Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

menschenverstand, m.

menschenverstand, m.
1)
dem menschen eigener verstand, als geistige fähigkeit: des menschenverstandes angewiesenes gebiet und erbtheil ist der bezirk des thuns und handelns. thätig wird er sich selten verirren; das höhere denken, schlieszen und urtheilen jedoch ist nicht seine sache. Göthe 22, 260; stand es nun mit den sachen des geschmackes auf einem sehr schwankenden fusze, so konnte man jener epoche auf keine weise streitig machen, dasz innerhalb des protestantischen theils von Deutschland und der Schweiz sich dasjenige gar lebhaft zu regen anfing, was man menschenverstand zu nennen pflegt. Göthe 25, 94; er wird der gesunde, gemeine, tüchtige menschenverstand genannt: was hier (beim thiere) trieb und kunsttrieb heiszt, ist dort gesunder menschenverstand. Lichtenberg 1, 78; es ist zum erstaunen, wie weit ein gesunder menschenverstand reicht. 192; der mensch findet sich mitten unter wirkungen und kann sich nicht enthalten nach den ursachen zu fragen; als ein bequemes wesen greift er nach der nächsten als der besten und beruhigt sich dabei; besonders ist diesz die art des allgemeinen menschenverstandes. Göthe 22, 256; Justus Möser .. er war der tüchtige menschenverstand selbst. 45, 296; es heiszt zur ehre, zur schande des menschenverstandes: ich will das zur ehre des menschenverstandes annehmen; um einige stunden auf dem theater (in Capri) herum zu wandeln, von welchem zur schande des menschenverstandes ein sybaritischer wüstling einige jahre das menschengeschlecht mishandelte. Seume spazierg. 1, 139; menschenverstand haben, anwenden und ähnl.: seinen verstand, den sogenannten menschenverstand wird er (der eigentliche mensch) anwenden seine bedürfnisse zu befriedigen. Göthe 22, 241; wo einem der menschenverstand in der liebe bleiben mag! Arnim Hollins liebeleben s. 48 Minor;
könnte menschenverstand doch ohne vernunft bestehen,
Nickel hätte fürwahr menschlichsten menschenverstand.
Schiller hist.-krit. ausg. 11, 124;
was musz ich an dem esel doch erleben!
vernunft und sitten und menschenverstand,
bleibt lebenslang dem bären unbekannt.
Tieck Octavian s. 227;
denkst du,
mir sei von meiner mutter so viel menschenverstand
nicht angeboren als vonnöthen,
um einzusehn, du seist ein schurke?
H. v. Kleist fam. Schroffenstein 1, 2;
er wird auch persönlich gedacht: wer sich zum gesetz macht, was einem jeden neugebornen der genius des menschenverstandes heimlich ins ohr flüstert, das thun am denken, das denken am thun zu prüfen. Göthe 22, 181; die philosophie war also ein mehr oder weniger gesunder und geübter menschenverstand, der es wagte, ins allgemeine zu gehen und über innere und äuszere erfahrungen abzusprechen. 25, 95; dasz der gesunde menschenverstand und die natur nicht zum worte kommen können. 33, 47; so geht es in beispielen fort, die man dem gemeinen menschenverstand, ich weisz nicht, ob zur bildung oder zur verwirrung in die hände giebt. Seume mein sommer 59.
2)
menschenverstand, verstand, sinn in der rede eines menschen: (Logaus gedichte) sind dergestalt verlängert, verkürzt, verändert worden, dasz nachdruck, feinheit, witz, alle sprachrichtigkeit, ein jeder guter poetischer name, eine jede gute eigenschaft des dichters, ja oft der menschenverstand selber verloren gegangen ist. Lessing 5, 109; gesunden menschenverstand in den kanzelvortrag zu bringen, der das mittel zwischen gelehrter weisheit und unverständlicher wortkrämerei halte. Herder z. litt. 1, 121.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1883), Bd. VI (1885), Sp. 2072, Z. 51.

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Zitationshilfe
„menschenverstand“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/menschenverstand>, abgerufen am 25.10.2021.

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