachen,
mögen die bursch nicht frölich machen.
Grobian. Fᵃ (v. 1329);
trauren mag nicht wiederbringen,
was im himmelsschosze ruht.
P. Gerhard 252, 39;
kein sacrament mag leben
den todten wiedergeben.
Bürger 13ᵇ.
c)
mögen mit unterdrücktem infinitiv, aber adverbialen oder präpositionalen bestimmungen: sy mögend kaum in unser hausz, aedes nostrae vix capient. Maaler 293ᵃ; du scholt auch sitzen in den schaten, dâ der wint zuo dir müg. Megenberg 5, 27; oder so, dasz der infinitiv aus einem vorhergehenden zu ergänzen ist: und randt des keisers sohn daher auf einem bald laufenden pferdt, so sehr als er mocht. buch der liebe 314ᵃ;
doch gilt ich wider wo ich mag.
fastn. sp. 791, 30;
ein kleine weil der fuchs da lag,
und asz vom speck, so viel er mocht.
B. Waldis Esop 4, 73, 19;
sucht bald herfür ein eisern flegel,
und schlug drauf, was er leibes mocht.
57;
sprichwörtlich und mit unpersönlichem subject: darumb get es als es mag. Keisersberg bilg. 64ᵇ. — mögen so auch noch in der neuern sprache: so baut man leichte gerüste für die so bezahlen können, und die übrige masse behilft sich wie sie mag. Göthe 27, 60;
ich küsz ihre schuhe, kau an den sohlen,
so sittig, als ein bär nur mag.
2, 94;
trage dein übel, wie du magst,
klage niemand dein miszgeschick.
4, 377;
ihr wiszt, auf unsern deutschen bühnen
probirt ein jeder was er mag.
12, 17;
s regnet was vom himmel mag.
Schiller hist.-krit. ausg. 1, 349.
2)
nahe zur bedeutung 1 steht ein intransitives mögen in der bedeutung valere, kraft oder gesundheit haben; noch nicht gothisch, althochdeutsch seltener und mehr in der form gamagan, aber mhd. nicht unhäufig; im allgemeinen sinne stark oder kräftig sein: ain waʒʒerpfärt .. daʒ hât gar ain wunderleich gestalt und mag gleich wol in dem mer und auf dem land. Megenberg 236, 33;
sie (die feinde) sûchten dicke vor daʒ tor,
wie die brûdere mochten.
livl. reimchron. 5517;
oder in bezug auf befinden, gesundheit:
er vrâgote sî, ube sî erchanten
einen man, hieʒʒe Lâban.
si sprâchen daʒ er wole mahte (wolauf sei).
genesis in den fundgruben 2, 41, 25;
swer guot sî, der belîbe guot,
die wile er muge und tuge, und habe stæten muot.
minnes. 2, 217ᵇ Hagen;
daʒ sich unser herr der kunig wider nider gelegt hat und daʒ er gar ubel mag. d. städtechron. 1, 156, 16;
arzt. so sag mir aber, wie magstu?
kranker. herr, da man mir mein weib legt zu,
do mocht ich pasz im ersten jar,
dan sider nie.
fastn. sp. 1062, 20;
valere, mogen, mögen, wol mugen, wal mögen Dief. 605ᵇ; im 16. und 17. jahrh. ist besonders noch im schwange das part. präs. mögend: mögende, der mag, potens Maaler 293ᵃ; im sinne von kräftig, gesund: gehet hin ... und saget, dasz ich nicht wol mögend sei, darumb jhr in frewden lebet, und laszt mich disz tages unbekümmert. buch der liebe 241ᵈ; hergegen aber ist die vergeszlichkeit, sonderlich noch bei wol mögendem leib (denn den alten mit jhren vertrockneten und abgelebten kräften ist allhie zu verzeihen) eine anzeigung .. eines dollen unempfindlichen kopfs. Phil. Lugd. 7, 244; oder kräftig, tüchtig im kampfe: der riesz .. schlug gegen Goffroys rechte hand, dann der riesz link was, und hoffet jhn wol zu erreichen, Goffroy der was wol mögendt, und fast gering (behende), und sprang jhm ausz dem streich gar bald und schnell. buch der liebe 278ᵇ; oder endlich kräftig in bezug auf besitz oder einflusz: nu was der Stöffacher gar ein witzig vernünftiger man, was darzuo wolhabend und mügend. Etterlin 26; als titel für regierungskreise: valentes, die wol mogenden Dief. 605ᵇ, was sich noch länger, in steifer rede selbst bis ins 18. jahrh., hält, s. hochmögend th. 4², 1626, und vergl. das niederl. moghende, potens, valens, pollens, mogendheid, potentia, potestas (Kilian) in gleicher stellung. der infinitiv steht gleichfalls substantivisch im sinne von kraft, gewalt: on all mein wirken oder mügen. Luther 3, 13ᵇ;
das deine tochter werd geschlacht,
du hasts weder mögen noch macht.
Jephthes (Straszburg bei Rihel) E 3ᵇ
(vergl. dazu die formel möge und macht sp. 2448).
3)
daran schlieszt sich auch an mögen, in geschlechtlichem sinne kraft haben: ich horet wol, sie (die verschnittenen) weren die allergrösten liebhaber der frouwen, doch möchten sie nicht. Terentius deutsch (1499) 67ᵇ; ich liesze endlich mein weib als ein junges geiles ding grasen gehen, wo es wolte, weil ich selbst nicht viel mehr möchte (= mochte, vgl. oben I, 8). Simpl. 3, 263 Kurz.
4)
schweiz. einen mögen, einem überlegen sein, in mancherlei weise: mögen, einem überlegen sein, z. b. an körperlicher kraft, i mage (für mag ihn), bin ihm meister. Stalder 2, 212; er hed-a möga, war ihm überlegen. Tobler 320ᵇ; ain möge, es mit ihm aufnehmen, es ihm gleich thun, an kraft, fähigkeiten. Seiler 208ᵇ; und mit unpersönlichem subject, kränken, übermannen: das hep-mi möge. ebenda; es mag mi, es (die leidenschaft) übermannt mich, öpis möge, es physisch zu bewältigen vermögen, z. b. eine last vom boden aufzunehmen, eine möge, einem physisch oder geistig überlegen sein. Hunziker 182; mit beten mag mich niemand (kommt mir niemand zuvor). J. Gotthelf schuldenb. 337; vergl. dazu übermögen. ahd. rührt zunächst an gimugan praevalere: hellephorta ni gimugun uuidar iru (portae inferi non praevalebunt adversus eum). Tatian 90, 3; mit dativ: ube du ne hilfest, sô gemag er mir. Notker ps. 7, 3; was mhd. noch nicht beobachtet ist.
