Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

milz, m., f., n.

milz, m. f. n.
lien, splen.
1)
milz ist wie die bezeichnungen derjenigen anderen inneren theile des menschen, denen die verarbeitung der speise und die blutbildung obliegt (leber, lunge, magen), uraltes gut der deutschen gesamtsprache, aber ohne urverwandte bezüge, also erst auf germanischem boden gebildet (nur herz, galle, niere reichen weiter zurück); goth. und alts. zufällig nicht bezeugt, altn. milti, schwed. mjelte, dän. milt; ags. milte, engl. milt; niederd. milte, niederl. milt; ahd. milzi, mhd. milze, milz; in die romanischen sprachen, als ital. milza, span. melsa u. a. aufgenommen, vgl. Diez 1, 277. die gramm. 2, 32 geschehene zuweisung des wortes zu ags. meltan schmelzen (vergl. unter malz sp. 1514 oben) und seine deutung 'a concoquendo, solvendo succum' entspricht der vorstellung, die man von dem zweck der milz hatte, nämlich das blut leichtflüssig zu machen und seine unreinigkeit zu säubern: daʒ milz ligt in der denken seiten und zeuht in etleicher mâʒ an sich die unsauberkait des pluotes. Megenberg 30, 27; wann das milz verstopft ist, gebieret es die schwarze gelbsucht, und viel andere krankheiten. sein amt ist, dasz es den dicken und irrdischen theil des durch den truncum der kresz-äderlein dringenden chyli, wann solcher schon anfangen will, sich im geblüt zu ändern, ehe er noch gar zur leber kommt, durch eine eigne ader an sich ziehet, damit die leber das allerreineste theil empfangen möge. Hohberg 1, 160ᵃ;
in deme herzen ist unser leben,
von der lungene wir den âtem nemen,
von der lebere daʒ gesûne,
von dem milze lachen wir sliume,
von der gallen den zorn.
genesis in den fundgr. 2, 14, 34.
2)
ahd. und mhd. ist milzi, milze neutr., auch nhd. noch, in starker, theils aber auch in schwacher decl.: Plinius spricht, daʒ daʒ milz ain hindernüss sei des laufens. Megenberg 31, 5; von dem milz. 30, 25; daʒ sich des menschen lachen mêre nach des milzen grœʒen und sich minder nâch des milzen klainen. 31, 9; guot für des milzes laster. 366, 9; das milcz und das hercz. kuchenmeist. b 6ᵃ; das milze, lien, splen Maaler 290ᵇ; das milze in jungen grosz, in alten klein. Forer fischb. 93ᵇ; auf das milz gelegt. Bock kräuterb. 23; zu dem milzen. Uffenbach 1, 125; des milzes. Würtz pract. 136; die pfirsichkern .. öffnen die verstopfung der leber und desz milzens. Sebiz feldb. 346; hüte dich so vil du kanst vor tatteln, ... dann sie machen verstopfung inn der leber und im milzen. 267; und noch im 18. jahrh.: das milz, lien, splen Frisch 1, 663ᶜ (bairisch noch jetzt Schm. 1, 1597 Fromm., alem. 's milzi Tobler 319ᵃ. Seiler 207ᵇ); bei den Schlesiern aber masc.: der milz ist ihm aufgelaufen, lien ipsi turget, der milz sticht mich, splen me torquet. Steinbach 2, 62;
zum linken ist der milz, zu dem das blut musz schieszen
das noch nicht sauber ist.
Opitz 3, 214;
ebenso bei Logau, s. nachher unter 3; aber niederd. ist das wort fem.: hilpet der leveren unde der mylte. Schiller-Lübben 3, 92ᵃ (auch altnorwegisch milt fem. Fritzner 448ᵇ) und von da aus nhd.: milz, f., lien Schottel 1364; die milz, nonnunquam das milz, lien, splen Stieler 1277; geh ein wenig spaziren, das ist der milz sehr gut. ebenda; und so seit dem 18. jahrh. durchweg: die milz und die nieren waren mit dem linken grimmdarmgekröse verwachsen. Schiller hist.-krit. ausg. 1, 53.
3)
die milz in gesundem zustand ist weich, in krankem hart, geschwollen, verstopft: dies kraut äuszerlich aufgelegt, erweichet das harte milz. Tabernaem. 1168;
es pflegt die milz sich zu verstopfen.
Kotzebue dram. sp. 2, 257;
sie sticht bei heftigem atmen und laufen: sticht dich das milz nicht auch. Fischart ehz. 53; das milz sticht ihm, lien illum quasi pungendo torquet. Frisch 1, 663ᶜ; daher man glaubte, läufer lieszen sich die milz ausschneiden: es ist ein irrthum, wenn einfältige glauben, den läufern werde die milz ausgeschnitten, ob man wohl dann und wann mittel anwendet, die aufblähung der milz bei ihnen zu heben. Amaranthes frauenz.-lex. (1773) 1874;
