Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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marter, f.

marter, f.
folter, qual.
1)
das ursprünglich nur im hochdeutschen sprachgebiete vorhandene, erst später ins niederdeutsche übergegangene wort, ahd. martira, martra, kann nicht unmittelbar aus dem lat. martyrium, griech. μαρτύριον entlehnt sein; eine solche annahme verbieten form und geschlecht in gleicher weise. voraussetzung des wortes ist vielmehr das aus dem griech.-lat. martyr mit anlehnung an deutsche form gebildete martirâri, martrâri (das sich häufiger findet als das dem griech.-lat. gleiche martyr), von welchem erst martira, martra als eine volksmäszige, nicht gelehrte bildung ausgeht, indem die sprachempfindung für die sache sich ein wort schafft, welches zu martirâri in gleichem verhältnisse steht wie etwa suona judicium, sententia, zu suonâri judex, mediator, helfa adjutorium zu helfâri adjutor, sunda peccatum zu sundâri peccator u. a., das geschlecht von martira aber scheint beeinfluszt von dem einheimischen synonymen quâla supplicium, pernicies. das wort erscheint seit dem beginnenden 9. jh.: martirium martra (neben martartoam) Steinmeyer-Sievers ahd. gloss. 1, 207, 10, und kommt im späteren ahd., sowie mhd. häufig vor, hier nun als martere, marter, und oft mit der nebenform martel (wie sich die umsetzung des r in l auch an den nächst verwandten bildungen zeigt, vgl. märterer und martern): martyrium martel Dief. 350ᵇ; der Juden martel. d. städtechron. 8, 103, 8;
stant uf durch der reinen martel ere,
und huͤt dich vor der sunden mere.
106, 24;
welche nebenform sich später wieder verliert (wetterauisch noch die mârtel Weigand wb. 2, 38).
2)
marter, zunächst als ausdruck der kirchlichen sprache, meint die blutzeugenschaft, besonders Christi, die passion: after Christes chiburdî ioh after sîneru martyru. Isidor 23, 17 Weinhold; durch dîna heiliga burt unta durh dîna martra unta durh daʒ heiliga crûce, in demo dû alle die werolt lôstost. Otlohs gebet, Müllenhoff u. Scherer 82, 20; passio quale, marter, wedaghe, lident Dief. nov. gl. 282ᵃ;
diu schrift, wie Christ die marter leit.
Lamprecht v. Regensburg Francisken leben 3352 Weinhold;
Christ ist erstanden
von der marter allen.
Uhland volksl. 831;
menschliches wesen
in (Christum) doch nie verdroʒ,
die marter was nit suͤʒe,
die minne im daʒ gepot.
882;
nimb von uns an den ruef in gemein
zue lob der bittern marter dein.
Wackernagel kirchenl. 5, nr. 1433, 34;
als Christus war verschiden
nach aller marter sein,
entstanden grosz erdbiden.
nr. 1397, 37;
sodann die der heiligen und der bekenner: sô sanctus Paulus sprichet ... daʒ weder diu martere noch dirre werlte vermanunge noch alsmûsen vrume sîge ân die minne. Wackernagel leseb. (1873) 370, 4;
dô frâgt in (den heiligen Franciskus in seiner krankheit) sîner brüeder ein,
ob im ze lîden lieber wære
ze langer frist alsolhe swære
oder daʒ er die marter dolte.
dô sprach er: sun, ich wolte
die grœsten marter lîden ê
ê mir wær drî tage alsô wê.
daʒ ensprich ich niht durch daʒ,
daʒ mir der marter würde baʒ
gelônet dan der siechheit.
Lamprecht v. Regensburg Francisken leb. 3789;
am hals verwundt drei ganzer tag
die jungfraw (die h. Cäcilia) in der marter lag.
