Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

minder

minder,
minor, minus.
1)
goth. minniza; altn. minni für minri, schwed. dän. mindre; altfries. minnira, minra; alts. altnfr. minniro, mnd. minner, minder, niederl. mindre, minder; ahd. minniro, mhd. minner, minre; ein comparativ, von jeher ohne positiv, ursprünglich zu goth. leitils, altn. litill, fries. litik, alts. lutil, ahd. luzil verwendet, das selbst keine comparativformen entwickelt hat. ags. wird das wort durch lässa, engl. less ersetzt, obschon ags. minsian vermindern auf das vorhandensein des bezüglichen stammes auch in diesem dialekte hinweist. derselbe erscheint in einfacherer gemeingermanischer comparativform als goth. adverb. mins, altnord. minnr, alts. ahd. mhd. niederd. min, in urverwandtschaft zu altslav. mĭnij kleiner (Miklosich 389ᵃ), lat. minor, minimus, minuere, griech. μινύω, μίνυ-νθα eine kleine weile, und da in allen diesen wie den deutschen formen das innere n ursprünglich bloszes bildungselement ist, so ergibt sich als älteste gestalt der wurzel sanskr. mî, mi mindern, aufheben, vereiteln, die auch in griech. μείων geringer, μειόω verringern vorliegt (vgl. Kluge etymolog. wb. 226).
2)
die ebenerwähnte kurze adverbialform min, die bereits ahd. ihren comparativlaut (gegen goth. min-s) eingebüszt hat, lebt noch mhd., ist aber schon in den ersten zeiten des nhd. verschwunden, während sie in den niederdeutschen gegenden sich hält: minus min Dief. 362ᵇ (niederrhein.); minus min nov. gloss. 254ᵃ (niederd.); ind der Switzer enbleif niet min doit dan der anderen, as men sachte. d. städtechron. 14, 915, 28 (Cöln); du komest icht ader nicht, nicht de minn wille wy uns to rechte der gebor halden. 16, 528, 31 (Braunschweig); noch bei Schottel 1364 min minus, moins; und wenn auch Stieler 1277 das hochdeutsch zu seiner zeit unerhörte min mit der redensart: er wird min geachtet, parvi ducitur, in minimis ponitur, anführt, so wird das um so eher aus dem niederdeutschen übernommen sein, als min hier im positiven sinne steht, welcher gerade im späteren niederdeutsch, so wie auch im niederl. (min, gering) sich ergeben hat: min neben weniger, geringer auch wenig, gering. brem. wb. 3, 162; minn, verächtlich, gering. Woeste 175ᵇ; min, gering, wenig, klein, mager, schlecht, auch weniger, minus ten Doornkaat-Koolman 2, 602ᵇ; vgl. nachher unter 3. hochdeutsch darf nicht einmal die noch lange auftretende superlativform minst neben mindest (s. dort) mit min zusammengehalten werden, welche vielmehr unmittelbare kürzung des mhd. minnest scheint; nur in der zusammensetzung minbruder frater minor, der sonst minnor pruder, minner pruder heiszt (Dief. 362ᵇ, vgl. unten 4, b) klingt hd. min noch im 16. jahrh. nach, bei Fischart, hier nun aber mit dem verdacht eines beabsichtigten wortspiels zu minne: hierumb so wiszt, das es nicht ein nam on den kram sei gewesen, sonder revera heiszt ein minnbruder. Garg. 57ᵇ; sind sie (streifen um sonne oder mond) minnbrüderisch graw, tunkel und erdfarb, bedeuts kälte und wind. groszm. 21 (die minoriten trugen einen langen rock von aschfarbigem tuche).
