Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

meinung, f.

meinung, f.
die handlung des meinens, in den verschiedenen bedeutungen des verbums, ahd. meinunga, mhd. meinunge.
1)
(vgl. meinen 1 und 2) die mit etwas ausgedrücktem oder angedeutetem verbundene bestimmte vorstellung, sinn, bedeutung von etwas gesagtem oder sonst geäuszertem:
vil grôʒ wunder im bequam
waʒ diz an im meinde.
dar nâch im got bescheinde
die meinunge, als er sît verjach.
Marienlegenden 24, 467, s. 228;
sinn der worte: die weise, wie wir beten sollen ... ist, das man wenig wort mache, aber viel und tiefe meinungen oder sinnen, je weniger wort, je besser gebet, je mehr wort, je erger gebet. wenig wort und viel meinung ist christlich, viel wort und wenig meinung, ist heidnisch. Luther 1, 67ᵇ; auch sind etliche psalmen mit dem wörtlin sela (das ist ruge) unterscheiden, und wird weder gelesen noch gesungen, zu vermanen, das wo ein sonderlich stück sich euget im gebet, das man da still halt und ruge, die meinung wol zu betrachten, und die wort so lange faren lasse. 68ᵃ; so ist doch oft des textes meinunge gefeilet. 3, 1ᵃ; darumb redet er vom geistlichen baw, ... das die meinunge ist, herr, kom balde und bawe. 19ᵃ; man mus die meinung des ganzen textes, wie er an einander hanget, ansehen. 38ᵇ; der vers ist fast einer meinung mit dem vorigen. 305ᵇ; fürtreflich artliches lob des landlustes, ... ausz desz Horatij epodo, beatus ille, gezogen, und nach der mainung teutsch gegeben. Fischart dicht. 3, 308 Kurz; die wort haben diese meinung, his verbis indicatur. Stieler 1264; ich habe einsmahls einen fürnehmen gelehrten mann gefraget, was doch die meinung von diesem spruche wäre: deine affecten oder begierde seind in dir dein ärgster feind. er antwortete: die meinung hiervon ist diese: ein feind, wann er mit wohlthaten begabet und geschlichtet wird, kan dein freund werden. aber deine affecten und begierde, je mehr du jhnen nachgiebest und liebkosest, je heftiger werden sie dir widerstreben. pers. rosenth. 7, 19; im abzuge sol er gesaget haben folgenden reim: hunerwer ke bachtesch ... hat diese meinung:
wenns mit dem künstler nicht wil fort,
so zieh er hin an frembden ort.
3, 27;
sinn, bedeutung, im gegensatz zum bloszen klang: dasz vaterland und freiheit in unsrer sprache nicht viel mehr als töne ohne meinung sind. Sturz 2, 281;
wann nur der sinn recht fällt, wo nur die meinung recht,
so sei der sinn der herr, so sei der reim der knecht.
Logau 2, 172, 70 ('von meinen reimen');
man wiegert den discant, man brüllet den tenor,
man billt den contrapunct, man heult den alt hervor,
man brummt den tiefen basz, und wann es wol soll klingen,
so klingt es ohne wort, wil keine meinung bringen.
2, 106, 39;
sinn eines bildwerkes: diesen vortheil hat auch der mahler, wenn uns sein vorwurf nicht fremd ist, wenn wir mit dem ersten blicke die absicht und meinung seiner composition erkennen. Lessing 6, 448; sinn von etwas bildlich ausgedrücktem oder sinnbildlich oder bedeutsam genommenem: bürger (treten herein, stangen in der hand, wehren an der seite). Götz. was soll das? rath. ihr wollt nicht hören. fangt ihn! Götz. ist das die meinung? Göthe 8, 122;
jr pauren seit zw spat rein gangen,
der pach (die speckseite) ein andre mainung hat ..
wer den pachen wil dragen naus,
der mues sein herr in seinem haus.
H. Sachs fastn. sp. 1, 147, 29;
Carlos. über seiner asche blühe
ein paradies! königin. so hab ich sie gewollt!
das war die grosze meinung seines todes!
Schiller don Carlos 5, 11;
war dás die meinung, Butler, als wir schieden?
