Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

maschine, f.

maschine, f.
machina. das lat. wort wurde im mittelalter durch antwerc (vgl. th. 1, 507), später durch rüstzeug wiedergegeben (rüstzeüg, instrumentum, machina, organum, supellex Maaler 338ᵃ), auch durch kunst (th. 5, 2683), wenn von etwas zusammengesetzterem die rede war, welche letztere bezeichnung namentlich im bergwesen noch lebt; erst seitdem im 17. jahrh., zunächst von Franzosen, wo machine schon früher in technischem sinne gewöhnlich war (Littré 2, 369ᵇ), dann auch von Deutschen, weitläuftige werke über mechanische künste erschienen, dringt das wort in unsere sprache und verbreitet sich schnell. es war zufrühest in lateinischem gewande als titelwort bekannt, wie denn beispielsweise der vielschreiber technischer werke G. Andr. Böckler ein vielgekauftes lehrbuch in bildern theatrum machinarum, d. i. neu vermehrter schauplatz der mechanischen künsten nannte (zuerst 1661, später in drei weiteren auflagen), ein titel, der mehrfach nachgeahmt worden ist, u. a. von Jac. Leupold: theatrum machinarum et instrumentorum (1724); es wurde aber sofort auch im texte verwendet, anfangs in lateinischem gewande: in allen machinis oder wasserwerken, so durch attraction oder expulsion, das ist durch hebung oder truckung getrieben werden. Böckler architectura curiosa nova (1664) 1, 28ᵃ; später auch in französischer schreibung: dasjenige, so die kraft vermögend machet, eine vortheilhafte bewegung hervor zu bringen, nennet man eine machine. Chr. Wolff auszug aus d. anfangsgr. aller mathemat. wissenschaften (1717) 175; bald nachher jedoch zeigt die schreibung maschine die volle einbürgerung des wortes an: die einfache maschine, machina simplex, oder das sogenannte rüstzeug, potentia .. zusammengesetzte maschine, machina composita. mathem. lex. 1, 832; maschine, d. i. blose werkzeuge äuszerer bewegender kräfte. Kant 8, 526; wer will dem vollkommensten werkmeister eingreifen, wie er die maschine gestellt? Fr. Müller 2, 92;
entdeckt man weiter nichts an ihnen (den thieren),
als die bewegung der maschinen,
der urtheil und bewusztsein fehlt?
Hagedorn 2, 18;
seit dem 18. jahrh. ist das wort mit der sache in die weiteste anwendung gekommen, wie eine unzahl von zusammensetzungen darthun, welche theils die bewegende kraft (dampf-, wasser-, gas-, handkraft-maschine), theils den zweck bezeichnen (flug-, koch-, wasch-, dresch-, kaffe-, thee-maschine u. a.); weil auf der maschine alles gar vielfach und geschwind geht. Hebel 3, 85, und das wort auch auf haus- und handwerksgeräte übertragen worden, an denen gegen die ältere einrichtung irgend eine mechanische neuerung hinzugekommen: so heiszt man in Mitteldeutschland maschine den koch- und bratofen der küche, der an stelle des offenen herdes getreten ist; maschine nennt der seiler ein spinnrad, das er beim spinnen selbst dreht. In freier und bildlicher verwendung, zum theil nach französischem und lateinischem vorbilde: unser ganzer leib, der microcosmus, oder kleine welt, ist, in ansehung des macrocosmi, oder des groszen weltgebäudes, eine machina, wie die neuen medici solchen vielfältig machinam corporis humani betitteln. Hübners handlungslex. (1722) 1111 (französische beispiele für diesen gebrauch des wortes aus dem 17. jahrh. bei Littré 2, 369ᵃ); so noch jetzt die maschine stockt, will nicht mehr recht gehen, vom körper gesprochen; man sprach von einer lebendigen thiermaschine, auch naturmaschine, und setzte sie der kunstmaschine entgegen, belege th. 5, 2717;
der, wann dem schmerz schier die maschin erlieget,
durch schlaue nüchternheit den lebensfeind betrieget.
Gotter 1, 283;
maschine von künstlichen vorrichtungen überhaupt, auch wenn sie nur geistiger natur sind, etwas ins werk zu setzen (wie ähnlich werkzeug Wieland 20, 121): machina, machine, ... allerhand ränke, argelist, böse griffe und mittel, oder intrigven, zu seinem zweck zu gelangen. Nehring hist.-pol. lex. 715; Drohengis hatte alles so gut vorbereitet, dasz der ränkesucht keine zeit gelassen wurde, ihre geheimen maschinen anzulegen. Wieland 7, 206; die verschiedenen maschinen, welche man diesen tag über auf beiden seiten hatte spielen lassen, brachten den abderitischen staatskörper, bei dem anschein der gröszten innerlichen bewegung, durch die stösze, die er nach entgegengesetzter richtung erhielt, in eine art von wagerechtem schwanken. 20, 126; da er .. die religion blosz als eine politische maschine ansah. 186; jetzt, Doria, mit mir auf den kampfplatz! alle maschinen des groszen wagestücks sind im gang. Schiller Fiesko 2, 16; andrerseits heiszt auch ein mensch, der ohne eigene geistige thätigkeit nur den befehlen eines andern gehorcht, eine maschine (franz. ce n'est qu'une machine, c'est une pure machine und ähnl.): er ist nur maschine in den händen seiner oberen; vgl. maschinenmäszig. endlich wird auch ein mensch von groszem und starkem körperumfang scherzhaft eine maschine genannt: eine rechte maschine, eine sehr starke, dicke person Albrecht 166ᵇ. der gott aus der maschine, übersetzung von deus ex machina: wäre alles gegangen, wie es abgeredet war, du hättest nicht gelegenheit gehabt, dich in deinem glanze sehen zu lassen, gleichsam als ein gott aus einer maschine herunter zu steigen und unsere verlegenheit zu endigen. Göthe 14, 239; beim maler ist maschine, franz. machine, die vertheilung der gegenstände auf der leinwand, um eine handlung vorzustellen: ein maler, der in einem kleinen inhalt bewunderungswürdig ist, kann vielleicht in groszen maschienen wenig oder gar nichts taugen, d. i. er setzt zwar einen einfachen inhalt, der wenig ausführung erfordert, wohl zusammen, aber er hat kein genie zur anordnung eines inhalts, welcher viele figuren erfordert. Jacobsson 3, 28ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1882), Bd. VI (1885), Sp. 1696, Z. 16.

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Zitationshilfe
„maschine“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/maschine>, abgerufen am 01.12.2021.

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