3)
nhd. minder ist, wie auch schon mhd. minner als adj., subst. und adverb ausgebildet. die form minner erscheint noch bis 16. jahrh.: minner, minor, minus, parvior secundum artem. voc. inc. theut. n 7ᵇ; wan man sich dieser ding ie minner an nimpt. theol. deutsch 9 (in der Oberpfalz und Franken auch jetzt noch minner, aber nach Schmellers vermutung erst aus minder zurückgebildet, s. Schm. 1, 1619 Fromm.); umgekehrt hat sich inneres nd aus nn in verschiedenen gegenden schon frühe gebildet (auch das altnord. miđr minus neben minnr geht auf mindr zurück), im mnl., mnd., auch im schweiz. des 13. jahrh. minder (mhd. wb. 2, 1, 175ᵇ), um nhd. bereits ende des 15. jahrh. die gewöhnliche form zu sein, gelegentlich auch in minger umgesetzt: minger als der seiren (busteln) aufsticht. Garg. 246ᵇ; oder mit neuem comparativsuffix versehen: minderer, weniger, minus Dasyp.; und wie im nd. für das adv. min aus dem begriffe weniger der sinn wenig erwuchs (vgl. oben 2), so hat sich auch hd. aus dem comp. minder ein positiv mind hervorgebildet: wiltu machen, dasz ein mindes oder geringes ein grosz mehrers volk an einem streit zertrennen ... oder gar flüchtig machen mög. Fronsperger kriegsb. 2, 191ᵃ; ganz wie wiederum im nd., wo auch minner ein minne wenig, klein, schwächlich erzeugt hat, Schambach 135ᵇ. minder ist der gegensatz zu mehr (sp. 1870 ff.), in der allitterierenden formel mehr oder minder noch heute gern mit ihm gebunden; im übrigen von der neuern sprache zurückgesetzt, weil in den bedeutungen, in denen mehr noch kräftig lebt (s. d. nr. 5 u. folg.), als gegensatz weniger in schwang gekommen ist.
4)
minder in adjectiver fügung,
a)
in bezug auf umfang oder wuchs, weniger grosz, kleiner:
giduan ni mahtu in wâra   thih minniron noh mêra,
hâr nihein, hugi ouh thes,   thu iʒ alles wio gifarawes.
Otfrid 2, 22, 23 (vgl. Matth. 6, 27);
vil ofte kam eʒ dar an
daʒ der grôʒe man (der riese)
den minnern vor im dan sluoc
vaste unde verre genuoc.
Erec 9158;
er fuorte den helt unverzagt
in ein minre gezelt
kurzen wec überʒ velt.
Parz. 725, 21;
in dem teile des ertriches genant die minre Asia. d. städtechron. 8, 288, 2; man vermüret ouch etwie manig porten an der stat ... man maht ouch etliche dor (thore) minre danne sü vormals worent. 124, 23; das der bischoff ... die minder statt Basel zuͦ einem underpfandt bewilliget. Wurstisen 186; dargegen gabe herzog Lupolt dem bischoff brief und siegel, das er umb den pfandtschilling der minderen statt losung zuͦ seiner gelegenheit wol widerumb thuͦn möchte. ebenda; in der neueren sprache musz diese bedeutung durch zusätze ausdrücklich gesichert werden:
Aias führte die Lokrer, der schnelle sohn des Oileus,
kleiner und nicht so grosz wie der Telamonier Aias,
nein, weit minder an wuchs.
Ilias 2, 529.
b)
in bezug auf alter: Honorius richsete mit Theodosio dem minren, sins bruders sün, 15 jor. d. städtechron. 8, 31, 1; undir den was Marîa Magdalena und Marîa Jâcôbi des minren und Jôsêphis mûtir. Behaims evang.-buch, Marc. 15, 40 (bei Luther des kleinen Jacobs); sant Jacob der minder, der unserem herren also gleich was geheiliget in mutterleib. Keisersberg irrig schaf H 3ᵃ; und auf rang und würde, geringer: und ich sage ûch: grôʒer prophête undir den sunen der wîbe ist niemant wan Jôhannes toufêre. wer aber minre ist in dem rîche gotis, der ist grôʒir wan her. Behaims evang.-buch, Luc. 7, 28 (Luther der aber kleiner ist im reich gottes); masc. und neutr. substantivisch: der da ist getreu in dem mindern, der ist auch getreu in dem merern. bibel 1483 504ᵇ (Luc. 16, 10, Luther wer im geringesten trew ist); dise fabel leret das die mindern nit sind zu verachten. Steinhöwel 34 (ausgabe von 1555);
der arm hœrt nicht zem rîchen wol,
der minr dem mêrn entwîchen sol.