Wackernagel kirchenl. 5, nr. 1536, 10;
in der verbindung der marter (gen.) sterben, in solcher blutzeugenschaft:
er sich bekehrte
und Christum ehrte,
auch gnad erworbe,
und marter storbe.
ebenda v. 6;
und da er zur marter gieng, strafet er die, so verboten fleisch aszen. 2 Macc. 6, 20; da er diese wort also geredt hatte, bracht man jn an die marter. 29; bis sei gnug von dem heidnischen opfer, und der grausamen marter. 7, 42; glaubensmarter, martyrium pro veritate doctrinae. Stieler 1243.
3)
marter, in erweiterter bedeutung, die folterung eines verbrechers, eines gefangenen und das dazu verwendete gerät: heftige marter carnificina. Dasyp.; die volle marter, die spannung des inquisiten auf die leiter. Adelung; und nach vil worten hiesz er in an die marter füeren und aufdenen. d. städtechron. 3, 150, 1; mit fernerem vermelden, was er zuvorn bekhendt sei nicht güttlich und freiwillig, sondern durch die tortur und marter von ime heraus erzwungen worden. 11, 767, 21; so der gefragt der angezogenen missethat durch die marter ... bekentlich ist. Carolina art. 48; der richter ihn zuhand fienge, und an die marter stellt, da er alles das bekannt, was er mit desz herren tochter begangen hette. Bocc. (1601) 261ᵃ; dasz ich mich nicht gern für sie henken, oder auf die marter bringen lassen wollte. J. E. Schlegel 2, 200; der angeklagte soll ... sich mit dem eide oder wohl gar mit der marter reinigen. Möser phant. 3, 81;
wie? wenn er allen grimm der marter überwünde?
und steif und unverzagt auf trotzem schweigen stünde? (worte eines richters).
A. Gryphius (1698) 1, 33.
4)
marter, auch sonst der einem menschen in grausamer weise zugefügte heftige körperschmerz, die qual: marter, cruciatus, cruciamentum. Maaler 284ᵇ; grausamme marter, tetri cruciatus, grosz pein und marter leiden, perferre cruciatus, mit groszer peinigung und marter getödt werden, per cruciatum interfici. ebenda; einem alle marter anthun, excruciare aliquem omni supplicio. Steinbach 2, 29; wenn sie (die soldaten) einen mit grausamlicher marter ermorden. Phil. Lugd. 4, 248; in dem sich nun unsere ubrige bawren nach auszgestandener grawsammer marter endlichen jeder umb 26 reichsthaler auszgelöset hatte. 249; wenn jeder unter euch aufs blutgerüste gieng, und sich ein stück fleisch nach dem andern mit glühender zange abzwicken liesz, dasz die marter eilf sommertäge dauerte. Schiller räuber 5, 2;
beider namen weisz ich;
doch keine marter preszt sie von mir aus;
kein gold verführt mich.
Turandot 4, 1;
in bezug auf Christus, wo die bedeutung 2 noch einspielt:
der so viel marter, angst und noth
von unsert wegn erlitten hat.
Wackernagel kirchenl. 5, nr. 1242, 6;
hoch am kreuze wird mein sohn
grosze marter leiden.
P. Gerhard 165, 10;
o qual, o höchste qual! o marter aller plagen,
die du, o bruder, must für uns iezunder tragen!
P. Fleming 9;
von der qual die eine krankheit zufügt: du aber wirst noch selbs bekennen müssen, durch grosze marter und qual, das er allein der rechte gott sei. 2 Macc. 7, 37, vgl. 9, 5; als wier nun zwelf wuchen do waren und unser kindlin uff eim abendt hatt lernen fünf drittlin gan, stiesz pestelenz an und starb am dritten tag und als die geycht (krämpfe) hatten ouch angestoszen, das wier grosze marter an im mieszten sächen. do es verschied, weinten wier bede vom leid und ouch freid, das es der marter ab was kummen. Th. Platter 70 Boos; habe ... an der gicht grosze marter ertragen. Schweinichen 3, 218; in bezug auf eine ärztliche operation:
so schneit mich nur nit in das krösz!
so wil ich gleich die marter leiden,
das nest auch von mir lassen schneiden (der kranke zum arzt).
