Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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maul, n.

maul, n.
os.
1)
das wort, dessen ursprung noch dunkel ist und dem vergleiche aus urverwandten sprachen mangeln, tritt in altgermanischen sprachen in verschiedener form auf, und bezieht sich hier auf thiere; das vorhandensein im gothischen ist aus dem verbum faúr-mûljan das maul verbinden zu erschlieszen: ni faúrmûljais aúhsan þriskandan. 1 Cor. 9, 9; im altnord. ein masc. mûli thierschnauze, auch landspitze (Vigfusson 439ᵇ), ahd. fem. mûla: rostrum snabul ł. mûla Steinmeyer-Sievers 2, 732, 1; nur das fries. masc. mûla meint den menschlichen mund: oppane bûc etreden thettet blôd up tô thâ mûla lêpen sê. Richthofen 332ᵇ, 4. das im ahd. belegte, zweifellos auch alts. altnfr. vorhandene fem. mûla setzt sich im mitteldeutschen, wie im niederdeutschen als fem. mûle fort (Lexer 1, 2219. Schiller-Lübben 3, 132ᵃ); os mûle l. vlabbe Dief. 402ᵃ; ebenso mnl. mûle:
doe tooch Reinaert uut sijnre mulen
sijn hant, die daer te voren in stac.
Reinaert 7340 Martin;
mhd. aber erscheint nun das neutr. mûl, bezogen, wie im mnd., nicht nur auf thiere, sondern in derber oder nicht gewählter rede auch auf menschen; das sich anschlieszende nhd. maul behält den mhd. sprachgebrauch, nur mundarten, die mund nicht oder fast nicht brauchen, verwenden maul auch für jenes edlere wort (bairisch. Schm. 1, 1585 Fromm.; fränkisch-hennebergisch. Fromm. 2, 402; alemannisch. Tobler 326ᵇ); was sich auch in der schriftsprache bisweilen geltend macht: der mund oder das maul, bucca, os Maaler 295ᵃ; Chariclia besudlet (um sich unkenntlich zu machen) das angesicht, thet ein schmutzigen schleyer umb das maul. buch d. liebe 206ᵃ; Mariana wirft den mandel vom maul. J. Ayrer 407ᵃ (2043, 33 Keller); übergang in den begriff der lippe: legte er das untere maul vor das obere (beim schlafen). Felder Nümmamüllers 52; ein übergang, der durch die zweitheilung des mundes nahe liegt, und auch gelegentlich in der älteren sprache in einer redensart sich sichtbar macht, die sonst unten zu 7, n gehört: derowegen hielt ich das maul übereinander (schwieg still). Schweinichen 1, 191.
2)
maul an thieren, eine allgemeine bezeichnung, welche verwendet wird, soweit nicht andere, zugleich die form umgebender theile hervorhebende namen (schnauze, rüssel, schnabel, rachen u. ähnl.) im gebrauche stehen: diu swein habent die art, daʒ si daʒ ertreich umbwüelent und daʒ si mit den mäulern in horwigen unlustigem ertreich rüedent. Megenberg 121, 30; si (die katzen) habent langeʒ hâr pei den mäulern. 151, 31; etleich sprechent, daʒ der fuhs ein stinkend maul hab. 163, 26; die merhund pellent niht, si hûchent neur mit den mäulern. 234, 23; ich wil meine schafe erretten aus jrem (der wilden thiere) maul, das sie sie hin furt nicht mehr fressen sollen. Hes. 34, 10; es kam ein lewe und ein beer, und trug ein schaf weg von der herde. und ich lief jm nach und schlug jn, und errettets aus seinem maul. 1 Sam. 17, 35; das ander thier hernach, war gleich einem beeren .. und hatte in seinem maul unter seinen zeenen drei grosze lange zeene. Dan. 7, 5; macht küchlin daraus, und warfs dem drachen ins maul. vom drachen zu Babel 26; du solt dem ochsen der da drisschet, nicht das maul verbinden. 5 Mos. 25, 4; als er aber demselben (fisch) het den angel usz seinem maul gelöset. Steinhöwel (1555) 86ᵇ;
daʒ bœse tuster ungeslaht
sluoc ûʒ aller sîner maht
den müeden bern über daʒ mûl.
Haupts zeitschr. 6, 180, 227;
vom drachen und der mit ihm verglichenen hölle: der erschrockenlich drach ist das maul der hellen, das begehrt alle menschen zu verschlucken. Keisersberg narrensch. 95ᵇ; zumal gern vom pferde gebraucht: ye muͦtiger ein pfärdt ist, ye tiefer es die nasen und maul in das wasser senkt. Forer thierb. 133ᵇ; derowegen ist sehr viel an dem maul gelegen, dasz es von natur also geschaffen und geartet seie, dasz ein pferd leichtlich und wol könne gezäumet werden. Böckler kriegsschule 961; zur schönheit eines pferdes werden erfordert ... ein feuchtes rothes nicht allzu enges noch schwarzes maul. öcon. lex. 1869; ein weiches maul, hartes maul ( Adelung), je nachdem das pferd den druck des gebisses leicht empfindet oder nicht; man sagt ein pferd hat das maul verloren, wenn es durch zu straffes zügeln das gefühl darin eingebüszt hat, vgl. auch hartmäulig;
sie (die bremse) flog ihm nach, um ihn zu stechen,
und stach den schimmel in das maul.
Gellert 1, 45;
zaum und gebisz werden zur lenkung hinein gelegt: seid nicht wie rosz und meuler, die nicht verstendig sind, welchen man zaum und gebisz mus ins maul legen, wenn sie nicht zu dir wöllen. ps. 32, 9; bildlich: sihe, ich wil dich herumb lenken, und wil dir einen zaum ins maul legen, und wil dich er aus füren, mit alle deinem heer. Hes. 38, 4; geschenk und gaben verblenden die weisen, und legen jn einen zaum ins maul, das sie nicht strafen können. Sir. 20, 31; sprichwörtlich:
dem geschenkten gaul
soll man nicht sehn in das maul.
in geschenktum gaulum,
non debes inspicere maulum.
Pistorius thes. par. 8, 86
(weil die güte des pferdes durch die beschaffenheit der zähne erkannt wird).
3)
maul, von menschen, vgl. oben 1 und mund. das derbe und unedle des ausdrucks wird öfters durch die gegenüberstellung von mund herausgehoben: nu hat doch ja Christus, allen seinen christen zugleich, einerlei taufe, sacrament, evangelium, gegeben und gelassen, und kein unterscheid der personen wöllen haben, wo kompt denn solcher unterscheid her? das unser lieber tröstlicher schatz, in des priesters hand und maul, ein opfer wird, und in unsern henden und munde, nicht kan ein opfer sein? Luther 5, 195ᵇ; wer seinen mund bewaret, der bewaret sein leben, wer aber mit seinem maul her aus feret, der kompt in schrecken. spr. Sal. 13, 3; die narren haben jr herz im maul, aber die weisen haben jren mund im herzen. Sir. 21, 28; auch durch gleiche entgegenstellung die gröbere form bezeichnet:
weil ich die bildsamste bin von allen sprachen; so träumet
jeder pfuschende wager, er dürfe getrost mich gestalten,
wie es ihn lüste? man dehnt mir zum maule den mund; mir werden
von den zwingern die glieder sogar verrenkt.
Klopstock 7, 4 (unsre sprache an uns);
es heiszt in bezug auf die gestalt ein groszes, breites, schiefes maul; er hat ein maul bis an die ohren, er reiszt sein maul bis zu den ohren auf; der ein hoch maul hat mit fürgehenkten zänen, brochus. Dasyp.; weit maul, ein grosze wafflen, os laxum. Maaler 285ᵃ; der ein grosz maul hat oder wafflen, homo bucculentus. ebenda; er (ein marktschreier) machte ein maul von 3. 4. 5. 6. ja 7. ecken. Simpl. 3, 183 Kurz; ein böses maul, os scabiosum Stieler 1254;
ich bin zu ungeschaffen,
und hab zu mal ein weites maul.
fastn. sp. 248, 17;
ah, nun besinn ich mich — an deinen rothen haaren
und an dem weit gespaltnen maul.
Wieland 18, 153;
glatt ums maul, von einem noch jungen ohne starken bartwuchs;
reit wider hin in das schlos zw der frauen mein,
und sprich das man den pfaffen nit thue lasen ein,
so er kumet und wil mes lesen heute;
wan er ist glat umb daʒ maul und puberei voll.
meisterl. ms. germ. Berol. f. 23, nr. 78;
rauch ums maul, mit bart versehen: ein menlich ernstlich bilde .. das rauch umbs maul her ist, und hat einen scharfen bart. Luther 4, 269ᵃ; wie der bart vom maule weggenommen wird:
man pflegt sich jetzt den bart vom maule zu gelosen.
