Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

manier, f.

manier, f.
art und weise; lehnwort aus dem franz. manière, welches, wie ital. maniera, span. manera, portug. prov. maneira, eigentlich handhabung, dann benehmen, art bedeutet (vgl. Diez wörterb. 1, 262) und bereits im mhd. übernommen ist:
si worhten alle viere
vil rehte in ir maniere.
Tristan 116, 14;
modus manijr Dief. 365ᵃ; manier und weisz, qualitas Maaler 283ᶜ; manier, .. für art oder weise, agendi ratio, modus, via, mos, usus Frisch 1, 639ᵃ; auch in der form monier: roszmaryn, damit er die hüner füllen wolt uf welsch monier. Ulensp. s. 91 Lappenb.; und munier: auf dise munier redt er mit mir. Frank weltb. 216ᵃ. es bezeichnet
1)
die art zu verfahren, irgend etwas anzugreifen und auszuführen; mit betonung dessen, wie sie sich für andere zeigt: in somma .. ist herr Wörnher der rechten theuren alten Schwaben ainer gewest, der sich in allem seinem thun und lassen der alten manier beflissen, hat kainer frömden claidung sich gebrauchen mögen, von den seinen auch nit leiden wellen, derhalben sich mit seinem schwager, graf Konradten von Kirchberg, nit wol verglichen, welcher dann frömbder claidung und maniern sich sonderlich angenommen. Zimm. chron. 1, 462, 8; als der grosz reichstag zu Augspurg ward, anno 1530, do liesz er sein alten zwilchin kittel widerumb schwerzen und zurichten, gieng in demselbigen fur kaiser Karln, wiewol sein leiblicher brueder, graf Felix, auch sein dochterman, graf Friderrich von Furstenberg, im das getrewlich und höchlich widerriethen .. aber er liesz im sein manier eben als wenig, als der alt graf Michel, abziehen. 2, 301, 22; soll sich kaiser Carl ab ime und seiner überalten deutschen manier höchlichen verwundert haben. 301, 29; ir reüterey ist vast auf der Moren manier. Frank weltb. 214ᵃ; ein land und insel Casamansa gnant, hat sein eigen fürsten auf mörischer manier. 217ᵃ; nur närrisch sein, ist mein manier. Garg. 90ᵃ; als .. Peter Janson seiner holländischen manieren nach, von groszen und kleinen so libere judicirte, als wann er zu Amsterdam auf der börsch wäre. Schuppius 380; es scheint als müste man die tugend auch per piam fraudem, der kützlichten und neubegierigen welt auf eine solche manier beibringen. Chr. Weise erzn. 1 Braune; als ein groszer herr ... sein zerstörtes schlosz auf eine neue und schönere manier anlegen liesz. 6; von dem tungusischen schaman bis zum ... europäischen prälaten ... ist zwar ein mächtiger abstand in der manier, aber nicht im princip zu glauben. Kant 6, 360;
eine neue manier hat man erdacht,
ein würfel in ein glas gemacht.
wer rüttelt ein quatwer, es oder zinken,
so vil mal musz ers glas ausztrinken.
Schade sat. u. pasqu. 1, 162, 280;
auch was du sichst für new manier,
ring, ketten, schmuck und andre zier,
das trag! so gwinnst du ein ansehen.
H. Sachs fastn. sp. 1, 102, 104;
mustu dein hausz auch new erbawen,
mit altanen auf welsch manier.
108, 280;
es macht derselbe mensch als ein vernünftigs thier
viel werk und jegliches auf vielerlei manier.
Opitz Grotius' wahrheit 365.
2)
in der neuern sprache gewöhnlich die art sich gesellschaftlich zu benehmen und zu zeigen; im plural: er hat keine guten manieren; feine, zierliche, rohe, grobe, plumpe manieren;
er wartet bald mit zierlichen manieren
dem löwen auf, macht männchen, hüpft und spricht ...
Hagedorn 2, 128;
so zärtlich wie er, so süsz von manieren und ton.
Wieland 4, 13 (u. Amadis 1, 14);
im singular, wenn ein einzelner fall des benehmens hervorgehoben werden soll, häufig in der formel mit guter manier: sich mit guter manier aus der klemme ziehen; der nachforschung der elemente der erkenntnis ... mit guter manier ausweichen. Kant 3, 321; ironisch: Schnaps (zieht den säbel). so wiszt, dasz ich euch das verständnis eröffnen werde. Märten. mit dem säbel? das ist eine schöne manier. Göthe 14, 284.
3)
