Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

menschenkind, n.

menschenkind, n.
1)
kind von menschen: je mehr sich die natur dem griechischen himmel nähert, desto schöner, erhabener und mächtiger ist dieselbe in bildung der menschenkinder. Winkelmann 3, 52; spielend mit der folgenden bedeutung, in einem rätsel:
ob er (Adam) gleich starb mit seinem grauen haar,
kein menschenkind minder auf erden war.
Hebel 1, 277.
2)
mensch überhaupt, mit hervorhebung seiner abstammung und seiner daher ererbten beschaffenheit (vergl. auch kind II, 3, f, th. 5, 712); die gewöhnlichste bedeutung, schon mhd.:
daʒ ist diu welt, die scheltent si: an der ist wandelbæres niht,
wan swâ diu menschenkinder habent mit argen sünden pfliht.
minnes. 2, 357ᵃ Hagen;
gott ist nicht ein mensch, das er liege, noch ein menschenkind, das jn etwas gerewe. 4 Mos. 23, 19; jre frucht wirstu umbbringen vom erdboden, und jren samen von den menschenkindern. ps. 21, 11; wie thewr ist deine güte, gott, das menschenkinder unter dem schatten deiner flügel trawen. 36, 8; die sollen dem herrn danken umb seine güte, und umb seine wunder, die er an den menschenkindern thut. 107, 8; und wenn gleich einer unter menschenkindern volkomen were, so gilt er doch nichts, wo er on die weisheit ist, so von dir kompt. weish. Sal. 9, 6; alle sünde werden vergeben den menschenkindern. Marc. 3, 28; der löwe aber saget, könten die löwen nur auch so mahlen wie die menschenkinder, so solte wol nicht darstehen, wie der mensch den löwen, sondern wie der löwe den menschen erwürget. Lokmans fab. 7; habe er (der teufel) sieben töchter gezeuget, die er mit den menschenkindern verehelicht habe. Schuppius 841; die ganze natur der menschenkinder schien damals in allen ländern rege zu werden, und die groszen erfindungen thaten sich mit einmal hervor. Winkelmann 3, 218;
o wir arme menschenkinder,
wie dan werden wir bestahn?
Spee trutznacht. (1654) 191;
o vater, vater, dich soll ich
die menschenkinder lehren!
Herder z. litt. 4, 146;
denn wir sind argwöhnisch, wir menschenkinder (φῦλ' ἀνθρώπων)
auf erden.
Odyss. 7, 307;
alle menschenkinder, kein menschenkind, lebendiger und nachdrücklicher als alle menschen, kein mensch: alle menschenkinder geen mit eitel torheit, dockenwerk und unnützen künsten umb. Frank weltb. 23ᵃ;
willst du nichts sehen an,
als was ein mensch gethan,
so wird kein menschenkind
von wegen seiner sünd
im himmel bestehen.
P. Gerhard 66, 33;
vielfach in anrede und ausruf: des herrn wort geschach zu mir, und sprach, du menschenkind, offenbare der stad Jerusalem jre grewel. Hes. 16, 2; du menschenkind, wiltu nicht strafen die mördische stad? 22, 1; ihr menschenkinder, gott hat euch gerahten und ermahnet, dasz jhr dem teufel nicht dienen sollet. pers. rosenth. 8, 24;
ach wein auch du, o menschenkind,
und traure über deine sünd.
P. Gerhard 16, 33;
ihr menschenkinder,
geht, seid und bleibet sünder.
17, 9;
o du verfluchtes menschenkind,
von sinnen toll, von herzen blind,
lasz ab die welt zu lieben!
J. Rist in Wackernagels leseb. 2 (1876), 528;
zwei blumen, rief er (der genius), hört es, menschenkinder,
zwei blumen blühen für den weisen finder.
Schiller resignation (hist.-krit. ausg. 4, 30);
abstammung und eigenart ist durch den gegensatz teufelskind besonders hervorgehoben:
kein schwefelpfuhl erschreckte die gewissen!
das menschenkind hiesz noch kein teufelskind.
Gleim 3, 8;
öfter hat menschenkind, schon in der rede des 17. jahrh., zumal aber in der neueren, eine gewisse derbere art und einen beiklang von humor oder ironie: ich denke, ihr seid auch ein menschenkind wie ich. Chr. Weise comöd. 88; nun wäre aber, wenn es auf Danischmends willen angekommen wäre, auf dem ganzen erdboden kein galgen, kein henker, und kein hängenswürdiges menschenkind gewesen. Wieland 8, 241; sich über die thorheiten der menschenkinder lustig zu machen. 250; des Schweizerhauptmann Landolts biographie von Weisz, besonders mit einigen handschriftlichen zusätzen, erneuerten anschauung und begriff des wundersamsten menschenkindes, das vielleicht auch nur in der Schweiz geboren und grosz werden konnte. Göthe 32, 178; in betracht der vielerlei menschenkinder, die ihre schrift lesen sollen. 38, 86; was ich, als einzelnes isolirtes menschenkind, ganz ruhig wagen konnte, wäre für einen familienvater tollkühnheit gewesen. Seume spazierg. 1, 37;
zwar mag in éinem menschenkind
sich beides auch vereinen.
Göthe 2, 209;
vor alters wurden menschenkinder
verwandelt oft in quell und flusz:
auch unsre sieben arme sünder
bedroht ein gleicher götterschlusz.
Uhland ged. 318.
3)
menschenkind, von einem kindlichen menschen: endlich der kindliche frühling mit seinem weiszen kirchenschmuck von blüten, der wie ein kind blumen und blütenkelche um den erhabenen geist herumlegt und an dessen gebete alles mitbetet was ihn beten hört. und für menschenk inder ist ja der frühling der schönste priester. J. Paul uns. loge 1, 41.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1883), Bd. VI (1885), Sp. 2056, Z. 50.

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Zitationshilfe
„menschenkind“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/menschenkind>, abgerufen am 27.10.2021.

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