Logau 2, 60, 37;
ein dürres, trockenes maul hat der durstige: das maul ist so dürr, dasz ihm die zunge als ein alter pelzfleck an dem gaumen herum zappelt. Chr. Weise erzn. 152 Braune; ein blaues maul, der blutlose: blau maul, os luridum, pallens, lividum. Stieler 1254; stinkend maul, os foetidum, olens. ebenda; das maul aufmachen, zumachen; das maul zersperren, krümmen oder verkeeren, wüst zennen, distorquere os. Maaler 285ᵃ; das maul krümmen, zerren, os, labra distorquere. Stieler 1254; das maul ausspülen, os aqua proluere, gargarizare, das maul wischen, extergere os. 1255 (vergl. dazu unten 5, d); aufs maul fallen, luto turpare frontem, turpiter cadere. Frisch 1, 649ᵇ; nach dem sprichwort geht dem, der bald ertrinken will, das wasser ans maul, ins maul, und dann dem, mit dem es überhaupt gefährlich steht: das wasser geht ihm bis ans maul, in magno periculo est, ad restim res venit. Frisch 1, 649ᶜ;
denn wer nit weist, was sich gezimt,
der lernet es, wan im da schwimt
wasser ins maul, als man denn spricht.
Joh. Heros ird. pilgerer (1562) 41ᵇ.
4)
gestalt und beschaffenheit des maules werden namentlich durch verlangen, begierde, zuneigung oder abneigung eines menschen bestimmt oder verändert.
a)
das maul spitzt, wer reden will: ich hatte schon das maul gespitzt, und wollte sagen: Hans, kennet ihr mich nicht mehr. Schuppius 114; fragte die hochverständige frau, was denn ein ruhewisch vor ein ding wäre? worauf diese ihr rathsames maul in so viele hochweise falten zusammen fitzte, und recht dreieckicht formirte, woraus eine rechte melirte antwort wurde. rockenphil. 2, s. 279; oder pfeifen: bald spitzte er das maul, und pfiffe eine sarabande daher. Chr. Weise erzn. 103 Braune; es hilft nicht maul spitzen, sondern pfeifen. Simrock sprichw. 370; oder der sich ziert, vergl. maulgespitzt, maulspitzen, maulspitzend; dafür auch maul rümpfen:
ihr leute, seht mir doch mit an,
was sich das mensche ziert,
wie sie das maul gleich rümpfen kan,
wan sie ein grusz verführt.
Amaranthes 493;
oder der küssen möchte:
wer weisz, wie viel bereits in stillen flammen schwitzen,
und schon auf deinen kusz die lüstern mäuler spitzen?
Günther 764.
b)
das maul wässert dem lüsternen: auch fieng ich nach und nach an, meines rittmeisters zu vergessen, weil er mir nicht mehr warm gab; und indem ich sahe, dasz meiner würthin töchter so guten zuschlag hatten, wurde mir das maul allgemach nach neuer speise wässerig. Simpl. 3, 28 Kurz; Florindo, dem das maul allezeit nach der liebsten wässerte. Chr. Weise erzn. 63 Braune; das beste essen und trinken, was der geschmack nur wünschen kann, setzt Bunkel, als einer dem von der erinnerung noch das maul wässert, hinzu. Wieland 5. suppl.-band 2, 105;
und was Aeneas dort in jener höhle schmeckte, ..
das wird auch dir nunmehr von wollust zugedacht,
so dasz das beispiel mir das maul schon wäszrig macht.
Günther 448;
ihm nach desselben weiblein zart
wässert das maul, wackelt der bart.
Rost teufelsepistel, neue Berl. monatschr. 1805, 13, 37;
die reizung ist zu grosz, kein mensch kann widerstehn!
es wässert mir das maul, wie ein gebeizter hase.
Göthe 7, 90;
mit einem andern gröberen ausdrucke: bald aber stinkte mir das maul wiederumb nach Wien. Abele unordn. 3, 40.
c)
das maul hängt, krümmt, wirft auf, verzieht, macht schief der unzufriedene, ärger, hohn oder verachtung anzeigende (vergl. dazu kuhmaul hängen theil 5, 2573): sonst sollen sie jar und tag ... zeen blecken, maul einbeiszen und sawr sehen. Luther 5, 51ᵃ; da schüttelt er denn den kopf, und lachet in die faust, spottet dein, und wirft das maul auf. 6, 160ᵃ; wenn ein armer gesell eine reiche bekompt, so wil sie herr sein, und wenn er jr ein wort saget, das jr nicht gefellet, so wirft sie das maul auf. tischr. 308ᵇ; mit krummem maul ansehn. Bocc. 2, 16ᵇ; nun müste es jungfer Marigen ihm an dem krummen maule ansehen, dasz er in sie verliebt wäre. Chr. Weise erzn. 75 Braune; der gute Mopsus warf das maul auf und sagte, er hätte ihm noch keinen boten geschickt, der ihn um die freundschaft ansprechen solte. 192; drumb sol das frauenzimmer nicht alsbald das maul hängen, wann sie von den ihrigen eine abschlägige antwort bekommen. Schuppius 16; wenn dir eine ratte durch den kopf läuft, dasz du einen morgen nicht reden magst, oder bei tische das maul hängst, sag ich da was drüber. Göthe 57, 104; und wir drängten und schossen und hieben, dasz sie die mäuler verzerrten und ihre linien zuckten. 8, 173; man zog spöttisch das maul, als ich versicherte, die valute baar hergegeben zu haben (Tellheim spricht). Lessing 1, 577; auch dich, mein lieber Hermann, wird er seine geiszel fühlen lassen, wird dir ins angesicht speien, wenn du ihm auf der strasze begegnest, und wehe dir dann, wenn du die achsel zuckst oder das maul krümmst. Schiller räuber 2, 1; er, der schon das glück, wenn es ihm ein schiefes maul schnitt, so lange, wie kinder einander, anlachte, bis es wirklich selber anfangen muszte, zu lächeln. J. Paul Qu. Fixl. 157;
(sie dürfen mich) mit bitterm hon verlachen,
und schüttend jhren kopf mit spot
auch krumme mäuler machen.
Weckherlin 87;
wie manchen fluch — noch mögen unterm boden
sich seine knochen drehn —
Terenz erpreszt, trotz herrn Minellis noten,
wie manch verzogen maul gesehn.
Schiller hist.-krit. ausg. 1, 354;
Margretlein zog ein schiefes maul.
Göthe 12, 145;
dies letztere aber auch, um geheime andeutungen zu machen: ich fing darauf an, ein unsinniges mittagmahl zu bestellen .. der kellner, den ich durch ein paar schiefe mäuler zum vertrauten gemacht hatte, half mir endlich. 18, 156.
d)
solches heiszt aber auch nur ein maul machen, das maul machen:
was nutzt mir ein schöner apfel,
wann er innen ist faul,
was nutzt mir ein schön schätzle,
es macht mir nurs maul.
Würtemb. volkslied (vgl. wunderhorn 3, 457);
auch ein maul ziehen, ohne nähere bestimmung:
nie war ihr blick so mörderlich,
als wenn sie spöttisch die nase rümpfte,
ihr mündchen nie so küsserlich,
als wenn sie mäuler zog und schimpfte.
Wieland 21, 14.
e)
der verwunderte und der gaffende sperrt das maul auf, das maul steht ihm offen, in verstärkender formel auch maul und nase, maul und augen: (die kriegsleute) wenn sie das maul aufhaben, und nicht mit hohem vleis ein jeder seiner schanz wartet, werden sie gar weidlich zublewet. Luther 6, 147ᵃ; da er doch meinet, er wolte diese andere instanz mit offenem maul gewinnen (ohne etwas dazu zu thun). Ayrer proc. 2, 6; 600. menschen, die vor verwunderung maul und augen aufsperrten und der kälte vergaszen. Simpl. 3, 183 Kurz; folgenden tag war die hochzeit angesetzt, da muste unsere compagnie maul und nase aufsperren, dasz sie alles recht betrachten und einnehmen kunten. Chr. Weise erzn. 158 Braune; (er) fragte erst italienisch, sprach dann etwas Tyrolerdeutsch, ... dann französisch, dann englisch und endlich latein. die anwesenden machten ohren, maul und nase auf, um so viel als möglich zu capiren. Seume spazierg. 1, 160; zwei nackte figuren von Guido: ein Johannes in der wüste, ein Sebastian, wie köstlich gemahlt, und was sagen sie? der eine sperrt das maul auf, und der andere krümmt sich. Göthe 27, 167;
sichstu ein der sich gedunkt weisz,
das maul stet jm nur offen,
so ist an eim narren mer preisz
noch mit der zeit zu hoffen.
H. Sachs meisterges. v. 1549 (ms. germ. Berol. fol. 23, p. 370);
des pöbelvolks unweiser hauf
ist auch auf ihrer seite;
sie sperren maul und nasen auf
und sprechen: das sind leute!
P. Gerhard 191, 24;
das tumme volk kam häufig zugeflogen,
und sperrte maul und augen auf.
Drollinger 157;
so stand, von neugier hergebannt,
das volk, Hanns Hagel sonst genannt,
schon da mit offnen mäulern.