5)
mögen, ein können in folge äuszerer umstände bezeichnend, gestattet sein, befugnis haben, dürfen; in den mannigfachsten abstufungen des sinnes, deren vielseitigkeit nicht erschöpft werden kann. nur hauptsächliches sei hervorgehoben.
a)
indicative formen in verbindung mit einem infinitiv der thätigkeit, wo die berührung mit der bedeutung 1 noch vielfach sichtbar, wiewol auf begleitende umstände der hauptton fällt:
wanta iuer ist, ih sagên iu thaʒ, thaʒ himilrîchi hôhaʒ,
thiu wunna joh ouh manag guat; bi thiu mag sich frewen iuer muat.
Otfrid 2, 16, 4;
wir slahen die ersten nû dar nider,
sô moge wir vrîlîchen wider
heim zu lande rîten.
livl. reimchron. 1918;
leider nû enmuge wir
ime ze keinen staten komen (können ihm nichts helfen).
a. Heinrich 504;
noch im 16. 17. jahrh. häufig: der versz ist ein also grosz gebeet, aber gar nutzlich, das ein mensch mag zu seim gott sprechen, sehe hin, nim hin mein herz. Luther krit. gesamtausg. 1, 217, 27; sihe, da ist eine stad nahe, darein ich fliehen mag. 1 Mos. 19, 20; mag sich auch eine axt rhümen wider den so damit hewet? Jes. 10, 15; das man mit schuhen hindurch gehen mag. 11, 15; bawet heuser, darinn jr wonen müget, pflanzet garten, daraus jr die früchte essen mügt. Jer. 29, 5; also ist ein jglicher, der aus dem geist geborn ist! Nicodemus antwortet, und sprach zu jm, wie mag solchs zugehen? Joh. 3, 9 (πῶς δύναται ταῦτα γενέσθαι); das kein fleisch durch des gesetzes werk fur jm gerecht sein mag. Röm. 3, 20; wer mag in den wolken dem herrn gleich gelten? ps. 89, 7; wie mag ein mensch gerechter sein, denn gott? Hiob 4, 17;
leg hand an,
yetz magst du deinen feind erwürgen.
Schmelzl Saul 3ᵇ;
sie (die frau) hat auch befolhen mir,
jhr möget wol reden mit jhr,
wenn jhr wöllt, auf ein glegnen tag.
H. Sachs fastn. sp. 4, 25, 89;
schickt es sich aber, dasz jr zwen
nicht mögen baid am saubern gehn,
so eil dich bald, mach nit wort,
und tring dich an das sauber ort.
Grobian. E 3ᵇ (v. 1231);
das lasz dir sein ein guͦt beispil,
von hunden magstu lernen vil.
Bᵇ (v. 302);
von jhnen kein jhr sich, an schönheit gleichen mag.
D. v. d. Werder Ariost 11, 12, 3;
er hört die seufzer deiner seelen
und des herzens stilles klagen,
und was du keinem darfst erzählen,
magst du gott gar kühnlich sagen.
P. Gerhard 275, 32;
in der neueren sprache, wo bei mögen die begriffe des freistehens und beliebens überwiegen (unten nr. 7. 8), kaum mehr gefühlt.
b)
solche formen in verneinender rede betonen besonders gern eine unmöglichkeit durch umstände anstatt des nichtkönnens:
nieman ritter wesen mac (seine ganze lage gestattet es nicht)
drîʒec jâr und einen tac,
im gebreste guotes,
lîbes oder muotes.
Freidank 57, 6;
das er alle jr land mit schwefel und salz verbrand hat, das es nicht beseet werden mag. 5 Mos. 29, 23; es mag die stad, die auf einem berge ligt, nicht verborgen sein (οὐ δύναται .. κρυβῆναι). Matth. 5, 14;
ich arme nunn oft heimlich klag,
das ich nicht weltlich werden mag.
Schwarzenberg 140ᵇ;
ohn angst und pein   mag der nicht sein,
der wider gott gehandelt.
P. Gerhard 224, 5;
und hier wol noch bei neueren, deren sprache zur alterthümlichen neigt:
ohn ihn mag ich auf erden,
mag dort nicht selig werden.
Bürger 14ᵃ;
fühlt ich, dasz einem herzen es hienieden
nicht besser werden mag.
Rückert ges. ged. 1, 474.
c)
in wieder andern fügungen verblaszt der begriff von mögen mehr.
α)
es steht in zugestehendem oder voraussetzendem sinne:
(ich) bin von geslehte
eines küneges sun von dannen,
der von rîcheit und von mannen
wol ein fürste heiʒen mac (gewis mit recht so heiszt).
Flore 7071;
daʒ hemde sî bedahte,
daʒ man eʒ loben mahte (zu loben fug hatte).
Erec 1545;
was du erbettelst, ist lauter gwin.
derhalb magst du der reichst wol sein.
H. Sachs fastn. sp. 1, 122, 241;
und wer auf frümkeit will bestan,
dem mags hi selten wol ergan.
Schwarzenberg 156ᵃ;
weltscribenten und poeten
haben ihren glanz und schein,
mögen auch zu lesen sein,
wenn wir leben auszer nöthen.
P. Gerhard 103, 3.
β)
im allgemeinen sinne einer möglichkeit: einer mag uberweldiget werden, aber zween mügen widerstehen, denn eine dreifeltige schnur reiszet nicht leicht entzwei. pred. Sal. 4, 12; wer bistu, das du einen frembden knecht richtest? er stehet oder fellet seinem herrn, er mag aber wol aufgerichtet werden, denn gott kan jn wol aufrichten. Röm. 14, 4; damit ich wissen mag, von wem mir diser dienst geschihet. Zesen Sophonisbe 92; dasz es ein loch gab, darein man zwo fäuste hätte stecken mögen. Simplic. 1, 295 Kurz;
des morgens so du wilt aufstehen,
das doch gar selten sol geschehen,
eh du den tisch gedeckt magst sehen.
Grobian. A 3ᵃ (v. 126);
gott der gebe raht darzu,
dasz er mag gesund verbleiben.