H. Sachs 1, 142, 287;
von der qual durch elend: da lag ich in einem wüsten hause, davon im brande die küche war stehen geblieben. und disz war meine herrligkeit alle. letzlich kam ich zu meiner gesundheit, dasz ich wieder auf die parthei gehen kunte. aber ich sehnte mich nach keiner beuthe, ich verlangte vielmehr eine gelegenheit, da ich nieder geschossen würde, und der marter losz käme. Chr. Weise erzn. 41 Braune; ich bin zur marter gebohren, fatum hoc meum est, ut miserrima quaeque sustineam. Stieler 1243; in der hölle:
die bösen sind des todes beut
und müssen marter leiden;
die frommen wird der herr mit freud
im himmelreiche weiden.
P. Gerhard 189, 65.
5)
der plur. martern meint die bei der folterung oder einer grausamen behandlung (oben 3 und 4) zugefügten einzelnen qualvollen schmerzen:
ach siehe grausamer! wie mich der herbe schmerz
zur ärgsten folterbank und tausend martern führet!
Menantes gal. ged. (1704) 41;
ich bins, bereit das leben,
für gott und christenthum, in martern aufzugeben.
Cronegk 1, 321;
in martern will ich sterben, meine seele
hab keinen antheil an dem ewgen heil,
wenn sie nicht rein ist, herr, von aller schuld!
Schiller jungfr. von Orl. 5, 8;
ich biete
den martern trotz, die ihr ersinnen könnt,
ich bin bereit, den herbsten tod zu leiden.
Turandot 4, 1.
6)
marter, die seelische qual: für wen hältst du mich, dasz du denkst, die einfachste geschichte von Marianens tod und leiden werde mich nicht empfindlich genug kränken, dasz du noch solche höllische kunstgriffe brauchst, um meine marter zu schärfen? Göthe 20, 93;
wenn unser wunsch in tauber luft zerflieget,
dasz sich der sehnsucht auch die marter zugesellt.
Menantes gal. ged. (1704) 12;
die ärgste marter hat der himmel so verschrieben:
auf ewig ohne gunst und sonder hoffnung lieben.
37;
wenigen, linden schlummer, liebes grillchen,
dasz die marter in meiner seele raste!
Hölty 100 Halm;
auch hier der vereinzelnde plur. martern: zerfleischt nicht das gegenwärtige mein herz schon genug? willst du meine martern durch die erinnerung an vergangne glückseligkeiten noch höllischer machen? Lessing 2, 2; wer errettet mich von der angst, die meine seele überfällt! unaussprechliche martern zerreiszen mich! Chr. E. v. Kleist (1765) 303; wie wenig sah ich die martern voraus, die ich mir zubereitete! Gotter 3, 36.
7)
marter in verblasztem sinne, wie mühe, not: sein beütel muͦszt sich ergeben; darin fand er mit aller marter gelt für zwo kanen wein. Wickram rollw. 65, 20 Kurz;
vom hof mit marter ich entrann.
H. Sachs 3, 3, 26ᵃ.
8)
marter bei fluch und schwur, bezieht sich wie leiden (4, oben sp. 667) auf die passion Christi (oben 2): etliche fluchten wunden und marter. Schütz Preuszen 103;
der lanzknecht schwur marter und kraft.
meisterl. fol. 23 nr. 232;
wa ich mein feind selbst ane wendt,
so sprich, dʒ gotts marter schendt.
Murner schelmenzunft 9ᵃ;
marter, wunden, Velten, Kürein!
9ᵇ;
botz marter, was wil sich dort aufdrehen?
H. Sachs fastn. sp. 1, 71, 60;
potz marter, handtwerksman, verzeuch!
