mildern verb
Fundstelle: Lfg. 12 (1884), Bd. VI (1885), Sp. 2210, Z. 37
mitigare; spätere bildung als das verb. milden, die aber dasselbe zurückgedrängt hat (vgl. lindern gegen linden sp. 1037): mitigare miltren Dief. 364ᵃ; milteren, mitigare, sedare, parare, temperare, lenire, delinire Dasyp.; milderen, placare, addoucir, sänftigen Schottel 1364; nur nach einigen bedeutungen des adj. mild ausgebildet.
1)
transitiv, und
a)
an mild 6 angeschlossen, milder machen, sänftigen, von unfreundlichen, harten oder bösen seelenstimmungen: also soll kein mensch so groszen unmuͦt tragen, es mög in durch bywesen guͦter fründ und ir ergetzung miltern. buch d. beisp. 147, 29; traurigkeit mit fröud milteren oder vermengen, condire tristitiam hilaritate Maaler 290ᵇ; zorn mildern, emollire iram, placare iratum Stieler 1276; den hasz mildern, odium lenire Steinbach 2, 62; mein verdrusz wurde durch verwunderung einigermaszen gemildert. Göthe 20, 75; sorge und trauer waren durch eine sichere hoffnung gemildert. 15, 242; durch diese freundschaft wurde das schwierige verhältnis der beiden häuser ein wenig gemildert. Freytag handschrift 1, 46;
darmit hab ers (das weib) erweichet eben,
das sie auch frumb und sanft sei worn,
und hab gemiltert jren zorn.
H. Sachs fastn. sp. 4, 128, 98;
schwesterliche wollust mildert
düstrer schwermuth schauernacht.
Schiller fantasie an Laura;
und von der person selbst, gemildert werden gesänftigt werden im ärger oder zorn: durch die anmuth meiner nachbarinnen fühlte ich mich sogleich zwar wieder gemildert, aber es ist eine böse sache um den ärger, wenn er einmal auf dem wege ist. er kochte heimlich fort. Göthe 23, 87;
der küng wil sich nit miltren lan.
Daniel 1545 Sᵃ.
b)
vgl. mild 7, von urtheil, tadel, strafe, pein u. ähnl.: strafe mildern, poenam levare, minuere, remittere. Stieler 1276; das urteil ist ein wenig gemildert, sententia aliquantum mitigata est. ebenda; mildernde umstände, in der rechtssprache, umstände bei einem verbrechen, die die strafe zu mildern geeignet sind: die geschworenen billigten dem verbrecher mildernde umstände zu; auch auszerhalb des rechtlichen begriffes: ich musz dein urtheil über diese sache etwas mildern; die alte vorstellung von der roheit unserer vorfahren ist durch neuere anschauungen gemildert worden; die schweren lasten des volkes etwas mildern;
gott wöll dir milteren dise pyn.
Daniel 1545 Qᵃ;
herr, mildere die straf, und lasz sie träglich sein.
P. Fleming 29;
unsere (leute), wieder zu menschen erneut durch menschliche sorgfalt,
rasch in gemildertem frohn, und vergnügt des gegönnten erwerbes,
lernten vertraun sich selber und uns.
Voss 2, 55;
die jugend mildert eure schuld.
Schiller M. Stuart 1, 4;
von schmerzen, krankheit: milteren die krankheit, levare morbum. Dasyp.; lenire dolorem, den schmerzen milteren. ebenda; vgl.milderung.
c)
vgl. mild 9, von gefühlen, die gesitteter oder gehaltener geäuszert werden, nicht in roher kraft ausbrechen: wuth und verzweiflung schändete keines von ihren (der alten künstler) werken .. zorn setzten sie auf ernst herab .. jammer ward in betrübnis gemildert. Lessing 6, 385; wenn er, empfänglich wie er war, leicht aufloderte, wenn sein lebhaftes begehren zudringlich ward, wenn seine hartnäckigkeit ungeduldig machen konnte, so waren doch alle seine äuszerungen durch eine vollkommene schonung des andern dergestalt gemildert, dasz man ihn immer noch liebenswürdig finden muszte, wenn man ihn auch beschwerlich fand. Göthe 17, 16; wir waren theils durch eigne sitte und lebensart gebändigt, theils aber auch durch jene besondere weise der hausfrau gemildert, welche ... sich immer gewissen ideellen vorstellungen hingab, und indem sie solche freundlich und wohlwollend zu äuszern verstand, alles scharfe, was in der gesellschaft hervortreten mochte, zu mildern und das unebne auszugleichen wuszte. 26, 188; was die Franzosen tournure nennen ist eine zur anmuth gemilderte anmaszung. 49, 53; will der starke geliebt sein, so mag er seine überlegenheit durch grazie mildern. Schiller hist.-krit. ausg. 10, 116; du aber, du milde blasse gestalt, an die ich so oft blicke, um mein herz zu mildern, die so bescheiden schimmert und so bescheiden macht. J. Paul Qu. Fixl. 49;
was brausest du verwildert,
gesang, von fluch und mord?