Wallensteins tod 5, 11;
sinn, lehre einer geschichte: es ist bekant, dasz in einer parabel man nicht alle worte examiniren, sondern sehen müsse auf den zweck oder meinung derselben. Schuppius 670; der zweck aber oder die meinung dieser parabel ist, dasz mancher bei seinem bettelsack besser fahre, als ein ander bei seinem geldsack. ebenda; die meinung hiervon (von der eben erzählten geschichte) ist diese: wer eine wichtige sache einen unverständigen und unerfahrnen anvertrawet, wird ... eine anzeigung seines gar schlechten und einfältigen verstandes zu erkennen geben. pers. rosenth. 7, 14; auch die in einen spruch gefaszte lehre: nach der alten meinung,
kompt ein schuhflicker in ein frembd land gegangen
so hat er keine noth, kan seine kost erlangen.
3, 27;
meinung auch ein bedeutender, recht faszbarer sinn: was were es, wenn ein kranker auf dem bette gelobet gesund zu sein und aufzustehen? es heiszet gott gespottet, wenn man jm geben wil, das wir nicht haben; wenn er es zuvor gegeben hette, und du darnach gelobtest, so were es eine meinung (das hätte sinn und verstand). Luther 4, 157ᵇ.
2)
meinung hiesz in der älteren sprache auch der inhalt einer rede oder schrift, eines briefes: dagegen die vom Leon jhren redner guter masz die mainung reden lieszen (folgt das wesentliche der rede). bair. landtagshandlungen von 1429 bis 1513 bei Schm. 1, 1611 Fromm.; es ist meertail nur dy mainung der handlung (verhandlung) geschriben, es wer ein ganz libell, nur dy zürlichen hohen wort und schen reden, so baide tail theten. d. städtechron. 15, 66, 1; der herzog lies diese meinung mit in reden, sie westen, das die stat romisch königlicher majestat und irem sun erblich und eigentlich zustunt. Wilw. v. Schaumb. 117; namentlich in der formel auf solche meinung, auf folgende meinung (reden, schreiben u. ähnl.), wo auch der wortlaut des gesagten oder geschriebenen mit verstanden ist: darumb ist es ein jrrthum, das man etliche andere gebet, diesem gebet (dem vaterunser) vergleichen oder auch fürziehen wil, sonderlich, die mit roter tinten uberschrieben, zugeschmückt sind, auf meinung allein, das uns gott hie gesundheit und langes leben, güter und ehre verleihe. Luther 1, 68ᵃ; sie (die herzogin) sich schnell bereitet dem ritter ein andern brief auf nachlautende meinung zu schreiben. Galmy 117; anfing ein brief zu schreiben auf solche meinung lautend. 281; mit jnen anfieng, auf solche meinung zu reden. buch d. liebe 59ᵈ; fieng sie (die Philomena) mit jr selb an auf solche meinung zu reden, Philomena, was gedenkest du, dasz du .. 234ᶜ; Gabriotto anfieng einen brief zu schreiben, auf solche meinung: mit was gedürstigkeit, allergnedigste jungfraw, ich mich unterstehe ... 236ᵃ; der herold anhub auf solche meinung auszzuschreien. 242ᵈ; der könig anhub auf solche meinung mit ihm zu reden. 245ᵈ.
3)
auch allgemeiner sinn, bewandnis, art: hab ich menschlicher meinung (κατὰ ἄνθρωπον, goth. bi mannan) zu Epheso mit den wilden thieren gefochten? 1 Cor. 15, 32; mit den streiten oder schlachten .. hat es diese meinung. Fronsperger kriegsb. 3, 147ᵃ; und so es díe meinung gehapt. Zimm. chron. 3, 512, 2; das fischen mit den vergifteten ludern gibt wol bald fisch, aber es verderbet sie auch. gleicher meinung auch die weiber, welch durch liebtränk die männer zu verstricken unterstehen, verbesseren darum ihr gelegenheit nicht. Fischart ehz. 9; ich schätze, mein freund, sagte er, du habest entweder ein schlim stück begangen, dasz du deine wohnung so urplötzlich verlässest, oder habest im sinn, einen andern Empedoclem Agrigentinum abzugeben, welcher sich in den feuerberg Aetnam stürzete, damit man glauben solte, er wäre ... gen himel gefahren. wie wäre es, wann es mit dir eine von solchen meinungen hätte, und ich dir mit ertheilung meiner bessern zeugnus darin hülfe? Simpl. 2, 171; ain ander gewisse mainung püxen zu laden .. etliche püxen wellen zur laden ain andere mainung haben. feuerbuch von 1592 bei Schm. 1, 1611 Fromm.; adverbialisch auf die mainung, die mainung, der mainung, diser mainung, auf diese weise, in der art. ebenda;
denn wenn es solt die meinung han (dasz unser herr alles aufzehrt),
unsers gebeins kem nicht darvon.