119, 142;
potz marter, mainst, ich sei ein narr?
2, 9, 271;
vom betheuernden sinne zum verstärkenden gewendet (wie leiden auch), in der bedeutung wie adverbiales sehr, höchst: pfalzgraf churfürst hat e. f. wt. und gemainer statt Augspurg in allem thun also mit genaden gedacht, das mer dann gnug, es verdreuszt etlich marter ubel. Schertlin 66; und seindt marter fleiszig. Paracels. opp. 1, 145 B;
er trunk nechten marter viel wein.
H. Sachs 2, 1, 15ᶜ;
wie ist der tod (todte) so marter schwer,
als ob er halber bleyen wer.
5, 228ᵃ;
kalt ists, so sey wir marter arm.
dessen fastn. sp. 1, 116, 37;
und (ich) trab zw fuesen ubers felt,
durch reif und wint und kalten schne.
auch thuet das gen mir marter we.
2, 8, 234;
dw hoffertig pist, marter arm.
259;
es sticht sich drinnen (in der hölle) marter heisz.
Stephani geistl. action (1568) D 7ᵃ;
ich wolt das er (der todte) schon daheim wer,
er ist wol also marter schwer.
J. Ayrer 328ᶜ (1642, 34 Keller);
mit anderen zusätzen verbunden:
so hab wir kaine klaider
und sind gots marter arm.
Uhland volksl. 716;
es schickt sich marter wunden fein.
Chryseus hofteufel E 2;
und wer uns fragt: wie stehet es umb die messe? wollen wir antworten: wol, wol, marterleiden wol. Schade sat. u. pasqu. 2, 263, 3.
9)
marter, das crucifix: darauf (auf die brücke) hat ein erber rat dem Endres Zeringer vergunt ein marter zu setzen. Tucher baumeisterb. 202, 17; pei der marter vorn im walde. 218, 8;
und huop sich harte drâte
in ir kemenâte:
dâ vant si zuo der rehten hant
gotes marter an der want.
ges. abent. 3, 443, 390;
bair. marter, dim. märterlein, das kreuz, crucifix als zeichen des leidens Christi. Schm. 1, 1655 Fromm.; in Tirol aber ist marterle eine säule oder gemaltes bild zur erinnerung an einen an ort und stelle stattgefundenen unglücksfall. Schöpf 425; in Kärnten marterl kreuz oder gedenktafel an einen geschehenen unglücksfall. Lexer 187.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1882), Bd. VI (1885), Sp. 1677, Z. 46.

martern, verb.

martern, verb.
marter anthun, foltern, quälen. ahd. martarôn, martorôn, mhd. marteren, martern, mnd. merteren Schiller-Lübben 3, 78ᵇ, martirizare merteren, pineghen Dief. nov. gloss. 247ᵇ; eine nebenform die ableitendes r in l umsetzt, zeigt sich früh und noch im 17. jh.: ahd. martolôn bei Otfrid, s. Kelles glossar 387; mhd. nhd. martyrizare marteln, martiln, Dief. 350ᵇ; Cyriacus ... fuͦr mit eilftusend megden gen Koln und wart mit in gemartelt. d. städtechron. 8, 17, 20; do nu die römeschen keiser ... also sere die cristenheit durchehtetent und merteltent, das dicke uf einen dag hundertwerbe tusent cristen gedötet und gemartelt wurdent. 9, 713, 20; die arme gemartelte seele. Philander 1, 171. martern als transitives und reflexives verbum wird gesagt
1)
in bezug auf das leiden und den kreuzestod Christi:
Krist sich ze marterenne gap,
er lie sich legen in ein grap.
minnes. frühl. 30, 13;
sie (Maria) sach ihn (Christum) martern und beinigen,
wol für die sünd der seinigen.
Wackernagel kirchenl. 5, nr. 1425, 43;
du marterst ihn am kreuzesstamm
mit nägeln und mit spieszen.