Fleming 46;
vergl. ahd.
wie mac der man, quad, thuruh nôt   queman avur widarort
altêr inti fruatêr   in wamba thera muater?
Otfrid 2, 12, 23;
mhd. wandeʒ ist mir sô gewant,
ich mac verliesen wol mîn lant
hiute ode morgen.
Iwein 2312;
mit allgemeinem unpersönlichem subjecte es: gleubestu von ganzem herzen, so mags wol sein. ap. gesch. 8, 37;
da spricht der arme hirte: desz (des fliehens) mag noch werden rath:
ich weisz geheime wege, die noch kein mensch betrat.
Uhland ged. 359;
die möglichkeit in verbindung mit zufall oder unberechenbarem verlauf gedacht: rhüme dich nicht des morgendes tages, denn du weiszest nicht, was heute sich begeben mag. spr. Sal. 27, 1; hier sieht man den übergang der poesie zur prose, welcher dadurch bewirkt wird, dasz man die einbildungskraft entzügelt und ihr vergönnt gesetzlos umherzuschweifen, bald der wirklichkeit, bald dem verstand, wie es sich schicken mag, zu dienen. Göthe 39, 31; anwendung des part. präs. in schleppender fügung der neueren, namentlich actensprache: widrigen falls .. ich mich hiermit ein- für allemahl gegen alle daher entspringen mögende verantwortung ziemlichst verwahrt ... haben will. Wieland 14, 58; (als) die eintreten mögende verurtheilung wirklich eingetreten war. Feuerbach actenmäsz. darstell. merkw. verbrechen 1, 557.
γ)
zur hervorhebung einer bloszen ungewissen voraussetzung oder vermutung: er mag wol krank sein; er mag jetzt lange todt sein; sie (die weisheit) ist edler denn perlen, und alles was du wündschen magst, ist jr nicht zu gleichen. spr. Sal. 3, 14; wer weis, es mag jn widerumb gerewen. Joel 2, 14; nu, das ist vernünftig! Homer mag doch wol kein narr sein. Lessing 1, 221; in fragen: wie mag das geworden sein?; wie mag er sich jetzt befinden?; wer mag ihm das gesagt haben?;
mein, mag es immer möglich sein,
dasz dein gehör noch nicht vernommen .. ?
Weckherlin 347;
ach gott! mag das meine mutter sein?
Göthe 12, 149;
bei ungefähren schätzungen: es mag früh vier uhr gewesen sein, als ich erwachte; es mögen ungefähr zwanzig leute dagewesen sein; er mochte wol ein böses gewissen haben, denn er liesz sich nicht wieder sehen; das mag schon lange her sein; Ludewig Riccoboni war ein Modeneser von geburt .. er mochte aus einer ganz guten familie sein. Lessing 4, 304; gern in der erzählung verwendet: indem sie dieses anfiengen, mochten sie jemand zur treppe hinauf kommen hören. Plesse 2, 196; inzwischen mochten die Russen die Türken und Tartarn zurück geschlagen, und zum theil in erwehnten flusz getrieben haben, denn es kamen mir viele von den letztern nach geschwommen. 451; ohngefähr zwei monate mochte ich so auf diesem rittersitze zugebracht haben. Schiller hist.-krit. ausg. 4, 240;
ein esel mochte lüstern sein,
und wollt auf öffentlichen gassen
sein lieblich stimmchen hören lassen.
Lichtwer fabeln 2, 13;
in ganz verblaszter stellung:
die geisterlaute verhallten,
da mocht es gar stille sein.
Uhland ged. 199;
in ausrufen: wie schön mag das sein!; der hauch dieses jugendlichen mundes, wie süsz mag er sein! Göthe 38, 32;
wie magst du gute seele wohl
Leanders angedenken,
mit lautem schluchzen, einen zoll
getreuer zähren schenken!
Hölty 29 Halm;
in ironischen wendungen: dér mag schön aussehen; díe mögen gut angekommen sein;
und eine frau ist ohnedem ein lamm.
'ein lamm? du magst die weiber kennen'.
Lessing 1, 117;
zugleich mit dem tone des ärgers: das mag der henker wissen; das mag der teufel rathen; oder des gleichgültigen: Saul und Goliath, und wie sie alle heiszen mochten. Göthe 18, 20; welches letztere dann wieder an unten 7, c grenzt.
δ)
oberdeutsches es mag leicht, mag leicht, mit ausgelassenem sein oder geschehen: mag leicht dasz .. es ist leicht möglich, wie leicht ist es möglich, dasz .. Schm. 1, 1576 Fromm.; auch adverbial geworden im sinne und in der stellung von vielleicht, vgl. ebenda; es ist wie ags. eáđe mäg, mnl. machlichte gramm. 3, 242; mnd. mach lichte:
it mach lichte he hir bi uns steit.
Reinecke fuchs 5279;
es mag leicht ein baum davon man schatten hat. Peters der Deutschen weiszheit 2 (1604) Cc 2; es mag leicht ein klein büschlein, das ein fuder holz umwirft. ebenda; es mag leicht ein raupe die den kol bekreucht. Cc 3; dafür conjunctives es möchte leicht: 'ich weisz es nicht'. wie, flegel, du weiszts nicht? es möchte leicht, ich gäbe dir eins ans ohr. Stilling 1, 110; gebräuchlich war auch so mag geschehen, mag kommen: darauf antworte ich, lieben herren, es ist magk geschehen (vielleicht) umb die schatzunge. Spittendorff denkwürd. s. 178 Opel; magk kommen wir hetten auch des gehörs nicht. 196.
d)
conjunctive formen von mögen zeigen entweder, wie indicative, den begriff des könnens durch eigene kraft oder günstige umstände (nr. 5, a) in voller schärfe:
mich dunket niht, daʒ ieman müge
vil verkoufen âne lüge.
Freidank 171, 13;
das sie nur in ruge, frid, ehr, gemach, gnugde, und nit im creuze ader unruge leben mügen. Luther krit. gesamtausg. 1, 165, 1; und ist kein man mehr auf erden, der uns beschlafen müge, nach aller welt weise. 1 Mos. 19, 31; gebt unter euch freistedte, ... dahin fliehen möge ein todschleger. Jos. 20, 9; lieber sage mir, worin dein grosze kraft sei, und wo mit man dich binden müge, das man dich zwinge. richt. 16, 6; was ist meine kraft, das ich möge beharren? Hiob 6, 11; suchen etwas, das sie lestern mügen. ps. 41, 7; wo ist dein könig hin? der dir helfen müge in allen deinen stedten. Hos. 13, 10;
steh du nur auf eim fuͦsz allein,
dasz allweg ruͦhen mög ein bein.
