Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

mauer, f.

mauer, f.
murus.
1)
frühes lehnwort aus dem lateinischen, ahd. mûri, mûre, mûra, mhd. miure, mûre, mûr, alts. mûra, fries. mûre. geschlecht und form des wortes lehren, dasz die entlehnung nicht aus der büchersprache, sondern im täglichen leben erfolgt sei, dergestalt, dasz man es aus dem munde jener südgallischen werkmeister empfieng, welche seit den zeiten Karls des groszen den steinbau in Deutschland heimisch machten und deren bauweise das ganze frühe mittelalter hindurch maszgebend war; und die formen mûri (Graff 2, 841), sowie mûre, moure, maure (Steinmeyer-Sievers 1, 643, 71. 644, 8), deren endvocal wol nur schwächung des i ist, deuten auf die entlehnung der singularform aus der römischen pluralform hin und erklären dadurch zugleich auch die umsetzung des geschlechts aus dem männlichen in das weibliche, worauf übrigens auch das sinnverwandte deutsche want paries einwirken mochte. im gegensatze zu dem ahd. altniederd. mûra steht das angelsächsische, übrigens seltene mûr, sowie das davon ausgehende altnord. mûrr, als masc., ist also in anderer weise in diese sprachen gekommen.
2)
wenn die ahd. überwiegende form mûra sich im mhd. als mûre und mûr fortsetzt, so ist doch jenes oben erwähnte, und als älteste lehnform angesehene mûri auch noch spät als miure, mür, und in bairischer form meur bezeugt: murus muyr Dief. 372ᶜ; menia ring miure nov. gloss. 250ᵇ; in dem frid gruͦben die stet umb sich und machten ir mür so si best mochten. d. städtechr. 4, 49, 1; wappenten sich gar schnell und giengen uf die mür. 63, 13; item mangel ist auch gewesen an leuten, die da gewest hetten gelegenheit der meuren, greben und weer in den steten und slossen umb uns gelegen. 2, 331, 22; anders ist es, wenn mauer nach der i-declination gebogen wird und in der älteren sprache den gen. dat. meur bildet: von der ecken der statmeur. Tucher baumeisterb. 179, 31; neben dem steinen gang, der auf die statmaur ... geet. 32; auf der meur. 117, 3; in München heiszt ein gäszchen hinter den mäuern. Schm. 1, 1638 Fromm.
3)
mauer meint zufrühest die zur sicherung oder befestigung um einen hof oder einen ort gezogene: ahd. moenia mûra Steinmeyer-Sievers 1, 209, 23; aedificia murorum vel civitas aut edes publici, kizimbaritha mûrôno edho purc edho hiohreidi kiuuisso ebenda 25;
er leitit mit gilusti   thih zer heimuuisti,
joh rihtit unsih alle   zi themo kastelle,
zi filu hôhen mûron   joh zi eiginen gibûron.
Otfrid 4, 5, 37;
alts. be hwiu thiu mâria burg
Hierichô hêtid,   thiu thar an Judeon stâd
gimakôd mid mûrun.
Heliand 3627;
mhd. nhd. diu burc was harte veste
und alle wîs diu beste
vür stürmen und vür mangen:
den berc hete bevangen
ein burcmûre hôch unt dic.
Iwein 4365;
daʒ wir mit mûren und mit graben
die stat vil wol versichert haben.
troj. krieg 13341;
und es kann in dieser bedeutung der sing. stehen, das ganze einer solchen befestigung, da es zusammenhängend und fortlaufend ist, collectiv angebend, oder auch der plural, die einzelnen theile des befestigenden baues kennzeichnend: und ward ain markt dar gemacht und ward mit ainer mur umbfangen. d. städtechr. 4, 94, 3; wer ein wonhaus verkeuft in der stadmauren, der hat ein ganz jar frist, dasselbe wider zu lösen ... ists aber ein haus auf dem dorfe, da keine maur umb ist, das sol man dem feld des lands gleich rechen. 3 Mos. 25, 31; alle diese stede waren fest, mit hohen mauren, thoren und rigeln, on andere seer viel flecken on mauren. 5 Mos. 3, 5; die mauren (Jerichos) fielen umb, und das volk ersteig die stad. Jos. 6, 5; das die mauren Jerusalem zurissen waren. Neh. 2, 13; bawe die mauren zu Jerusalem. ps. 51, 20; ein man der seinen geist nicht halten kan, ist wie eine offene stad on mauren. sprüche Sal. 25, 28; uber alle hohe thürne, und uber alle feste mauren. Jes. 2, 15; ja jr werdet die heuser abbrechen, die mauren zu befestigen. und werdet einen graben machen zwisschen beiden mauren. 22, 11; verbrand jre mauren und thürne. 1 Macc. 5, 65; die maur undergraben, fodere murum, die mauren niderschleitzen und abbrächen, .. die mauren ersteigen, evadere ad vel in muros. Maaler 285ᵇ; die mauern beschieszen, tormentis muros quatere. Steinbach 2, 31; die mauern mit wache besetzen, custodias vigiliasque in muro disponere. ebenda; die mauern niederwerfen, muros subruere. ebenda;
da maur und wall uns unsre freiheit hemmet.