Blumauer 2, 90;
auch der gähnende reiszt, sperrt das maul auf:
die hölle risz sperrangelweit
das maul hier auf, und gähnte.
121;
endlich der spottende oder drohende, was in verbindung mit der anwendung des wortes unten 7 steht: alle die mich sehen, spotten mein, sperren das maul auf, und schütteln den kopf. ps. 22, 8; und sperren jr maul weit auf wider mich, und sprechen, da, da, das sehen wir gerne. 35, 21; alle deine feinde sperren jr maul auf wider dich, pfeifen dich an, blecken die zeene. klagel. Jer. 2, 16; alle unser feinde sperren jr maul auf wider uns, wir werden gedruckt und geplagt. 3, 46; das maul aufgesperrt aber wird dem verlangenden, gierigen: es sei ein werk, damit man dem volk das maul aufsperre. Luther 5, 170ᵃ; (dasz sie) damit jren widerteil und allen gottlosen papisten das maul aufgesperret, und ursach zu rhümen gegeben haben. 490ᵃ; was sperrest du denn den leuten das maul auf, mit solchen worten ... aus welchen doch nichts folget? 6, 43ᵃ; einem ein grosz maul aufsperren, aliquem magna spe lactare. Steinbach 2, 33; er fertigte mich ab mit sechs reichsthalern, unangesehen er mir im anfang wol von hundert das maul aufgesperrt. Simpl. 2, 290 Kurz.
f)
so sieht man einem auch stimmung oder wert am maule an: niemand aber hatte das herze zu fragen, was er vor eine charge bediente, weil er alle seine reden so einrichtete als solte man an seinem maule ansehen, was er vor ein miraculum hujus seculi wäre. Chr. Weise erzn. 24 Braune; einige waren stille und verdrüszlich, einige beteten, und man sahe es ihnen am maule an, wie sie mit ihrem gott zankten. Rabener briefe 293.
5)
maul, als das speise und trank einnehmende; auch hier in mancherlei wendungen.
a)
speise gibt man ins maul, ein bissen wird ins maul gesteckt, damit zu maule gefahren: sie predigen, es solle wolgehen, wo man jnen zu fressen gebe, wo man jnen aber nichts ins maul gibt, da predigen sie, es müsse ein krieg komen. Micha 3, 5; es felt jm (dem geizigen) ein bluͦtstropf vom herzen, so oft er einn heller auszgibt, so oft mann zum maul fert. Agr. spr. 106ᵃ; er gibt gern seinem maul, wann jn hungert. 105ᵇ; da war der arme schlucker so geizig, als wolte ihm iemand die qvitten nehmen, und steckte sie auf einen bissen in das maul. Chr. Weise erzn. 121 Braune;
und ker (bei tische) die platten fein herumb,
das was dir gfall, fein für dich kumb.
wüls als herumb und sei nicht faul,
und fahr on scham damit zu maul.
grobianus (1568) H 3ᵇ (b. 2, 5);
der trunk geht ins maul, das maul wird geschwenkt: da mochte saufen wer ein maul hatte. Chr. Weise erzn. 158 Braune;
denn es sonst zu besorgen wer,
der köstlich wein kem nimm da her,
und würdst dʒ maul nit mehr mit schwenken.
grobianus G 5ᵃ (b. 2, 3);
sich etwas vors maul kommen lassen, zum verzehren: darumb sollten sie solcher schmarozerei sich in ihr herz hinein schemen, das sie ihnen als ritterleuten solchs lassen vor die meuler kommen. Rommel gesch. von Hessen 5, 753; das maul finden: 'hier ist der löffel! hier!' .. nun nun, nur nicht zu hastig. ich will das maul schon finden. Göthe 11, 272.
b)
mit vollem maule essen, trinken, das maul voll haben: das sie Israel fressen mit vollem maul. Jes. 9, 12;
schafft ihr ein gutes glas, so wollen wir euch loben.
nur gebt nicht gar zu kleine proben;
denn wenn ich judiciren soll,
verlang ich auch das maul recht voll.
Göthe 12, 112.
c)
das fette, schmutzige maul eines wol abgespeisten: was dir nicht sol geschehen, das solt du auch keinem andern zu geschehen verstatten, oder recht erkennen. wann diese regel in acht genommen würde, so würde mancher gewissenloser procurator und advocat nicht mit einem fetten maul zum fenster hinausz gucken (bild einer behaglichen ruhe nach woleingenommener mahlzeit). Schuppius 23; da schneiete so wol das geld als alle andere victualia von allen orten überflüssig her, als dasz ich wol ... mit einem schmuzigen maul zum fenster hinaus sehen konnte. Simpl. 1, 361 Kurz.
d)
nach genommener mahlzeit wischt man das maul: das beurlin (nach dem unversehens erhaltenen essen) wuscht das maul, nam urlop und fuͦr wider darvon. Wickram rollw. 172, 19 Kurz; nachdem sie (knechte und mägde) aber abgegessen und sich die mäuler gewischt hatten. Immermann Münchh. 1, 153;
doch ob dus maul je wischen wolst,
ans tischthuch du es reiben solst.
grobianus (1568) G 3ᵇ (b. 2, 3);
faszt ein tüchtig schinkenbein,
haut da gut taglöhnermäszig drein,
füllt bis oben gierig den pokal,
trinkt, und wischt das maul wohl nicht einmal.
Göthe 2, 198;
das maul wischen, statt alles weiteren dankes für erhaltene mahlzeit: das maul wischen und davon gehen, ingrato animo, sine gratiarum actione abire quasi nihil accepisset. Frisch 1, 649ᶜ; noch gröber aber ist im gleichen falle das ungewischte maul: auch das jenig was man an wein, brodt, und anderer essenden wahr finden und erwischen können, also gar verschlempt, und mit ungewischtem maul darvon gezogen. Wertheimer ded. 1, 261; in bildern: also ist auch der weg der ehebrecherin, die verschlinget und wisschet jr maul, und spricht, ich hab kein ubels gethan. spr. Sal. 30, 20; aber etliche andere, nu sie gesehen, das der karren zu fern und tief in schlam gefurt ist, und nicht mehr lauten wil jr voriges geschrei von eitel brot und wein im sacrament, wisschen sie das maul, und drehen jre wort anders. Luther 6, 105ᵇ; da der schalk Kain seinen bruder heimlich ermordet und verscharret hatte, gieng hin und wisschet das maul, meinet, es solts niemand wissen. 5, 503ᵃ; aber das maul wischt auch der, dem es nur wässerte (oben 4, b) und der doch nichts bekam: müssen die kosten schwinden lassen, das maul wischen und davon gehen. Lehmann floril. 1, 129; wofern fernerweite gute verköstigung ausgemacht wird, musz sich Rieke in Stuttgart das maul wischen. Immermann Münchh. 3, 158; wisch das maul ab, inanis abibis. Serz 97ᵃ;
er (der kranich, der den wolf geheilt hatte) wüscht das maul und gieng davon,
undankbarkeit war nun sein lohn.
E. Alberus 98ᵇ.
e)
das maul hinbringen, eben zu leben haben:
wie jr habt wenig rhu noch rast,
grosz mhuͤ und angst mit kleinem gwin
und könt das maul kaum bringen hin.
H. Sachs fastn. sp. 1, 122, 246;
so ich gar kaum pring hin das mawl
sampt eim so hartseligen leben.
2, 10, 302;
man musz für dasselbe sorgen: man musz meistens vor das maul sorgen, alvus homini plurimum negotii habet. Steinbach 2, 32; es musz sich nach dem beutel, der tasche richten: maul, richt dich nach der tasche. Simrock sprichw. 368;
wiltu an narung bleiben reich,
dein maul dem peütel recht vergleich.
Schwarzenberg 144ᵃ;
der gichtleidende aber wendet das sprichwort anders:
die gicht verbeut den wein zu trinken,
sonst mustu liegen oder hinken;
mich dünkt, es sei ein grosz verdrusz,
wann über maul regirt der fusz.
Logau 2, 54, 4.
f)
bei müheloser nahrung fallen die früchte ins maul: feigenbewme mit reifen feigen, wenn man sie schüttelt, das sie dem ins maul fallen, der sie essen wil. Nah. 3, 12; in kräftigerem bilde nach der fabel: (die trägen) die für und für die hend im buͦsen haben, gienen bisz jn gebraten enten ins maul fliehen. Agr. spr. 14ᵃ; meinte, nun würde ich in Schlaraffenland kommen, da würden mir die gebratenen tauben ins maul fliegen. Chr. Weise erzn. 39 Braune;
wer aber recht bequem ist und faul,
flög dem eine gebratne taube ins maul,
er würde höchlich sichs verbitten,
wär sie nicht auch geschickt zerschnitten.