Boner edelst. 77, 36;
die mindern brüder, minoriten, vergl. oben 2: wir bruͦder Dietherich der provincial der minrebruͤdere ordens über Tütscheland und bruͦder Syfrit der gardian und die samenunge der minrebruͤdere des huses zuͦ Strasburg. d. städtechron. 9, 972, anm. 2;
unz daʒ ich dâvon kam
und mich daʒ leben annam
der minnern brüeder orden.
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 1411;
und noch im 16. jahrh.: demnach haben wir in benandtem s. Peters münster minder busmeister gesetzt. Luther 3, 94ᵃ (dafür den unterbusmeister 95ᵃ); gnädige jungfraw, desz solt jr sonder zweifel an mir sein (dasz ich keinen spott mit euch treibe), denn ich michs gegen einer mindern nie unterstanden habe. buch der liebe 237ᵃ.
c)
die neuere sprache braucht minder in ähnlichem sinne, gewöhnlich nunmehr auf den inneren wert bezogen: wenigstens kann der geringere mahler immer für sich operiren, anstatt dasz der mindere musiker sich mit andern sociiren musz, um durch gesellige leistung einigen effect zu thun. Göthe 22, 230; censur fordert und übt der mächtige, preszfreiheit verlangt der mindere. 23, 257; das neutr. substantivisch:
lasz mich heut den dritten (sieg) nicht entbehren,
der mindres nicht als thron und reich mir gilt.
H. v. Kleist prinz von Homburg 1, 5;
aber minder geht auch von hier aus auf den rang: das vorzüglichste wird zum zweiten- und drittenmal betrachtet, und nun ordnet sichs einigermaszen. denn indem die hauptgegenstände an ihre rechte stelle kommen, so ist für viele mindere dazwischen platz und raum. Göthe 27, 277; bei diesem entschiednen vorzug der beiden ersten stämme heiszt der dritte mit recht, die mindern geschlechter. Niebuhr 1, 338 (neben niedere geschlechter öfters das.); da erhebt sich denn sogleich ein streit über den vorzug der verschiedenen gewächse, und hier ist erfreulich zu sehen, dasz die magnaten unter sich keinen rangstreit haben. Hochheimer, Johannisberger, Rüdesheimer lassen einander gelten, nur unter den göttern mindern ranges herrscht eifersucht und neid. Göthe 43, 272;
zwar sein verdienst kömmt meist vom schneider und vom schuster,
Paris ziert selbst sein haupt, weil eine mindre stadt
nicht kunst noch puder gnug für kluge hirner hat.
Haller 110 (104, 53 Hirzel);
alsdann vermindre mir kein kummer, kein geschäfte,
und keiner krankheit gift die mindern (leichteren) seelenkräfte.
Hagedorn 3, 25;
schande ja däucht es und hohn noch spätem geschlecht zu vernehmen,
dasz so umsonst ein solches, so groszes volk der Achaier
niemals frommenden streit rastlos fortstreitet und kämpfet
gegen mindere feind, und noch kein ende zu sehn ist.
Ilias 2, 122;
substantivisch gesetzt: (die buben) gingen frisch dran hin. als die mädchen das merkten, wollten sie auch nicht die mindern sein, sondern auch etwas wichtiges, unerwartetes verrichten. J. Gotthelf schuldenb. 197.
d)
in bezug auf zahl, weniger, geringer, kleiner: waʒ daʒ grosir teil einr gemeine volbort, daʒ mag daʒ mynir teil nicht widersprechin. Magdeb. blume 2, 3, 49, nach Sachsensp. 2, 55 des enmac die minnere teil nicht widerreden;
sô unser schar ie minre wirt,
sô uns ie grœʒer helfe birt
der reine und der vil süeʒe Crist.
