meisterschaft f
Fundstelle: Lfg. 11 (1883), Bd. VI (1885), Sp. 1977, Z. 64
art, zustand, würde, kunst eines meisters; nach verschiedenen bedeutungen dieses letzteren wortes.
1)
lehre, unterweisung, zucht eines schul- oder lehrmeisters: meisterschaft, zucht, underweisung und leer in allen guͦten dingen, paedia, er ist der ruͦten oder meisterschaft entwachsen, excessit illi aetas ex magisterio. Maaler 287ᵈ; was heiszt accipere et haurire? leichtlich ists zu thun, das die schwermer hie eine glose darüber ertichten, und heiszen mysterium, cibum dominicum, accipere, haurire, was sie dünkt. welchs wir zwar auch eben so wol thun köndten, als sie, und jrer meisterschaft hiezu nichts bedürfen. Luther 3, 373ᵃ;
man bevalh diu reinen kindelîn
der meisterschefte von der stift.
Sylvester 938;
mit betonung des zwanges und der herschaft eines lehrers über den zögling: meisterschaft, das zöumen und dämmen, refraenatio, domitura, domitus, domatio Maaler 287ᵈ; desgleichen ist es auch mit einem menschen, er sei in einem kloster oder in der welt, der sein sinn unbezwungen und on meisterschaft lasset machen, was sie wollen. Keisersberg seelenpar. 112ᵇ;
nu ist diu werlt valschaft,
unde ist âne meisterschaft
beidiu liute unde lant.
Wigalois 64, 24.
2)
meisterschaft, von der würde eines akademischen lehrers, magisters (vergl. dazu meister 3, b): meisterschaft, doctoratus. voc. inc. theut. n 5ᵇ;
wie du nun den lauf habst überwunden,
der freien künsten lauf, und wie die maisterschaft
dir billich wolgezim.
Rompler 156;
hast freie künsten und die lähr
der weisen so durchgangen,
dasz du beraits in groser ehr
der maisterschaft kanst prangen.
159;
zugleich mit anspielung auf die zunft (vergl. unten 4; man spricht auch von der gelehrsamkeit als einem handwerke, s. th. 4², 424):
wo ihr gelahrter innungen zöglinge
zur amtsbefugnis zünftiget für altar, ..
für jeder zunft auch, und der geformelten
weltweisheit lehrstuhl, jünger zur meisterschaft
mit brief und stolzem siegel weihend,
goldenem ring, und dem hut der freiheit.
Voss 3, 203.
3)
meisterschaft, art, kunst, fertigkeit eines in seinem fache vollendet ausgebildeten (vergl. meister 4 und 5):
sie heten beide ganze kraft
und vâhten ouch mit meisterschaft:
wan si kunden eʒ vil wol.
Wigalois 19, 20;
indessen zog denn doch auch die meisterschaft mancher art, die den neuern vorzüglich zu theil geworden, eine gefühlte aufmerksamkeit an sich. Göthe 32, 84; man machte ein kleines modell mit vieler sorgfalt und arbeitete theils aus ungeduld, theils im gefühl seiner meisterschaft, öfters gleich nach diesem die statue im groszen aus dem marmor heraus. 35, 330; man musz es in der tanzkunst deszwegen zur meisterschaft bringen, weil der dilettantismus .. unsicher und ängstlich macht. 44, 293;
das er nam
seinen spiesz zu dem halben schaft,
schosz den aus rechter meisterschaft,
traf denselben bären behend.
Teuerd. 48, 52;
sonder gieng fort den gemsen zu,
fieng der etlich mit seinem schaft,
das machet sein recht meisterschaft.
53, 76;
(der) nur auf ruhm, auf meisterschaft erpicht,
bald vieles lernt, und endlich alles lehret.
Hagedorn 1, 57;
vieles hab ich versucht, gezeichnet, in kupfer gestochen,
öl gemahlt, in thon hab ich auch manches gedruckt,
unbeständig jedoch, und nichts gelernt noch geleistet;
nur ein einzig talent bracht ich der meisterschaft nah:
deutsch zu schreiben.
Göthe 1, 355;
in der älteren sprache auch ohne diesen bedeutenden sinn, nur eine fachmäszige ausbildung oder kenntnis bezeichnend; so in einer ironischen verwendung:
Unfalo sprach: die meisterschaft
meins büchsenmeisters ich jetzt bruf (sehe jetzt, was er für ein büchsenmeister ist),
dann nit lang ist, das ich im schuf,
das pulver an ein ort zu ton,
daselbst hin niemand möchte han
seinen zugang bis zu der not.
er soll drum, das er hat mein bot
veracht, empfahen seinen lon.
