Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

melodie, f.

melodie, f.
μελωδία. Vom gregorianischen kirchengesange aus ist dieses fremde kunstwort in unsere sprache gekommen, welcher in seinen strophen die tonfolge, die wir noch jetzt melodie nennen, hervorgebildet hatte, und welcher mit der bekehrung zum christenthum in die deutschen kirchen und klöster eingezogen war. Gregor selbst brauchte für den strophischen gesang, wie er ihn aus früheren anfängen gestaltet und musikalisch und rhythmisch geordnet, das wort melus (melos canamus gloriae. hymnus bei Wackernagel, d. kirchenl. 1, nr. 89, 8), ebenso spätere hymnendichter des 8. bis 9. jahrh. (nos tibi regnanti pangimus ecce melos. nr. 130, 5; carmina psallere voce lyra, edere tunc juvat arte melos. nr. 136, 1), aber daneben kommt, wie frühe steht dahin, auch das aus Martianus Capella (lib. IX § 905 ed. Kopp) den zeitgenossen bekannte melodia auf, das von vornherein nur auf die töne des gesanges und ihre wollautende ordnung sich bezieht (daher die übersetzungen suoʒsanc, sûʒsanc melodia Graff 6, 253; melodia guot gedœne voc. opt. 28, 34):
et nos voce praecelsa
omnes modulemur,
organica cantica,
dulci melodia.
nr. 174, 7 (11. jahrh.);
in einem strengeren sinne sich ausbildend, und in bezug auf die sequenzen: sequitur versus epulemur, inde melodia. ordo rom. bei Du Cange von Henschel 4, 350ᵃ; honorifice, sicut superius intulimus, et sequentiam melodient in eadem die. ebenda (ordensregel der abtei Farfa in Italien); oder in freierem, überhaupt wie gesang, weise: ita tamen ut quam diu advixerimus ... septem psalmorum melodiam cotidie decantent. ebenda (urk. Karls des einfältigen von 917). das in der kirchen- und klostersprache nun viel angewendete wort dringt im mhd. auch in die weltliche rede ein, zunächst, seiner natur nach, als ein gewählter und nicht häufig verwendeter technischer ausdruck:
diu wîsit si (die sänger) ze wunsche wol;
diu weiʒ wol, wâ si suochen sol
der minnen melodîe.
Trist. 122, 15;
wie er die silben künne,
hêrlîch die melodîe,
iclîchem dôn daʒ sîn.
Kolmarer meisterl. nr. 33, 24;
nachher aber, wenn auch hier nur langsam vordringend, immer mehr als wort des gemeinen lebens, in der form melodei mit dem ton auf der letzten silbe: melodia melodey Dief. nov. gloss. 250ᵃ (von 1429); melodei modus, modulus Dasyp.; niederl. melodije, melos, melodia, cantus suavitas, modulatio, modulamen, concentus, harmonia Kilian; ein bericht, uff was thon und melodey, ein jedes (lied) mag gesungen werden. Wackernagel kirchenl. 1, 448ᵇ (16. jahrh.); in der flammweisz, oder in herzog Ernsten melody. 747ᵇ (Straszburg, um 1524); o liebliche music, o süsze melodei! Schuppius 65; ihr herren, dasz ihr die melodei mit begreifen könnet, so will ichs auch singen im thon: ach traute schwester mein. Chr. Weise erzn. 173 Braune; melodei ... der ton und die abwechslende art desselben beim singen. Frisch 1, 658ᵇ;
und dises sangen sie mit süszer melodei.
Weckherlin 661;
diese form dauert bei dichtern bis auf unsre zeit, angewendet auf das lied und alles liedförmige und an die töne des liedes erinnernde, das auch im vogelgesange herausgehört wird:
was hüpft und geht,
trägt Amors liverei,
was athmet und weht,
singt Amors melodei.
Fr. Müller 3, 118;
es ist nur spasz,
der tact, du aas,
zu deiner melodei (: brei).
Göthe 12, 126;
ich fühle deinen schönen mai,
und Philomelens melodei.
Bürger 12ᵇ;
(sie) singt ein lied dabei,
das hat eine wundersame,
gewaltge melodei.
H. Heine 15, 130;