Silvester 2821;
nach dem ziehe die minder zal von der grösten. Köbel rechenbuch (1544) 64ᵇ; aber auch in der sprache namentlich des 15. und 16. jahrh. häufig die mindere zahl bei der zeitrechnung, die zehner und einer, während die jahrhunderte verstanden werden (vgl. die mehrere zahl sp. 1884): des jars alsz man zalt nach der geburt Cristi unsers lieben herren der mindern jarzal im zwai und sächzigisten (1462). d. städtechron. 4, 252, 30; (die graben) die sider, als man zelt nach Cristi gepurt im 45 jar der minderen zall (1445) nit geraumt wären worden. Tucher baumeisterb. 114, 11; reichstag, so im jar der mindern zal xxvi (1526) zu Speier gehalten. Melanchthon vorr. zur Augsb. conf. im corp. doctr. christ. (1560) B 2; vergl. auch minderzahl; der mindere wurf, beim würfelspiel:
der son. wirf her, der minder der ist knecht.
du hast eins, es ist eben recht.
der narr. und du hast drei, mein lieber Franz.
ich bin knecht, das ist dein schanz.
H. Sachs fastn. sp. 1, 70, 39;
mindere zeit: inn minderer zeit. Garg. 78ᵃ;
Ulysses hat in seinen wanderjahren
nicht mehr, als ich in mindrer zeit, erfahren.
Wieland 17, 50 (Idris 1, 72);
in substantiver stellung, als neutr. das mindere, das wenigere: von den mindern zu dem gröszern schlieszen, sive folgern, a minori ad majus argumentari. Stieler 1277; das mindere der einnahme betrachte ich als ausgabe, die mir vergnügen macht, indem ich andern dadurch das leben erleichtere. Göthe 22, 100 (vergl. die zusammensetzungen minderausgabe, mindereinnahme, minderertrag, minderzahl); plur. die minderen, die minderheit, minorität:
empören sich die mindern,
voll stolz und eigensucht,
des volkes geist zu hindern:
so halte (du volksgebieter) streng auf zucht.
nie ward von mindern unbereut
des volkes majestät entweiht.
Voss 5, 238,
vorher: die mehrheit senket und erhöht,
der mehrheit schlusz ist majestät.
237.
e)
minder in bezug auf den grad, weniger, geringer: mindere gunst haben, leviori gratia valere. Stieler 1277; mit minderer liebe einem zugethan sein, minori amore aliquem prosequi. Steinbach 2, 62; die vermehrung steht, nach einer allgemeinen beobachtung, in einem selten ungleichen verhältnisse mit der mehrern oder mindern leichtigkeit, die das volk hat, seinen unterhalt zu gewinnen. Wieland 7, 266; wie ist mir denn zuzumuthen, dasz ich die nehmlichen unbegreiflichen wahrheiten, welche leute vor 16 bis 18 hundert jahren auf die kräftigste veranlassung glaubten, auf eine unendlich mindere veranlassung eben so kräftig glauben soll? Lessing 10, 35;
der held von mindrer hitze,
winkt erst den feind, und redt ihn an.
Hagedorn 2, 56;
vielleicht, dasz mancher eh die wahrheit finden sollte,
wenn er mit mindrer müh die wahrheit suchen wollte.
Gellert 1, 91;
so kenn ich in Europa keinen fürsten,
dem ich mein höchstes kleinod, meine freiheit,
mit minderm widerwillen opfern würde.
Schiller Maria Stuart 2, 2.
5)
minder, prädicativ, als rang- und gradbegriff: an stärke wäre er nicht minder, als der meister. pers. rosenth. 1, 30; minder und kleinfuͤger in allen dingen, omnibus rebus inferior. Maaler 290ᶜ; minder gsichts, die augenspiegel oder brillen brauchend, myopes. ebenda; minder am stande, conditione inferior, minder an kunst, indoctior, minder an schönheit, non ita pulcher, aliquanto sequior venustate. Stieler 1277;
und unser leiden ist nicht minder drum.
Stolberg 14, 183;
als zahlbegriff, im gegensatz zu mehr: minder an jahren, junior Stieler 1277; so finden wir die knochenzahl der hand und fuszwurzel, der mittelhand und des mittelfuszes, eben so wie die zahl der fingerglieder, bald mehr, bald minder. Göthe 55, 229; mit annäherung der fügung an das subst. minder (nr. 6): der schmerzen wären minder unter den menschen. 16, 5.