Teuerd. 60, 68.
4)
stand des handwerksmeisters (meister 6): meisterschaft, status magistri opificii. Frisch 1, 657ᶜ; die meisterschaft kostet bei denen handwerken viel, specimen artis, ipsaque cooptatio in ordinem curionum opificum magno constat. Stieler 2379; warum sollte ein meister hutmacher, und ein meister strumpfwirker .. nicht eben das ansehen erlangen können? die meisterschaft ist gewis keine unehre. Möser patr. phant. 1, 32; auch die gesamtheit der zu éinem handwerk gehörigen meister: éin jahrmarkt dünkte ihnen genug zu sein, den fremden auch etwas zuzuwenden, und sowohl die zünftige als freie meisterschaft in schranken zu halten. 35; meisterschaft, meister und meisterin: herr- und meisterschaft ehren. Frisch 1, 657ᶜ aus der Straszburger polizei-ordnung.
5)
bei nicht zünftigen (meister 7. 8): bei den freimaurern die meisterschaft erlangen; auch hier von einer gesamtheit: maisterschaft .. (in den salinenwaldungen) eine gesellschaft von ohngefähr 24 holzhauern oder holzknechten, die ein ganz eigenthümliches waldleben führen .. das haupt so einer maisterschaft ist der maisterknecht, dessen posten ehedem sogar erblich war. Schm. 1, 1683 Fromm.
6)
(nach meister 10) oberherrlichkeit, oberste stellung, macht und gewalt, leitung, lenkung manigfaltiger art: regimen meisterschaft, nd. mesterschap Dief. 490ᵃ; magisterium, meisterschaft, regiment, die würde eines meisters Kirsch cornuc.; meisterschaft, imperium, dominium Steinbach 2, 42; vom regimente gottes, Christi:
des sî gelopt dîn meisterschaft!
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 4218;
hilf! schäpfer aller dingen,
du väterliche kraft,
dem gaist, das fleisch zu zwingen,
durch deine meisterschaft.
Rompler 190;
von dem eines landes, bezirks, einer stadt, einer gesellschaft u. s. w.: oberste meisterschaft, der statt desz obersten meisters, tribunatus Maaler 287ᵈ; und süllent der ander meister, so der rat gesetzet wird, und der hinderste meister, ie der meister in siner meisterschefte, die Juden rehtvertigen bi irem eide. d. städtechron. 9, 976, 12 (Straszburg, 14. jahrh.);
dô bat zeinen zîten
der heilege durh des ordens frum
den bâbest Honorium,
daʒ er in und die bruoderschaft
in bischofs Hugo meisterschaft
bevulhe.
Lamprecht v. Regensburg Franzisken leben 3562;
auch die gesamtheit der mit einer solchen stellung bekleideten: des was der bobest fro und underwant sich der stette Rome und ires gewaltes und satte und entsatte ambahtlüte und meisterschaft nach allem sime willen. d. städtechron. 9, 601, 20; sind die von Regensburg uns als ihrem herrn mit hohen und nidern gerichten, und aller maisterschaft unterworfen. bair. landtagshandl. bei Schm. 1, 1683 Fromm.; herschaft im hause: denen steht es vil unehrlicher an, als den männern, die solche maisterschaft (der frau) gedulden. Fischart ehz. 455; Ziphusius und sein weib waren eines willen und meinung, in deme sie alle beide umb die meisterschaft, und wer unter ihnen beiden die pomphosen haben und antragen solte, gestritten. Schuppius 524; das volk will eine starke regierung, eine die kurz und bündig regiert, bei einer solchen ist ihm wohl, wie in einem hause, wo eine tüchtige meisterschaft ist. J. Gotthelf schuldenb. 180; herschaft, oberste stellung und würde im allgemeinen: meisterschaft, quaelibet eminentia, excellentia et major dignitas, vulgo praelatio et praeferentia sive superioritas. Stieler 2379; er will die meisterschaft allewege haben, superlationem semper et ubique affectat. ebenda; risz er jr (der an kopfweh leidenden frau) die handzwehel vom kopf und mit beiden feisten fieng er an zuͦ schlagen und sagt: hei, kopf, woltest dich der meisterschaft annemmen und meiner frawen, von deren ich guͦt und ehr hab, wee thuͦn. Wickram rollw. 77, 9 Kurz.
Zitationshilfe
„meisterschaft“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/meisterschaft>, abgerufen am 19.06.2019.

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