Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

majestät, f.

majestät, f.
majestas.
1)
majestät, alt majestât, später majestet geschrieben, wird im späteren mhd. aus der lateinischen kirchensprache, wo es nach dem vorbilde der vulgata (Deuter. 5, 24. Hebr. 1, 3) auf die glorie gottes bezogen ist, in demselben sinne herübergenommen und in feierlicher rede verwendet:
sunder ende und âne ursprinc was ie dîn lebende majestât,
diu sich undermischet hât
mit drîn persônen vaste.
K. v. Würzburg 389, 9 Bartsch;
sie behûtte got von himele
mit sîner grôʒen majestât.
livländ. chron. 5835;
wie dîne drî persône
mit gelîchem gewalte
in einlîcher drîvalte
sint in einer majestât.
Lamprecht v. Regensburg Franc. leben 5045 Weinhold;
und diese verwendung bleibt: ein tempel seiner götlichen maiestat. A. v. Eybe 24ᵇ; anzuerkennen geben sein götlich maiestat. ebenda; sihe der herr unser gott hat uns lassen sehen seine herrligkeit und seine maiestet. 5 Mos. 5, 24; dir gebürt die maiestet und gewalt, herrligkeit, sieg und dank. 1 chron. 30, 11; gehe in den felsen, und verbirge dich in der erden, fur der furcht des herrn, und fur seiner herrlichen maiestet. Jes. 2, 10; (gott) hat sie (die menschen) fur andern thieren sonderlich angesehen, jnen zu zeigen sein grosze maiestet. Sir. 17, 8; dem gott, der allein weise ist, unserm heiland, sei ehre und maiestet und gewalt und macht. Judas 25; das einige rechte, höheste werk der göttlichen maiestet, welchs betrifft unser erlösung und ewige seligkeit, und einer jglichen person der göttlichen maiestet eigen ist, das darin sei der vater mit seinem liecht und maiestet, der son mit seinem blut, der heilige geist mit seinem fewer. Luther 6, 287ᵃ;
got in der majestat
der wöll der sel pflegen.
Altswert 250, 20;
das wär ein schmach göttlicher majestat,
das ir ein armen madensack und unflat
weltind setzen glich nebend gott.
N. Manuel 160, 753 Bächtold;
auf den träger der majestät (gott und Christus) übertragen: hat er sich gesetzt zur rechten der maiestet, in der höhe. Hebr. 1, 3;
o ungeschränkte majestät,
wie kömmts, dasz dirs so kläglich geht?
das macht dein huld und treue.
P. Gerhard 42, 15.
2)
bald wird das wort auch auf den glanz weltlicher würde und hoheit bezogen: magestat, maiestas, proprie dicitur potestas et dignitas magna. voc. inc. theut. n 5ᵃ; darnach wiʒʒend, daʒ er (der tote kaiser Karl IV) lag uff der paur (bahre) uf guldin tuͤchern und uff guldin pölstern in ganzer siner maiestaten .... und het guldin purpurhosen und mantel an und die kron der maiestaten het er uff sinem haubt. d. städtechr. 4, 60, 15; das er (Ahasverus) sehen liesze den herrlichen reichthum seines königreichs, und den köstlichen pracht seiner maiestet. Esther 1, 3; und sie antwortet, da ich dich ansahe, daucht mir, ich sehe einen engel gottes, darumb erschrack ich fur deiner groszen maiestet. stücke in Esther 4, 11; die, so da .. nicht erzittern die maiesteten zu lestern (δόξας οὐ τρέμουσιν βλασφημοῦντες). 2 Petr. 2, 10; in bezug auf eine heidnische göttin: auch der tempel der groszen göttin Diana wird fur nichts geachtet, und wird dazu jre maiestet untergehen (μέλλειν τε καὶ καθαιρεῖσθαι τὴν μεγαλειότητα αὐτῆς). ap. gesch. 19, 27.
3)
majestät auch die würde des herschers und das damit verbundene recht: die maiestet, fürstliche wirde, maiestas, maiestet einer oberkeit, dignitas Maaler 282ᵇ; majestet, majestas, königliche hoheit Schottel 1361; vergl. unten majestätsbrief, majestätsrecht, majestätssiegel, majestätsverbrechen; die majestät verletzen; verbrechen der beleidigten majestät, crimen maiestatis Scheller deutsch-lat. lex. 951; mit worten, dardurch unser königl. hoheit, mayestät und guter leimuth verletzt würde. Böckler kriegsschule 477; der inquisitionshof in Spanien hatte die gesammte niederländische nation .. der beleidigten majestät im höchsten grade schuldig erkannt. Schiller 858ᵃ; mein vater auf verletzung der majestät (angeklagt). kab. u. liebe 3, 6; (der herzog) der zu dem ganzen prozesz der beleidigten majestät nichts hergiebt als eine majestät und seine fürstliche handschrift. ebenda;
o könig vermerk die sache recht,
die fraw hat nit allein geschmecht
dein königliche mayestat.
H. Sachs 4, 1, 21ᵃ.
4)