6)
minder, als neutr. subst., das wenigere, weniger.
a)
in der älteren sprache gern mit genitiv: daʒ hirn hât minner pluotes wan kainerlai ander väuhten. Megenberg 6, 23; doch starb minr lutes (weniger volks) do noch margzale, .. wande in andern steten. d. städtechron. 8, 121, 19; do wihet in der bischof von Kolle zuͦ eime romeschen kunige wol umbe die mitte naht, und geschah daʒ darumbe, daʒ deste minre getrustes (gedränges) wurde. 63, 24; und so auch in der formel nichts minders: nüt minders sein dann ein anderer, nihil cedere alicui. Maaler 290ᶜ; in der bedeutung nichts desto weniger: sehet mich nun mit heftigkeit verlibt, ohne das ich im wenigsten mich zu einem knechte machen lassen. nichts minders, so diente ich diser schönheit mit allen ehrerbietungen. Butschky kanzl. 648; mit solcher eusersten noth umfangen lebe ich nun alhir; aber nichts minders mit unmut beladen. 649;
dar usz entspringt, das uns alltag
berüwen all unser anschlag
so wirs erfolgen, nit on we
begeren wir nit minders me.
Brant narrensch. 107, 52.
b)
der genitiv ist verwischt: daʒ schâf hat minner vernunft danne andreu tier. Megenberg 154, 22;
also ich meins guts selbst herr bin.
ist es nit vil, so ists dest minder.
J. Ayrer 401ᵇ (2015, 16 Keller);
und zur bloszen apposition des subst. geworden: je mehr wort, je minder werk: je mehr geschrei, je minder woll: je mehr geschwätz, je minder herz: je mehr schein, je minder goldt. Philander 1, 6; ist minder weisheit und gerechtigkeit in dieser männer kopf und herz, als in euch, starrkopf? Klinger Otto 6, 28;
Bysanz erkenn anietzt den wehrt
von Rudolphs göttlichem geblüte,
und küsse Carls gereiztes schwerdt!
es hat nicht minder schärf als güte.
Günther 126;
wenn nur die raben nicht bei ihrem aase schrien,
sie würden minder zank und gäste nach sich ziehn.
Caniz 153;
oft liesz, der kunst und seinem wirth zu ehren,
sich der canarienvogel hören,
und freute sich, wenn durch ihr schmetternd lied
die lerche minder kunst verrieth.
Gellert 1, 262;
ihr herzchen klopfte nicht mit minder ungeduld
als ihres, gnädger herr, nach dieser geisterstunde.
Wieland 21, 257.
c)
absolut:
swîe dicke ich ir noch bî gesaʒ,
sô wesse ich minner danne ein kint.
Walther 121, 27;
herr, mein lon ist gros und starkch,
ich nim nicht minner den hundert markch.
Erlauer spiele 3, 141 Kummer;
wie unrecht ist es gesetzt oder verglicht, das die die minder haben alweg etwas geben den richeren. Terentius deutsch (1499) 122ᵇ; näme man noch minder (als acht professoren) und läse einer zwo lätzgen, so wurden studenten gnuͦg her kummen. Th. Platter 97 Boos; der minder hat dann nüt, cui minus nihilo est. Maaler 290ᵇ;
mein reichthum heiszt mein glück, und ist doch meine last;
was mich am tag erfreut, quält schlaflos mich im bette.
siech bin ich; würd ichs sein, wofern ich minder hätte?
Gellert 2, 16;
doch bringt er seine spitzgen fragen,
die minder als sie sagen, sagen,
noch dann und wann hervor.
Lessing 1, 74;
und, mögt ihr flehend oder nicht vor mir
erscheinen, ihr erhaltet weder mehr
noch minder.
Schiller Iphig. 4, 3.
7)
minder, als adverbium,
a)
bei zahlbegriffen, weniger, drunter: von den Juden hab ich entpfangen fünf mole vierzig streich eins minder, das ist, hundert nün und nünzig streich. Keisersberg bilg. 20ᵈ; es ist minder den fünfzähen jar, minus quindecim anni sunt. Maaler 290ᵇ;
wird nun gleich Brandenburg durch diesen fall geschwächt,
und hat sein hohes hausz itzt eine seule minder.
