Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

mindern, verb.

mindern, verb.
minuere, diminuere; ahd. minnirôn, mhd. minnern, minren, vereinzelt schon im 14. jahrh. (s. bei Megenberg unten nr. 2), entschieden seit dem 15. jahrh. mindern: diminuere minnern, mindern, minderen Dief. 182ᶜ; minuere minnern, minderen, niederd. minren, minneren 362ᵇ; minutare minnern, mindern ebenda; mindern, minorare, minutare, derogare, diminuere, minuere. voc. inc. theut. n 7ᵇ.
1)
transitiv, minder oder weniger machen,
a)
in bezug auf grösze und umfang; ahd. noch vom zerkleinern oder zerstückeln eines gegenstandes: inti mit ketinûn gibuntan zibrah thie ketinûn inti thiô fuoʒthrûhî giminnirôta (et catenis vinctus disrupuisset catenas et compedes comminuisset). Tat. 53, 4 (nach Marc. 5, 3, Luther hatte .. die fessel zurieben); später nur abnehmen machen, verringern:
eʒ .. minnert iwer gnâden hort
minner vil denne umb ein ort.
U. v. Lichtenstein 53, 14;
das brot das wir mit essen mindern. Steinhöwel (1555) 4ᵇ; bei den strumpfwirkern heiszt maschen mindern solche abnehmen, damit die spitze gestalt eines englischen zwickels hervorgebracht werde. Jacobsson 3, 66ᵇ.
b)
in bezug auf zahl: ich wil sie mehren und nicht mindern, ich wil sie herrlich machen und nicht kleinern. Jer. 30, 19;
dasz man begierig diesen vorwand hascht,
den spanschen namen braucht, mein volk zu mindern.
Schiller Piccol. 2, 7.
c)
von vermögen, einkommen, lohn, wert: nieman enmûʒ ouch sunderlichen hirten habn, dâr her deme gemeinen hirten sîn lôn mete geminnere. Sachsensp. 2, 54, 2; der antworter abir mag dy schaczunge mit seime eide minneren. Magdeb. blume 2, 3, 5; ein reisiger einspänniger an einem fürstlichen hof, dem kurz zuvor sein jährlich bestallung gemindert worden. Zinkgref apophth. 1, 347; die summe mindern, detrahere ex summa. Frisch 1, 664ᵃ; in der rechenkunst einen bruch mindern: wie ein bruch gemindert werden sol. Köbel rechenbuch (1544) 64ᵃ.
d)
herabsetzen, verringern an wert und stärke, in bezug auf gewalt, macht, recht, ansehen: dirre Nero minrete vaste daʒ römesche rich. d. städtechron. 8, 342, 19; sü woltent den gewalt minren und glichern, daʒ man alle jor einen ammanmeister solte haben und vier meistere, der iegelicher ein vierteil jores rihtete. 128, 15; zum sechsten minderst du im seinen guten lümbde mit deinen worten. Keisersberg seelenp. 9ᵇ; wie er understuͦnd den stadt (stand) der edlen, erbarn und wol herkommen, auch den ganzen senat zu schwechen und zu mindern. Livius von Schöfferlin 18; das ein könig würt gedenken, wie er euwer freiheit und gesatz minder oder ganz abthuͦ. Steinhöwel (1555) 19ᵃ; (glück und ehre) verhoff ich nicht zu mindern sondern zu mehren. Galmy 124; ein ansähen minderen, authoritatem elevare Maaler 290ᶜ; eine solche paszquil sol aber doch dessen, wider welchen sie auszgesprenget, ehrlichen namen nicht kränken, verletzen oder mindern. Schuppius 673; den credit mindern, de fide derogare, levare fidem, das ansehen mindern, auctoritatem minuere, eines lob mindern, laudes alicujus extenuare Frisch 1, 664ᵃ; du irrst mir die menge und minderst das ansehn meines heiligen amtes. Freytag ahnen 3, 416; dies mag das recht des Polen mindern und dein unrecht bessern. 4, 27; von einem schlechter werdenden zustande im allgemeinen:
was mindert nicht die zeit? verarten wir nicht immer?
die Römer sind nicht mehr was sie gewesen sind.
Hagedorn 3, 27,
nach Horat. od. 3, 6:
damnosa quid non imminuit dies?;
mit persönlichem object: es kumet derzuͦ das der grosze geminret wurt und der minre gemert wurt. d. städtechr. 8, 303, 20.
e)
schlechter machen, schwächen, von eigenschaften oder vorsätzen: man soll auch .. solche personen zu dem verklagten in die gefengknus verordnen, die jn zu guten seligen dingen vermanen, und jm in dem auszfüren (zur execution) und sunst nit zuvil zu trinken geben, dadurch sein vernunft gemindert werde. Carolina art. 79; armuht mindert manches gutes vorhaben. Stieler 1278;
dîn tugent nie geminnert
wart gegen mir als umbe ein hâr.
Engelhart 1496;
von schwachen Adamskindern
zu hoffen eine treu, die keines sturmwinds stosz
erschüttert, eine treu, die keine probe mindern,
kein reiz betäuben kann?
Wieland 23, 105 (Ober. 8, 59);
von gefühlen: liebe und freundschaft etwas minderen, de amore detrahere aliquid. Maaler 290ᶜ; den zorn mindern, minuere iram Stieler 1277;
