Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

mannheit, f.

mannheit, f.
zustand des mannes, das mannsein und männlich sein; mhd. manheit.
1)
männliches wesen, männliches alter im gegensatze zur kindheit und zum greisenalter: also teilit man deʒ menschen lebtage in vier. daʒ erste ist die kintheit, iugent, manheit und daʒ alter. Meinauer naturlehre 9; die jugend (verzehrt man) mit rennen, laufen und springen .. die mannheit wird verzehret mit erz schneiden und schmälzen, mit stein hauen und schneiden, hacken und zimmern, pflanzen und bauen .. das alter verzehret man in jammer und elend. Simpl. 2, 112 Kurz; in dem zwischenraum der beiden alter, vom anfang der vollkommenen jugend bis zum ende der mannheit. Göthe 36, 230;
wir streiten nicht mit Romulus volk
in seiner kindheit!
damals legte spottend der feldherr der Gallier
gegen des goldes last in die wage sein schwert! ...
wir streiten mit Romulus volk
in seiner mannheit!
Klopstock 9, 199;
auch das mannsein, im gegensatz der angehörigkeit zum andern geschlechte: bei allen gelegenheiten zeigt sich eine so reine zusammenstimmung ihrer gemüther, ihres geschmacks, ihrer art die dinge zu sehen und zu nehmen, dasz sie ihre seelen mit einander vertauschen könnten, ohne es gewahr zu werden, oder dasz wenigstens die mannheit und weibheit den einzigen unterschied zwischen ihnen zu machen scheint. Wieland 35, 267;
ha, rief er, wüszten die gecken (den schönen gegenüber) die würde der mannheit zu schätzen,
und hätten, anstatt sogleich die weisze fahne wehn
zu lassen, den witz sich selbst in ihren vortheil zu setzen,
die puppen sollten wohl bald bei uns um gnade flehn!
4, 200 (n. Amadis 9, 5).
2)
männliches wesen mit betonung der tugenden desselben, festigkeit, mut, tapferkeit, unerschrockenheit: virilitas manhait Dief. 622ᵇ; manheit, fortitudo, virilitas Maaler 283ᵈ; kraft und manheit. Aimon, vorrede; wenn aber herz und mut weg ist, so ist die manheit weg, und der man wird feig und verzagt. Luther 3, 249ᵇ; so were ichs zufrieden, das man sich an die (Türken) machte, da man ehre und preis erstreiten, und die manheit und harnisch beweisen köndte. 423ᵇ; das die gottlosen auch ein rauschend blat, das vom bawm fellt, erschrecket, da kan das herz nicht so vil muts kriegen, das es ein manheit fasse, wider ein solch geringe rauschend blat. 4, 3ᵃ; gleich nu, wie klugheit oder verstand one mannheit und freudigkeit unnütz ist und nichts auszrichtet, also ist der glaub on hoffnung nichts, denn hoffnung duldet und uberwindet das unglück und böse. tischr. 135ᵃ; zu geschweigen, dasz das zutrinken ein endlich ursach ist alles übels, und dem menschen an seiner seelen seligkeit, ehr, gunst, vernunft und mannheit nachtheilig. reform. guter policey (Augsburg 1530) viii, § 2; gesetzt dasz sie der eifer jhre vorige mannheit wieder zu holen bewegt und die scharten auszzuwetzen. Kirchhof mil. disc. 181; sein uberschwenkliche grosz mannheit und sterke. Amadis 167; wir wollen bald sehen .. ob ewer mannheit und herz so gut ist als die wort. 273; ihre sterk und manheit gegen den wehrlosen gensen zu gebrauchen sich vornemen. Pape bettel- und garteteufel T 3ᵃ; ich darf deiner in kriegen, da kan ich dich besser brauchen, da deine stärk und mannheit von männiglich erkant werden mag. Zinkgref apophth. 1, 11; als keiser Carlen der grosz, durch die tugend und manheit der Franken das römisch keiserthumb auf die Teutschen gebracht. 440; ganz mannheit, behende stärke, gedrungene kraft geht er daher. Fr. Müller 1, 20; verflucht sei die zunge, die das sagt! sie entnervt den besten theil meiner mannheit. Bürger 313ᵇ (Macbeth 5, 7); o wo ist meine mannheit? meine sehnen werden schlapp, der dolch sinkt aus meinen händen. Schiller räuber 5, 2; ha! dieser brief! gottlob! jetzt hab ich all meine mannheit wieder. kab. u. liebe 5, 7; Rudolf von Habsburg, der durch seine mannheit so groszen verwirrungen ein ende gemacht. Göthe 24, 27; in seiner erniedrigung, in der äuszersten noth vergiszt er (Burns) nicht für einen augenblick die majestät der poesie und mannheit. 46, 256;