Besser (1720) 183;
flieszt mir deszwegen eine einzge (thräne) minder?
Schiller hist.-krit. ausg. 5, 6 (dom Carlos 1, 1).
b)
mit verben, in geringerem maszstabe oder grade, weniger:
ûf alle valsche rête
acht er minner dan ein hâr.
livl. chron. 757;
und erstlich kan ich kein ding minder wissen, dan zuͦ welcher zyt sich ein ieglichs mit mier verloffen hab. Th. Platter 3 Boos;
es meide wie das feuer dich, der nicht brennen wil:
wiewol das feuer minder, dich aber noch so viel.
Logau 1, 229, 54;
nach ruhm und lorbeer streben,
sei minder unsre pflicht, als recht vernünftig leben.
Hagedorn 1, 31;
lieber minder sich ergetzen,
als arme brüder nicht erfreun.
Gellert 1, 173;
schon scheint der glanz von seinen schätzen,
schon sein palast, schon freund und wein,
schon die musik ihn minder zu ergetzen.
278;
wie oft, wenn ich auch dein gebot erfülle,
erfüll ichs minder, als ich soll!
2, 184;
formelhaft mit mehr verbunden: minder und mer zürnen, oder zornig werden, subirasci Maaler 290ᵇ;
bet oft; gott wohnt an jeder stätte,
in keiner minder oder mehr.
Gellert 2, 100.
c)
in festen verbindungen, je minder:
je mehr mein flamme brennet,
je minder ist der schein,
je minder sie bekennet,
je gröszer ist die pein.
Zinkgref bei Opitz (1624) 212;
je länger du sie denn besessen,
je minder kanst du ihr vergessen.
Drollinger 265;
desto minder:
zû jungest sie des spils verdrôʒ,
daʒ man ir dâ sô manchen schôʒ,
und quâmen deste minner dar.
livl. chron. 10195;
nicht desto minder, nichts desto minder: nicht desto minder auf solche weg bedacht sein. staatspap. Karls V 409; deine beschreibung gefällt mir nichts desto minder. Wieland 1, 185;
ein wolbenamtes volk sind gleichwol hurenkinder!
bei bauren heist man sie zwar so nichts desto minder,
bei bürgern besser noch, bankhart, und im geschlechte
der edlen, bastarten.
Logau 1, 233, 75;
nichts desto minder schwillt zusehens ihr kontur.
Wieland 18, 140;
nicht minder: nit minder in kriegbaren thaaten geacht dann sein vatter, belli laude non inferior quam pater. Maaler 290ᶜ; nicht minder, als die kinder, lieb sein, non minus, quam liberi, sequi. Steinbach 2, 62; ihn bewegen nicht minder die drohungen, non minus eum minae movent. ebenda; ein fräulein nicht minder an leibes- als gemüthsgaben von höchster vollkommenheit. Hoffmannswaldau ebenda; der apostel Paulus schreibt nicht minder, das weib solle den mann fürchten. Immermann Münchh. 1, 184 (im munde des hofschulzen); glaubt deshalb nicht minder an meine ehrlichkeit, antwortete der bauer ... Georg versicherte, ihm nicht minder zu trauen als vorher. W. Hauff Lichtenstein 1, 70;
der pfarrer und der küster
schalt sie nicht minder fort.
Hölty ged. 9 Halm;
nicht minder schwamm der pfarrer,
erbärmlich anzuschaun,
im schlafrock und pantoffeln.
10;
so minder, um so minder, so viel minder:
es wöllen auch solch leut lang sitzen, ..
und würden so vil minder weichen,
möchten sie sich des weins vergleichen.
Grobian. H 2ᵇ (v. 1984);
Domingo. die fürstin Eboli
entdeckt uns ein geheimnis, das sie eben
von uns erfahren sollte. Alba. mein besuch
wird dann um so viel minder sie befremden.
Schiller don Carlos 2, 11;
sie zählt auf euch:
so minder wird sie anstand nehmen, sich
den schein der gnade vor der welt zu geben.