Göthe 2, 241;
es fliegt einem nichts ins maul, sedentibus atque oscitantibus deus nihil offert. Serz 97ᵃ; du meinst, es soll dir ins maul fliegen, nil agenti tibi de coelo devolaturas in sinum opes censes. 97ᵇ; Italien ist ein schönes land, da sorgt der liebe gott für alles, da kann man sich im sonnenschein auf den rücken legen, so wachsen einem die rosinen ins maul. Eichendorff taugenichts (1874) 36.
g)
der geizige zählt einem die bissen ins maul, sieht einem ins maul: er sieht einem ins maul, bolos dinumerat, quos in os immitto. Serz 97ᵃ; darumb bleib unverworren, behalt deine güter, und sihe den kindern nicht ins maul. Luther 4, 522ᵇ; der sparende darbt, bricht sich etwas am maule ab: dem maul abbrechen, gulae temperare. Serz 97ᵃ; dem maul abgedarbt, ist so gut wie der pacht von einer wiese. Simrock sprichw. 368; während der verschwender alles darauf verwendet: alles aufs maul gehen lassen, arcae effunduntur in culinas, pecunia luxuria prodigitur. Serz a. a. o.; der rücksichtslose oder gefräszige aber etwas vor dem maule wegnimmt, wegfriszt: heulet alle weinseufer umb den most, denn er ist euch fur ewrm maul weggenomen. Joel 1, 5; dasz ihm ein so appetitlicher bissen, als misz Noel vor den blattern war, so nahe am hochzeittag, von dem garstigen knochenmann vorm maule weggeschnappt werden soll! Wieland 5. suppl.-band 2, 113; auch vom maule weg:
ein jeder drängte sich herbei,
hier gab es keine faule;
die gröbsten aber schlugen sich durch
und fraszens den andern vom maule.
Göthe 47, 224;
in freier anwendung und nachbildung: kommt ein französischer herr auf der post uns entgegen, .. nimmt uns die geruhten rosse, wie es denn der brauch auf der post mit sich bringt, vor dem maule weg. Schweinichen 1, 135; es ging ihm vor dem maule vorbei, non accipiebat. Steinbach 2, 33; so spielt sie (die Schütz) den leuten hier zu lande alles vor dem maule weg. die braut von Messina und Maria Stuart hat sie auch schon bei den ohren gehabt. Zelter an Göthe, briefwechsel 1, 449.
h)
einem das hälmlein durchs maul ziehen, s. unter hälmlein th. 4², 241 fg.: lasz dir das helmlin nicht durchs maul ziehen. Agr. spr. 209ᵇ.
i)
sprichwörtlich es ist maul wie salat, zur bezeichnung einer ebenmäszigkeit in zwei verglichenen verhältnissen: es ist eben vieh als stall, gurr als gaul, mann als rosz, deckel wie der haf, maul wie salat, da der esel die distel frasz. Agr. spr. 104ᵃ; das ist ein rechter salat für das maul, sagt ein philosophus, der sonst nie gelacht, sahe er einen esel disteln essen. 14ᵇ; wie das maul, also der salat. Simrock sprichw. 368.
6)
eine reihe formelhafter wendungen gehen von nr. 5 aus, verlaufen aber in die folgende bedeutung 7.
a)
so einem das maul schmieren, eigentlich einem etwas fettes zu kosten geben, bezogen auf das geben schöner, aber unverläszlicher worte: wer kan solchs grob narrenspiel in solchen ernsten sachen dulden? damit sie doch die leute fürnemen bei der nasen zu füren, und das maul schmieren. Luther 1, 373ᵃ; sie schmiren uns das maul, als wolten sie die evangelia nach der schrift auslegung leren. 5, 299ᵇ; darnach der Ziba schmirt jm das maul auch so fein, und kützelt jm die ohren zu rechter zeit. 6, 159ᵃ; damit die papisten nicht denken, wir brüsten uns also mit einem oder zween sprüchen, den leuten das maul zu schmieren. 8, 2ᵃ; ich musz ihr wohl das maul ein wenig schmieren. Lenz 1, 292; ohne die geringste veranlassung von meiner seite, läszt man mich ausdrücklich kommen, thut, wer weisz wie schön mit mir, schmiert mir das maul voll, und hernach thut man gar nicht, als ob jemals von etwas die rede gewesen wäre. Lessing 12, 393.
b)
anders einem etwas ins maul schmieren, überdeutlich sagen, so dasz ein durchdenken des gesagten nicht mehr statt zu finden braucht; das bild lehnt an das kind an, dem man den brei einstreicht:
der gröszte Matz kocht oft den besten brei,
weisz er den gut zu präsentiren,
und jedem lind ins maul zu schmieren,
fährt er ganz sicher wohl dabei.
Göthe 57, 262;
ins maul streichen, praemensum in os ingerere, inferre Serz 97ᵇ.
c)
das maul verbrennen, eigentlich durch zu heisze speise:
das etwan wer die kost so heisz,
und hetst das maul verbrent darmit.
grobian. (1568) F 6ᵇ (b. 2, 2);
übertragen auf das schaden durch reden: das maul verbrennen, verbis aliquem laedere, loqui quae illi gravia sunt, pati aliquid ob ea quae quis liberius locutus est. Frisch 1, 649ᶜ; er hat sich das maul verbrannt, liberiori loquendi audacia damnum sibi attraxit. Steinbach 2, 33; wer will sich an allen alten Gasconiern das maul verbrennen. Chr. Weise erzn. 47 Braune;
dein witz verspottete den rath der chiromanten,
die oftermals an dir das freche maul verbrannten.
Günther 538.
d)
das maul schwenken, mit einem oder etwas, immer im munde führen, häufig davon reden: er behelt den diebstal nicht heimlich, sondern sprengt ihn unter die leut, dasz jeder das maul mit zu schwenken hat. Lehmann 137; auch das maul waschen: yederman wäscht das maul mit jm, er ist aller wält im halsz, in ore est omni populo. Maaler 285ᵃ;
was darfst du dein maul mit mir waschen?
H. Sachs 1, 513ᶜ;
das maul in alles hängen (eigentlich wie in die eszschüssel, das trinkglas), über alles mitreden.
7)
maul, das sprechende.
a)
es heiszt ein böses, loses, unnützes, schändliches, schandbares, lästerliches, gottloses maul haben; ein loses maul, os impudens, verfluchtes maul, impium, execrandum, böses maul, infidum, perjurum, zweizüngig maul, os bilingue Stieler 1254; unverschämpt und schamper maul, os durum, impudens Maaler 285ᵃ; auf montag nach Palmarum hielt Conrad Letzkau bürgermeister dem andern bürgermeister Benedict Peinig im rath für, wie er mit seinem maul sie alle schier ums leben hette gebracht. Henneberger preusz. landtafel 68; er war schlecht und recht, er hatte ein ehrlich herz und ein aufrichtiges maul, und was er sagte, das meinte er auch. Schuppius 144; einer rühmte sich, als wär er wegen seines losen mauls allenthalben im beruf. Chr. Weise erzn. 206 Braune; wegen .. unnützen mauls. mägdelob 41; dein loses maul, dein böses gewissen verführen dich zu solchem geschwätz. Göthe 8, 246; man hatte immer von meinem unruhigen kopf und von meinem bösen maule zu reden. 20, 23; der herr hat auch ein verfluchtes maul über die officiers. Lenz 1, 267;
darumb ich dein pos maul neur fleuh,
und zu frumen leuten ein zeuh.
fastn. sp. 254, 2;
solt ich mein herz nicht an dir külen
und dir dein böses maul erknüllen?
H. Sachs fastn. sp. 1, 45, 249;
mir stehn gen berg all meine haar
vor deim giftigen, bösen maul.
2, 68, 282;
kein meister hat das schlosz erdacht,
das rohe mäuler sprachlos macht.
Hagedorn 2, 42;
herr nachbar, er hat ein böses maul,
er gönnt dem herrn pater keinn blinden gaul.
Göthe 13, 61;
vil mauls, ein gutes maul hat der viel sprechende: die vil mauls hand, die soltu nit reizen. Keisersberg sünd. d. m. 42ᵃ; nun wolten zwar diejenigen, welche sonst viel mauls hatten, mit mir nicht fort. Schweinichen 1, 180; sein maul ist gut, est illi lingua promta. Serz 96ᵇ; kein maul der im sprechen ungelenke: der kein maul hat, mutus et iners homo. Steinbach 2, 33; hast du kein maul? mutus ne es? non respondebis? Frisch 1, 649ᵇ; ein groszes, weites maul der prahler: groszes maul und keine courage, extra bella leo, lepus in discrimine pugnae. Serz 97ᵃ; bei nackten nonnen hast du ein groszes maul, aber wenn du zwei fäuste siehst .. Schiller räub. 2, 3;
trutz das euch niemant thu kein leit,
wer im sein maul halt noch so weit.
fastn. sp. 549, 27;
der held Petit, vom maule grosz,
fieng an zu thrasoniren.
Blumauer 2, 237;
ein ungewaschenes maul der, welcher schmutziges spricht:
mein ungewaschnes maul nachdrücklich zu bestrafen.