B. Waldis Esop 1, 57, 25;
eine meinung in bedeutendem sinne, eine besondere bewandnis:
vergebens sperrt sie sich nicht ein,
es musz ein meinung haben mit jhr.
J. Ayrer 335ᵇ (1678, 5 Keller);
meinung auch der geist, wesenhaftes eines dinges: es sind auch andere noch, die sich an den alten zeiten gar zu sehr vergaffen, und das alterthum aus der meinung desselben nicht wol unterscheiden können, denen alle worte gleichsam ein eckel sind, da ferne sie nicht von den letzten und vergessenen zeiten hergeholet werden. Schuppius 849.
4)
meinung, die auffassung die einer von etwas hat, bestimmte, auf kenntnis und erwägung gegründete ansicht über etwas (vgl. meinen 3): meinung, urtheil, sententia, arbitrium, opinio, interpretatio, consilium. Maaler 286ᵈ; so wissenschaftlich, lehrmeinung: so wil ich doch euch zu dienst, gern noch einmal, hiemit meine meinung und bekentnis öffentlich lassen ausgehen. Luther 6, 116ᵇ; von den jungfrawen aber, hab ich kein gebot des herrn, ich sage aber meine meinung (γνώμην) .. trew zu sein. 1 Cor. 7, 25 (goth. iþ ragin giba .. du triggvs visan); ich ermane euch aber, lieben brüder, ... das jr allzumal einerlei rede füret, und lasset nicht spaltung unter euch sein, sondern haltet fest an einander in einem sinne, und in einerlei meinung (ἐν τῇ αὐτῇ γνώμη). 1, 10; hierinn bin ich desz Theophrasti meinung oder als vil das antrifft bin ich mit jm eins, illud assentior Theophrasto. Maaler 287ᵃ; diejenigen welche in diese ketzerei gerathen, als könte kein trauerspil sonder liebe und bulerei vollkommen sein: werden hierbei erinnert, dasz wir diese, den alten unbekandte meinung noch nicht zu glauben gesonnen. A. Gryphius 1698 s. 4; allein der vortreffliche alte Theologus, d. Aegidius Hunnius .. widerleget diese meinung mit gutem grund. Schuppius 670; der herr d. Heumann war der erste, welcher in seinen actis philosophorum seine gedanken etwas umständlicher darüber entdeckte, und aus den elpistikern die christen machte. der herr pastor Brucker wehlte eine andre meinung, und machte stoiker daraus. Lessing 5, 47;
sag auch dein meinung, mach ein ent! (hofmeister zum rabbi).
fastn. sp. 173, 2;
hier lernt man erst den schatz der freiheit recht verstehn,
kraft der die weisen sich an keine meinung binden.
Günther 657;
(der prediger ist) nur eifrig für das wort; besorgt für aller heil,
und keinem eigennutz und keiner meinung feil.
Hagedorn 1, 98 ('character eines würdigen predigers');
aber auch in allgemeinem sinne, wobei in manchem falle die bedeutung nr. 9 anrührt oder gar übergreift: ein jglicher sei in seiner meinung (ἐν τῷ ἰδίω νοϊ͏́) gewis. Röm. 14, 5; meinung, die wol erwägen und erdauret ist, pensata sententia. Maaler 286ᵈ; die meinungen sind eins, sy sind all eines dings, constant sententiae. ebenda; sein meinung in geschrift stellen, ponere suam sententiam. 287ᵃ; der jenigen meinung, welche vermeinen, man könne nicht an allen orten gut bier kochen, ist mit manier zu verstehen. Schuppius 737; Verrina. wann versammeln wir uns wieder? Fiesko. morgen mittag will ich eure meinungen sammeln. Schiller Fiesko 2, 18; (ich) strafe dich, ... weil du dich in wort und meinung gegen unsern herrn und das reich setzest. Freytag dram. werke 1, 76;
Wallenstein. seine würden meint,
wenn ich dem kaiser, der mein herr ist, so
mitspielen kann, ich könn das gleiche thun
am feinde, und das eine wäre mir
noch eher zu verzeihen als das andre.
ist das nicht eure meinung auch, herr Wrangel?
