Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

menschlichkeit, f.

menschlichkeit, f.
menschliches wesen, menschliche art, mhd. menschlicheit: menschligkeit, humanitas Maaler 288ᵇ; nach den verschiedenen bedeutungen des adj. menschlich.
1)
menschliches wesen, menschlicher zustand im allgemeinen (vergl. menschlich 1):
wo seid ihr schönen stunden,
da noch ein blumenstrausz, von werter hand gebunden,
ein pfand der liebe war? die neigung schätzte nur
an herzen und geschenk die einfalt der natur.
nun hat ein schnödes gift die menschlichkeit verletzet,
dasz man sich gold und stein zu seinem abgott setzet.
Drollinger 71;
in den begriff des lebens und bewustseins übergreifend:
da sah er vor sich, in rauchendem blute
einen mörder, der sich erwürgte. der schrei der verzweiflung,
jammernde seufzer der wiederkehrenden menschlichkeit füllten
jeden hügel umher.
Klopstock 3, 266 (Mess. 5, 432);
nach der äuszeren gestalt: von dem höchsten begriffe der menschlichkeit zu reden. Winkelmann 4, 37, er meint die sich am menschen ausprägende schönheit; im gegensatze zum wesen der geschöpfe höherer art (vergl. dazu menschlich 2): dessen ungeachtet ist es (das system, dasz der körper gleichsam der kerker des geistes sei) doch nichts mehr als eine schöne verirrung des verstandes, ein wirkliches extremum, das den einen theil des menschen allzu enthusiastisch herabwürdigt und uns in den rang idealischer wesen erheben will, ohne uns zugleich unserer menschlichkeit zu entladen. Schiller hist.-krit. ausg. 1, 142.
2)
menschlichkeit, mit hervorhebung der schranken, die dem menschlichen wesen gezogen sind (vergl. menschlich 3): natur .. zu dir flüchte ich dieses liebende herz — tritt zwischen meine menschlichkeit und den menschen. Schiller menschenfeind, 7. scene;
seiner menschlichkeit vergessen,
wagt des mannes eitler wahn
mit dämonen sich zu messen,
denen nie begierden nahn.
würde der frauen.
3)
oder schärfer, mit hervorhebung des gebrechlichen, schwachen der menschennatur (vergl. menschlich 5 und 6):
(du) wirfst den fehdehandschuh vor mich hin.
ha! schauerte nun auch die menschlichkeit,
wie Hektorn vor dem Ajax und Achill,
vor dir mich an; hüb ich ihn doch empor.
Bürger 41ᵃ;
und hier vereinzelnd eine menschlichkeit, plur. menschlichkeiten, von dem falle, in welchem sich solche schwäche zeigt: einem verwandten genie, dem Thomson, ist die nehmliche menschlichkeit begegnet (sich auf ein falsches gebiet zu verirren). Schiller hist.-krit. ausg. 10, 472; indem ich die geographie der gegenden, wo meine geschöpfe sich aufhielten, studirte, und zu jenen trockenen localitäten allerlei menschlichkeiten hinzu erfand, die mit dem charakter der personen und ihrer beschäftigung einige verwandtschaft hatten. Göthe 24, 196; es bedurfte wieder einen eben so gründlichen ernst, ein eben so entschiedenes talent als des groszen alten, um uns ähnliche persönlichkeiten und charaktere mit leichter bedeutenheit vorzuspiegeln, indem einer spätern menschheit neuere menschlichkeiten durchschaubar vorgetragen werden. 46, 10.
4)
menschlichkeit, das hohe, eigenartige des menschlichen wesens hervorhebend, wie es sich im denken und empfinden zeigt (vergl. dazu menschlich 8): wobei die menschlichkeit in unserer person unerniedrigt bleibt, obgleich der mensch (das individuum) jener gewalt unterliegen müszte. Kant 7, 113; (im alterthume) wo ganz allein für die höhere menschheit und menschlichkeit reine bildung zu hoffen und zu erwarten ist. Göthe 46, 53; hunger und durst zu löschen, wird der mensch thaten thun, worüber die menschlichkeit schauert, er wird wider willen verräther und mörder, er wird kannibal. Schiller hist.-krit. ausg. 1, 149;
der richter der welt erhub die rechte; da stürzten,
schmetterten donner herab auf die beiden groszen verbrecher (führer wilder heere)!