Günther 457.
b)
wer gut und geläufig spricht, ist nicht aufs maul gefallen; hat das maul auf dem rechten flecke; ihm geht stets das maul, garrulus est. Steinbach 2, 32; Ol. es scheint, ihr seid dazu bestellt, wahrheiten zu sagen. L. weil ichs herz dazu hab, so fehlt mirs nicht am maul. Göthe 8, 38; wo in aller welt bringst du das maul her, junge? Schiller kab. u. liebe 1, 7; Röse. ich lüge nicht. richter. ich glaube ihr wiszt es selbst nicht, so glatt gehts euch vom maule. Göthe 14, 297; dem geschwätzigen steht das maul nicht still: sein maul schickt sich nicht zu gallert, es steht nie stille. Simrock sprichw. 369;
der sechst steckt pös gespeis so voll,
das im das maul nimer gestet.
fastn. sp. 336, 27;
den ganzen tag ist das zanken, schänden und schmähen so gemein bei jhr, dasz jhr maul froh ist, wann es nacht wird. Phil. Lugd. 5, 324; sonst heiszt es auch von einer schwätzerin: wenn sie stirbt, musz man ihr das maul besonders todt schlagen; vgl. noch th. 2, 1359 a. e.
c)
wer frei und ohne scheu etwas heraus sagt, nimmt kein blatt vor das maul, belege unter blatt 2, th. 2, 74, die dort gegebene deutung ist wol nicht richtig, vielmehr ist das blatt hier das zeichen der scham, und die redensart frei nach der biblischen erzählung von dem ersten menschenpaare, das seine nacktheit mit feigenblättern verhüllt (1 Mos. 3, 7), herausgebildet: kein blat vors maul nehmen, sine omni simulatione libere loqui. Frisch 1, 649ᶜ; der wein nimpt kein blat fürs maul. Agr. spr. 347ᵇ;
jedoch die wahrheit redt und nimmt kein blat vors maul.
Günther 418;
in einem andern bilde das maul nicht in die hosentasche stecken: wann sie mich aber mit der feder angreifen wollen, so wil ich .. meine feder und mein maul nicht in hosensack stecken, sondern mit gottes hülf sehen, dasz ich ihnen allein manns genug sei. Schuppius 271.
d)
der sprechende thut das maul auf: das maul zu weit aufthun, liberius loqui. Steinbach 2, 32; sich nicht getrauen das maul aufzuthun, non audere hiscere. 33; mach das maul auf, claris verbis loquere! Frisch 1, 649ᶜ; sie sagt, du muszt einmal das maul aufthun. Pauli schimpf 92; (dasz der prediger) auch das maul frissch und getrost aufthue, das ist, die warheit und was jm befolhen ist zu predigen, nicht schweige noch mummele, sondern on schew und unerschrocken bekenne. Luther 5, 347ᵇ; und wo einer frembde ist, thar er sein maul nicht aufthun. Sir. 29, 31; sie haben jr gottloses und falsches maul wider mich aufgethan, und reden wider mich mit falscher zungen. ps. 109, 2; ihr priester must das maul recht aufthun, oder gott wird vieler groszen herren und reichen schlemmer blut von euern händen fordern. Schuppius 88; funfzig mäuler öffneten sich zugleich zu der nehmlichen frage, und fielen wieder zu, weil sie sich aufgethan hatten, ehe sie wuszten was sie fragen wollten. Wieland 19, 243; kannst du denn das maul nicht aufthun? Lenz 1, 295; auf der stell zum minister will ich. ich zuerst will mein maul aufthun. Schiller kab. u. liebe 2, 4; von dém das maul nicht aufthun, was man nicht versteht. Pestalozzi schriften 2, 77; jetzt thut kein pfarrer das maul auf dagegen (gegen das prozedieren). J. Gotthelf schuldenb. 241;
so thu nur auf das maul bei zeiten.
Kotzebue dram. sp. 1, 19;
es heiszt auch das maul herauslassen: bitt dich, lasz das maul heraus! Lenz 1, 182; das maul brauchen: mehr das maul als die faust brauchen, fortius de aliqua re loqui, quam pugnare. Steinbach 2, 33; habt ihr auch schon den Hartknopf gehört, wie er über die predigt sein maul braucht? Pestalozzi Lienh. u. Gertr. 2, 17; und brauchst dein maul, sie mit den unverschämtesten bosheiten und lügen zu kränken. 96.
e)
das maul reiszt auf der zornige: gegen die groszen und kleinen sultane reiszt die mäuler auf, wenn ja deklamiert werden musz! diese sind die ersten und letzten ursachen alles übels in der welt! Wieland 8, 143; was die fürsten vor weite mäuler machten, und die geistlichen am ärgsten! euer bischof lärmte dem kaiser die ohren voll, und risz das maul so weit auf als kein anderer. Göthe 42, 39, vgl. 8, 32;
den kläffer, der mit lügen
gleich als mit waffen kämpft,
und nichts kann als betriegen,
den hast du oft gedämpft;
wenn er, gleich einem drachen,
das maul hoch aufgezerrt,
so hast du ihm den rachen
durch deine kraft gesperrt.
P. Gerhard 334, 46;
einen mit dem maule zerreiszen, ore aliquem discerpere. Steinbach 2, 32.
f)
die worte werden ins maul gegeben: wem gott das wort ins maul gibt. Luther 4, 86ᵃ; man redet, wie es einem ins maul kommt; schwätzen was einem ins maul kumpt, es seye guͦts oder bösz, garrire quidlibet. Maaler 285ᵃ; ich sage die sachen wie sie mir ins maul kommen. Göthe 36, 77; so war Roquairol ein freidenker bis zum renommistischen freiredner, und sprach nach seinem eignen ausdruck, der zugleich das beispiel war, 'von der leber und vom maule weg'. J. Paul Tit. 2, 122;
und hieszt mich wechselbalg und kauz und murmelthier
und was vors maul euch kam.
Wieland 18, 156;
zwei übereinstimmende reden aus éinem maule: wir müssen nach wie vor, aus einem maule reden, und sie des ehebruchs beschuldigen. H. J. von Braunschweig 95 (Susanna 3, 5); der in gleichem sinne redende nimmt einem das wort aus dem maule: er nimmt mir das wort aus dem maul, ex ore orationem mihi eripuit. Serz 97ᵇ; ein unbedachtes wort fährt einem aus dem maule, springt einem übers maul: und springt einem ein nasenweises wort übers maul — bumbs! habens fürst und matresz und präsident. Schiller kab. u. liebe 1, 2; er (Fiesko) besorgt, weil ich um seine schliche weis, werd ich seine ehre über mein maul springen lassen, wenn er herzog ist. Fiesko 3, 7.
g)
der schwätzer und prahler nimmt das maul voll (anders oben 5, b): das maul voll nehmen im reden, erumpere in verba. Serz 97ᵇ; sie sehen, herr Basedow nimmt das maul voll, er mag schmähen, oder er mag loben. Lessing 6, 224; der mann nimmt das maul gar zu voll, und möchte lieber ein orakel in solchen dingen vorstellen. 12, 196; er will das maul allein haben: er will das maul allein haben, er läszt keinem zum wort kommen, solus loqui vult, ceteri tacere debent. Frisch 1, 649ᶜ; wer aber in der rede stockt, hat brei im maule (vergl. breimaul): haben sie quark im maule, dasz sie nicht mit uns reden können? Göthe 34, 222 (Benv. Cell. 1, 4); von dem mit scharfer zunge heiszt es: dʒ die weiber sanft und still sollen sein, das ist, sie sollens schwert nit im maul fuͤren. Agr. spr. 198ᵇ; von doppelzüngigen: (sie sagen) der glaube macht gerecht, wenn die werk dabei sind, sonst ist er nichts. das heiszt, warm und kalt aus einem maul blasen. Luther 6, 105ᵇ; der schweigsame will das maul nicht gönnen: einem das maul nicht gönnen wollen, obstinatum esse ad tacendum. Steinbach 2, 33; er schont sein maul: da auch ich, wie es einem ziemt der eben das sechzigste jahr betritt, mein maul schone und dafür meine zwei ohren arbeiten lasse. Zelter an Göthe, briefwechsel 2, 420.
h)
man macht einem das maul, schwatzt ihm etwas vor: einem das maul machen, promittere alicui aliquid, spem facere. Frisch 1, 649ᵇ; schmucks wie du wilt, so last jhm gott kein maul machen, noch wechsin nasz draen. S. Frank trunkenh. B 3ᵇ; sy stehen fest auf dem buͦchstaben als auf gottes wort (damit yhn der teüfel ein maul macht). weltb. 161ᵃ; wiewol es ein lächerlich ding ist, und der teüfel schon apt, die bisthumb verwesen hat, doch macht er dannoch seiner sach ein maul, als wolt er auch gern frumm sein. chron. 1531 376ᵃ; es geht in der welt lauf nit anders durchausz, dann dasz man einander das hälmlin durchs maul zeucht, das süsz umb die ohrn, und den falben hengst streicht, ein ströwin bart flechtet, ins gemalte stüblin füret, ein maul macht. Agr. spr. 358ᵇ; indem ich ihr dieser gestalt das maul machte, als wann ich bei ihr verbleiben wolte. Simpl. 3, 178 Kurz; er macht einem nur das maul, gratificatur tantum verbis, largitur lingua. Serz 96ᵇ;
das maul hast mir gemacht immer,
ich sei die liebst, du wölst mich nemen.
