Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

menschensinn, m.

menschensinn, m.
1)
dem menschen eigener sinn, als inbegriff menschlicher meinung und menschlichen verlangens: so mancherlei die vögel und bunt an farb und federn, so mancherlei, so bunt ist menschensinn und gedanke. Fr. Müller 3, 65; die unglaubliche verblendung des menschensinns. Göthe 16, 53;
o blinder menschensinn! du achtest gott so klein.
Logau 1, 88, 65.
2)
einer von den menschlichen sinnen: der geschmack als allgemeiner menschensinn. Kant 7, 225; ich dächte, ehe wir kosmogonien und kosmologien träumten, setzten wir uns hin und beobachteten, zum beispiel, den ursprung einer spinnewebe; und diesz so lange, bis wir so viel davon heraus gebracht hätten, als fünf menschensinne, mit verstand angestrengt, daran entdecken können. Wieland 19, 136; doch betont ein unbestimmter plural hier auch nur das auf das wahrnehmen gegründete verständnis (vergl. nachher 3):
o welch ein lieber tag, ein tag den menschensinnen,
wie hoch sie immer gehn, mit nichten fassen können!
Opitz 3, 195;
alle künste sind zu viel, eine kunst recht fassen künnen
ist genug zu rechtem ruhm, ist genug für menschensinnen.
Logau 3, 67, 62.
3)
menschensinn, das verstandesmäszige erfassen eines menschen, überlegung, verstand: mikroskope und fernröhre verwirren eigentlich den reinen menschensinn. Göthe 22, 232; diese schönern und edlern menschen, die mit schaudern den vater der götter darin (in dem standbilde des Phidias) erkannten, müszten nicht einmahl gemeinen menschensinn gehabt haben! Wieland 24, 196; ich liebe die aufrichtigkeit, womit du die wahre ursache deines noch immer unentschiedenen schwankens zwischen dem gemeinen menschensinn und der filosofischen mystagogie deines oheims gestehest. 36, 319; eine redensart aber die .. den gemeinen menschensinn einschläfert, damit er das absurdeste ertragen möge. Göthe 49, 156; das will der gemeine menschensinn sich nicht aufdringen lassen. Fichte grundl. der ges. wissenschaftslehre 118;
öfters denkt man, dies und dies
hätte können besser sein;
aber wie die finsternis
nicht erreicht der sonnen schein,
also geht auch menschensinn
hinter gottes weisheit hin.
P. Gerhard 306, 53;
in der formel darin liegt, ist kein menschensinn, zeigt sich keine überlegung, ist nichts verständiges:
denn, unter uns gesagt, es ist doch offenbar
kein menschensinn in dieser ambassade.
Wieland 23, 129 (Oberon 9, 8);
unnützes, marklos albernes gewäsch,
in dem kein menschensinn ist und verstand.
H. v. Kleist Amphitryon 2, 1.
4)
menschensinn, den menschen auszeichnender sinn, gesinnung eines wahren menschen (vgl. dazu mensch 8, e sp. 2027): dieser gerade und starke menschensinn des mannes. Lichtenberg 5, 178; den vorfall einem manne zu erzählen, dem ich menschensinn zutraute, weil er verstand hat. Göthe 16, 50; wer sichs zur ehre hält, von vernünftigen vorfahren abzustammen, wird ihnen doch wenigstens eben so viel menschensinn zugestehen als sich selbst. 23, 283; ich hoffte auf den ernst des herzens, auf das zutrauen eines gebildeten umfassenden geistes, auf einen menschensinn ohne beengende meinungen. Arnim 2, 48; das albinagium (recht das die güter verstorbener landesfremder dem könige anheim fallen läszt) ist zur ehre des menschensinnes doch endlich vernichtet. Seume mein sommer 155.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1883), Bd. VI (1885), Sp. 2067, Z. 57.

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Zitationshilfe
„menschensinn“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/menschensinn>, abgerufen am 24.01.2022.

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