Drollinger 43;
sogleich strengt jeder arm sich an,
die mauer wird getheilt, die stadt ist aufgethan.
Schiller zerstörung von Troja 40;
ein schwert, das tüchtiger beschützt
als feld und hohe mauern.
Göthe 5, 10;
mauer eines ufers, mauer um einen hof, einen garten, einen park, einen brunnen, quell u. ähnl.; Claus Narr, sahe einsmals eine ziege auf einer mauren gehen, und war sorgfältig, wie die arme ziege werde wieder herunter kommen .. stellte demnach eine leiter bei die mauer, und dachte, die ziege solte auf der leiter herunter steigen, wie er thun wolte, wann er auf der mauer gieng. Schuppius 266; trochne maur, von trochnen steinen auf einanderen gelegt, one pflaster und kalch gemacht, wirt oft in guͤteren gemacht für ein zaun, maceria. Maaler 285ᵃ (vgl.trockenmauer); mauer von lehme, macerius. Steinbach 2, 32; den graben mit einer mauer füttern, fossam muro interiori munire. Frisch 1, 650ᵇ.
4)
mauer, die steinerne wand eines hauses, gebäudes:
sus gieng er alleʒ enbor
und greifende mit henden
an mûren unde an wenden
biʒ er zir beider bette kam.
Trist. 341, 38;
er hat die mauren jrer pallast in des feindes hende gegeben. klagel. Jer. 2, 7; durch solche mittel sollte nun eine feste mauer, eine undurchdringliche wand, die sich noch dazu als base zweier himmelhoher thürme anzukündigen hatte, dem auge ... leicht und zierlich erscheinen. Göthe 25, 267; man tritt in einen brunnenartigen hof: der raum ist eng, hohe schwarze mauern steigen wohlgefügt in die höhe. 43, 255; es war ein prachtvolles altes haus, die mauer des unterstocks so dick, dasz der doctor mit gespannten armen nicht die ganze tiefe der fensternischen einfassen konnte. Freytag handschr. 1, 85;
wo über mauern, welche halb verwittern,
ein wilder lorbeerbusch die zweige bieget.
Platen 98.
vgl. dazu feuermauer, brandmauer, giebelmauer, scheidmauer.
5)
der plur. mauern, als synekdoche für das gemauerte haus (oben 4): wündschet Jerusalem glück, .. es müsse friede sein inwendig deinen mauren, und glück in deinen pallasten. ps. 122, 7; und wenn deine braut, wie eine wohlfeile dirne, den umarmungen deines todfeindes wäre zugeschleppt worden, wo ihre unschuld nur thränen zu waffen, nur taube mauren zu hörern hatte? Schiller Fiesko 2, 12 bühnenbearbeitung; das eitle betrogene mädchen verweine seinen gram in einsamen mauren. kabale u. liebe 3, 4;
in diesen mauern, diesen hallen,
will es mir keineswegs gefallen.
Göthe 12, 94;
heilige mauern, kirche und kloster:
längst hätt ich diesen hof
verlassen, diese welt verlassen, hätte
in heilgen mauern mich begraben.
Schiller don Carlos 2, 7;
mauern auch für die damit umgebene stadt (oben 3):
nicht waffen tragend durften sie sich nahn,
nicht in denselben mauren übernachten.
braut von Messina v. 40;
und geflügelt diesen mauern
seh ich das verderben nahn.
Kassandra;
wenn mich mein böses mädchen plagte,
wenn der verdrusz mich aus den mauern jagte,
war ich verwegen gnug und wagte
dich aufzusuchen, eh es tagte,
auf deinen feldern, die du liebst.
Göthe 56, 59;
der geselle zieht dem staate keine kinder, trägt keine einquartierung, bezahlt wenig schatzung, und fleugt bei dem geringsten ungewitter über die mauer (entfernt sich leicht aus einer stadt). Möser phant. 1, 289.
6)
die mauer in sprichwort und redensarten: wolten alles mit dem kopf durch die mauren, man solte den bund mit feuer und schwert dempfen. Schütz 160; keine henne fliegt über die mauern, gallinae moeniae non transvolunt. Pistorius thes. par. 1, 44 (d. h. in einer stadt hat der sonst zum zinsen von hühnern verpflichtete leibeigne keine zu entrichten); er ist ein guter soldat hinder der mauer, fortis est in praesidiis. sic praesidiarios milites per contemtum vocant soldaten hinder der mauer. Stieler 1256; einige soldaten sind nur hinter der maur gut, quidam militum tantum in praesidiis boni sunt. Frisch 1, 650ᵇ; es zoge einsmals ein armer mensch, der das brodt bettelte, einen hund auf, und nennet ihn Vulgus, das ist, Hans Omnis, oder Hans hinter der mauren. als er darumb gefraget ward, antwortete er: vulgus amicitias utilitate probat .. wann ich den hund speise, folget er mir. Schuppius 404; die mauern machen das kloster nicht. Simrock sprichw. 368;
wer uber houbet howen wil,
der mac nicht lange tûren:
gewalt brichet mûren.