H. Sachs fastn. sp. 1, 125, 28.
i)
man fährt einem übers maul, indem man ihn barsch zur ruhe verweist: warumb tregstus nicht für ordentliche richter? ja ich kans nicht öffentlich bezeugen, so möcht man mir vieleicht ubers maul faren, und ubel abweisen. Luther 4, 405ᵃ; (das weib soll) dem manne nicht übers maul fahren. Mathes. Syrach 1, 54ᵃ; darauf hat mir der hauptmann öffentlich übers maul gefahren, als wenn ich ein hundsbube wäre. Schweinichen 3, 159;
ir wist, er fur mir übers maul.
Scharpfenecker Acolastus C 5ᵃ;
einem unters maul reden in ähnlicher bedeutung: wie keme aber die christliche kirche dazu, das sie gott also solt unters maul reden, und jn unmündig machen? Luther 4, 453ᵇ; der zaghafte aber läszt sich auf dem maule trommeln, tanzen: und der rechte gott, solt jm so lassen auf dem maul trumpeln, von dem teufel, das er müste in seiner kirchen leiden und nicht entsetzen, was der teufel hinein ordent oder schmeiszt, so were er doch ja ein armer gott. Luther 8, 2ᵃ; heiszt das nicht fein dem keiser und stenden des reichs, auf dem maul getrumpelt und gespottet. 213ᵃ; sich auf dem maule trumlen lassen. Schottel 1112ᵇ; er läszt sich nicht viel ums maul herumfahren, insolens est contumeliae. Serz 97ᵇ;
ich wolt dir auf deim maul pald danzen.
H. Sachs fastn. sp. 2, 78, 231;
wer sich im bart grasen läszt, dem hofiert man zuletzt ins maul. Simrock sprichw. 39; er läszt sich aufs maul thun, tanquam surdo oppedere licet. Serz 97ᵇ;
der dritt spricht, ich (ein armer bettler) sei stark und faul.
der vierdt mir scheiszen wil ins maul.
H. Sachs fastn. sp. 1, 121, 208.
k)
schweigen gebieten heiszt das maul verbieten:
der edle mault nur, um das maul
den andern zu verbieten.
Göthe 56, 91;
ich will doch sehn, wer mir das maul verbieten will?
7, 106;
einem die rede verkehren aber ins maul greifen: (Zwingli) schleuszt, das dieser spruch, das wort ist fleisch worden Joh. 1. müsse nicht verstanden werden, wie er lautet, sondern also, das fleisch ist wort worden, oder mensch ist gott worden etc. so sol man der schrift ins maul greifen. Luther 3, 454ᵇ; das ergste ist, das sie hiemit gott ins maul greifen, und die ehe verbieten, so gott geschaffen hat. 5, 299ᵃ; so sol man Christo ins maul greifen, sein wort meistern, und daraus machen was uns gefellet. 374ᵇ; sihe also thut gottes wort, das es die ganze welt antastet, greift beide herrn und fürsten und jederman ins maul, schilt und verfluchet alle jr wesen. 391ᵇ;
der hat uns einmal ins maul gegriffen,
für seiner gewalt uns noch die augen triefen (die teufel von Christus).
ein lustig gesprech der teufel (1542) a 1ᵇ.
l)
recht anschaulich heiszt es in bezug auf den, dessen rede man unterdrückt, man verbindet ihm das maul: damit wollen sie aller welt das maul und die faust binden. Luther 5, 276ᵇ; werde ich mir das maul nicht zubinden lassen, sondern sagen was zu sagen ist. Schuppius 186; stärker, man stopft ihm das maul, wie man gefangenen um sie am schreien zu hindern, tücher in den mund stopft, ähnliches wird schon früh bildlich verwendet: do uffinbarte der edele furste sinen getruwen mannen sine meinunge und vorstophte den bosin kleffern iren hals, daʒ vorbaʒ mer nimant torste torlichen rede. Ködiz 27, 4; einem das maul stopfen, occludere alicui linguam. Steinbach 2, 33; nit understand, das unmüglich ist, aller menschen müler zu verstopfen. Keisersberg narrensch. 89ᵃ; wer kan jederman das maul verstopfen, mann muͦsz die leut reden lassen. Agr. spr. 337ᵃ; Moses hat das maul gestopfet allen philosophis. Luther 4, 7ᵃ; damit ist nu das maul gestopft den lumpenweschern und etlichen lesterzungen, die da geifern wider uns. 6, 197ᵇ; damit jr die ewern trösten, und den andern das maul stopfen kündtet. 359ᵃ; so ist doch das grosze geschrei mit dieser einigen antwort bald gestillet, und ist jnen das maul bald gestopfet. 458ᵃ; solchs werden die fromen sehen und sich frewen, und aller bosheit wird das maul gestopft werden. ps. 107, 42; da aber die Phariseer höreten, das er den Saduceern das maul gestopft hatte (ὅτι ἐφίμωσεν τοὺς Σαδδουκαίους). Matth. 22, 34; welchen man mus das maul stopfen (οὓς δεῖ ἐπιστομίζειν, goth. þanzei skal gasakan). Tit. 1, 11; den widersachern das maul stopfen. Kirchhof wendunm., vorr.; sie hoffe den tag zu erleben, da sie dem pfaffen wolle das maul stopfen. Schuppius 243; stopf ihm das maul! Göthe 14, 293.
m)
sonst hält das maul zu, wer nicht reden soll und will, auch hier steht hinter der redensart die bei lebendigen gemütern jetzt noch oft gesehene geberde: keret euch her zu mir, jr werdet saur sehen, und die hand aufs maul legen müssen. Hiob 21, 5; hastu genarret und zu hoch gefaren und böses fürgehabt, so leg die hand aufs maul. sprüche Sal. 30, 32; sprichest du mag ich wore gedult auch also in mich wurzlen in min gemuͤt, durch stete gewonheit, mit mul zu heben, mit schwygen und vertragen. Keisersberg bilg. 76ᵇ; sie antworteten jm, schweig und halt das maul zu. richt. 18, 19; verstehestu die sache, so unterrichte deinen nehest, wo nicht, so halt dein maul zu. Sir. 5, 14; habs maul zuͦ, schweig, digito compesce labellum. Maaler 285ᵃ;
schweigt still und halt all die meuler zu,
hort, was man euch verkunden thu!
fastn. sp. 169, 4;
wen mein fraw zürnet, das ich sy hais schweigen,
so schreit sy: halt dein maul auch zu,
und zeigt mir oft die feigen.
meisterl. fol. 23, nr. 89;
ei, sprach der Franciscaner baldt,
hievon bei leib dein maul zu halt,
argwohn nit solches von der frommen.
L. Sandrub kurzweil (1618) 32;
kürzer nur das maul halten, tacere, silere, favere linguis. Stieler 1254: halt das maul, oder du must brennen. Luther 5, 148ᵇ; ein narr wenn er schwiege, würde auch weise gerechnet, und verstendig, wenn er das maul hielte. spr. Sal. 17, 28; lieben kinder, lernet das maul halten, denn wer es helt, der wird sich mit worten nicht vergreifen. Sir. 23, 7; halts maul, du mauszkopf! soll ich dir ein paar ohrfeigen geben? Simpl. 1, 83 Kurz; verfluchter kerl, hast du dein maul nicht halten können? Lessing 1, 303; bedeuten sie dem teutschen ochsen, dasz er das maul halten soll. Schiller Fiesko 3, 11; halte dein verwünschtes maul! Göthe 14, 64; so haltet euer maul! 282; halt du das maul! Kotzebue dram. sp. 3, 315;
ei halt dein maul, du voller narr!
H. Sachs fastn. sp. 1, 61, 227;
schweig still! hab dir alles unglück,
eh das ich dir und deinem mann
auf deim stadl setz ein roden han!
drumb halt dein maul! das raht ich dir.
2, 101, 237;
halts maul, sag ich!