majestät, als titel zunächst des römischen kaisers (nach dem vorbild des der römischen imperatoren) begegnet in deutschen quellen schon im 14. jh. (unser keiserlichen majestaten Lexer 1, 2014, v. j. 1364), setzt sich aber erst im 15. jahrh. fest: Sigismund, der als könig noch tituliert wird allergenädigoster fürst und herre .. ewer küniglich gnaden. d. städtechr. 5, 345 (v. j. 1415), wird nach seiner kaiserkrönung majestät angeredet: aller durchlewchtigister groszmechtigister keiser und herre, unser undertenikeit schuldig und willig dienste sein ewrer keiserlichen maiestat gehorsamelich bereit. 1, 450 (v. j. 1433), noch im wechsel mit ewrer keiserlichen groszmechtigkeit, ewrer keiserlichen durchlewchtigkeit, ewrer keiserlichen gnaden (ebenda), vgl. dazu mächtigkeit als titel, oben sp. 1414; später wird auch der römische könig majestät genannt: ewr kunigklichen mayestat. urk. Max. 25 (von 1494, im wechsel mit ewr kunigklichen gnaden ebenda), und so bildet sich das wort als feste titulatur für kaiser und könige und deren gemahlinnen aus, auf welche es bisher beschränkt geblieben ist: und also one ferrner sprachen gienge Darioleta in desz könig Perions gemach .. dann (sagt sie) es ist von nöten, dasz seiner maiestat ich diese dienstbarkeit beweise. Amadis 17;
will ich nach meinen pflichten
dem könige berichten,
wohin die reise geht,
und seiner majestät daneben
das letzt adio geben.
Wieland 26, 280;
ihre majestät (von Apoll, als herscher des Parnass). Schuppius 570; der henker hat die jesuiten erdacht, die mich keinmahl vor ihre käyserliche maj. (vor den kaiser) gelassen haben. Chr. Weise erzn. 25 Braune; ihro des kaisers von Oesterreich majestät. Göthe 13, 254; ihro der kaiserin von Oestreich majestät. 251; ihro der regierenden kaiserin von Ruszland majestät. 32, 103; drei gedichte für kaiserliche majestäten 76; jetzt nur seine majestät der kaiser, könig, ihre majestät die kaiserin, königin; des kaisers majestät;
nun endlich meldet würdevoll geläute
der majestäten feierliches nahn.
Göthe 13, 253;
in der anrede:
herr könig, ihm thut wol gelingen
in allem, was er fähet an,
er hat geschlagn zwei hundert mann ...
wird zu deinr mayestat jetzt kommen.
H. Sachs 4, 1, 10ᵇ;
eure (geschrieben ew.) majestät:
gnedigster herr, ich musz mich freüen,
dasz eur keiserlich majestatt
dennoch so lang an uns dacht hat.
J. Ayrer 238ᶜ (1187, 14 Keller);
weil er eur königlich majestat
vom todt also errettet hat.
275ᵈ (1377, 32).
5)
neuerer sprachgebrauch erst (doch nach lateinischem vorbilde) bezieht majestät auch auf die hoheitvolle erscheinung eines wesens oder gegenstandes aus der natürlichen oder sittlichen welt (vgl. dazu majestätisch): schönheit, aber mit mehr majestät als scham, ist schon keine Venus, sondern eine Juno. Lessing 6, 433; die wunder der natur und der majestät des weltbaus. Kant 2, 478;
ihr antlitz war ein thron der holden majestät.
Günther 621;
ehrt die wirkende natur; laszt das künsteln ferne bleiben.
soll die seele sich entwickeln, und in rechter grösze blühn,
o so musz kein klügelnd meistern ihr (der natur) die majestät entziehn.
Hagedorn 2, 15;
des reichthums majestät, die heiligkeit der schätze.
1, 121;
in diesem vorzug liegt, was man nie gnug verehrt,
der seele majestät, der menschen echter werth.
1, 16;
o sonne, königinn der welt,
die unser dunkles rund erhellt,
in lichter majestät.
Uz 1, 292;
wenn ich die himmel seh, die du, herr, ausgebreitet,
der sonne majestät, den mond, den du bereitet.
Gellert 2, 30;
wer hat die sonn an ihm (dem himmel) erhöht?
wer kleidet sie mit majestät?
145;
ist beides nicht gleich grosz, der welt ein schöpfer sein,
und eine welt, die fiel, vom falle zu befrein?
wer kann die majestät der lieb und groszmuth fassen?
32;
was ist der erde majestät,
wenn sie mein geist mit der vergleicht,
die ich durch gottes sohn erreicht?
116;
hoch über die vernunft erhöht,
umringt mit heilgen finsternissen,
füllst du mein herz mit majestät.
147;
gedanke voller majestät!
155;
vergebens schlieszt die sanft erhobne nase
sich an die glatte stirn in stolzer majestät.
Wieland 22, 121 (Oberon 3, 43);
mit beziehung auf die verwendung oben 2:
doch wenn, in seltnen langersehnten fällen,
ein herrliches gestirn zum andern rückt,
die nah verwandten strahlen sich gesellen,
dann weilt ein jeder schauend, hochentzückt;
so unser blick, wie er hinauf sich wendet,
wird vom verein der majestät geblendet.
Göthe 13, 258 ('ihro der kaiserin von Frankreich majestät');
wie die majestät eines herschers auch im sinne von oben 5 verstanden wird:
der starre fels, er scheint sich noch zu neigen
vor ihrer hoheit, ihrer majestät.
252;
ebenso wie die eines gottes:
wo jetzt nur, wie unsre weisen sagen,
seelenlos ein feuerball sich dreht,
lenkte damals seinen goldnen wagen
Helios in stiller majestät.
Schiller die götter Griechenlands.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1881), Bd. VI (1885), Sp. 1485, Z. 9.

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Zitationshilfe
„majestät“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/majest%C3%A4t>, abgerufen am 08.12.2021.

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