doch kommt melodie (dreisilbig), dem franz. mélodie entsprechend, bereits im 16. jahrh. auf, und wird seit dem vorigen gewöhnlich: damit ein jeder diese evangelia singen könne, ob er gleich die melodien, so darbei genotiret, nicht verstehen oder lernen mag, wil ich hiemit darneben anzeigen, uff welche weise sie jederman singen könne. Wackernagel d. kirchenl. 1, 448ᵃ; wie die declamation des redners seiner rede das leben giebt, so giebt oft die melodie erst dem liede seine ganze kraft. Gellert 2, 92;
sie (die einfalt) hört auch grob, und in der melodie
der nachtigall erschallt kein ton für sie.
Hagedorn 1, 68;
und spielet sie
der liebe klagelieder,
so rausche (linde) nicht in ihre melodie.
Gökingk lieder zweier lieb. (1779) 105;
was die seele tief durchklungen,
was berauscht der mund gesungen,
glüht in hoher melodie.
Körner 2, 26;
es heiszt eine melodie singen, pfeifen, geigen, spielen, blasen; ein lied nach der melodie eines andern; dieses lied ist auf die melodie des mantelliedes gedichtet, wird nach der melodie des mantelliedes gesungen; die melodie eines musikstückes gegenüber seiner harmonie;
da du fliehst aus unsern armen,
sitzen wir betrübt allhie,
intoniren dir ein carmen
nach bekannter melodie.
Platen 63;
collectiv: vergebens wirbeln mir die vögel melodie,
vergebens duften mir die blüthen.
Hölty 48 Halm;
aber dem plur. melodeien, später melodien gegenüber nur ausnahmsweise: so hab ich doch derselbigen etliche (lieder) zu unterschiedlichen, mir sonderlich beliebenden melodeien zu verförtigen nicht unterlassen. Weckherlin vorrede zu d. geistl. gedichten;
mir singt der vögel muntre schaar
mit tausendfach-gebrochnen melodeien,
mit tausendfachen schmeicheleien,
ein lied, das sie der schöpfer selbst gelehrt.
Drollinger 46;
hatten ihn (einen vogel) die feen
begabt, zu singen frank und froh
ballade, virelay, rondeau,
und tausend schöne melodeien,
die einem leib und seel erfreuen.
Wieland 18, 364;
bei den meisten dieser lieder habe ich auf kirchenmelodien zurückgesehen. Gellert 2, 92;
(ich) hörte dich (schönheit) in den bebenden melodieen
ihrer schwebenden stimme.
Stolberg 1, 130;
die vöglein alle tauschen
die süszen melodieen.
Tieck Octavian s. 6;
ein schnitterhaufen führte heim die garben,
und sang und jubelt und ergötzte sich;
doch als die heitern melodien erstarben,
trat in den burghof herzog Udelrich.
Platen 317;
uns flosz der rasche strom der stunden
in freien melodieen fort.
Uhland ged. 17 ('mein gesang');
auch von den tönen eines vogels, der nicht singvogel ist:
(wir) horchten auf die melodien,
die kibiz und rohrdommel schrien.
Voss 2, 247;
im rauschen des flusses, des sees wird melodie gehört:
lispelt bäche, die durch blumenthäler fliehn,
angenehmre melodien!
Hölty 127 Halm;
hier rauscht des seees melodie,
hier tönt der vögel klang;
es wird in dieser symphonie
mein athem selbst gesang.
Stolberg 1, 409;
melodie in bildlichen redensarten: dasz sie, zu dumm, um nach ihrer eignen melodie thoren zu sein, daher mit fremden kälbern pflügen. J. Paul grönl. proc. 1, 40;
bescheidenheit! ruft die prinzessin: an einem manne wie sie
sind dinge bemerkenswürdig, die nichts an andern bedeuten.
doch, um vergebung, mein herr, wenn diese melodie
ihr ohr vielleicht verletzt?
Wieland 5, 24 (n. Amadis 12, 31);
führst du auch aus unsren pforten
mit dir keine theure sie,
freien läszt sich aller orten
nach bekannter melodie.
Platen 63 ('abschiedslied nach bekannter melodie').
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1883), Bd. VI (1885), Sp. 2000, Z. 67.

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Zitationshilfe
„melodie“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/melodie>, abgerufen am 27.01.2022.

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