in verstärktem sinne die art sich gesellschaftlich gut zu benehmen; auch hier im plural, wenn solche im groszen und ganzen gemeint ist: was in der welt könnte sie abhalten, einen stand zu erwählen, der der einzige ist, wo sie manieren und welt lernen kann? Schiller kab. u. liebe 4, 7; im singular mit bezug auf einen einzelnen fall; hier gewöhnlich die formel nach manier: er rufte und schriehe (als vier auf ihn eindrangen): nach manier, einer auf einmal! polit. stockf. 286; oder mit manier: wil der herr antworten auf den calender, und wird mir mit raison, mit manier und höflichkeit begegnen, so wil ich ihm hinwiederumb höflich antworten. Schuppius 606; wenn ers noch mit manier thäte! Lenz 1, 221; wir .. überlieszen ihnen das schlosz und kämen mit manier davon (mit anstand, ohne aufsehen). Göthe 8, 109; er hat mich arretiert mit manier und in der art. Hebel 3, 24; wenn so ein aas (eine kuh, die geschmückt werden soll) keine raison annehmen will, und will sich nicht mit manier vergolden lassen. Immermann Münchh. 3, 5;
drum that der arge stier
sehr zahm und sehr geduldig,
schien keiner tücke schuldig,
und suchte mit manier,
durch kopfhang sich und schweigen
empfindsam gar zu zeigen.
Bürger 22ᵃ;
mit manier auch einsichtig, cum grano salis: der jenigen meinung, welche vermeinen, man könne nicht an allen orten gut bier kochen, ist mit manier zu verstehen: ich weisz, dasz ich in allen klöstern gut bier getrunken habe, in welchen die ältere mönch wasser, die jungen aber und starke mönch das traid zugetragen haben. Schuppius 737.
4)
manier, der schein, der äuszere anstrich: den menschen aus der rohigkeit bringen und ihn zuerst wenigstens die manier des guten annehmen lassen. Kant 2, 563.
5)
manier, die individuelle art eines künstlers, seinen schöpfungen form zu geben: die manier eines schriftstellers; Pernullo. dieser verfasser zeigt noch aufkeimenden, und, wir wagen es zu sagen, mäszigen talenten, ohne ihn darunter zu meinen, den richtigen weg, wo sie ihre schicklichste gelegenheit zu erpassen haben, um sich erproben zu können. Hegesipp. wem haben sie diese manier abgelernt? Pern. o, meine manier äuszert sich höchst glücklich, leicht und beweglich. Platen 185; bei malern: die manier des malers ist eigentlich das, was man bei einem schriftsteller den stil nennt, seine art der behandlung. man kennt die manier eines malers an seinem farbenauftrag, an seinen kopfstellungen, an den karakteren seiner figuren, an dem ton seines kolorits ... jeder künstler hat seine eigene manier. Jacobsson 3, 14ᵇ; man hat verschiedene manieren, als: die starke nachdrückliche, schwache weibische, gothische, trockene, dürftige, stumpfe, schwere und die grosze manier. 15ᵃ; im gegensatz zu stil: wie die einfache nachahmung auf dem ruhigen dasein und einer liebevollen gegenwart beruht, die manier eine erscheinung mit einem leichten fähigen gemüth ergreift, so ruht der styl auf den tiefsten grundfesten der erkenntnis, auf dem wesen der dinge, in so fern uns erlaubt ist es in sichtbaren und greiflichen gestalten zu erkennen. Göthe 38, 183; in tadelndem sinne: in die manier fallen, heiszt, wenn ein maler sich in seinen werken wiederholet. Jacobsson 3, 15ᵃ, und diesz hiesz mit dem kunstausdrucke maniert sein: wenn man sagt, dasz er (der maler) manieret sei, so ist dieses ein vorwurf, womit man sagen will, dasz er von der natur und vom wahren abgehe, dasz er sich überall wiederholet. ebenda; seele solte freilich jedes kunstwerk athmen, aber nicht die wollüstige, manierte heroidenseele. Sturz 1, 231; auch manierieren, manieriert sein, was jetzt alleinige geltung hat: das manieriren ist eine art von nachäffung, nämlich der blosen eigenthümlichkeit überhaupt, ohne doch das talent zu besitzen, musterhaft zu sein. Kant 7, 181; manierirt heiszt ein kunstproduct dann, wenn der vortrag seiner idee auf die sonderbarkeit angelegt und nicht der idee angemessen ist. ebenda; dieser zweite styl ist auch, wie man itzo redet, manierirt zu nennen, welches nichts anders ist als ein beständiger charakter in allerlei figuren. Winkelmann 3, 223; es war eben nicht das beste gemälde, nicht gut zusammengesetzt, von keiner sonderlichen farbe, und die ausführung durchaus manierirt. Göthe 18, 106.
6)
manier, die formgebung in rücksicht auf das dazu verwendete material: in holzschnittmanier ausgeführt; eine zeichnung in kreidemanier, in federmanier.
7)
manier, musikalisch, verzierungen einer melodie durch den ausführenden musiker. Jacobsson 3, 15ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1882), Bd. VI (1885), Sp. 1551, Z. 24.

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Zitationshilfe
„manier“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/manier>, abgerufen am 09.12.2021.

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