Wrangel. ich hab hier blosz ein amt und keine meinung.
Schiller Wallensteins tod 1, 5;
ich habe goldne meinungen
von leuten aller art mir eingekauft,
die erst in ihrem vollen glanz getragen,
nicht gleich beiseit gelegt sein wollen.
dessen Macbeth 1, 15,
(I have bought
golden opinions from all sorts of people.
Shakesp. Macbeth 1, 7);
es heiszt eine meinung haben, vertreten, verfechten, vorbringen, auf der meinung beharren, bei der meinung bleiben, sie aufgeben, ändern, wechseln u. s. w.: einen auf sein meinung bringen, ad arbitrium suum adducere aliquem. Maaler 286ᵈ; seiner meinung nachvolgen, auf seinem kopf ligen, im selbs und anderen nitt wöllen glauben, stare suo judicio. 287ᵃ; von seiner meinung abston, sein meinung enderen, decedere sententia. ebenda; eines meinung ümstoszen, sententiam alicujus refellere. Stieler 1264; ein reifer verstand, der über seine meinungen türkenmäszig zu halten weisz. Lessing 1, 256;
du hast zu guͦter maszen ghört,
wie ich dich trewlich hab gelert,
im hausz höfliche stück zu treiben,
auf solcher meinung soltu bleiben.
Grobian. Gᵃ (v. 1613);
will aber je dein widerpart
auf seiner meinung bleiben hart,
und umb kein har nit weichen dir.
Pᵃ (v. 3735);
éiner meinung sein, dieser, anderer meinung sein: also ist mein meinung, also bin ich gesinnet, und hab bei mir selbs beschlossen, sic stat sententia. Maaler 286ᵈ; der meinung sein, habere opinionem. ebenda; einer anderen meinung sein oder eines anderen sinns werden, mutare animum. ebenda; ich bin genzlich der meinung und des fürnemmens, das du abstandist und ruͤwig seigist, magnopere censeo desistas. 287ᵃ; von dem handel ist mein meinung also, de ea re ita censeo. ebenda; aber der fürst lies sich nit abweisen und sagt, er wer, wie vorgedacht, als ein stathalter da, wer noch der meinung, das sie den, von wegen er da wer, die stat nit verhielten. Wilw. v. Schaumb. 117; ich wenigstens bin allemal der meinung gewesen, dasz es besser sei, den richter und die gesetze, als des richters frau, wider sich zu haben. Rabener 3, 85; kann ich ... worte mit ihnen (den leuten) wechseln, wenn sie das herz nicht haben, andrer meinung als ich zu sein? Schiller kab. u. liebe 2, 1; einer meinung von einem sein, über jemand eine ansicht haben:
ihr geistlichen, ei messet mir kein böses sonsten bei,
drum, dasz von euch, die ich sonst ehr, ich sondrer meinung sei:
mich dünkt, ihr habet alle gern ein wenig regiment.
Logau 2, 136, 93;
eines meinung wissen, kennen; aus dem Münchhausen wird nichts, da sie doch meine meinung wissen wollen. Immermann Münchh. 1, 48; die meinung sagen, seine meinung sagen: und darf ich meinem hausherrn treue meinung sagen, so dünkt mir gut, dasz dein gast unbekannt in deinem hause weile. Freytag ahnen 1, 23; oft mit dem nebenbegriffe des rücksichtslosen, ungeschminkten aussprechens: einem seine meinung derb sagen, pluribus verbis malis cum aliquo expostulare. Serz 98ᵇ; einem die mainung sagen, ihm den text lesen, kein blatt vors maul nehmen. Schm. 1, 1611 Fromm.; reit hin, sag ihnen die meinung. die mordbrenner! ich sage mich von ihnen los. Göthe 8, 146;
seine meinung sagt er von seinem jahrhundert, er sagt sie,
nochmals sagt er sie laut, hat sie gesagt und geht ab.