Grobian. B 3ᵇ (v. 447);
und lasz dem bauch sein rechten gang,
dasz er sich ausstreck, breit und lang,
und guͦten raum hab nach seim willen,
dasz du vil speisz darein mögst füllen.
C 2ᵃ (v. 612);
dasz wir gott, desz wir uns nennen,
mögen recht und wol erkennen.
P. Gerhard 149, 32;
also werden wir zur erden,
dasz wir mögen himmlisch werden.
251, 30;
im prät.: das .. wir in wol tappen und greifen möchten, so nahe ist er uns. Luther 8, 313ᵃ;
entête got mit sîner craft,
sie enmochten nicht blîben (hätten nicht bestehen können).
livl. reimchron. 7073;
und dieses mit der umschreibung des inf. prät., wofür wir jetzt eine andere fügung mit dem bloszen inf. brauchen: wir .. soffen zusammen, dasz binsen in uns möchten gewachsen sein (hätten wachsen können). Phil. Lugd. 3, 10, es ist noch ganz die mhd. fügung, vgl. gramm. 4, 171:
si möhte wol keiserinne
von ir tugenden sîn gewesen (hätte sein können).
Wigal. 23, 34;
oder sie dienen zur umschreibung des im deutschen nicht vorhandenen potentialis, den in der alten sprache der blosze conjunctiv mit vertritt, bis im mhd. die anfänge der umschreibung erscheinen, aus dem streben nach einer deutlicheren hervorhebung, als durch den formell nicht überall mehr scharf sich zeigenden conjunctiv geschehen kann:
nu râtent, liebe frouwen,
waʒ ich singen müge
sô daʒ eʒ ir tüge.
minnes. frühl. 123, 35,
waʒ ich singen müge kräftiger als bloszes waʒ ich singe;
nû merket, swer gevangen ist,
der kêret allen sînen list,
wie er ledic werden müge (wie er wol loskomme).
Freidank 130, 2;
wiltu uns denn nicht wider erquicken? das sich dein volk uber dir frewen möge. ps. 85, 7; eins bitte ich vom herrn, das hette ich gerne, das ich im hause des herrn bleiben möge mein leben lang. ps. 27, 4; wer ist unter uns, der bei einem verzerenden fewr wonen müge? wer ist unter uns, der bei der ewigen glut wone? Jes. 33, 14; auf das jr wonen mügt im lande Gosen. 1 Mos. 46, 34; so solt jr mein volk sein und ich wil ewer gott sein, auf das ich den eid halten müge, den ich ewrn vetern geschworen habe. Jer. 11, 5; und (Jesus) sprach, was wiltu, das ich dir thun sol? er sprach, herr, das ich sehen müge. Luc. 18, 41, goth. frauja, ei ussaíhvau; auf das wir ein gerüglich und stilles leben füren mögen. 1 Tim. 2, 2, goth. ei slavandein jah sutja ald bauaima; was sol ich guts thun, das ich das ewige leben haben möge (ἵνα ἔχω ζωὴν αἰώνιον)? Matth. 19, 16; so hab ichs mehr dem mann zu leid als der frau zu lieb gethan, damit ich mich an ihm rächen möge. Simpl. 1, 82 Kurz;
deim nachpaurn gibs, und legs für jn,
damit er auch mög theil entpfangen.
Grobian. D 2ᵃ (v. 887);
denn eben drüm   hat er den grimm
des kreuzes auch am leibe wollen tragen,
dasz seine pein   ihm möge sein
ein unverrückt erinnrung unsrer plagen.
P. Gerhard 155, 51;
und so auch in der neueren sprache; die grenzen zwischen schärferer und abgeblaszterer bedeutung verflieszen, wie natürlich, manigfach: zuletzt wird die strasze in der mitte mit puzzolane bestreut, damit die wettrennenden pferde auf dem glatten pflaster nicht so leicht ausgleiten mögen. Göthe 29, 236; unbesonnen rief sie, er möge gehen, wohin er wolle, sie werde ihm nicht folgen. G. Keller leute von Seldwyla 2, 292;
wollest nimmer fliehen,
dasz mein herz, gleich dieser au,
immer möge blühen.
Hölty 147 Halm.
e)
im conjunctiv des präteritums möchte tritt das ungewisse und schwankende der möglichkeit oft gesteigert hervor.
α)
möchte in einräumenden, voraussetzenden, zugebenden sätzen, wo es mit könnte, dürfte, mundartlich auch mit sollte tauschen darf; das ungewisse wird gelegentlich durch zusätze, wie leicht oder vielleicht, noch besonders hervorgehoben:
wære der schœnen mîn dienst alsô leit,
als si nû lange mir hât geseit,
sô möhte si mich wol von ir trîben.
minnes. 1, 281ᵇ Hagen;
ir etelîcher möhte sîn gemüffe gerner lâʒen,
dem sîn gämellîche zimt als einem der wil toben.
Neidhart 51, 18;
und möcht in das ... geandt haben. Wilw. v. Schaumb. 82; es möchten vieleicht funfzig gerechten in der stad sein, woltestu die umbbringen? 1 Mos. 18, 24; ich möchte vieleicht sterben müssen umb jren willen. 26, 9; so möchte vieleicht mein vater mich begreifen, und würde fur jm geacht, als ich in betriegen wolt. 27, 12; er gedachte, vieleicht möcht er auch sterben, wie seine brüder. 38, 11; aber Benjamin Josephs bruder lies Jacob nicht mit seinen brüdern ziehen, denn er sprach, es möchte jm ein unfal begegnen. 42, 4; gott gedacht, es möcht das volk gerewen. 2 Mos. 13, 17; wenn er zu seinem herrn Saul fiele, so möchts uns unsern hals kosten. 1 chron. 13, 19; heut oder morgen möchten ewre kinder zu unsern kindern sagen, was gehet euch der herr der gott Israel an? Jos. 22, 24; halt dich nicht zu eim grimmigen man, du möchst seinen weg lernen, und deiner seelen ergernis empfahen. spr. Sal. 22, 25; der fisch möchte mir heute nicht zu theil werden, weil heute sein verhengnis oder zeit und stunde zu sterben noch nicht kommen ist. pers. rosenth. 3, 23;
es ist besser, du lassests (das kind) also sterben,
es möcht villicht zum buͦben werden.