livl. chron. 3088;
in vergleichen, welche festigkeit und sicherheit hervorheben: die kinder Israel giengen hin ein, mitten ins meer aufm trucken, und das wasser war jnen fur mauren, zur rechten und zur linken. 2 Mos. 14, 22; das gut des reichen ist jm eine feste stad, und wie eine hohe mauer umb jn her. spr. Sal. 18, 11;
nimmer wird es (Padua) nun, ich weisz es, durch barbaren unterjocht:
eure panzer sind wie mauern, euer busen ist ein wall!
Platen 313;
er zurteilet das meer, und lies sie durch hin gehen, und stellet das wasser, wie eine maur. ps. 78, 13; wenn die pferde in vollem rennen waren, so durfte er nur machen: burr! und auf einmal standen sie, wie die mauern. Lessing 1, 546; vergiszt man wunden so bald — da wir glück, ehre und leben in die schanze schlugen für dich? da wir stunden wie mauren? Schiller hist.-krit. ausg. 2, 330 (räuber trauersp. 5, 7); der Deutsche (fechtmeister) stand in seiner positur wie eine mauer. Göthe 24, 232;
die Lettowen durch die selbe nôt
nicht wolden von dem sturme gân.
man sach sie sam eine mûre stân.
livl. chron. 10060.
7)
mauer bildlich; von personen: ich bin eine maur, und meine brüste sind wie thürne, da bin ich worden fur seinen augen, als die frieden findet. hohel. 8, 10; und allerdings hat Kant das seltne glück, auf einer bühne zu agieren, der es nicht an einer einfassung und mauer von köpfen fehlt, aus denen seine laute heller und resonierend zurückschlagen. J. Paul Qu. Fixl. 21; namentlich solchen, die schutz gewähren: ich wil dich heute zur festen stad, zur eisern seule, zur ehernen mauren machen im ganzen lande, wider die könige Juda. Jer. 1, 18; ich habe dich wider dis volk, zur festen ehern mauren gemacht, ob sie wider dich streiten, sollen sie dir doch nichts anhaben. 15, 20; und ich wil, spricht der herr, eine fewrige maur umbher sein. Sacharja 2, 5;
mit seines leibes maur sperrt er den wilden feinden
gleich vornen an der spitz den zugang bei den freunden.
Zinkgref bei Opitz (1624) 220;
denn fortgebracht durch kriegesschritt,
eh, als sie sichs versah,
stand er (der rest des heeres), er stand mit starkem tritt
in langer mauer da!
Gleim 4, 53;
erst die reisigen stellt er mit rossen zugleich und geschirren,
hinten sodann die männer zu fusz, die vielen und tapfern,
mauer zu sein des gefechts.
Ilias 4, 299;
von dingen: die stad No der regenten, die da lag an den wassern, und rings umbher wasser hatte, welcher mauren und feste war das meer. Nahum 3, 8;
ihr berge! die ihr eüre spitzen
bis an die fernen wolken türmt,
ihr seid die mauern, die uns schützen,
wenn macht und frevel auf uns stürmt.
Drollinger 8;
ach stünde nur dein eingerisznes haus
so feste noch, als wie des himmels mauern!
299;
ich horcht umher, und fand, der vogelbauer,
aus dem der süsze schall sich wand,
sei ein gezelt von myrten und akanth,
durch dessen dicht verwebte mauer
die sonne selbst zu sehn nicht möglich fand.
Wieland 17, 150 (Idris 3, 33);
rings der bäume grüne mauer.
Scheffel trompeter s. 127 (8. stück);
von eigenschaften: unschuld ist die beste mauer, fortissimum praesidium, portus et ara innocentia est. Stieler 1256; ein gut gewissen ist eine starke maur, nil conscire sibi murus aheneus est. Frisch 1, 650ᵇ; keine festere mauer denn einigkeit. Simrock sprichw. 368; der weise, der die mauern der sterblichkeit durchbrechen wollte, sinkt abwärts. Schiller hist.-krit. ausg. 2, 352;
die schicklichkeit umgibt mit einer mauer
das zarte leicht verletzliche geschlecht.
Göthe 9, 143;
jene stiersdummheit, die von natur ein brett hat und nachher so oft eherne mauer genannt wird. Herder z. litt. 19, 82.
8)
mauer, im bairischen sprachgebiete, auch fels, felswand. Schm. 1, 1638.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1882), Bd. VI (1885), Sp. 1773, Z. 27.

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Zitationshilfe
„mauer“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/mauer>, abgerufen am 20.10.2021.

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