Schiller hist.-krit. ausg. 11, 122 (xen. 185);
wahre, gegründete, falsche, ungegründete meinung; ungleiche meinung, varius assensus, gefaszte meinung, opinio, widerwertige meinung, adversa opinio. Maaler 286ᵈ; unvorgreifliche meinung, sententia libera, non praejudicans, nihil praescribens. Stieler 1263; auch seine eigene meinung haben, in bedeutendem sinne, unabhängig und gefestigt in seiner ansicht sein: seine eigene meinung haben, suae mentis esse. Frisch 1, 657ᵃ;
wer dringt so klug
mit treuer, lieber meinung auf mich ein?
Göthe 9, 205;
niemals seit die welt gestanden,
niemals war, in allen landen,
aller éine meinung!
Voss 5, 276;
in bezug auf beurtheilung von menschen, ihren eigenschaften, thaten heiszt es eine gute, schlechte, grosze meinung von einem haben, wobei neben der bedeutung 9 öfters auch die bedeutung nr. 7 nicht fern steht: der hat ein böse meinung von eüch, hatt eüch in einem bösen zig, hic de vobis malam opinionem animo imbibit. Maaler 286ᵈ; ich war auch endlich so glücklich, ihro excellenz die widrige meinung zu benehmen, zu welcher sie, wie dieselben sich gegen mich ausdrückten, schon seit einigen jahren, und bei verschiedenen gelegenheiten gegründete ursachen bekommen hätten. Rabener sat. 3, 79; sie haben eine grosze meinung von meiner gefälligkeit. Schiller hist.-krit. ausg. 3, 546; die hohe meinung von selbstverdiensten um den staat. Klinger 11, 187; Piepenbrink. eine anzahl wahlmänner hat uns als eine deputation zu ihnen gesandt, um ihnen gerade heut zu sagen, dasz die ganze stadt sie für einen höchst respectabeln und braven mann hält. oberst. ich bin für die gute meinung verbunden. Freytag dram. werke 2, 105; auch hoch stehen, steigen, sinken in eines meinung;
Adam. verlangt ihr den beweis? wohlan, befehlt!
ich kann recht so jetzt, jetzo so ertheilen.
Walter. ihr gebt mir schlechte meinungen, herr richter.
H. v. Kleist zerbr. krug, 7. auftr.;
sprichwörter: die klingende meinunge und kunst die besten. S. Frank sprichw. 1, 12ᵃ, witzig, wie klingende gründe, vergl. theil 5, 1183;
viel meinung
bricht einung.
Simrock sprichw. 372;
in der formel nach der meinung eines: nach der meinung viler, wie vil der meinung sind, authoribus plurimis. Maaler 287ᵃ; nach meiner meinung, meo quidem judicio. Stieler 1263.
5)
meinung die erwägung für ein zu vollbringendes handeln (vgl. meinen 4), absicht, wille, vorhaben, streben: nisus, begird l. willen der arbeit, mainung, müe, begir des willens Dief. 381ᵇ; meinung mue und arbeit, nisus conatus nutus, unde dicitur: toto nisu conatu et nutu. voc. inc. theut. n 5ᵃ; meinung. für absicht, finis, scopus, consilium, intentio. Frisch 1, 657ᵃ; (gott) sterkete den edeln furstin unde sante im in sin herze daʒ her di hochzit volbrengen solde. do uffinbarte der edele furste sinen getruwen mannen sine meinunge. Ködiz 27, 3; do hette er alle sine meinunge gerihtet uf die guldin und silberin münsze: die hetter für sin ougen gesetzet und hette ouch alle sin zuͦversiht daran geleit. d. städtechron. 8, 50, 18; und waʒ ir meinunge veste daran daʒ sü striten mit ime woltent. 83, 6; sie kamen ganz angsthaft zu den juden, zeigten jnen solche meinung an, sie müsten sich trollen. Wickram rollw. 151, 6 Kurz;
syn meinung ist, er wolt gern schmehen.
