melancholie f
Fundstelle: Lfg. 11 (1883), Bd. VI (1885), Sp. 1988, Z. 73
trübsinn, schwermut; zunächst, nach der wörtlichen bedeutung des griechischen, aus der heilwissenschaft des alterthums ins mittelalter herüber gekommenen ausdrucks, die schwarzgalligkeit, als fehlerhafte beschaffenheit des mit schwarzer, verbrannter galle (vergl. th. 4¹, 1184. 1185) versetzten blutes: rinderein flaisch machet dickeʒ pluot vol melancoli. Megenberg 159, 32; welche schwermut erzeugt: Galiênus spricht, daʒ melancholia ir sideln hab in dem milz, und wenn diu melancoli ain oberhant nimpt und sich zeucht zuo dem haupt, sô kümpt dem menschen sweigen und betrahten, und swærikeit, wainen und trâkheit, vorht und sorg und klainmüetichait. 30, 33; diu melancoli macht die läut tœrocht, alsô daʒ manig mensch sich selber ertœtt oder wænt, eʒ sei glesein oder eʒ sei tôt. 326, 11; zugleich aber auch in einer weiteren anwendung, die mit der allgemeinen naturlehre des mittelalters in beziehung steht: den vier elementen entsprechend, von denen die erde als der bodensatz der übrigen drei betrachtet wird, gehen vier naturen, die in den weltgeschöpfen, vor allem im menschen, dem mikrokosmus, erscheinen, melancholie als eine von ihnen, der trägen erde zur seite gestellt: diu erde ist der andern elemente reinate unde ein drussene. unde diu erde ist von ir nature durre und kalt. also der naturen sint och ein teil liute. den sprechint die arzate melancolici. die artent nach der erden, unde sint sorghaft, gerne truric, gitic und habende, ungetruwe, zahe unde swarzir varwe. Mainauer naturlehre 1; von den viern (elementen) habent ir natur alle geschepht gots und der mensch hat aller der natur iegleichs ain teil an ime, ettliches mer ettleichs minner. wan er aller vier an im hat so haist er microcosmus dʒ ist in däutsch die minner welt. die natur haiʒʒent also: die erst haiʒʒet colera. die ist haiʒ und truken. die ander sangwis, die ist haiʒ und fäucht, die dritt flegma, die ist fäucht und kalt, die vierd melancolia, die ist kalt und truken. von disen vier naturen ist geschaffen alles dʒ in der welt ist. kräuterbüchl. des 14. jahrhunderts im anz. des germ. mus. 1854 sp. 185; demgemäsz ist melancholie eine der vier hauptarten in der natürlichen beschaffenheit des menschen:
er (ein arzt) kan erkennen am gesicht,
warzu ider mensch sei gericht,
die vier conplex ganz wandels frei,
und wer von art sangwineus sei
oder sei von colerica,
melancolik und flecmatica.
fastn. sp. 139, 14;
dann es sind vier complexion,
nach welchen ist der mensch gethon,
dardurch er hat ein solchen muͦt,
wie die natur das fordern thuͦt.
nemlich so bringt melancholei,
dasz er faul, grob, und trawrig sei.
colericus der brent von zorn,
und sind guͦt wort an jm verlorn.
phlegmam kan ich dir loben nit,
sie bringt vil kelt und rotz darmit.
sanguinea ist noch die best, ..
die macht behend, geschwind, gemeit.
Grobian. N 1ᵇ (v. 3221).
der fernere gebrauch des wortes betont theils die krankheit, theils die natürliche anlage, theils die trübe stimmung aus besonderer veranlassung: melancoley, melancolia, est quedam complexio. voc. inc. theut. n 5ᵇ; die melancholy, schwarz gebluͤt das den menschen schweinmuͤtig machet, bilis atra. Maaler 287ᵈ; ein grosze melancholy oder zorn hat sich erhebt oder ist entstanden, intumuit mascula bilis. ebenda; ein zorn der melancholy die alles sagt wʒ jren am herzen ligt, splendida bilis. ebenda; im 16. und 17. jahrh. als melancolei und melancholei: nichts desto weniger war sie auch ganz verdrüssig ab den zeitungen ... in dieser melancholei ward diese junge bulerische fürstin, und der könig auf der andern seiten in steten gedanken. Amadis 82; bedenket die frucht ewers leibes, das jhr daran durch ewre melancolei keine mörderin werdet. H. Jul. v. Braunschweig 382; ich belustigte mich sehr ausz diesem buch, allein es wolt mir doch nicht alle melancholei benehmen. Schuppius 178;
ains mals ich in gedanken sasz,
mein herz das ward in freuden lasz,
umbgeben mit der fantasei,
darzu auch die melancolei.
Zimm. chron. 4, 336, 18;
wann sie dich sehen solches treiben,
so wirt jr keiner nüchtern bleiben,
und schicken hin melancolei,
so jn mit wein zu helfen sei.
Grobian. H 1ᵃ (v. 1870);
im 18. jahrh. veraltend:
es flieszt ein seichter flusz still und betrübt vorbei:
sein leises murmeln nährt ernst und melancholei.
Cronegk 2, 134;
der ritter fiel in kurzer zeit
drob in melancholei,
und ward, verzehrt von traurigkeit,
des todes konterfei.
Hölty ged. 17 Halm;
die heutige form ist seit dem 17. bis 18. jh. aufgekommen: melancholie, temperament des leibes, melancholia; gemütsbeschaffenheit, animi aegritudo Hederich 1598; mich dünkt, ihr beide seid zu ungerechten theilen kommen, einer hat die lust, der andere die melancholie mit einander kriegt. Chr. Weise erzn. 175 Braune; von der tiefen melancholie, in der sie begraben war. Göthe 11, 53 (vorher vermochte doch nichts über ihren trübsinn. s. 52). Das vorige jahrh. faszt die melancholei, melancholie gern auch dichterisch persönlich, als vertreterin einer sanften schwermut:
wo rüstern dort ein heilig dunkel streun,
und um des doms portal sich efeu dehnt,
weilt die melancholei im vollmondschein,
an grabmaltrümmer sinnend hingelehnt.
Matthisson ged. (1794) 56;
hier im schauer tiefer todtenstille,
wo die himmelstochter andacht wohnt,
und melancholie in schwarzer hülle
sinnig mit gesenktem haupte thront.
Bürger 95ᵇ;
o du der besten jünglinge bester, ..
den sie (die natur) der freundschaft schuf, der lieb und stilleren freuden;
sanfte melancholie, deine feindinnen nicht!
Stolberg 1, 15.
Zitationshilfe
„melancholie“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/melancholie>, abgerufen am 21.10.2019.

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