P. Gerhard 69, 31;
in bezug auf die peinigung der glaubensbekenner: gemartert werden, martyrium pati, admoveri martyrio, veritatem fidei sanguine suo obsignare. Stieler 1243; was in Olint und Sophronia (in Cronegks trauerspiele) christ ist, das alles hält gemartert werden und sterben, für ein glas wasser trinken. Lessing 7, 7;
drauf der landpfleger Marcian
durch zorn ergrimmet und erbran,
gab sie (die h. Barbara) den henkers buben preisz,
die martern sie auf alle weisz.
Wackernagel kirchenl. 5, nr. 1481, 94;
sie ... frageten jn, ob er sewfleisch essen wolt, oder den ganzen leib mit allen gliedern martern lassen? 2 Macc. 7, 7; meine brüder, die eine kleine zeit sich haben martern lassen, die warten jtzt des ewigen lebens, nach der verheiszung gottes. 36; liesz jhn noch herter martern denn die andern. 39.
2)
martern, foltern und körperqual zufügen: marteren, excruciare, cruciare, adhibere et habere quaestionem tormentis, excarnificare, plectere, sich lassen peinigen und marteren, carnificinam subire Maaler 284ᵇ; einen auf der folter martern, equuleo aliquem discruciare. Steinbach 2, 29; furwar er trug unser krankheit, und lud auf sich unser schmerzen, wir aber hielten jn fur den, der geplagt und von gott geschlagen und gemartert were. Jes. 53, 4; da er gestraft und gemartert ward, thet er seinen mund nicht auf. 7; welche (gefangene bauern) ganz nichts einwilligen wollen, deszwegen sie hernach grawsamlich gemartert worden. Phil. Lugd. 4, 232;
ach, wer hett traut der bösen stuck
von meim vermaledeiten weib? (spricht der mann)
ich will deszhalben jren leib
reiszen, martern und ubel blewen.
H. Sachs fastn. sp. 2, 64, 162;
nun aber, wenn du die gefahr (die qual in der hölle)
viel hundert tausend tausend jahr
hast kläglich ausgestanden
und von den teufeln solcher frist
ganz grausamlich gemartert bist,
ist doch kein schlusz vorhanden.
Rist in Wackernagels leseb. 2 (1876), 526;
mit angabe der wirkung: einen tod martern, cruciatibus conficere aliquem Frisch 1, 646ᶜ; sie haben ihn zu tode gemartert, cruciatu eum confecerunt. Steinbach 2, 29; das verneinende part. ungemartert, mit der eigentlichen bedeutung ohne auf die folter gelegt zu werden, wird ironisch verwendet für gern, mit behagen:
in vollheit (trunkenheit) gibt sich mancher blosz,
beicht dapfer ungemartert losz
von vielen groszen bubenstückn.
B. Ringwald l. w. 74;
martern auch von den qualen durch krankheit, naturereignisse: die gicht martert ihn sehr; darumb wurden sie mit derselbigen gleich (mit gleichen feindlichen thieren) billich geplagt, und wurden durch die menge der bösen würme gemartert. weish. Sal. 16, 1.
3)
martern, übertragen dann auch mit sächlichem object: ich habe auch zween gehabt, die geschickter davon zu mir geschrieben haben, denn d. Carlstad, und nicht also die wort gemartert nach eigenem dunkel. Luther 3, 104ᵃ; etliche martern das wort donec (bis das) und sol heiszen (darumb das). 8, 67ᵃ; solchs ist die öffentliche gewisse warheit, unangesehen, wie er selbs und seine heuchler diese wort martern und creuzigen, denn sie sind zu clar und zu gewaltig. 218ᵃ; zu solchem kraut (waid) haben sie eigene mülen erfunden, auf welchen disz kraut gemartert und zerkrecht würd. Bock kräuterb. 204; vinum infectum, gepülvert, gemartert. Alb. Nn 2ᵇ, vgl. dazu ketzern 4, th. 5, 645.