Brant narrensch. 110ᵇ, 18;
so ist auch gottes meinung nicht,
wann er uns unglück sendet,
als sollt darum sein angesicht
ganz von uns sein gewendet;
nein, sondern dieses ist sein rat,
dasz der, so ihn verlassen hat,
durchs unglück wiederkehre.
P. Gerhard 23, 15;
du aber hast erfaren meine lere, meine weise, meine meinung (σὺ δὲ παρηκολούθηκάς μου .. τῇ προθέσει). 2 Tim. 3, 10; im bair. eine guete mainung machen, in religiösem sinne, gute vorsätze fassen. Schm. 1, 1611 Fromm.; in die bedeutung wille, beliebung übergehend: meinung, wann man von groszen herren redet, jussum, mandatum, voluntas quae significatur jubendo, ordinando. Frisch 1, 656ᵃ; wir abbet Walther von gotz mênunge des klôsters von Gengenbach. urkunde zu Donaueschingen von 1326 bei Lexer mhd. wb. 1, 2083; Simei sprach zum könige, das ist eine gute meinung, wie mein herr der könig geredt hat, so sol dein knecht thun. 1 kön. 2, 38; sende zu uns des königs meinung uber diesem. Esra 5, 17; da gieng ich zu meiner hauszfrauen und sagt ihr in ein ohr, was mein meinung war, das war das, und sagt zu ihr, sag zu meinem schwager u. s. w. Götz v. Berl. 153:
wiszt ihr andern rath,
des kaisers meinung zu vollziehen?
Schiller Wallensteins tod 4, 6;
in klare worte fasse deine meinung:
was soll mit diesem blutbefehl geschehn? (Davison zu Elisabeth).
Maria Stuart 4, 11;
aber wie? warum fühl ich nichts? will die kraft meiner jugend mich retten? undankbare mühe! das ist meine meinung nicht. kabale u. liebe 5, 7; Oldendorf. soll mit diesem wechsel des eigenthümers auch eine änderung in der politischen haltung des blattes verbunden sein? Senden. allerdings, herr professor, das war bei dem kaufe die meinung. Freytag dram. werke 2, 132.
6)
häufige formel war der meinung, des willens, in solcher absicht: ja auch golten die opfer im alten testament nichts, sondern waren verflucht und verdampt, wenn sie der meinung geschahen, das man gotte damit dienen wolt, als gebe man jm etwas. Luther 5, 136ᵃ; denn der meinung hatte sie Moses nicht befolhen, sondern, wie er sagt, ... solten sie solch opfer nicht anders thun, denn als ein dank oder lob. 136ᵇ; wie denn alle klöster und ander obgenante gelübde thun. denn sie geschehen alle, der gottlosen, verdampten meinung, das man gott damit gewinnen und gnade verdienen, und nicht blosze unverdiente gnade haben oder danken wil. 137ᵃ; und ist von mir auch darumb geschrieben .. der meinung, das ich die schlange und böse würme nur ja wol reizete und verbitterte, aber die heubtmeinung ist gewest, die unsern zu unterrichten, und die warheit zu bekennen. 6, 116ᵇ; (der teufel straft) wie ein henker einen straszenräuber, der meinung, dasz er den, so er anficht, in verzweiflung treibe. tischr. 2, 110 Förstemann; samlete einen groszen reisigen zeug aus Asien, und kam der meinunge, das er die Jüden ganz vertilgen wolt. 2 Macc. 10, 24; nicht geschicht das der meinung, das die andern ruge haben (οὐ γὰρ ἵνα ἄλλοις ἄνεσις). 2 Cor. 8, 13; diejenige menschenordnung, so der meinung gemacht worden das .. Augsb. confess. im corp. doctr. christ. (1560) s. 9; dergestalt wanderten er und seine bursch mit mir neben den regimentern daher .. der meinung, mich dem general-auditor oder general-gewaltiger zu überliefern. Simpl. 1, 212 Kurz; guter meinung, in guter absicht: summa, es ist am spielen nichts guts. guter meinung wirds angefangen, aber das end stimmet selten mit dem anfang überein. Schuppius 201; wider meinung, gegen die absicht, wider den willen: der Socrates, als er wider verhoffen und meinung seines unlustigen weibes gast ladete. Schuppius 741.
