Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

melden, verb.

melden, verb.
prodere, nuntiare, significare, manifestare, aperire. eine ausschlieszlich westgermanische bildung: ahd. meldôn, mhd. melden, alts. altnfr. meldôn, ags. meldian, meldigan; ohne verwandte im ostgermanischen und in urverwandten sprachen. die älteste bedeutung scheint die des feindlichen verratens oder angebens (was nicht nur am verbum, sondern auch an ableitungen hervortritt: ahd. meldari, ags. melda ist verräter, spion, kundschafter, meldunga verrat, angeberei), später haben sich mildere entfaltet.
1)
melden mit acc. der person, einen verraten, ihn zu seinem schaden anzeigen: ahd. Judas meldet Christum Judeis. Notker bei Hattemer 2, 70ᵃ (ps. 18);
ni tharft es, quâdun, lougnen,   thîn sprâcha scal thih ougnen,
thînu wort nûa   thiu meldônt thih in driua!
Otfrid 4, 18, 28;
mhd. ir dûf enmoht sich niht verheln,
si begonden under zwischen steln
und alle ein ander melden.
Walther 105, 24;
auch im ältern nhd.: prodere melden l. vorratten Dief. 462ᵇ; verbirge die verjagten, und melde die flüchtigen nicht. Jes. 16, 3; und er heilete sie alle, und bedrawete sie, das sie jn nicht meldeten (ἵνα μὴ φανερὸν αὐτὸν ποιήσωσιν). Matth. 12, 16; ich wil aber wol heimblich zuhören, und wenn ichs vernehme, was es sei, wil ich e. g. berichten. e. g. müssen mich aber nicht melden. H. J. v. Braunschweig 338;
meld ihn nur niemand nicht.
Opitz 1, 226.
2)
zur obrigkeitlichen anzeige behufs bestrafung bringen: accuso, melden, rugen, besagen vel schuldigen Haltaus 1339; hählen, das wir zu recht hählen sollen, und melden, das wir zu recht melden sollen. eidesformel aus Nordhausen, ebenda;
daʒ sî besît vorholin
sich von den andrin stôlin
und in rechtir trûwe pflicht
den brûdrin meltin dî geschicht.
Jeroschin 20615;
dô meltte er bî namen
alle dî dâ hâten
ûf dî valscheit gerâten,
den ouch wart geguldin
ir mîte nâch den schuldin.
20651;
reflexiv: stilt ein dyp und kumt mit der deube in ein ander gerichte ... meldet er sich selbir, daʒ er daʒ gut vorstolin habe, man richtit czu im alʒ czu einem dybe. Magdeb. blume 2, 2, 237; und dann freier auch bezichtigen, dem öffentlichen urtheil anheimgeben: wenn seine leute allewege freiszliche leute gewest sint, unbarmherzigk unde ane gotis vorchte, des sie alle kroniken meldin. Rothe dür. chron. 704, s. 610.
3)
vom wachenden hunde: man haltet hund, das sy die dieben mäldind oder anzeigind, canes aluntur ut significent si fures venerint. Maaler 281ᵃ;
wenn das haus zu bette geht
und der dieb mit listen steht
nach des nächsten gut und gelde,
ei, so gieb, dasz ich (mensch unter dem bilde eines hundes) ihn melde!
P. Gerhard 323, 64 ('wahre erniedrigung sein selbsten');
reflexiv von thieren, wenn sie sich dem jäger verraten: corvi maris haiʒent merraben, und habent den namen von ir stimm, .. wan si krochzent mit der prust als die raben, und sô si sich gemeldent mit der stimm, sô væht man si. Megenberg 250, 5; weidmännisch sich melden, das laut geben eines rehbocks, wenn er einen menschen oder ein raubthier plötzlich merkt. Jacobsson 3, 48ᵇ.
4)
melden mit persönlichem acc. mit gemilderter bedeutung, einen mit namen angeben, einen namentlich bezeichnen: pei den harlizen verstên ich ain iegleich üppig gemain, dâ ainr dem andern niht gehôrsam wil sein .. wærleich, eʒ sein laien oder pfaffen, si müeʒent verderben. daʒ hab wir gesehen an steten und an gotshäuʒern. niemd ich meld, daʒ ist verpoten, aber prüefen ist alles gepietens frei. Megenberg 300, 33; ich mälden aber niemandes, ego autem neminem nomino. Maaler 281ᵃ;
hat er den bettelwirt gemelt (hat der andere ausdrücklich diesen genannt, bei dem man sich treffen wolle),
so setz dich, trink ein kandel bier,
er wirt sich hieher finden schier (spricht der bettelwirt).