lange hallt es den hochverräthern der menschlichkeit nach.
Klopstock 6, 23 (Mess. 16, 313);
und gerührt zu der herrscherin füszen
stürzt sich der menge freudig gewühl,
und die rohen seelen zerflieszen
in der menschlichkeit erstem gefühl.
Schiller das eleusische fest;
o schöner tag, wenn endlich der soldat
ins leben heimkehrt, in die menschlichkeit!
Piccolomini 1, 4;
betrug ist überall und heuchelschein,
und mord und gift und meineid und verrath;
der einzig reine ort ist unsre liebe,
der unentweihte, in der menschlichkeit.
Wallensteins tod 2, 7;
(wir haben) über Europa geschwatzt und Amerika, jenes im dunkel,
dies im tagenden lichte der menschlichkeit!
Voss Luise 2, 146;
hat mich der krieg, der mich erzogen,
als er das land umher zu grabe trug,
um meine menschlichkeit betrogen?
Seume ged. 114;
völlig grundlos sagen uns die kritiker,
die tragische kunst vertrüge nichts dämonisches,
und blos der leidenschaften reine menschlichkeit.
Platen 281.
5)
menschlichkeit, mit betonung des mitgefühls, erbarmens, der schonung (vergl. menschlich 9): mitfreude und mitleid .. als mittel zu beförderung des thätigen und vernünftigen wohlwollens zu gebrauchen ist eine besondere pflicht unter dem namen der menschlichkeit (humanitas). Kant 5, 294; beim anblick des elenden brotes .. thränen der menschlichkeit zu weinen. Wieland 7, 161; nur wollte ich, im nahmen der menschlichkeit, bitten, einige sorge dafür zu tragen, dasz die armen leute besser genährt würden. 29, 136; menschlichkeit und duldung fangen an der herrschende geist unsrer zeit zu werden. Schiller hist.-krit. ausg. 3, 520;
eine der menschlichkeit
geweinte thräne flosz.
Stolberg 1, 2;
es wird ihn rühren. glaube mir, er ist
nicht ohne menschlichkeit, mein vater.
Schiller don Carlos 5, 3;
nur die königin säumt noch, —
aus arger list, dasz man sie nöthige,
nicht aus gefühl der menschlichkeit und schonung.
M. Stuart 1, 6;
mehr denn der mensch verlanget die menschlichkeit. jeglicher becher
kühlt dem menschen den durst; menschlichkeit bildet ihn schön.
Voss 6, 291;
auch hier, wiewol selten, ein plur. menschlichkeiten, die einzelnen fälle des mitgefühls andeutend:
sein leben
war für andre, nicht sein, voll menschlichkeiten! die armen
speist er, heilte die kranken, rief aus dem grabe die todten!
Klopstock 4, 41 (Mess. 6, 598).
6)
menschlichkeit endlich persönlich gefaszt, gesamtheit der menschen, wofür gewöhnlich menschheit (s. d.); aber gerade in dieser bedeutung ist das wort alt: darumb daʒ er menschlicheit erlœsen wolt von der vangnis des tüfels. Elsäss. predigt in Birlingers Alemannia 1, 66;
betrübnis macht uns schwach, und herzen lernen zittern,
so bald die menschlichkeit ein nahes elend sieht.
Günther 604;
er lehrt den himmlischen ursprung der liebe, er lehrt, dasz sie nach diesem ursprunge das schönste geschenk sei, welches das schicksal auf die menschlichkeit flieszen lassen. Lessing 3, 240;
der nennt der menschlichkeit ehre,
welcher Friedrich nennt!
Klopstock 1, 77;
du gabst, du geber!
uns, dem glücklichen volk, in deinen gnaden
einen weisen beherrscher,
dasz er die ehre der menschlichkeit sei!
117;
giebs dem theuren, dem guten,
ihm der die wonne der menschlichkeit ist!
118;
wie kümmerlich, trotz seiner göttlichkeit
sich oft genie hier unterm monde nähre,
beweisen uns die Kepler, die Homere, ...
doch wahrlich nicht zu sonderlicher ehre
der undankbaren menschlichkeit,
die ihnen späte dankaltäre,
und opfer nach dem tod erst weiht.
Bürger 31ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1883), Bd. VI (1885), Sp. 2087, Z. 63.

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Zitationshilfe
„menschlichkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/menschlichkeit>, abgerufen am 17.10.2021.

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