4)
martern, in der späteren sprache gern bezüglich innerer qualen: durch diese niedrige behandlung hofften sie (Egmont und Oranien) den hochmuth dieses priesters zu martern. Schiller hist.-krit. ausg. 7, 126; einen mit vorwürfen, zweifeln martern;
ich bin nicht bös geboren; doch erst jetzt
erstaun ich, wie ich lieblos ihn gemartert.
Göthe 10, 298;
der neidische, den jede vollkommenheit seines mitmenschen martert. Schiller hist.-krit. ausg. 1, 163; die umliegenden dorfschaften berichten nämlich, dasz einmal eine braut, die auf dem kammerwagen ... den armen ihres bräutigams unter einem gewitter mit scheugewordenen pferden entgegenfuhr, unter die räder gestürzt und vor seinen gemarterten augen den getäuschten hoffenden geist aufgegeben habe. J. Paul Qu. Fixl. 31;
es foltert sie der traum, es martert sie der tag
mit scheuslicher gestalt und zagenden gedanken.
Günther 584;
o musz ich euch, ihr auen,
die ihr uns oft verbargt, noch ferner grünen schauen?
ihr martert meinen geist, reizt ihr gleich das gesicht,
ihr zeigt mir Doris bild, und zeigt mir Doris nicht.
Chr. E. v. Kleist (1763) 91;
bezüglich eines heftigen verlangens: gar zu lange mag ich sie doch nicht martern, mein liebes Lorchen; was haben sie denn von dem briefe an G. gedacht, den ich ihnen vor einer stunde zusendete? Rabener briefe 113; es martert mich alle tage nicht zu wissen, was dort vorgeht. Bettine briefe 2, 80.
5)
martern, reflexiv: denn ich habe, gott sei lob und dank, kein bitter noch böse herz, .. darumb habe ich auch friede und ruge, aber wer mir gram und bitter ist, der martert sich und rechent mich an jm selber. Luther 6, 8ᵇ;
er (der Franzose, Italiäner u. s. w.) martert sich nicht lange, bis er
das reimwort künstlich ausgesucht;
kaum denkt er erst, wo nehm ich dis her,
so hat er schon, was er gesucht.
Drollinger 97;
schau, wie so oft ein dichter ängstlich ringt,
bis nach den regeln ihm ein vers gelingt!
er martert sich, verdreht, versetzt, verschränkt.
297;
nun schwitzt er (der dichter eines epigramms) tag und nacht, ein zweites auszuhecken.
vergebens; was er macht, verdirbt.
so sticht ein bienchen uns, und läszt den stachel stecken,
und martert sich, und stirbt.
Lessing 1, 2;
eitel ringt das göttlichste genie,
martert sich an schlappen saiten müde.
Schiller hist.-krit. ausg. 1, 191.
vgl. auch sich abmartern.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1882), Bd. VI (1885), Sp. 1684, Z. 57.

martern, verb.

martern, verb.
bei Christi marter fluchen und schwören (vgl. marter 8 sp. 1679): und (Eck) schreibet, ich habe gesagt, es sei von mir nicht in gottes namen angefangen, martert und schweret dazu, er thu es nicht aus hasz und neid. Luther 1, 362ᵇ; und wolt darüber martern, vitztanzen und pestilenzen, gott schenden und mit andern flüchen heraus donnern. 5, 45ᵃ; dasz auch niemand jetziger zeit sich selber für ein kriegszmann hellt, es sei denn dasz er nur wol wunden, martern und lestern kan. fluchteufel (1564) D 3ᵇ; (Christus spricht) liebet euwre feinde, segnet .. und saget nit, wundet, martert, lestert und schendet. F 2ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1882), Bd. VI (1885), Sp. 1686, Z. 27.

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„martern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/martern>, abgerufen am 29.11.2021.

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