H. Sachs fastn. sp. 2, 148, 216;
einen einen narren melden, ihn so nennen, bezeichnen:
wird ich darumb ein narr gemelt,
so sein vil narren in der welt.
fastn. sp. 1, 232, 22.
5)
melden, eine anzeige machen, etwas kund machen, in mehrfacher weise.
a)
gerichtlich verkündigen (unterschieden von 2), in bezug auf die abhaltung des gerichts selbst und das dabei zu sprechende erkenntnis: es ruegent und meldent dye erbern geswaren burger zu Patzmansdorf dem edlen vesten herrn Gamarett von Frannaw pan und gewaltigs gericht. weisth. 3, 694, 1 (Österreich, um 1460); item sew ruegent und meldent all jar drew pantaiding. 2; item sew ruegent und meldent, so der richter pewt frid zwischen zwair oder mer, wer den nicht hielt, der ist verfallen ... 698, 41 (und öfter); erstlich melden die erbarn perggenossen, das man alle jar drei pergtäding haben soll. 705 (von 1575); eine bedeutung, die schon im 12. jahrh. frei verwendet erscheint:
dô sprach Christ ze dem manne:
hôre, her Symon danne!
du solt ein urteil melden.
fundgr. 1, 159, 27,
wo ein gutachten über eine frage unter dem bilde einer rechtsfindung erfordert wird, vergl. v. 44.
b)
melden, von der anzeige eines wachtpostens, eines wächters: Deutscher der leibwache. als ich das Thomasthor vorbeiging, sah ich gewaffnete soldaten ... Gian. nichts wichtigeres? es wird nicht weiter gemeldet. Schiller Fiesko 3, 11; das ewige anfragen und melden! ebenda; der thorschreiber meldet die wagen, die in die stadt fahren; die wache meldet zwei gefangene; der nachtwächter meldete, dasz verdächtiges gesindel durch die straszen schleiche.
c)
melden, vom diener, der der herschaft besuchende anzeigt und nennt: kleide dich um, mach dich ganz unkenntlich, lasz dich beim alten melden (Franz Moor zu Hermann). Schiller räuber 2, 1; (der herr) kümmert sich um nichts, nicht um die pferde, nicht um die herrschaften, welche sich melden lassen. Freytag dram. werke 1, 354; melden sie mich ihrem herrn. 355;
der ritter
wird künftig ungemeldet vorgelassen.
Schiller don Carlos 3, 10.
d)
allgemeiner, etwas anzeigen, kund thun, mit persönlichem oder sächlichem subject, mit acc. oder abhängigem satze: mein freund meldet mir gutes; sein brief meldet, dasz er abgereist ist; die briefe melden, literae referunt, nuntiant Frisch 1, 658ᵃ; seine schreiben meldeten viel gutes von dir, habebant literae egregiam significationem amoris erga te. Stieler 1264; von einer sache melden, mentionem rei alicujus facere. Steinbach 2, 43; ich weisz nicht, ob ich ihm trauen und ihm die sache melden darf. Cronegk 1, 44; melde mir, an wen ich mich wenden soll, wenn ich nach Hamburg komme. Hölty 247 Halm; melde, wie viel miethe monatlich für das zimmer bezahlt werden soll. 258; sehr bald kam eine antwort von diesem (beamten), worin er .. meldete, dasz er, um allen unterschleif zu vermeiden, sofort das polizeiarchiv habe unter siegel legen lassen. Immermann Münchh. 2, 166;
was du immer mit zitternder ahndung vermuthet,
du verlaszner, das melden dir jetzt die seelen der todten.
Klopstock 3, 148 (Mess. 3, 660);
ich eile vor dem könig und dem heer,
zu melden dasz er kommt und dasz es naht.
Göthe 9, 5;
melden
sie das dem könig, der sie hergesandt!
Schiller don Carlos 1, 1;
melden sie
dem könig, dasz ich ihn erwarte.
2, 11;
glorwürdger kaiser, ich soll etwas melden,
und zweifle noch, zu sagen dir ...
Tieck Octavian s. 176.
e)
melden, von einem feierlichen, heroldmäszigen verkündigen:
der engel meldôt in dâ:
die hirte funden in sâ.
Ezzos leich, Müllenhoff u. Scherer nr. 31, 10, 3;
gehet indesz von uns aus, ihr hohen engel der throne,
meldet den herrschern der schöpfungen gottes, dasz sie sich der feirung
dieser erwählten geheimnisvollen tage bereiten.