durch holde scheu gemildert
sei auch des strafers wort.
Voss 5, 255 ('die milderung');
und so selbst von personen gemildert sein, wenn sie zur sittlichen haltung vorgeschritten, hier aber nun wieder auch mit beziehung auf mild 6, a, im gegensatz sowol zu roh, als auch rauh oder wild:
tugend und anmut
sang ihr freundlicher mund; rings ward den gemilderten völkern
heilig und hehr die natur, des unendlichen sichtbare gottheit.
Voss 3, 103.
d)
vgl. mild 10, in bezug auf sinnlich wahrzunehmendes, töne, licht, farben, wärme u. ähnl.: den ton, die stimme mildern; der reine himmel dieses schönen landes, ... die durch die lieblichste kühlung gemilderte wärme. Wieland 27, 133; die goldne mondsichel, deren milchfarbenes licht die schwarzen waldschatten der hohen fichten milderte. Musäus volksm. 230; (Beireis) erzählte die oft wiederholte geschichte: wie er den stein unter einer muffel geprüft und über das herrliche schauspiel der sich entwickelnden flamme das feuer zu mildern und auszulöschen vergessen. Göthe 31, 234; (der himmel) setze besonders euren männern oder vätern, wie der kalendermacher der sonne, ein menschliches antlitz an, das auf eine schöne weise das männliche, wie das solarische blenden mildert. J. Paul Qu. Fixl. s. vi; von allem, was die fliegende hitze des fliegenden lebens mildert. s. 19; er stand mit einem von den liebearmen der natur festgehaltnen herzen, .. süsz in die gleich ihm gemilderte abendsonne verloren. biogr. belust. 1, 59; die kälte mildern:
mildre diese kälte, schlichte
holz auf holz zur flamme reichlich.
Platen 154 (nach Horaz 1, 9: dissolve frigus);
den blick, das aussehen, den glanz mildern: sie lächelte über meine verwunderung, milderte ihren feurigen kühnen adlerblick, faszte mich zärtlich bei der hand. Heinse Ardingh. 2, 52; und so wird ein erhabenes bild gemildert zur anmuth. Göthe 39, 21; derjenige theil ihrer haare, der noch aufgesteckt ist, mildert, durch weibliche zierlichkeit, ihr sprödes ansehn, dagegen der herabhängende das männlich-wilde vermehrt. 24;
gib auch blätter, den glanz der blendenden blumen zu mildern.
1, 305;
mildern in bezug auf gestein (vergl. mild 10, d): die kleinen berge, mit dem krater, aus dem die lava flosz, sind noch unfruchtbar, ... und werden wahrscheinlich noch lange so bleiben, bis der witterungswechsel die verbrannte materie genugsam gemildert hat, um sie der vegetation fähig zu machen. 37, 206; in bezug auf eine geschwulst: der weizen und sein meel haben eine kraft zu miltern und zu zeitigen. Tabernaem. 599; auf geschmack: zerflossenes weinsteinsalz mildert die säure des weines. Adelung.
2)
reflexiv, sich mildern: weil die vorstellung des orientalischen despotismus .. sich gemildert hat. Klinger 12, 122; er bemerkte, dasz .. seine spartanischen vorstellungen sich zu einer sogenannten unschädlichen schrulle oder zu dem, was man den wurm bei einem menschen nennt, gemildert hatten. Immermann Münchh. 1, 79.
3)
intransitives mildern hört man im süden: die kälte, das wetter hat gemildert, ist mild geworden; das fieber mildert, nimmt ab.
Zitationshilfe
„mildern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/mildern>, abgerufen am 20.08.2019.

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