M. Stuart 2, 8;
noch minder, viel minder: mocht ouch nit wider uff das schröfflin schriten, dorft noch vil minder hinder sich springen. Th. Platter 8 Boos;
darfst ja nicht mit jn (den jungfrauen) disputieren
von weiszheit und philosophei, ..
so hat bei jn noch minder platz
Catonis und Zenonis gsatz.
Grobian. E 1ᵇ (v. 1104);
theils dasz sie auch gedenken,
ein könig werde sie noch minder lassen kränken.
Besser (1720) 32;
sprich ihm nicht von verzeihn, viel minder von verbrechen.
J. E. Schlegel 1, 228;
ich freundlich hin, sie freundlich her,
wir muszten beid uns grüszen,
wir fragten nicht, wohin, woher,
noch minder, wie wir hieszen?
Bürger 30ᵃ;
ermunternde gesellschaft fand sich spärlich, ..
noch minder taugten, mich zu unterhalten,
der mutter sorgenblick, des vaters falten.
Uhland ged. 430;
bloszes minder im sinne von noch minder:
und also ab des unglücks list,
damit die hohe oft geschlagen,
hab sich dein hausz zu keiner frist
zu förchten, minder zu beklagen.
Weckherlin 384.
d)
mit adjectiven und adverbien, in geringerem grade, weniger: wie daʒ sei, daʒ der aff auʒwendig dem menschen gar geleich sei, doch ist er im inwendig minner geleich dann kain ander tier. Megenberg 159, 8; do ersluͦg er Vespasianus bruͦder und vil sinre fründe ze Rome, derumb das Vespasianus deste minre starg were wider in. d. städtechron. 8, 344, 16; minder gwaltig dann du, minus potens quam tu. Maaler 290ᵇ; minder lange zeit, minus diu. ebenda; Orsina (heftig). nicht gelesen? (minder heftig) nicht gelesen? Lessing 2, 165; dasz ihre hörsäle, ich will nicht sagen leer, aber doch minder voll würden. 12, 28; in einem von dem volk minder besuchten theil des gartens. H. v. Kleist Käthchen von Heilbr. 5, 2; minder glücklich verlief der zug der böhmischen armee nach Dresden. Treitschke deutsche gesch. im 19. jahrh. 1, 480;
Ixion, sagt man, küszt an dame Junons statt
ihr kammermädchen einst — und war er zu beklagen? ..
war ihre wange minder glatt,
ihr busen minder voll?
Wieland 17, 225 (Idris 4, 27);
denn wär
er anders, wär er minder warm und stolz:
er hätt es bleiben lassen, dich zu retten.
Lessing 2, 355;
dir strahlte sie (die sonne) minder
schön in wogen des meers, als in Emiliens thränen.
Stolberg 1, 137;
doch wenn du auf das minder rühmliche
zu reden kamst, die leichten liebesschwüre,
die oft gelobte und gebrochne treu.
Schiller Phädra 1, 1;
wie hätt ich nicht gewünscht, so schönem leben
die minder würdge hälfte zu ersparen.
ebenda;
nicht minder, nichts minder: aber dieser grund ist darum doch nichts minder wahr. Lessing 8, 80;
unsre noth, die der verlust der schlacht
uns hat der götter zorn bei Actium gebracht,
ward uns nichts minder kund durch solche wunderzeichen.
Lohenstein Cleopatra 15, 503;
gelt, das ist ein nettes bräutchen?
und der bursch nicht minder schön.
Fr. Kind freischütz;
formelhaft mit mehr verbunden: das kann mehr oder minder richtig sein; er ist bei dieser sache mehr oder minder betheiligt, aber jedenfalls betheiligt; minder und mehr muͤysälig und überlägen, submolestus. Maaler 290ᵇ; auch vor substantiven: es war mehr oder minder spasz; er wird mehr oder minder unannehmlichkeiten davon haben.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1884), Bd. VI (1885), Sp. 2222, Z. 56.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
messerzeiger mistkräuel
Zitationshilfe
„minder“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/minder>, abgerufen am 26.01.2022.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)