der tod soll dich nicht traurig schrecken,
doch dich zur weisheit zu erwecken,
soll er dir stets vor augen sein.
er soll den wunsch zu leben mindern.
Gellert 2, 113;
auch im folgenden, das, weil hier leid das gefühl der trauer bezeichnet, mehr hierher als zu den beispielen unter f fällt:
gedenk denn jetzt an deine grösze,
und mindre dein gerechtes leid!
Drollinger 267;
von kräften: noch sint siben aigenchait an dem feur ... diu sibend ist, daʒ eʒ von ain klain waʒʒers geminnert wirt. Megenberg 70, 20.
f)
geringer machen, von widrigen, lastenden und drückenden dingen und begegnissen; die noch jetzt häufigste verwendung: und die zal der ziegel, die sie bisher gemacht haben, solt er jnen gleichwol auflegen, und nichts mindern. 2 Mos. 5, 8; von ewr erbeit sol nichts gemindert werden. 11; jr solt nichts mindern von dem tagwerk an den ziegeln. 19; sorg minderen, curas attenuare Maaler 290ᶜ; geduld mindert den schmerzen, patientia dolorem leviorem facit. Stieler 1277; die strafe mindern, poenam mitigare. ebenda; es minderte mir den kummer, aegritudinem mihi diminuebat. Steinbach 2, 62; das trauren mindern, luctum levare. ebenda; den schmerz kan niemand mindern, hunc dolorem nemo levare potest. ebenda; allen verdrusz mindern, elevare omnem molestiam. ebenda; ein vergnügtes herz mindert die sorgen, animus sua sorte contentus elevat sollicitudines. ebenda; gleichsam wie jener vater, der den verlust seines erwachsenen sohnes zu mindern, selbigen nur in gestalt eines kindes abmahlen lassen. Besser (1720) 231; lieber baron, kann es ihren gram vielleicht mindern, wann ich ihnen gestehe, dasz ich sie herzlich bedaure? Schiller kab. u. liebe 5, 3;
diu iure gesazte nôt
diu ne wirt iu nieht geminnerôt.
exodus in den fundgr. 2, 97, 35;
zu mindern meine pein.
Zinkgref bei Opitz (1624) 212;
nicht dasz man mindre
der langen marter grimm, dasz man die schmerzen lindre.
A. Gryphius (1698) 1, 35;
geduld läst mit der zeit von dornen feigen lesen,
und mindert nach und nach was seel und leib beschwert.
Günther 84;
ein solcher geist brennt vor begier
der unterthanen last zu mindern.
138;
reichthum kan den gram nicht lindern,
ehre kan den schmerz nicht mindern.
180;
der tod des hahns sollt ihre plage mindern.
Gellert 1, 176;
diesz mehre deine lust, und mindre deinen schmerz.
2, 27;
nichts kann ihr elend mindern!
Wieland 23, 105 (Oberon 8, 59);
gott sandte seinen rohen kindern
gesetz und ordnung, wissenschaft und kunst,
begabte die mit aller himmelsgunst,
der erde grasses loos zu mindern.
Göthe 3, 180.
2)
mindern reflexiv, sich verringern, weniger oder schwächer werden: daʒ sich des menschen lachen mêre nâch des milzen grœʒen und sich minder nâch des milzen klainen. Megenberg 31, 9; sô sich diu vaiʒten ie paʒ mêrt in dem tier, sô minnert sich daʒ pluot ie vester in dem tier. 115, 36; dasz der mon sich mindert, und im abnemen ist. Köbel rechenbuch (1544) 94ᵇ; dir erscheinet in der manigfaltigung eins bruchs, wie sich der bruch minder, und in der teilung, wie er sich mere. 64ᵃ; wenns tag wird, pflegt sich die krankheit zu mindern, dies adimit aegritudinem hominibus. Stieler 1277; seine gewalt hat sich sehr gemindert, potestas ejus in angustum redacta est. ebenda; die kälte mindert sich, remittit frigus. Frisch 1, 664ᵃ;
was ich sonst, als deine gabe,
noch auf erden habe,
an vermögen, glück und ehren,
mag sich mindern oder mehren,
du wirst mirs zum besten kehren.
Caniz 5;
das unglück mindert sich, das glück wird gröszer.
Göthe 13, 266.
3)
mindern, intransitiv, kleiner oder weniger werden; ahd. minnirôn: in gilimphit uuahsen, mih zi minnirônne (illum oportet crescere, me autem minui). Tat. 21, 6; mhd.
der tôre hât gesellen vil,
die wîle er tôre wesen wil;
swenne er mêret witze kraft,
sô minnert sîn geselleschaft.
Freidank 82, 23;
jetzt noch in der Schweiz: mindern, an zahl, menge abnehmen, z. b. von geld. Stalder 2, 210; weil seine kundsame mindert. Pestalozzi schriften 4, 391.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1884), Bd. VI (1885), Sp. 2229, Z. 5.

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Zitationshilfe
„mindern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/mindern>, abgerufen am 29.01.2022.

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