N. Manuel 15, 68 Bächtold;
kein gürtel bind nit umb die lenden,
man möcht dirs sonst zur hoffart wenden.
Grobian. A 3ᵃ (v. 152);
dann überkomm ich lust, die unlust nicht zu hemmen,
dann möchte man mich sehn mein lager recht durchschwemmen.
Schuppius 138;
und ebenso auch noch in der neueren sprache bis heute: der sturm, der heute nacht den stamm Doria spaltet, möchte ihr (der Julia) leicht — den haarpuz verderben. Schiller hist.-krit. ausg. 3, 128 (Fiesko 4, 13); das möchte schwer zu erweisen sein, rief ich mit nicht geringer verwunderung. 4, 255; hätte sich Achilles wirklich überzeugt, dasz Griechenlands wohl dieses opfer erheische, so möchte er sie immer bewundern, beklagen und sterben lassen. Iphig. in Aulis, anmerkung; das erste und letzte .. möchte es wohl sein und bleiben. Göthe 18, 190;
diesz feuer
ist lobenswerth.   ihr möchtet gutes stiften.
Schiller hist.-krit. ausg. 5, 305 (don Carlos 3, 10);
wie süsz der gram um kleinigkeiten?
wie süsz die angst: es (das kind) möchte leiden.
3, 167.
β)
in abhängigen sätzen, wo es (vgl. die fälle oben unter d) einen conjunctiv umschreibt, nur unter noch deutlicherer hervorhebung einer bloszen möglichkeit, hoffnung oder furcht (s. unten γ. δ), als es das präs. möge thut: das nicht jre feinde stolz würden, und möchten sagen (= sagten etwa), unser macht ist hoch. 5 Mos. 32, 27; zeuch durchs land zu allen wasserbrunnen und bechen, ob wir möchten hew finden (ob wir etwa fänden). 1 kön. 18, 5; es ist kein finsternis da, die jn verdecken möchte (die ihn etwa verdeckte). Hiob 20, 26; als er jn ansahe und merket, das er gleubete, jm möchte geholfen werden. ap. gesch. 14, 9 (ὅτι πίστιν ἔχει τοῦ σωθῆναι, quia fidem haberet ut salvus fieret. vulg.); das sie den herrn suchen, ob sie doch jn fülen und finden möchten. 17, 27 (ζητεῖν τὸν κύριον, εἰ ἄρα γε ψηλαφήσειαν αὐτὸν καὶ εὕροιεν);
ach, dasz doch diese böse zeit
sich stellt in guten tagen,
damit wir in dem groszen leid
nicht möchten ganz verzagen.
P. Gerhard 22, 39;
sie bilden ihnen aber ein,
es möchte list ergehen.
39, 318.
γ)
in fragen, mit dem nebenbegriff des zweifels, der ratlosigkeit: wie möchte das zu erfahren sein? wie wäre das etwa zu erfahren?; wie möchten wir dahinter kommen?; wie möchte solchs geschehen? 2 kön. 7, 19; wie mhd.:
wie möht aber daʒ nû sîn?
Walther 14, 24;
sî sprach: wer möhte mich ernern?
der joch den willen hæte
daʒ erʒ gerne tæte,
wer hete dannoch die kraft
ern dulte dirre meisterschaft.
Iwein 4080.
δ)
endlich in wunschsätzen; auch hier hebt möchte einen stärkeren zweifel an der erfüllung hervor: des morgens wirstu sagen, ah, das ich den abend erleben möchte, des abends wirstu sagen, ah, das ich den morgen erleben möchte, fur furcht deins herzen. 5 Mos. 28, 67; ich dacht, möcht ich bis morgen leben. Jes. 38, 13; sie sprach bei jr selbs, möcht ich nur sein kleid anrüren, so würde ich gesund. Matth. 9, 21 (ἐὰν μόνον ἅψωμαι τοῦ ἱματίου αὐτοῦ, goth. jabai þatainei attêka vastjai is); möchtet ihr euch nie etwas anders als gift erloben, verdammte schmeichler! Lessing 1, 148; möchte ich doch im stande sein, ihren trüben zustand nach und nach auszuhellen. Göthe bei Schöll 178;
möht ich verslâfen des winters zît!
Walther 39, 6;
ach, dasz zum heil der frommen
du meinen wunsch und willen
noch möchtest heut erfüllen!
P. Gerhard 145, 95;
o, dasz mein herze offen stünd
und fleiszig möcht auffangen
die tröpflein bluts, die meine sünd
im garten dir abdrangen!
201, 56;
während der zuversichtlichere wunsch den conj. präs. bei sich hat: spreche ich, finsternis mügen mich decken. ps. 139, 11; ein beständiger wechsel treibe ihr reich umher. abscheulicher laster wegen mögen sie vertrieben werden, und in eben so abscheuliche laster mögen sie wieder fallen, wenn sie gott in ihr vaterland zurück bringt. Lessing 4, 261;
eins aber, hoff ich, wirst du mir,
mein heiland, nicht versagen:
dasz ich dich möge für und für
in, bei und an mir tragen.
P. Gerhard 161, 94;
o! dasz sie keiner möge sehen,
der mich zum frechen lügner macht!
Lessing 1, 105;
des himmels heere mögen dich bedecken!
Uhland ged. 442.
6)
mögen, zu dem begriffe des sollens und bedürfens sich neigend, auf die verpflichtung, die mit einem können verbunden ist, hinweisend; wie schon ahd.:
waʒ mag ich zellen thir ouch mêr? der puzz ist filu diofêr.
Otfrid 2, 14, 29;
es steht als eine weniger ausdrückliche anweisung: wen den das ist, so mag den der herr den haber schüten auf einen bärlin mantel, und als vil halm am mantel klebt und bleibt, als vil schilling pfenning sol der arm mann besseren. weisth. 1, 254 (Thurgau; mag die verpflichtung die mit dem gebrauch eines rechtes zusammenhängt, sol den zwang bezeichnend); ob jhr (einer frau) den der man mit tod abgieng, wolte den die frauw in jahrfrist von den kinderen, so soll sie des fahrenden guts einen halb theil nemmen, ... bleibt sie aber über das jahr, so mag sie an des einen kinds stat stahn. 256; darumb magstu keren zu Gedalja dem sone Ahikam, .. oder gehe, wo hin dirs wolgefellt. Jer. 40, 5; jetzt noch er mag sich in acht nehmen; er mag nur aufpassen, sonst passiert ein unglück;
dein predig magst anderst wo sparn.
