Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gemeid

gemeid,
s. gemeit.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1884), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3169, Z. 37.

gemeit, adj.

gemeit, adj.
ein wort alter zeit mit merkwürdig verschiedener bedeutung, d. h. eins das eine reiche entwickelung gehabt hat, auch noch ins nhd. hereinreichend.
1)
goth. erscheint gamaids für gebrechlich, beschädigt u. ä., von menschen, Luc. 14, 13. 21 stehen gamaidans, haltans (lahme), blindans beisammen, griech. ἀνάπηροι, vulg. debiles, Luther krüpel, vergl. 4, 19 gamaidans τεθραυσμένοι, confracti. dazu maidjan entstellend verändern, καπηλεύειν 2 Cor. 2, 17 (inmaidjan μεταμορφοῦν u. ä.), auch altn. meiđa verletzen, verwunden, beschädigen, hauptsächlich von menschen, noch jetzt norw. meida ebenso Aasen 490ᵃ (vergl. oberd. meiden castrieren Schmeller 2, 552). wegen möglicher verwandtschaft, deutsch und auswärtig, s. die reichen zusammenstellungen, vermutungen und erwägungen bei Diefenbach goth. wb. 2, 9 ff., aus denen sich sicheres doch nicht ergibt.
2)
anders ahd.: kameit, gimeit, stolidus, stultus, obtusus, auch jactans, contumax, gimeitî stultitia, gimeitheit, diesz auch insolentia, superstitio (gimeitida secta, haeresis), s. Graff 1, 701 ff. ebenso alts. gimêd Hel. 3468 (mit dol zusammen), ags. gemâd fatuus Wright-Wülcker vocc. 479, 8, auch gesteigert vecors 53, 10, gemæd amens 347, 19 und participisch (vgl. goth. maidjan, altn. meiđa u. 1) gemæded vanus, ineptus, vecors 52, 26. 28, 15. 513, 33, Grein 1, 426; daher engl. mad wahnsinnig, altengl. mâd, mêd, vermittelnde form imâd. der begriff der beschädigung war damit vom körper auf sinn und geist übergegangen.
3)
wieder anders mhd. und nhd. und in groszer manigfaltigkeit (nhd. auch gemeid geschrieben); auch mnd. gemeit, gemêt wb. 2, 53ᵇ, mnl. ghemeit, gemeet Oudem. 2, 479, unter mhd. einflusz.
a)
mutig, kühn, aus dem ahd. insolens, jactans, contumax entwickelt, der tadelnde begriff aber in lobenden umgeschlagen.
α)
mhd. wird es vielfach mit küene verbunden, auch mit snel, stolz, z. b.:
ouch muoste sân ersterben   der recke küene unde gemeit (Siegfried).
Nib. 939, 4 L.;
si sint noch unbetwungen   die snellen ritter gemeit.
1837, 4;
eines vrides dô gerten   die stolzen rittere gemeit.
2024, 4;
er was sîner manheit
beide stolz und gemeit.
Erec 2851;
und darzu die ganze schar
aller christenheit ganz offenbar ..
mag wesen fro und gemeit.
fastn. sp. 923, 30.
β)
besonders kampfmutig, kampflustig, z. b. die Schweizer vor der Sempacher schlacht, als ihnen der feind zu gesicht kommt:
do inen der lew bekam,
si warent hochgemeit:
her lew, wiltu hie vechten,
es ist dir unverseit!
Uhland volksl. 405 (160, 4), Liliencron 1, 119.
noch im 16. jahrh. z. b. von den landsknechten:
wie ihre jungen (küchlein) ein kluckhen
zusammen helt, also ich bin (als hauptmann)
mit zusprechen mein (meim?) volk gemait,
dasz sie streiten mit manlichhait.
Fronsperger kriegsb. 3, 90ᵃ.
γ)
sich gemeit dünken, kampflustig, keck, übermütig, unternehmungslustig sein: wa sich aber einer gemeid und so kühn bedunkt, das er im under augen zur gegenwehr dorft tretten, da zeigt er ihm die sterk seiner fäust. Garg. 205ᵇ (Sch. 382). von keckem gebaren überhaupt, mit gen. des gegenstandes, wie mhd.: der schmechwort daucht er (Democritus) sich gemeid. S. Frank chron. 100ᵇ; des sich villeicht ein yeder nit allein nicht schemet, sunder gemeyd und guͦt gedunkt. 256ᵇ;
drumb wer sich schalkheit dunkt gemeyt ..
ein augenblick sein freud vertreibt.
Kirchhof wend. 120ᵃ.
von stolz und einbildung zugleich: der hirʒ dunket sich seiner hörner gar gemait. Megenb. 129, 17; stets solcher ampt pflag, des er sich gemeid deucht. Steinh. Bocc. 138ᵇ (60); in einem Regensburger spottgedicht vom j. 1485:
