Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

marschieren, verb.

marschieren, verb.
einen marsch unternehmen; aus dem franz. marcher gleichzeitig mit seinem substantiv (s. marsch 1, sp. 1671) aufgenommen, und in den zeiten des dreiszigjährigen krieges noch halb fremd marchieren geschrieben: als mit dem kriegswesen die frembde wörter eingeschleift worden, als: marchiren, vor aufbrechen oder fortziehen, bataille vor schlachtordnung, corporal vor rottmeister, sergeant vor feldweibel, parapet vor brustwehr, und dergleichen albers dings mehr, sagte Kolbinger (er wird von Zinkgref mit vornamen Abraham genannt, gemeint aber ist wahrscheinlich der strafschreiber Thomas Kolbinger von Augsburg, der 1587 vorkommt): ob das nicht ein allgemeine schand were, das wir von den frembden, die wörter lernen und entlehnen sollen, die von uns das werk gelernet? Zinkgref apophthegm. 1, 293; die obristen und befelchshaber der regimenter, haben entweder order von den feldherrn wie sie nacheinander marchiren sollen, oder sie spielen und vergleichen sich sampt darumb wie sie marchiren wollen, nemlich wer den vor- mittel- und nachzug haben solle. Böckler kriegssch. 553; wann man gegen den feind marchiret. 555; wann man mit gebrochener ordnung marchiren musz. 556; wann man durch einen wald marchiren musz. 559; als commandowort beim exercieren rechts umb kehrt euch, mit euren reihen marchirt. 306 u. ähnlich mehrfach;
marchierten nu
nach Göttingen zu
in das tillysche läger.
Opel u. Cohn 167, 2 (von 1626);
später in deutscher schreibung: marschiren, expeditionem instituere, iter facere, castra movere, vasa colligere, signa convellere. Stieler 1248; als commandowort: marschiret, sequimini, properate! ebenda; seine armee marschiren lassen, movere exercitum. Frisch 1, 646ᵃ; ohne ordnung marschiren, solutis ordinibus incedere, stark darauf marschiren, pleno gradu procedere. ebenda; es war befohlen und eingeschärft in aller stille zu marschiren, als wenn wir den feind überfallen wollten. Göthe 30, 62;
morgen marschieren wir, ade!
Hoffmann v. Fallersleben, s. dessen gesellsch. lieder nr. 679;
o du Deutschland, ich musz marschieren.
E. M. Arndt, ebenda, nr. 710;
marschieren auch von kriegsschiffen, wenn sie in schlachtordnung hinter einander fortrücken. Adelung; und in nicht militärischem sinne, von wanderungen: heute sind wir tüchtig marschiert; wir marschierten über berg und thal, bis wir spät abends müde in einem einsamen wirthshaus einkehrten; und in noch freierem sinne ist es so alt wie sein subst. marsch (nr. 4, sp. 1672): das einzig wort marchiren brachte damahls (im 30jährigen kriege) zwar biszweilen unseren landsleuthen einen unglaublichen herzenstrost, aber lieber! wie vil millionen gelts, wie vil tausend schöner flecken und dörfer und .. wie viler hundert tausend christenmenschen leben hat es gekostet, die durch hunger, pest und waffen umbkommen, bisz es unser Teutschland gelernet, recht verstanden, und nach dem friedenschlusz mit freuden völlig ins werk setzen sehen? nun ists so gemain geworden, dasz es auch die mägd brauchen, wann sie in das grasz gehen wollen; aber ein bauernknäblein legts anderst ausz, dann als sein vatter gen wald fahren wolte und zu seinem knecht sagt: Hannsz, spann an, wir wollen marchiren! antwortet ihm der knab: vatter, marschiren heist nit holz hollen, sondern die schelmen wollen fort. Simpl. 4, 381 Kurz.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1882), Bd. VI (1885), Sp. 1675, Z. 15.

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Zitationshilfe
„marschieren“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/marschieren>, abgerufen am 08.12.2021.

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