Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

meisterlos, adj.

meisterlos, adj.
eines meisters, leiters oder befehlshabers entbehrend:
nû sî dîn schuole meisterlôs an mîner stat: in kan dir niht.
Walther 101, 33;
einen solchen verschmähend:
ein löuw einen spiegel kôs,
dâ von wart er meisterlôs,
wan er spürte an sînes bildes krefte,
daʒ sîn pfleger, der in twanc,
schein dâ wider im ze kranc:
des entweich er sîner meisterschefte.
Konr. v. Würzburg lieder 18, 32;
daher ungezügelt, unbändig, wild:
mîn tumber meisterlôser muot
der ist der mir dâ leide tuot.
Trist. 28, 5;
in der letzteren bedeutung das mhd. überdauernd und im süden bis heute gewöhnlich: bair. maisterlos, ausgelassen Schm. 1, 1683 Fromm.; alem. meisterlos, meisterlosig, mutwillig, unfolgsam, besonders von untergebnen, die keinen herrn, keinen meister über sich erkennen wollen, dann im engern sinn, delikat in kleidung, leckerhaft in speisen. Stalder 2, 206; mêsterlos, mâsterlos, im essen wählerisch, kührisch Tobler 316ᵇ; maisterlos, maisterlosig, wählerisch im essen, leckerhaft, verwöhnt, ungezogen, verzärtelt, auch tadelsüchtig, splitterrichterisch Seiler 202ᵃ; und so in schriftquellen, gewöhnlich unbändig, wild: vast meisterloser mensch, der sich selbs in meisterschaft oder im zaum nit mag halten, impotentissimus homo. Maaler 287ᵈ; secht da, wie meisterlosz zersperrt sich die krott auf der hechel? Fischart bienk. 130ᵇ; (ein weib) soll nicht meisterlosz den mann im hausz gehn bochen. Philander 2, 350; berauscht von dem ansehen, das er über so meisterlose schaaren behauptete. Schiller 970ᵇ, vorher eine zügellose soldatesca; ich weisz nicht, ob er auf einmal gar zu streng angefangen, oder ob knecht und magd, wie oben gesagt, sonst zu meisterlos geworden; kurz, sie jahrten aus, und liefen davon. a. m. im Tockenb. 16; ich fragte ihn, ob seine kinder auch alle so gutartig seien als seine frau? ja, sagte er, ja, sie sagt, wenn ich nicht daheim sei, wollten sie ihr wohl auch oft über die hand wachsen. ich sage dann: weiszt wohl, Anne, wir sind zu unsrer zeit zuweilen schon auch meisterlos gewesen! aber wenn ich daheim bin, folgen mir alle aufs wort. 300; grollend ... über die meisterlose zeit, die an der hergebrachten gliederung der stände rüttelte. H. v. Treitschke in den preusz. jahrbüchern 1872, bd. 29, s. 458;
das gmüt ziecht, wie es will, den leib,
wie den man ein maisterlos weib.
Fischart dicht. 3, 214 Kurz (podagr. trostbüchl.);
betracht die fisch im mer;
die vögel in der luft; das maisterlose her
im wilden rauhen wald (die wilden thiere).
Rompler 148;
da steh ich unter rohem volk, ein weib,
und unter wilden, meisterlosen banden,
zu jedem bubenstück bereit.
Schiller Iphig. in Aulis 4, 3;
erzitternd vor dem meisterlosen trotz
unbändiger vasallen.
Uhland Ernst v. Schwaben s. 10;
Fischart braucht es auch als witzige verdrehung von meisterlich: dieser meisterlosen satzung halben. bienk. 129ᵇ;
so komen meine münchlein hie
und machen drüber eine glos,
die laut fein grausam meisterlos.
Dom. leben s. 1306 (am rande glossa magistralis);
welchs sehr Dominicum verdros,
das er (der teufel) jn btrog so meisterlos.
3386;
in der bedeutung lecker, schwelgerisch, wählerisch, verzärtelt: meisterlosz, delicatus, molliculus Dasyp.; meisterlosz, dem wollust und guͦten läben oder schläckerei ganz ergäben, delicatus, delicatulus, protervus, dissolutus, mollis. Maaler 287ᶜ; meisterlosz, fräfen, muͦtwillig und ungehorsam läben, licentior vita. ebenda; ein maszleidigen oder meisterlosen magen haben, dem nichts schmöckt, fastidientis stomachi esse. ebenda; ich zeüch mich selbs vil zuͦ meisterlosz, ich lassz mir selbs zevil nach, ich bin mir selbs zevil leisz, nimis me indulgeo. ebenda; meisterlose schläck, deliciae popinales. 287ᵈ; die meisterlosest under disen bangartfräwlin. Garg. 199ᵃ; das meiszterlosz fladensiglied (ein schlecklied). ebenda; in substantiver stellung, für ein verzärteltes, ungezogenes kind: denn der meiste verdrusz kommt den eltern immer von ihrem meisterlos. J. Gotthelf schuldenb. 181; die geschichte von Joseph wiederholt sich noch alle tage, aber desto seltener giebt es aus einem meisterlos einen Joseph. 197.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1883), Bd. VI (1885), Sp. 1972, Z. 20.

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Zitationshilfe
„meisterlos“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/meisterlos>, abgerufen am 17.10.2021.

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