7)
meinung auf gesinnung, wol- oder übelwollen bezogen; mit adjectiven gut, böse, herzlich, falsch u. ä. schlieszt es sich an es gut meinen u. ä. (nr. 5, a sp. 1928) an: unsert halben dürft jr euch nicht engsten, das jr euch aber engstet, das thut jr aus herzlicher meinung (στενοχωρεῖσθε δὲ ἐν τοῖς σπλάγχνοις ὑμῶν). 2 Cor. 6, 12; etliche zwar predigen Christum, auch umb hasz und hadders willen, etliche aber aus guter meinung (δι' εὐδοκίαν). Phil. 1, 15; mancher leihet ungerne, aus keiner bösen meinung, sondern er mus fürchten, er kome umb das seine. Sir. 29, 10; bot mir die hand, empfieng mich, und fragt mich in allem guten und treuer meinung, wie ich mich halten wolte. Götz von Berl. 223; wir haben nicht böser meinung nach dem jüngling gefragt. buch d. liebe 225ᵈ; ich wuste ihm aber mit meinem guten maulleder unter dem schein frommer einfalt und heiliger aufrichtiger meinung dergestalt zu begegnen, dasz er mir gleichwol angeregte urkund mittheilete. Simpl. 2, 171 Kurz; es tauret mich, dasz ich dem könige in Engeland so viel ehre angethan, und ihm einmal aufgewartet habe, weil ich nun befinde, dasz meine gutherzige meinungen so liederlich verworfen worden. Chr. Weise erzn. 24 Braune; vater! meinen heiszesten dank für ihre herzliche meinung. Schiller kab. u. liebe 1, 7; aus guter meinung fehlen, labi opinione officii. Serz 98ᵇ; es ist aus guter meinung geschehen, benevole a me factum est. ebenda; hat dies mein vater gethan, so ersuche ich sie, auch wenn ihnen an den rosen nichts liegt, sich doch die gute meinung gefallen zu lassen. Freytag handschr. 3, 61;
der rang, den ich bekleide, das vertrauen,
wodurch die königin mich ehrt, musz jeden zweifel
in meine treue meinung niederschlagen.
Schiller Maria Stuart 4, 6.
8)
auch auszerhalb solcher verbindungen steht meinung wie gesinnung: der gottlosen meinung sei ferne von mir. Hiob 22, 18; in diesen ist der gehorsam fast das beste, und nahe gleich einer andern leiblichen erbeit des gehorsams (so anders solchs aus einfeltiger gehorsams meinung geschicht, nicht umb gelts oder ehr oder lobs willen). Luther 1, 67ᵇ; so er auszen from scheinet, und sich selber nicht anders denn from achtet, und gottes liebhaber, so doch inwendig die meinunge falsch ist. 3, 5ᵃ; die groszen scheinenden und geistlichen menschen, die umb jres fromen lebens willen und viel guter werk furchtlos stelen, und nicht warnemen ernstlich jres geistes und innerlicher meinunge. ebenda; wie gelegentlich selbst noch in der heutigen sprache:
fasse dich, Tritogeneia, mein töchterchen! nicht mit des herzens
meinung sprach ich das wort.
Ilias 8, 40,
οὔ νύ τι θυμῷ
πρόφρονι μυθέομαι;
und bedeutend wie freundliche gesinnung (vgl. meinen 5, e): die constofeler (stadtpatriziat zu Straszburg) haben verbüntnusz uf meinunge, das sü nyeman uf ir stuben zu constofeler entpfohen, sü sient dann des alle eins. d. städtechr. 9, 965, 13.