H. v. Kleist zerbr. krug, 11. auftr.;
der bibelsprache gehören andere bilder an: und die schawer sollen zu schanden, und die warsager zu spot werden, und müssen jr maul alle verhüllen. Mich. 3, 7; o das ich künde ein schlos an meinen mund legen, und ein fest siegel auf mein maul drücken, das ich da durch nicht zu fall keme, und meine zunge mich nicht verderbet. Sir. 22, 33.
n)
das maul zuthun, für aufhören zu reden (gegensatz zu oben d), vom schlusz der lippen hergenommen: das maul zuͦthuͦn, den mund beschlieszen, comprimere ora. Maaler 285ᵃ; und als er kaum das maul zugethan hatte, kam sein knan .. daher. Simpl. 3, 182 Kurz; von einem schwätzer sagt man er kann sein maul gar nicht zuthun, er macht sein maul gar nicht mehr zu; vergl. auch oben b.
o)
strafe für voreiliges oder lügnerisches reden ist der schlag aufs maul; in mancherlei ausdruck:
ich torst dir wol eins auf das maul geben,
du schwarzer hunt!
fastn. sp. 172, 22;
ach das man dir dein maul nit pert
mit einem zellen (zelten?) ausz einem prifet!
31;
und wenn du mich wolst seer stumpfirn,
so wolt ich dir dein maul zerbern.
H. Sachs fastn. sp. 1, 56, 52;
ich dörft dir dfaust ins maul wol schmeisen,
du voller zapf!
86, 118;
gewöhnlich einen aufs maul schlagen: der hohepriester aber Ananias befalh denen die umb jn stunden, das sie jn aufs maul schlügen. ap. gesch. 23, 2; habe er nicht animo injuriandi, sondern aus freundschaft ihr (einer schwatzhaften hofmeisterin) ein wenig mit dem finger aufs maul geschlagen. neue preusz. prov.-blätter 1856 9, 415 (von 1587); herr! sind sie nicht ein schelm? die antwort war ein schlag — und nun hätte einer das leben sehen sollen! der erste behauptete als richter, es wäre nur ein punkt, und kein artikel, worüber er ihn gefragt hätte; und der andre, ein angesehener mann, versetzte: die namen thäten nichts zur sache, ... wer ihn auf einen diebstahl anspreche, dem schlage er aufs maul. Möser patr. phant. 4, 125;
ich torst euch schier pede auf die meuler schlahen,
das ir solch esel bede mugt sein.
fastn. sp. 68, 14;
der schwätzer schlug sich selbst:
auf huͦb er da sein weisze hand,
schluͦg sich selber an sein wang:
'se hin, mein maul, und hab dir das,
dasz du doch nichts verschweigen magst!'
Uhland volksl. 248;
aber auch der verläumder muszte sich selbst zur strafe öffentlich aufs maul schlagen, s. Opel Valentin Weigel 26 (a. d. 16. jahrh.); daher er musz sich selbst aufs maul schlagen, tenetur manifestus mendacii, se ipse redarguit. Serz 98ᵃ; sich aufs maul schlagen müssen, injuriam recantare convictus de mendacio, sibi ipsi os quasi percutere. Frisch 1, 649ᵇ; und sich selbst oder einen aufs maul schlagen blaszt ab zu der bedeutung des lügenstrafens: einen mit seinen eigenen worten aufs maul schlagen, jugulare aliquem suis verbis. Steinbach 2, 33; welches heiszt gott ins maul geschlagen und lügengestrafet in seinem worte. Luther 5, 376ᵇ; das gott durch jn (den kaiser Karl V.) ... unsere lere hat geschmückt und erlöset von den lügenhaftigen, lesterlichen titeln der ketzerei, und andern schendlichen namen, und also die lügener und neider gar redlich aufs maul geschlagen. 281ᵃ; das heiszt erst gar in aller teufel namen gefastet, und Christum ins maul geschlagen, und mit füszen getreten. 407ᵃ; was solts denn auch sein, lieber gott, das man den lieben herrn, der uns mit seinem eigen blut so thewer hat erarnt, so lesterlich sol aufs maul schlahen und ketzer heiszen? 6, 320ᵃ; das ich alle die solt aufs maul schlahen, und lügenstrafen, die von Hans Schantzen guts, und von seinem cardinal böses reden. 326ᵃ; was sollen wir von einem manne denken, dem es gleich leicht wird, eine lüge zu besiegeln, und sich der nehmlichen lüge wegen, fast zu gleicher zeit, vor der ganzen welt auf das maul zu schlagen? Lessing 10, 223; wir könnten die vier evangelisten aufs maul schlagen, lieszen unser buch durch den schinder verbrennen, und so gings reiszend ab. Schiller räuber 1, 2;
wer streitet wider gott,
der schlegt sich selbst aufs maul, und wird desz pöbels spott.
P. Fleming 6.
p)
abhängigkeit des sprechenden von dem ihn ernährenden: ich hab ein maul, dem gib ich zu essen, darumb musz es auch reden was ich will. Hartmann fluchspiegel (1672) 197; es heiszt jemandem nach dem maule reden, um gewinnstes willen reden, wie auch der andere meint und reden würde: einem nach dem maule reden, blandiloquum esse. Steinbach 2, 33; d. fräul. Franciska, mein herz sagt es mir, dasz meine reise glücklich sein wird, dasz ich ihn finden werde. Fr. das herz, gnädiges fräulein? man traue doch ja seinem herzen nicht zu viel. das herz redet uns gewaltig gern nach dem maule. wenn das maul eben so geneigt wäre, nach dem herzen zu reden, so wäre die mode längst aufgekommen, die mäuler unterm schlosse zu tragen. Lessing 1, 526; ich werde (ein schauspieler als Polonius) abgeschmackt sein, um jedem nach dem maule zu reden. Göthe 19, 177; die ihr sehr gut nach dem maule schwatzen konnte. Arnim 1, 64; einem ums maul gehen, maximis obsequiis colere, lenocinari animo alicujus, cuncta alicui gratificari studere. Serz 96ᵇ; dieser war meiner frau bisher vergebens um das maul gegangen. ehe eines mannes 224; der elende schmaruzer, der diesem um das maul gieng. Lessing 7, 404;
bestecht der mutter herz mit gold und schmeichelei,
geht brüdern um das maul.
Günther 536.
q)
einen oder sich in der leute mäuler bringen, machen dasz man übles von einem redet: den miszgünstigen in die mäuler gerathen, dare malevolis sermones. Steinbach 2, 33; in aller leute maule sein, in omnium ore esse. 32; er ist jedermann im maul. Bolz Terenz (1544) 121ᵃ; (ihr) seid den leuten ins maul komen, und ein böse geschrei worden. Hes. 36, 3; das solche buben losen leichtfertigen leuten etwas ins maul geben und jn in einen bösen arkwon bringen mügen. Pape bettel- u. garteteufel P 6ᵇ; sie brauchen es nicht? und verkaufen lieber, und versetzen lieber, und bringen sich lieber in der leute mäuler? Lessing 1, 555; da laufen sie in alle kaffeehäuser und erzählen sich, und wips ist ein armes mädel in der leute mäuler. Lenz 1, 264; an diese redensart angelehnt, aber ohne gehässigen nebensinn: so versah nun Fibel mit unendlicher mühe und freude alle 24 buchstaben mit kleinen sinngedichten, welche bis auf diese stunde im maule der nation fortdauern. J. Paul leb. Fibels 88. das gegentheil ist aus der leute mäulern kommen; der wält ausz dem maul kommen, linguas hominum vitare, dem schandtlichen zuͦreden und schmähen der wält entgon. Maaler 285ᵃ; wer einmal in die mäuler kommt, kommt selten unverletzt heraus. Simrock sprichw. 369.
r)
ins maul hinein lügen, wie in den hals hinein lügen (vergl. hals 11, c, th. 4², 254 fg.): und redet gleich, als neme die gemeine das sacrament mit im, wie es denn auch sein solt, leugt aber ins maul hinein. Luther 2, 508ᵇ;
das ist erlogen ins maul hinein.
H. Sachs 4, 3, 23ᶜ.
8)
maul, für den inhaber des maules.
a)
im falle von ihm gesagt wird, was der mensch durch dasselbe verrichtet: da sprach Sebul zu jm, wo ist nu hie dein maul, das da saget, wer ist AbiMelech, das wir jm dienen solten? richt. 9, 38; es ist eben als ein gut gericht fur einem maul, das nicht essen kan. Sir. 30, 18; gott sei dank, mein maul kann schweigen! Lessing 1, 245;
frau, ich wird drum ein narr geschätzt,
umb das mein maul so vil geschwätzt
und darzuo immer offen stet.
fastn. sp. 286, 9;
auch solt du des beflissen sein,
ein bissen oftmals dunken ein,
denn du all mal leckst sauber ab,
damit dein maul zu schlecken hab.
grobian. (1568) G 6ᵇ (b. 2, 3);
so altklug schwatzt ein maul, das alle sieben künste,
so wie ein dähnscher hund, ums liebe brod erschnappt.