dasz er (der domdechant) allzeit bei herzog Albrecht mag sitzn im rath ..
des dünkt er sich gemaidt.
Schmeller 2, 646;
auf der kirchweich mach ich mich breit,
mit hannensteigen bin ich gemeyt.
H. Sachs 7, 24 K.;
noch im 17. jahrh. bair., doch mit misverständnis, sich gemaint gedunken, forma superbire Schm. aus Schönsleder, im sinne doch zugleich zu der bed. d, hübsch. kommt doch umgekehrt gemeit für gemeint vor (möglich wol durch die näselnde aussprache des n):
dann Christus war noch nie gemeit (: geseit),
dasz éiner sich des (lehramtes) unterwind.
Hutten 5, 94 M.,
am rande heiszt es Christi meinung.
δ)
man ermunterte einen zu einem unternehmen mit dem zuruf sei gemeit! z. b. Lucifer zu seinen teufeln, die er auf ein unternehmen aussendet:
nu fart hin und seit gemeit.
fastn. sp. 904, 31.
ähnlich ein cardinal zum papste:
heiliger vater, ir solt auch drauf sein bedacht ..
das ir mit ehren und mit salden (so l.)
den christenglauben wollen halden (so l.),
und seid darinnen stet und gemeit.
923, 7,
fest und entschieden, entschlossen scheint gemeint. auch vor dem kampfe (und so wol urspr.):
hyr vor, her wulf, unde syt gemeit!
Hoffm. v. Fall. nd. Aesop. s. 30.
die frauen, die den sieger David singend empfangen sollen, werden aufgefordert:
ir frauwen, seit all sambt wol gemeit
und rust uch, das ir uf stund seit bereit u. s. w.
Heidelb. pass. h. v. Milchsack 2629.
b)
auszerdem besonders lustig, froh, heiter, d. h. das ahd. stultus, jactans u. ä. nach einer andern seite entwickelt und gleichfalls aus dem schlimmen ins gute umgekehrt, z. b.:
uns wil schiere wol gelingen,
wir suln sîn gemeit,
tanzen, lachen unde singen,
âne dörperheit.
Walther 51, 22;
der herre in sînem muote   was des vil gemeit,
dô truoc er in dem herzen   liep âne leit.
Nib. 290, 1,
Siegfried, als er endlich die Kriemhilt sehen sollte. auch vrô unde gemeit u. ä.:
des was si frô unde gemeit.
arm. Heinrich 1192;
koment si mir ze hûse,   des bin ich vrœlîch gemeit.
Nib. 1586, 4.
noch im 16. jahrh. z. b. vom temperament des sanguinikers:
sanguinea ist noch die best (complexio),
die macht behend, geschwind, gemeit,
hurtig, allzeit mit fröligkeit.
Scheidt grob. N 1ᵇ (3229).
c)
im 12. 13. jahrh. musz es in dem neu aufblühenden hofleben eine besondere pflege und ausbildung erfahren haben, sodasz es selbst wie eine bezeichnung des vollendeten höfischen und ritterlichen wesens überhaupt erscheint, angewandt auf alles was dazu in beziehung stand. so erscheint schon früh gemeitheit eigentlich gleich höfscheit (vergl. Müll. u. Sch. denkm.² 606):
war zuo sol dem briester gemäitheit?
eʒ ist niht anders umbe sîne höfscheit
denne als umb des esels sinne.
Heinr. v. Melk priesterleben 528 (537);
vergl. in der genesis:
Esau wolt in bileiten
mit sînen heliden gemeiten.
fundgr. 2, 49, 7,
mit sînem here gemeiten.
67, 10 D.;
Joseph sâ dar reit,
mit ime manich rîter gemeit.
fundgr. 72, 19 (101, 29 D.),
wo freilich kühnheit noch mit gemeint ist, aber ebenso wol schon das ritterlich höfische wesen mit seinem glanze; auch gemeit heiter hat oft noch die besondere färbung des höfischen, z. b. in bezug auf das minnewesen Walth. 117, 12. daher dann auch in allgemein preisender bedeutung, herrlich, köstlich, stattlich u. ä., auch sittlich angewandt, von tugenden:
dar zuo wiszt, dasz mäszichait
ist ein tugend so gemait,
daʒ niemant sei verlaszen schol.
Wittenweiler ring 30ᵈ, 10;
aber ebenso gut von kränzen, von gegenständen der pferderüstung (s. mhd. wb. 2¹, 132ᵃ), wie von kleidern:
pfeif auf, lieber spilman ..
so gib ich dir mein wammes zwar ..
sih, wie ist es noch so gemait,
wann das es nit gut ermel hat u. s. w.
fastn. sp. 584, 8.