9)
meinung, blosze vorstellung, vermutung, glauben, im gegensatz zu der auf erwägung gegründeten ansicht (oben 4), vergl. dazu meinen 6 im gegensatze zu 3, doch laufen beim substantiv nochmehr als beim verbum die begriffe in einander. es heiszt, die bedeutung schärfer bestimmend, eine vorgefaszte, übertriebene, blinde meinung; in einer meinung befangen sein, stehen, etwas thun; ungefähre meinung, opinio adumbrata, tacita, falsche, falsa, ungereimte, närrische, praepostera, absurda, delira. Stieler 1263; er bildet sich etwas mit seiner eitlen meinung ein, inani persuasione intumescit. Frisch 1, 657ᵃ; bis dahin war ich der vollkommenen meinung, dasz ich mich vielleicht einiges verdiensts um das wohl des patienten rühmen könnte. Schiller hist.-krit. ausg. 1, 116; der voller meinung ist, opiniosus. Frisch 1, 656ᶜ; er handelt stark mit meinungen, est magnus opinator. Serz 98ᵇ; die meinung im herzen, die das herz glaubend oder sich einbildend hegt:
wie zärtlich hörte dich ihr wohl gesinntes scherzen!
sie warf dir hier und dar geneigte minen zu,
und unterhielt dadurch die meinung in dem herzen,
dasz dein entdeckter zug ihr nichts zuwider thu.
Günther 599;
in meinung, im glauben, in der vermutung: übergab ihm ein schmeichelcarmen oder gedicht, in welchem er ihn und seine thaten lobete, in meinung eine stattliche verehrung zu erlangen. pers. rosenth. 4, 10; ich schliesze diese rhapsodie über den Martial mit einer litterarischen anmerkung über ein paar übersetzer desselben; in meinung, dasz ich wohl jemanden ein vergebenes nachschlagen damit ersparen könnte. Lessing 8, 506;
da alle wacher auf dem posten ruhig,
in meinung, dasz der riese sie (die tochter) beschütze.
Tieck Octavian 325.
10)
meinung, mit entsprechenden beisätzen, glaube, vorstellung, annahme einer allgemeinheit, von allen getheilt: wider alle meinung, yedermann widersinns, contra opinionem omnium. Maaler 287ᵃ; gemeine meinung, opinio communis, popularis. Stieler 1263; es ist die allgemeine meinung, publica opinione creditur. Serz 98ᵇ; es ist nicht mehr die rede von weggeworfenen aussichten und ahnen .. oder von der meinung der welt. Schiller kab. u. liebe 2, 3; weggeworfen habe ich alles, was uns trennte in der meinung unserer zeit. Freytag dram. werke 1, 380;
der pfeil des schimpfs kehrt auf den mann zurück,
der zu verwunden glaubt; die meinung andrer
befriedigt leicht das wohl geführte schwert.
Göthe 9, 209;
dem franz. opinion publique wurde im vorigen jahrhundert nachgebildet die öffentliche meinung: über die öffentliche meinung ... bei dieser vieldeutigen benennung, die man in unsern tagen so oft zu hören bekommt. Wieland 31, 304 (von 1798); wenn wir ... festsetzen, was für einen begriff wir mit dem wort öffentliche meinung verbinden. ich meines orts verstehe darunter eine meinung, die bei einem ganzen volke, hauptsächlich unter denjenigen klassen, die, wenn sie in masse wirken, das übergewicht machen, nach und nach wurzel gefaszt, und dergestalt überhand genommen hat, dasz man ihr allenthalben begegnet; eine meinung, die sich unvermerkt der meisten köpfe bemächtigt hat, und auch in fällen, wo sie noch nicht laut zu werden wagt, doch, gleich einem bienenstock der in kurzem schwärmen wird, sich durch ein dumpfes, immer stärker werdendes gemurmel ankündigt. 306;
ja, auch staatskunst will es,
dasz du sie siehst, die öffentliche meinung
durch eine that der groszmuth dir gewinnest!
Schiller Maria Stuart 2, 9;
dafür auch nur die meinung, wie auch franz. schlechtweg l'opinion:
Antonio. und unsern zwist entscheide dann das schwert.
Alphons. wenn es die meinung fordert, mag es sein.
Göthe 9, 168;
o, auch die heilige gerechtigkeit
entflieht dem tadel nicht. die meinung hält es
mit dem unglücklichen.
Schiller Maria Stuart 1, 8;
die meinung musz ich ehren, um das lob
der menge buhlen, einem pöbel musz ichs
recht machen, dem der gaukler nur gefällt (worte der Elisabeth).
4, 10.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1883), Bd. VI (1885), Sp. 1938, Z. 3.

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Zitationshilfe
„meinung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/meinung>, abgerufen am 27.10.2021.

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