ich han mir lon das milz usschnyden,
das ich mag wandlen wyt und veer.
Jos. Murer belagerung von Babylon (1560) act 2,
sie erzeugt seelenstimmungen, und namentlich auch lachen (vergl. oben unter 1 aus der genesis), und weinen: das starke lachen, insonderheit wen es ohne ursach geschicht, kompt vom milz eben so woll als weinen. Elis. Charl. v. Orleans (1867) 314;
Grunnus ist ein karger filz,
hat doch einen milden milz;
dann er dich, du thaler-sack,
lachet an den ganzen tag.
Logau 1, 236, 95;
verstopfte milz macht melancholisch, bange, verdrieszlich (vergl. milzsucht):
wie gehts uns denn bei langem wachen,
wenn milz und nacht uns bange machen?
Drollinger 101;
Macrin,
den rechtsgelehrsamkeit, amt, milz und alter steift.
Hagedorn 1, 118;
nehm sich der herr in acht mit dieser frucht (der dattel).
zu viel genossen taugt sie nicht; verstopft
die milz; macht melancholisches geblüt.
Lessing 2, 215;
die geschwollene milz, zeichen der unzufriedenheit:
das milzkraut soll ich sein,
verkleinern soll ich stets, soll helfen treiben ein
den aufgeschwollnen milz, die art der stolzen sinnen,
die sich in jhnen selbst beherbergen nicht künnen,
und denen viel zu eng jhr deutsches vaterland.
Logau 2, 56, 13;
und des unwillens oder zorns:
voll ungeduld, so lang umsonst zu warten,
trabt er, indesz die milz ihm mächtig schwillt, ..
mit groszem schritt in einer kleinen ferne
vom haus im dunkeln auf und ab.
Wieland 21, 226;
daher:
man lud mich nechst zu gaste, der magen gieng mit mir,
doch war er mir nicht nütze, den milz den durft ich hier
(hatte ursache, mich zu ärgern über die schlechte bewirtung).
Logau 3, 131, 70;
auch launenhaftigkeit hängt mit der milz zusammen: ihre furcht, dasz die plötzlichen und schnellen veränderungen der mode, welche unsere jetzige zeiten so eigentlich characterisieren, einen üblen einflusz auf ihren kopf haben möchten, ist eben so ungegründet. etwas mehr leichtfertigkeit, als unsere groszmütter blicken lieszen, scheinet zwar darin zu liegen, und es wollte neulich eine alte dame aus unsern seit jahresfrist täglich veränderten hüten schlieszen, dasz die seele ihren sitz verlassen, und sich in die gegend der milz zurückgezogen hätte. Möser patr. phant. 3, 3; und liebe verzehrt die milz:
der ist ein panterthier, der ohne leid erfähret,
wie grimmig Amor mir schon nier und milz verzehret.
A. Gryphius (1698) 2, 104;
milz im fluche:
ei potz krösz und potz milz,
ich wehr dir nit zimlich zu zehrn.
H. Sachs fastn. sp. 1, 74, 152.
4)
milz, die gegend der milz am menschlichen körper; namentlich mit bezug auf das degentragen an der linken seite und mit anspielung darauf, dasz die milz der sitz des zornes ist: band meinen degen an das milz. finkenritter A 3ᵇ;
drauf der potztausenddegen   vornen wol auf dem milz,
damit wir die stein fegen,   wann uns aufsteigt der rülz.
Opel u. Cohn 414, 9;
davon die komische bildung milzdägisch von einem der den degen auf der milz trägt: cartell des stutzerischen aufzugs der ... langlapphösischen, milzdägischen, federfüszigen, wolstaffierten, weltbekannten cavaliern. 412 (von 1628).
5)
im niederdeutschen bezeichnet das wort auch die milch bei fischen (sp. 2189), jedenfalls von der ähnlichkeit ihrer form mit einer milz: milte, milch in den fischen, lactes, daher milter, ein milcher, das männlein von den fischen. brem. wb. 3, 161.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1884), Bd. VI (1885), Sp. 2219, Z. 57.

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Zitationshilfe
„milz“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/milz>, abgerufen am 28.01.2022.

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