H. Sachs fastn. sp. 1, 105, 192;
so frisz dann wider wie ein gaul:
und magst ausz allen schüsseln zwacken,
das macht dich feiszt, und füllt die backen.
Grobian. Cᵃ (v. 532);
grüszt eine dich, ists dir nicht eben,
magst du jr wol kein antwort geben.
E 2ᵇ (v. 1159);
er sprach: ich glaub es gern; hingegen magst du wissen:
was du mir lieszest, scheint dein schlechtstes theil zu sein.
Hagedorn 1, 91;
so in formeln: mag ers haben! (haben als eine notwendige und vorauszusehende folge eines thuns); mag sies für meinen sohn haben, der um ihrentwillen aus dem lande gelaufen ist. Göthe 11, 23; nun mögen sie es haben, fräulein, wenn er ihre gabe, ich weisz nicht wofür, ansieht. Lessing 1, 570;
wenn ich nun im holden haine
unter meinen freunden wandle,
mögens meine feinde haben,
die als kegel ich behandle.
Göthe 47, 266;
es mag gut sein, soll als gut gelten: nun insofern mag es gut sein. Immermann Münchh. 1, 159.
7)
andererseits wieder zu dem begriffe des freistehens übergehend, die anwendung einer kraft ist ins belieben gestellt; in mehrfacher weise; im mnd. mogen schon recht entwickelt, vgl. Schiller-Lübben 3, 109.
a)
mögen einfach erlaubt sein, berechtigung bezeichnend: den (kauf) magstu behalten. Eulenspiegel hist. 59; und mag auch der meier und sein pot allen denen ir güeter verbieten, die ir zins nit geben oder gereicht hetten. also dick die über das gebot giengen oder füeren, also dick mag inen der meier vil hoher gebieten, ... und mag ein meier umb den bruch oder überfahrung, es sei klein oder grosz, pfänden wie obsteht. weisth. 1, 715 (Unterelsasz); alle die in der grafschaft zu Peitigo sizent, dieselben mugent wol farn und ziehen in der herren land gen Bayrn, .. aber auszerhalb der herren land mugent sy nicht hinziehen. 3, 652 (Baiern, gegen 1435; zum letzteren satze vergl. nachher b); ein priester sol sich an keinem todten seins volks verunreinigen, on an seinem blutfreunde, ... und an seiner schwester, ... an der mag er sich verunreinigen. 3 Mos. 21, 3; doch magstu schlachten und fleisch essen in allen deinen thoren. 5 Mos. 12, 15; wie man ein rehe oder hirsz isset, magstu es essen. 22; ein jüngling mag auch wol reden ein mal oder zwei, wens jm not ist. Sir. 32, 10; ich mag es wol tuhn, integrum est mihi, in meo arbitrio situm est. Stieler 1201, du magst ihn strafen, oder nicht, ejus supplicium tibi committo. ebenda; ein edelmann mag vormittag zu acker gehen, und nachmittags im tournier reiten. Pistorius thes. par. 3, 60; eine frau mag ihre ehre wol kränken. 68; die edelleute in Bayerland mögen jagen, so weit sich das blaue am himmel erstrecket. 5, 53; wer mag jagen, der darf auch hagen. 55; alle letzte willensordnungen mögen von dem testatorn aufgehoben und geändert werden. Mainzer landr. 1755 13, § 1; es mag auch ein vormund einen vergleich machen. 31, § 7;
so mag die welt
behalten, was ihr wol gefällt.
P. Gerhard 141, 66;
hier sind der übelthäter zwei,
sprach er zum volk, es steht euch frei,
ihr möget einen bitten.
35, 162;
sie (die hunde) kennen dich, magst sie nur locken.
Stolberg 1, 278;
wer mir den becher kann wieder zeigen,
er mag ihn behalten, er ist sein eigen.
Schiller taucher v. 6;
ein mägdlein mag man schrecken, das sich im bade schmiegt.
Uhland ged. 359;
mit zu ergänzendem infinitiv: der prinz .. hat es gleich sehr hoch angefangen, und das mochte er immer (es stand ihm frei, das so anzufangen), da er sich bald wieder entfernt. Schiller hist.-krit. ausg. 4, 272; mögen auch in unterwürfiger rede, wie belieben, geruhen:
laszt uns alle
den vater preisen! ..
der solch eine schöne
unverwelkliche gattin
dem sterblichen menschen
gesellen mögen!
Göthe 2, 61;
wie es ähnlich schon mhd., wenigstens verbindlich steht:
er sprach: nu mugt ir mir gesagen,
wes habt ir die magt geslagen?
Erec 76;
mugt ir mich lân bevinden,
waʒ ist eʒ oder waʒ hât eʒ namen?
7987;
eine formel wenn ich fragen, sagen mag = wenn es mir erlaubt ist zu fragen, zu sagen, klingt uns heute nicht mehr geläufig:
zur elster sprach der fuchs: o! wenn ich fragen mag,
was sprichst du doch den ganzen tag?
Gellert 1, 20;
schön, wenn ich also sagen mag,
schön, wie das morgenroth, und heiter wie der tag.
88;
sie war auch mittelniederdeutsch:
do he vornam, dat he was allên,
unde alse he sus nemande sach,
dede he, alse ik ju seggen mach,
he stopte dat hol wedder mit sande.
Reinecke fuchs 2260.
b)
nicht immer grenzt sich diese bedeutung von der vorigen (6) ganz scharf ab:
büszen sollst du meine schmach!
aber nicht mit deinem leben; ...
nein, mit thränen, flehn und beben,
magst du nach dem heile streben,
ob dir wolle gott vergeben.
Stolberg 1, 168;
in negativen sätzen geht mögen in diese vorige bedeutung geradezu über: du magst aber nicht essen in deinen thoren vom zehenden deines getreids, deins mosts. 5 Mos. 12, 17; an dem frembden magstu wuchern, aber nicht an deinem bruder. 23, 20; vergl. auch die stelle weisth. 3, 652 oben unter a; so mag der erb-beständer nicht entsetzet werden. Mainzer landr. 28, § 3.
c)
dieses erlaubt sein, freistehen, mit dem beisinne der gleichgiltigkeit für einen andern oder für einen bestimmten zweck: er mag es thun (es steht ihm frei zu thun, aber mir ist es einerlei); auch ausrufend: mag ers doch thun!; mag er bleiben, wo er will!; mag er kommen oder gehn, was schierts mich?; und diese (lehre) — ich mag es so ungern gestehen als ich will — liegt allerdings in dem rasenden Herkules. Lessing 4, 255;
mit unverdientem ruhm mag uns ein schmeichler färben.