noch im 16. jahrh. z. b. von jagdgründen:
sprach er (Fürwittig) zuͦ dem helden: ich hon
hie bei gar vil gembsengejeid,
die sein lustig und vast gemeyd.
Teuerd. 15, 10;
so wolt ich bestellen ein jeyd
dort auf disem gepirg gemeyd.
66, 40.
von sprechenden vögeln, wie mhd. von pferden u. ä.:
da was einer in sonderheit,
paliert für die andern (d. h. besser als sie) gmeidt,
die königin het ob ihm ein freud ...
Körners hist. volksl. 207.
d)
daher auch von frauenschönheit (ist ja hübsch selbst eig. nichts als 'höfisch'):
zuo Jacôbes pette si leite
ire diu (sclavin) vil gemeite.
gen. fundgr. 2, 43, 20;
dô sprach der künic Gunther:   swester vil gemeit ..
ich swuor dich einem recken u. s. w.
Nib. 566, 1;
eine küneginne gemeit,
der schœne man niht gelîches vant.
Wig. 246, 13;
ich bedünk mich auch hübsch und gemeit
und zier mich gen euch alle zeit.
fastn. sp. 660, 26;
man macht sackrab darin (plünderte das eroberte Weinsberg), und wo gemait töchter oder gemait frawen waren, die notzogt man. deutsche chron. II, 371, 15; die gemeyden und wolgestalten (jungfrauen) fuͤhren sie heym zuͦ ewigen mägden. S. Frank weltb. 97ᵇ; (jungfrauen) so nicht also gemeyd und sauber, gen markt wurden gestellt (zum verkauf). 142ᵇ;
noch hab ich ein wurzen, die heiszt nachschaden,
wolt indert ein maid gemeite brüstel haben,
die sol machen daraus ein salben u. s. w.
Pichler drama des mitt. in Tirol 43.
e)
auch lieb, angenehm, von dingen, mit dat.: ob inen oder uns das (zu thun) gemait welt syn. font. rer. austr. II, 2, 272, vom j. 1473, gewiss auch noch im 16. jahrh.
f)
ganz anders in einer bed., die sich mundartlich bis heute findet und zugleich schon ahd.: thür. gemeiden gehn, unthätig sein. Moltkes sprachw. 1, 312, dazu gemeidengänger otiosus Stieler 624 (thür. 17. jahrh.), gemeitengänger 1262, gemeiten gehn und stehn, otiari, oscitare das., gemeitensitzer ignavus, otiosus 2037; ahd. gimeitgengil otiosus Graff 4, 104, kameitkengo girovagus das. (Nyerup 258). im 15. 14. jahrh.: wann hat ein man vil gearbeit und übel geessen und getrunken, und wirt darnach gemaiten geen und wol essen und trinken, so wirt er siech. Ortolf arzneib. (1477) 4;
durch waʒ stêstu gemeiten,
wan wiltu arbeiten
in mînem wîngarten?
H. v. Hesler apocal. 5203;
nicht slâf noch ganc gemeiten,
wis gereit zû dînen arbeiten.
5242;
ahd. aber in gimeitûn stantan: gisah andrê stantantê in strâʒu in gimeitûn, vidit alios stantes in foro otiosos. Tat. 109, 1. dieses in gimeitûn, nachher auch ingemeitun (und ungemeitun) war auch sonst sehr geläufig für vane, in vanum, sine causa, supervacue, dann frustra, incassum, gratis u. ä., von thätigkeit die fruchtlos, erfolglos bleibt, eig. aber von unthätigkeit, wo thätigkeit pflicht wäre (s. z. b. Otfr. IV, 26, 22. V, 6, 16). das begriffe sich aus der ältesten bezeugten bedeutung, wenn das goth. gamaids eigentlich von leuten galt, die in kampf oder arbeit verwundet, beschädigt von betheiligung am kämpfen und arbeiten nun frei waren; daraus begreift sich auch das ahd. kameitkengo girovagus vorhin, landstreicher, und auch die ahd. alts. ags. bed. u. 2, übermütig, thöricht, mhd. dann lustig; es scheint aber im 12. jahrh. zuerst als derbes kraftwort bei hofe in gunst gekommen.
g)
eigen das gemeite, der lohn den z. b. gassensänger in anspruch nahmen, die des gemeiten baten: zu Swaben .. an dem eingenden jar so gant die jungeling auʒ des nachtes .. und bittent des gemeiten, daʒ ist sie singent lieder und sprechent schöne geticht u. s. w. Schmeller 3, 375. s. auch gemeitlich, gemächlich, das wort ist offenbar noch nicht erschöpfend beobachtet.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1884), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3272, Z. 21.