Günther 571.
b)
maul, scheltend von einem schwätzer: so ist damit angezeigt, was böse giftige meuler zurichten können, auch zwisschen denen, die sich von herzen unternander lieben, das sie recht mügen heiszen teufelsmeuler oder teufelin, wie er, der teufel, diabolus, nichts anders heiszt, denn ein bitter, giftig, bös maul. Luther 5, 361ᵃ; ein gut gewissen kan getrost aller meuler rede verachten, und endlichen mit ehren on alle gewalt stopfen. 6, 327ᵃ; die ohrenbleser und falsche böse meuler, sind verflucht, denn sie verwirren viele die guten frieden haben. Sir. 28, 15 (vgl. weiter 16—23); verstummen müssen falsche meuler, die da reden wider den gerechten, steif, stolz und hönisch. ps. 31, 19; falsche meuler decken hasz, und wer verleumbdet, der ist ein narr. spr. Sal. 10, 18; falsche meuler sind dem herrn ein grewel, die aber trewlich handeln, gefallen jm wol. 12, 22; ein böser achtet auf böse meüler, und ein falscher gehorchet gern schedlichen zungen. 17, 4; bösz maul redt niemandt wol ... vor bösen meulern kan sich niemand hüten, fürsten und herren müssen von jhn reden lassen. Agr. spr. 224ᵃ; hatten mich böse mäuler angegeben. Schweinichen 3, 147; hat es mir doch von bösen mäulern nicht gegönnet werden wollen. 157; auf einmal hiesz es: der gnädige herr ist fort. er war verreist, und kam eben nicht wieder ... da waren alle mäuler davon voll. Göthe 10, 135; F. was er schwätzt! so ein herr! V. eben weil er kein schneider ist. J. ungewaschen maul! 8, 244;
muszte sein vater doch auch, den euer vater begünstigt,
viel von losen mäulern erdulden, und falschen verklägern.
40, 153.
c)
maul, von einem verzehrer; mit scheltendem beisinne: und wo gleich die von Nürmberg derselben besetzung eine belegern, mag die alweg geredt und die feugen meuler (die üppigen Nürnberger) darob erschlagen werten. Wilw. v. Schaumb. 107; bettelei schmeckt wol dem unverschampten maul, aber er wird zu letzt ein böse fieber davon kriegen. Sir. 40, 31; er ist ein verwents maul. Schottel 1138ᵇ; nachdem sie von den mannsleuten die unnützen mäuler samt den weibern und kindern hinausgeschaft hatten. Heilmann Thucyd. 179; ohne dasz jener sinn vortritt: zwanzig mäuler zu versorgen haben, viginti ventres pascere. Steinbach 2, 33;
du hast, du hast gewonnen,
wenn du die mäuler zählest;
allein, mein freund, du fehlest:
die arme sind bei mir.
Göthe 10, 228;
mit bezug auf die chinesische zählweise: die zahl der Chinesen (in Californien) betrug etwa 25000 zöpfe oder mäuler. Bremer handelsbl. 1853 nr. 84. sprichwort: das maul ist des leibes henker und arzt (je nachdem einer verzehrt oder sich enthält, schädigt oder heilt er sich). Simrock sprichw. 369.
d)
maul, besitzer eines maules, mit hervorhebung seiner form, nur in zusammensetzungen breitmaul, dickmaul, groszmaul, hangemaul, während andere die thätigkeit und eigenschaften bezeichnen, vergl. fleischmaul, leckermaul, lügenmaul, naschmaul u. a.
9)
maul, ein kusz. rheinisch und wetterauisch. Kehrein 275. vergl. mäulchen.
10)
maul, obscön auf das weibliche geschlechtsglied bezogen:
Mäczel zuo der fuczen sprach
got geb dir läid und ungemach ...
also schluog sey aber dar,
bis daʒ ir das maul geswar.
ring 11ᵇ, 14;
der plecz der wolt geantwürt haben,
da worend ym die zend aus gschlagen,
daʒ maul waʒ im geswullen,
er hiet verlorn die wullen.
37;
Riza klagt den buhler an, dasz er wil kein nemer sein,
sagt: er sperr jhr auf das maul, geb jhr aber wenig drein.
er vermeint: es sei nicht klar, ob er für auch kummen wär,
weil jhr sonsten sei das maul nimmer, oder selten leer.
Logau 2, 142, 8.
11)
das krumme maul, name einer schneckenart, murex anus. Nemnich 3, 638.
12)
maul, an dingen.
a)
die mündung eines schieszgewehrs: das maul der püchsen für die mauer hinausz. Dürer befest. B 2; zieht die pistole zwischen dem rock und kamisol heraus, richtet ihr maul auf des herrn brust. Hebel 2, 133.
b)
maul an den hobeln, die öffnung unten an der glatten fläche, woraus das eisen geht. Frisch 1, 649ᵃ.
c)
maul der theil des hahns am steinschlosse eines gewehrs, in welchem der feuerstein sitzt: die pfanne ... und der hahn, in dessen maul der flintenstein eingeschraubet wird. Jacobsson 1, 749ᵇ.
d)
auch am schraubstock heiszt maul das, was das einzuschraubende eisen faszt und hält, die öffnung zwischen beiden backen.
e)
maul einer schere, einer zange, die öffnung zwischen den beiden greifeisen oder flügeln.
f)
maul, die schnauze am geschirr, ausgieszrinne, alem. mûl. Seiler 212ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1882), Bd. VI (1885), Sp. 1782, Z. 24.

maul, n.

maul, n.
maulthier, aus dem lat. mulus übernommen: ahd. mûl, ags. mûl, mûl-as, altnord. mûll, überall, nach maszgabe des lateinischen, masculin, wie auch das mhd. mûl dieses geschlecht noch aufweist:
swer den mûl wil frâgen
von sînen hœhsten mâgen,
sô nennt er ê den œhein
dan vater oder friunde dehein.
Freidank 141, 1;
was sich bis ins nhd. hält: und der maul, den der ritter ritt, der im stall nit gestallet hett, in dem wasser stallet. Bocc. (1535) 194ᵃ;
langsam sein dem maule macht,
dasz er gehet tag und nacht.
pers. rosenth. 6, 4;
seit dem 14. jahrh. aber wird das wort neutrum: daʒ pfärt und daʒ maul. Megenberg 116, 20; mulus haiʒt ain maul ... daʒ kümpt von ainem esel und ainer merhen. 150, 30; ain maul kümt von ainem pfärt und ainem esel. 141, 19; und bleibt es bis auf die heutige zeit, wo es übrigens gegen die zusammensetzung maulesel oder maulthier (s. d.) nur wenig noch gebraucht wird: da stunden alle kinder des königs auf, und ein jeglicher sas auf sein maul und flohen. 2 Sam. 13, 29; Absalom ... reit auf einem maul, und da das maul unter eine grosze dicke eiche kam, behieng sein heubt an der eichen, und schwebt zwischen himel und erden, aber sein maul lief unter jm weg. 18, 9; und satzten Salomo auf das maul des königs David. 1 kön. 1, 38; ob wir möchten hew finden, und die ross und meuler erhalten. 18, 5; er sandte die brieve durch die reitende boten auf jungen meulern. Esther 8, 10; seid nicht wie rosz und meuler, die nicht verstendig sind, welchen man zaum und gebis mus ins maul legen, wenn sie nicht zu dir wollen. ps. 32, 9; werdet nicht wie die pferd und meuler, die da keins verstands begreiflich sind. Luther 1, 22ᵇ; fabel von der fliegen und dem maul. Steinhöwel (1555) 40; ein maul gieng umb sein weid auf einem wiszmat. 58; hiebevor hab jedermann jährlich dem könige geschenk bracht, silbern und gülden geräth, kleider und harnisch, würz, rosz und mäuler. Schuppius 125; gern auch in poetischer sprache, wie jetzt einzig noch:
als ein maul ward frisch und wol gmäszt,
ward stolz und sich viel dunken läszt,
und sprach: mein vatter war ein rosz.
B. Waldis Esop 3, 60, 1;
seid nicht so unverständig,
wie gäul und mäuler sein.
P. Fleming 18;
ich höre, wie mich dünkt, aus den besteinten enden
ein ziemlich laut gerücht, von mäulern, rosz und mann,
disz zeiget mir gewisz, des königs zukunft (ankunft) an.
A. Gryphius (1698) 1, 549;
ab von ihren mäulern stiegen
die dreihundert edle knappen.
Herder z. litt. 5, 76 (Cid 5);
hieszen sie die edeln donnas
niedersteigen von den mäulern.
188 (Cid 58);
sie reitet ein maul und er reitet ein rosz.
Stolberg 1, 12;
denn ich meine, das maul wird keiner mir abgewinnen
mit der faust.
12, 381 (Ilias 23, 659);
die schnellen hund und mäuler traf er erst.
Bürger 142ᵇ;
die schöne reitrin kam
auf einem maul geritten.
Wieland 18, 301;
auch ist sein maul
in diesem strausz nicht faul,
sprengt muthig durch diesz feuermeer.
328;
also sprach sie, und jene gehorchten, verdrossenes herzens
eilend, und schafften die fülle heraus, die mäuler beladend.
Göthe 40, 369;
von den höhn, wo maul und lama geht.
Freiligrath dicht. 2, 129.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1882), Bd. VI (1885), Sp. 1795, Z. 68.

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Zitationshilfe
„maul“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/maul>, abgerufen am 05.12.2021.

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