Hagedorn 1, 55;
ein ding mag noch so närrisch sein,
es sei nur neu, so nimmts den pöbel ein.
Gellert 1, 98;
des todes sichel mähet dein leben ab,
du magst mit Klopstocks fluge der ewigkeit
entgegenfliegen, oder braunem
pfeffer und würze zur hülle dienen.
Hölty 88 Halm;
sie mag rosenbekränzt
mit dem lilienstängel
blumenthäler betreten, ..
oder sie mag
mit fliegendem haar
und düsterem blicke
im winde sausen.
Göthe 2, 60;
hier gilts, mein sohn, dem kaiser wohl zu dienen,
das herz mag dazu sagen, was es will.
Schiller Piccol. 5, 1;
mag alles wunder von dem lande singen,
wo mandolinen und guitarren klingen.
Friedrichsen bei Hoffmann volksthüml. lieder nr. 639;
mit einem aus dem vorigen zu ergänzenden infinitiv: er hat keine einheit des orts beobachtet: mag er doch. Lessing 7, 78; A. mein zorn möchte euch schwerer fallen als ihm. W. das mag er! Klinger Otto 6, 1;
wer fragt danach, mag immerhin.
B. Ringwald tr. Eck. H 2ᵇ.
d)
so in formeln, mit einem sächlichen und nicht belebt gedachten subjecte:
es mag drum sein; es währe gleich
mein kreuz, so lang ich lebe.
P. Gerhard 192, 71;
namentlich kurz mag! oder mags! das als ausruf steht, ungefähr wie meinetwegen!: es geht wirklich nicht weiter (mit dem reden); es ist, als wenn mirs vom maule weggeschnitten wäre. nun mags; der gröszte schaden dabei ist ihre. Lessing 1, 367; ihr bild! — mag! — ihr bild, ist sie doch nicht selber. 2, 116; leider bleiben die böcke darum doch immer stöszig .. ei mag auch! genug, dasz der unverträglichen böcke eben so viele in dem engen stalle sind, als der geduldigen einverstandnen schafe nur immer hineingehen würden. 10, 51; R. wirst zu thun genug kriegen, junger eisenfresser ... G. mags! bin ich nicht stark? Klinger Otto 38, 21;
mein freund! du lachst mich aus, und nennst es blinde possen;
es mag denn! ras ich gleich, so ras ich mit vernunft.
Günther 583;
aus dieser klemme, seh
ich wohl, ist ohne busze nicht zu kommen.
mags! nimm den springer nur.
Lessing 2, 226;
weil es wieder los geht, meinst du? mags!
229;
Menel. nicht weiter, wenn dein kopf
nicht unter meinem scepter bluten soll.
sklave. mags! es ist ehrenvoll für seinen herrn
zu sterben!
Schiller Iphig. 2, 1;
mein leben ist in euren händen,
ich bin nicht unbereitet es zu enden ...
es mag!
Göthe 13, 102.
8)
mögen, in den vollen sinn des beliebens, wünschens oder gern habens übergetreten, und gelegentlich wol mit wünschen wechselnd:
Diodat. (diese qual) heiszt: zu wünschen das unmögliche.
Astolf. wie kannst du mögen, was du nicht vermagst?
Platen 171;
zufrühest im niederdeutschen zu beobachten: dat gy des schullen to bet mogen (dasz ihr es werdet um so mehr wünschen, begehren). Germ. 10, 386; myn leve frunt, nu byn ek in dem synne unde wil iu des so leifliken danken in korten tyden, gy schuldes (= schullen des) to bet mogen (ihr werdet es des höchsten wollen). 387; diese bedeutung ist seit dem 16. jahrh. auch im hochdeutschen empor gekommen und in der neueren sprache zur häufigsten geworden.
a)
es steht zunächst als verbales vollwort mit einem genitiv eines menschen, eines dinges mögen, lust, neigung dazu haben: ich mag des nicht, der stolz geberde und hohen mut hat. ps. 101, 5 (variante ich mag nicht den von stolzem gesicht und hoffertigem herzen, mit acc., vergl. nachher b); ich vertilget drei hirten in einem monden, dann ich mocht jr nicht, so wolten sie mein auch nicht. Sacharja 11, 8; das rauchwerg ist mir ein grewl, der newmonden und sabbath .. der mag ich nicht. Jes. 1, 13; (wir) sollen darumb verdampt sein, das wir jrer garstigen maden und faulen menschentands nicht mügen. Luther 5, 373ᵃ; und noch später: ich mag deines beweises nicht. Klinger 6, 238.
b)
mit accusativ, einen mögen, s. die variante zu ps. 101, 5 unter a; gewis der täglichen rede von lange her eigen, von der gewählten bis jetzt vermieden: ich weisz nicht, was ich anzügliches für die menschen haben musz; es mögen mich ihrer so viele und hängen sich an mich. Göthe 16, 11; bei einer groszen schlittenfahrt wird einem täppischen menschen ein frauenzimmer zu theil, das ihn nicht mag. 25, 37; dasz sie bei mir aushalten können, mich mögen, freude in meiner gegenwart finden. 29, 165; ich würde selbst um sie werben, wenn sie einen fünfziger möchte. Schiller kabale und liebe 1, 7;
zum henker! sie mögen uns alle nicht,
und sähen des teufels sein angesicht
weit lieber, als unsre gelben colleter.
Wallensteins lager, 11. auftr.;
mit sächlichem, aber persönlich gedachtem object:
Gradivus, der verheerer,
mit seiner bösen schaar der geizigen verzehrer,
verderbt, was er nicht mag.
P. Fleming 71;
in oberdeutschen mundarten namentlich recht gewöhnlich: bair. einen, eine mögen, mügen, ihn, sie wol leiden können, lieben. Schm. 1, 1577 Fromm.; tirol. mögen, gern haben, lieben Schöpf 441; kärntn. i mag di, hab dich gern Lexer 191; alem. eine möge, einen wol leiden mögen. Hunziker 182; in Basel meist verneinend i mag-in nit Seiler 208; im hennebergisch - fränkischen:
o müg mich nar e fîmela! (nur ein klein wenig).