maien, verb.

maien, verb.
1)
mai sein oder werden: mhd.
in dem walde und ûf der grüenen heide
meiet eʒ sô rehte wol.
L. von Seven 261, 16 Wackernagel;
nhd. doch wenn der tod urplötzlich vor der zeit
hereintritt, wo noch alles grünt und mait.
E. Geibel auf Mendelssohn-Bartholdys tod s. 1;
wo es in der seele maiet,
die, von neuem leben jung,
ewiger begeisterung,
ewigen gesangs sich freuet!
Uhland ged. 5.
2)
transitiv, zum mai machen:
deine seele gleich der spiegelwelle,
silberklar und sonnenhelle,
maiet noch den trüben herbst um dich.
Schiller melancholie an Laura.
3)
die maienzeit festlich begehen, sich im mai belustigen:
bî der grüenen linden,
dar ich meien was gegân.
Neidhart liv, 36;
mystisch gewendet:
wer nu wölle meien gen,
in diser lieben zeit,
dem zeig ich einen meien
der uns frewden geit.
Uhland volksl. 881,
mit der abweichung:
der nun meien welle
der nieme (nehme) Cristus war!
878;
vgl. sich ermaien th. 3, 910; rheinisch ist davon noch übrig maien, einen freund besuchen, um mit ihm zu plaudern. Kehrein 270; in Deutsch-Lothringen maien, sich besuchen, bei einander sein, sich unterhalten; in Saargemünd maie gehn zu licht gehn; in der Eifler mundart maien gehen, minnen oder freien gehen Fromm. 6, 16.
4)
schweizerisch einen baum maien, seine rinde abschälen, wenn sie noch im safte, d. i. im wuchse, im frühlingstriebe ist. Stalder 2, 193; in Kärnten a pfeifl main, die überall wohlbekannte maipfeife machen, der pâm mait si, läszt sich die rinde abschälen Lexer 184.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1475, Z. 49.

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Zitationshilfe
„maien“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/maien>, abgerufen am 08.12.2021.

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