zuletzt der held sein manheit bwärt
und nam in beed händ sein gut schwert
und schlug den starken auf sein haupt.
Teuerdank 102, 25;
als die sonn vermerkt,
das nur jr (der schiffer) manhait wurd gestärkt.
Fischart glückh. schiff v. 650;
da sah man glück, sig und manheit
dir folgen und dir helfen streiten.
Weckherlin 367;
ich siegte mannigfalt.
Rom, und ihr Julius, der doch zu sclaven machte
ihm alles volk und land, die muszten büszen ein,
als ich sie unter mich durch meine mannheit brachte.
Fleming 114;
kein anderer genosz der tafelrunde
thats ihm zuvor an mannheit und an schöne.
Wieland 18, 20;
aber männer wie
zu meinen zeiten werd ich nimmer sehn!
von solcher mannheit, solchem festen sinn,
so über ehr und recht und wahrheit haltend.
26;
rüstiger, den
kränzende jugend schmückt,
den mannheit mit kraft
gürtet und edlerem trotz!
Stolberg 2, 81;
wenn ihr wirklich männer seid, und zwar
an echter mannheit nicht die allerletzten,
so zeigt es jetzo!
Schiller Macbeth 3, 4;
und solche eigenschaft kann auch frauen eigen sein: fürwahr es ist nit allein mannheit in den mannen zu Rom, sondern auch in dem weiblichen geschlecht. Livius von Schöfferlin 27; er sahe solch mannheit und tugent von mannen und frauen under inen, das er keins geisels dörft. ebenda.
3)
mannheit, herschaft des mannes über die frau:
die fraw. ich will mein leib auch daran setzen,
euch viere halten in einer schanz.
der nachpaur. ei lasz dich nit verachten ganz (zum manne),
sonder hilf uns die manhait retten,
weil sie uns alle samb will fretten!
H. Sachs fastn. sp. 1, 52, 449 Götze.
4)
mannheit, in bezug auf das zeugungsvermögen: mannheit, pubes, virilitas, die mannheit benehmen, desiderium coitionis castratione exsecare Steinbach 2, 24; mannheit, virilitas, mannheit nehmen, evirare Frisch 1, 640ᵃ;
wenn ich denn zu einer andern kumm,
so pin ich auch nit gern ain stumm,
und clag ir haimlich meinn geprechen
als lang, pis sie mir ja wirt sprechen.
scholt ich denn nicht meinn kumer da wenden,
so müst ich mein manhait gar ser schenden.
fastn. sp. 771, 22;
mannheit etiam nonnunquam ponitur pro membro virili, it. pro potentia coeundi. Stieler 1238.
5)
mannheit in lehnssachen, homagium. Frisch 1, 640ᵃ. vgl. mannschaft.
6)
mannheit, schaar, genossenschaft von männern, kriegern:
alsdann wöll wir mit mannheit grosz
auch zihen für desz Brandifers schlosz
und sehen wie wir das gewinnen.
J. Ayrer 315ᵇ (1574, 22 Keller);
die römische plebs, durch die aufnahme ganzer bürgerschaften und mannheiten gebildet. Niebuhr 1, 651.
7)
auch der oder die im mannesalter befindlichen, womit das wort, abgesehen von seiner persönlichen bedeutung, sich wieder zu oben nr. 1 stellt, aber auch an 2 anklingt:
unsre kindheit liebt die wiege,
unsre jugend kusz und wein,
unsre mannheit ehr und kriege,
unser alter gold und stein.
Hoffmannwaldau bei Campe.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1882), Bd. VI (1885), Sp. 1586, Z. 61.

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Zitationshilfe
„mannheit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/mannheit>, abgerufen am 09.12.2021.

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