Fromm. zeitschr. 2, 73, 6.
c)
häufiger und weiter verbreitet etwas mögen, wollen, begehren: was altfränkisch und der alten welt, mag niemand. Frank sprichw. 2, 7ᵃ; wer es mag, dem gibt mans nicht, nihil fastidienti nihil datur. Stieler 1201;
nun mag ich keinen lorbeerstrausz,
als den mir baar (bahre) und freundschaft gönnen.
Günther 113;
flitterputz und tändelein
mag der stutzer lieber.
Schiller hist.-krit. ausg. 4, 9;
infant, dein herz weisz nichts von diesen künsten,
erspare sie, ich mag sie nicht.
5, 69 (dom Carlos 2, 3);
dieses mögen besonders in bezug auf neigung zu essen, ich mag das nicht und jenes nicht, hört man im gemeinen leben, das kind mag gar kein fleisch, aber brot desto lieber; auch niederd. mögen so, brem. wb. 3, 174. ten Doornkaat-Koolman 2, 611ᵇ;
machstu solke spîse nicht?
Reinecke fuchs 832.
man hört wol auch der mann hat acht kinder, und die mögen etwas, haben gesunden appetit.
d)
nun aber auch, wie mögen anderer bedeutung, vor einem infinitiv, in dem sinne belieben, gern wollen: der sprach zu jm: warumb wirstu so mager du königes son von tage zu tage? magst du mirs nicht ansagen? 2 Sam. 13, 4 (οὐκ ἀπαγγέλλεις μοι septuag.); thu nur weg von mir das geplerr deiner lieder, denn, ich mag deines psalterspiles nicht hören. Amos 5, 23 (οὐκ ἀκούσομαι septuag.); nur habe ich eine kleine bitte an ihn zu thun. er mag so gut sein und es dem herrn prof. Gellert nicht zuschreiben (wenn ich ihn schlecht interpretiere). Lessing 4, 134; mein herr! da sie sich unsrer, wie sie sagen, annehmen mögen. Göthe 18, 80; die gesellschaft die .. meinen geburtstag auf eine sehr freundliche weise feiern mochte (zu feiern gewillt war). 27, 5;
du schweigst und stehst gelassen da;
gesteh nur, was du denkest — ja,
ich mags nicht sagen
Cronegk 2, 297;
und magst dus (das pferd) nicht haben zu eignem gewinst,
so bleib es gewidmet dem göttlichen dienst.
Schiller hist.-krit. ausg. 11, 385;
und keiner unsers chors, die wir dich sonst
in jeder kriegs- und jagdgefahr begleiten,
mag deines stillen pfads gefährte sein.
braut von Mess. v. 645;
mein lieber herr und ehewirth! magst du
ein redlich wort von deinem weib vernehmen?
Tell 1, 2;
Deutschland ahmte mich nach, und Frankreich mochte mich lesen.
Göthe 1, 358;
sie mag sich gerne putzen.
1, 44;
an jenen fremden orten
mag ich dich gerne sehn.
Freiligrath dicht. 1, 13.
e)
gern auch hier mit dem wünschenden conj. prät. möchte, der aber in den folgenden beispielen deutlichen unterschied von dem oben 5, e, δ aufgeführten zeigt: ich möchte aufjauchzen; ich möchte weinen, wenn ich könnte (ich habe den wunsch, aber nicht die kraft); ich möchte mich krank lachen; man möchte des teufels werden!;
der teufel hol das menschengeschlecht!
man möchte rasend werden!
Göthe 2, 289;
ich möcht alle meine beine zelen, sie aber schawen und sehen jre lust an mir. ps. 22, 18; ich möchte wol etwas vom fisch essen, cupiditas manducandi pisces me incessit. Stieler 1201;
möchte gern lustig zu euch treten.
Göthe 47, 256;
es (das schlosz) möchte sich niederneigen
in die spiegelklare fluth,
es möchte streben und steigen
in der abendwolken gluth.
Uhland ged. 206;
nur einmal noch möcht ich dich sehen,
und sinken vor dir auf die knie.
H. Heine 15, 146;
in negativen sätzen, wo es die abweisung eines etwaigen wunsches angibt: ich möchte nicht mit von der partie sein; das möchte ich nicht unternehmen; ich möchte es nicht wagen, non auderem, non committerem me huic periculo. Stieler 1201. statt des infinitivs ein abhängiger satz: ich möchte, dasz er käme, oder ich möchte, er käme; ich möchte jetzt nicht, dasz er käme; in ähnlichen fügungen:
ich hätte nicht der general sein mögen,
vor dem der weiber schaar so kläglich sich vereint.
Gellert 1, 128.
f)
mit unterdrücktem infinitiv, bei adverbialen oder präpositionalen beisätzen: er mochte noch nicht nach hause; er mag nicht zurück; ich mag nicht ins haus; darumb, mein lieber Lupold, du wol den nechsten wider heim magst. Galmy 289;
wir mögen nit in ewren orden.
L. Sandrub kurzweil 88;
an einen mögen, kämpfend, gegnerisch:
er möchte gern an mich, und traut sich nicht.
Göthe 10, 239;
mit participien: ich möchte ihn nicht gern getödtet, aber abgelebt (nämlich sehen oder haben). Schiller räuber 2, 1; der unterdrückte infinitiv ist aus einem andern im gleichen satze zu ergänzen:
hast du sein gnuͦg und bist sein satt,
so schmetters wider in die platt,
das esz ein andrer ob er mag.
Grobianus C 4ᵇ (v. 785);
der flüchtling darf
nicht reden, wie er gerne möchte.
Schiller hist.-krit. ausg. 6, 136;
ja wenn wir, was wir möchten, könnten,
was möchte nicht die dame Pitz! (nämlich können).
Platen 65.
Das häufig gehörte ich mag nicht bezieht sich auf eine vorher genannte thätigkeit: 'willst du mitkommen?' nein, ich mag nicht; wirst du gehorchen? (ein vater zum trotzigen kinde). 'ich mag nicht'; ich mag nicht, nolo, displicet, non est mei gustus. Stieler 1201; auch ich mag nicht mehr, habe nun genug, in bezug auf essen oder arbeit; nun mag ich auch nicht mehr.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 13 (1884), Bd. VI (1885), Sp. 2449, Z. 1.

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Zitationshilfe
„mag“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/mag>, abgerufen am 27.11.2021.

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