Klopstock 3, 31 (Mess. 1, 442);
doch sog ich, an der besten mutter busen,
bewunderung des schöpfers ein,
und heiszen dank, dasz er, sein lob zu melden,
auch mich auf diesen weiten schauplatz rief.
Gotter 1, 2;
diu lerch meldet den tag des morgens fruo, sô der morgenrôt næhent, mit gar frœleichem gesang. Megenberg 171, 18;
das evoe muntrer thyrsusschwinger
und der panther prächtiges gespann
meldeten den groszen freudebringer,
faun und satyr taumeln ihm voran.
Schiller die götter Griechenlands v. 74;
jetzt frischt zu neuer lust
er sich mit nektar an, und cymbel und drommete
und pauke melden, dasz — Zevs trinkt.
Gotter 1, 62;
andrerseits aber auch von bloszen anzeichen, die etwas kund thun: er (der senf) rainigt daʒ antlütz und meldet daʒ faul pluot in dem menschen. Megenberg 422, 16;
schicke fort,
lasz den kellner scharf besprechen,
da dein angebrochnes fest
melden läszt,
dasz wir tapfer zechen.
Günther 914;
wo denn auch wieder die bedeutung 1 anklingt: welheu junkfraw daʒ waʒʒer trinkt, ist si noch magt sô geschicht ir nihts, ist si aber niht maget, sô beprunzt si sich zehant. alsô melt si ir aigen waʒʒer. Megenberg 447, 30.
6)
melden lehrend, auseinander setzend verkündigen: sô scholt dû eʒ (das kranke haupt) twahen und salben mit populeon, daʒ vindest dû in der apotêken und kümpt von dem paum populus, als wir her nâch melden, wenn wir von den paumen sagen. Megenberg 5, 25;
daʒ wâpenkleit ich melde
durch sînen wunneberenden schîn (folgt die beschreibung).
Konrad v. Würzburg turnei 330 Bartsch;
wir künnen zaubern und auch kosen,
schelten, melden und auch losen.
fastn. sp. 495, 7;
merk auch dʒ Christus ratsweisz melt,
wj man fast fliehen söll dj welt.
Schwarzenberg 140ᵇ;
(Hiob, cap. 19, v. 25. 26) spricht frei. das sein erlöser leb,
und das er wider söll erstan,
im flaisch den schöpfer sehen an;
darbei er mäldet überlaut
von andrer ümbgab seiner haut.
152ᵇ;
djweil nun sölchs auf erden felt,
als ich ytzt kürzlich hab gemelt,
so ists fürwar inn jhener welt.
ebenda.
7)
dieses melden namentlich mit bezug auf geschichtliche überlieferung: ein history mit versen schreiben, oder mit reimen mälden, attingere res gestas versibus. Maaler 281ᵃ; es wirt gemäldet under den alten geschichten, cum avorum memoria circumfertur. ebenda; wie die evangelisten melden. Sandrub kurzweil 79; gestallten .. von Chrysostomo, von Ambrosio, die beschreiber ihres lebens, und die dreifaltige legende melden. Schuppius 724; die Türken .. welche gegen den unvernünftigen thieren barmherzig zu sein und den hunden und vögel allmusen zu geben gemelt werden. 755;
was wolte Karien von seiner treue melden,
so sie hat angetahn den hochgeliebten helden,
mit dem es gleiche lebt?
Fleming 138;
was hat vordem die Deutschen grosz gemacht,
von deren muth auch feinde melden?
Hagedorn 2, 93;
von gedenksteinen, liedern:
wenig zeilen, die den grauen sandstein
überfüllen, melden
wer hier ruhet.
Hölty 50 Halm;
eurer thaten verdienst meldet der rührende stein.
Schiller spaziergang v. 96;
was leisteten die tapfern helden,
von denen uns die lieder melden?
kampf mit dem drachen v. 76;
des königs namen meldet kein lied, kein heldenbuch:
versunken und vergessen.
Uhland ged. 392.
8)
melden auch nur erwähnen, anführen, in rede oder schrift gedenken, in einzelnen fällen an die vorige bedeutung anstreifend: mälden, erzellen, etwas eingedenk syn, memorare, meminisse, mentionem facere, commonefacere, commemorare. Maaler 281ᵃ; ein ding anziehen und mälden, mentionem de re aliqua movere, inferre mentionem. ebenda; ein ding kurzlich mälden und anruͤren, breviter perstringere atque attingere. ebenda; einen mälden, einsi eingedenk sein, usurpare memoriam alicujus. ebenda; von eim reden und seinen eingedenk syn, jn mälden und anziehen, attingere aliquem. ebenda; Bructeri werden von Ptolomeo nit gemelt. Frank weltb. 29ᵃ;
wenn ich doch ains ie melden schol,
wie das der Hainz sei prechenhaft.
fastn. sp. 568, 21;
ich kan von ihm auch melden,
dasz wann er sterben soll, er wie die andern helden
ausz diesem leben geht.
Opitz 1, 96;
seht wie manche werthe stadt
Mars durch wilden brand und schieszen
in den staub geleget hat:
nach so vielen groszen helden
dürfen wir ein kind nicht melden.
2, 134 (auf eines kindes begräbnis);
anführen, behaupten: bistu so einer, als dein feind dich zu sein meldet. pers. baumg. 4, 23; anführen, aufzählen: in meiner vorschrift ist der besondere fall nicht gemeldet, wenn ein spanischer grande der königin briefe von einem fremden hofe in ihrem garten zu übergeben hat. dom Karlos, prosabearbeitung 1, 3, wo es in versen heiszt:
in meiner vorschrift
ist des besondern falles nicht gedacht ...
don Carlos 1, 3.
9)
hierher gehören die noch heute häufigen formeln ohne ruhm zu melden, mit respekt zu melden: ohne unzeitigen ruhm zu melden, absit jactantia dicto. Stieler 1264; und ohne ruhm zu melden tragen sie das gröszte lob davon. Göthe 8, 34; ich würde unter der rüster sitzen wie auf kohlen und mir, mit respect zu melden, das gesäsz verbrennen. Immermann Münchh. 3, 129.
10)
ebenso part. gemeldet in adjectiver stellung: da nun die gemeldten schiff fast wohl gespeiset und versorget wurden. b. d. liebe 9ᵈ; die jetzt gemeldten fürsten alle. 28ᵇ; gemelter Schertel. Zinkgref apophth. 1, 192; Seneca .. hat schon geklagt, es seye alles voller laster .. eben das was gemeldter Seneca geklagt, klagen auch unsre lieben alten. Schuppius 784; vgl.bemeldet, ermeldet unter bemelden, ermelden; obgemeldet, vorgemeldet.
11)
sich melden sich angeben, sich bezeichnen für irgend einen zweck, mit dem beisinne des ordnungs-, recht- oder pflichtgemäszen, hat sich erst in der neueren sprache entwickelt: sich mündlich oder schriftlich melden; sich um ein amt, zu einem amte, für eine stelle melden; er meldete sich als gläubiger; der soldat meldet sich vom urlaub zurück; er meldete sich zum wort; fremde melden sich bei der polizei, auf dem rathause; sich melden bei einem, als creditor, debitum exigere. Frisch 1, 658ᵃ; er meldet sich beim richter, apud praetorem nomen suum profitetur. Steinbach 2, 43; der herzog sucht eine parthie für die Milford. ein anderer kann sich melden. Schiller kabale u. liebe 1, 5; als sie aber von st. Luciä der pfarrer zum zweitenmal in der kirche ausgerufen hatte: 'so nun jemand hindernis wüszte anzuzeigen, warum diese personen nicht möchten ehelich zusammenkommen' — da meldete sich der tod. Hebel 2, 195; und anderweit, mit persönlicher auffassung, im sinne von sich einstellen, sich mahnend kund geben: der winter meldet sich, in kalten tagen des vorgerückten herbstes; das alter meldet sich schon bei ihm; stunden der nüchternheit, augenblicke der erschöpfung könnten sich melden. Schiller kab. u. liebe 4, 7; die geborstene erde scheint flammen zu speien, denn überall meldet sich rauch und brand in den ruinen. Göthe 24, 42. mütter sagen das kind meldet sich, wenn ein säugling um nahrung schreit; bair. sich melden, anmelden, bekannten als abgeschiedener geist seinen tod kund thun durch den unerklärlichen fall eines gegenstandes, ein geräusch, einen hellen schein in der nacht u. s. w. Schm. 1, 1592 Fromm.; kärntn. sich melden, geistern, spuken. Lexer 189. vergl. auch anmelden th. 1, 407.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1883), Bd. VI (1885), Sp. 1991, Z. 41.

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Zitationshilfe
„melden“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/melden>, abgerufen am 24.01.2022.

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