Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

mindest

mindest,
superl. zu minder.
1)
goth. minnists; altnord. minnstr, schwed. minst, dän. mindst; fries. minnust, minnest; alts. minnist, nd. nl. minnest, minst (mindste minimus Kilian); ahd. minnist, mhd. minnest und gekürzt auch minst (vgl. dazu minder 2), welche letztere form zunächst in der älteren nhd. sprache des 15. bis 17. jahrh. herscht: minst, minimus, minime. voc. inc. theut. n 7ᵇ; aufs minste, minimum Dasyp.; noch bei Schottel 1365 minst hoc quod minimum est; und erst Stieler 1277 führt mindester neben das minste ('pro mindeste') an; die form mindest flieszt deutlich erst aus der erwägung des comparativs minder. sie wird seit dem anfang des 18. jahrh. für die grammatisch allein richtige angesehen und minst geht ein, die letzten beispiele für dasselbe sind aus der 1. hälfte des vorigen jahrh.: der mindeste oder minste, minimus, zum minsten, ad minimum Frisch 1, 664ᵃ;
(sieh am himmel) so viel sonnen, als wie sterne,
wovon wir noch gern gestehn,
dasz wir nur die minsten (wenigsten) sehn.
Brockes 1, 138.
2)
mindest, adjectivisch; umfang und grösze ausdrückend: minster finger in der hant, auricularis. voc. inc. theut. n 7ᵇ; dem sol man lassen an der linken hant bei dem mynsten vinger. Ortolf arzneipuch 16ᵃ; aber unser hirt und bischof satzt nit den minsten finger für alle seine schaf. Pauli schimpf 83; mit dem minsten finger. Petr. 42ᵇ;
der minneste finger
der ne hât ambeht ander
ne wane sôs wirt nôt,
daʒ er in daʒ ôre grubilôt.
genesis in den fundgr. 2, 14, 17;
und ewer minster finger drück
vil mer dann ewers vatters rück.
Schwarzenberg 108ᵃ (nach 1 kön. 12, 10);
in bezug auf wuchs und alter: ir seht nit mein antlütz newr ir fürt her mit euch ewren mynsten bruder. bibel von 1483 26ᵃ (1 Mos. 43, 5: non videbitis faciem meam absque fratre vestro minimo); der minst, der aller kleinst, minimus, minusculus Maaler 290ᶜ;
niemer mêre gesehet ir mich
ân iuren bruoder den minnisten.
genesis in den fundgr. 2, 65, 11;
den minsten bruͦder bringet schier,
wölt jr haben genad bei mir.
Schwarzenberg 103ᵇ;
den umfang betonend, aber an den zahlbegriff rührend: wie wir von schulden kömen und mit dem minsten schaden den gröʒʒern fürkömen. d. städtechron. 4, 158, 21, wie auch heute noch: hier that das wasser den mindesten schaden, viel gröszeren an jener strecke; den mindesten verlust unter den gläubigern hatte X.; der mindeste theil (gegensatz zu der meiste theil sp. 1948), heute gewöhnlich der kleinste theil:
der minste theil von uns versteht es so als du.
Opitz 2, 18;
in den zahlbegriff übergehend:
den weg gen himel rauch und schmal,
gewandert durch dj minsten zal (die wenigsten).
Schwarzenberg 130ᵇ;
in bezug auf den rang: darum wellicher auflöset ein gebot von disen minsten geboten und leret also die menschen, der wirt der minst genent werden in dem reich der himeln. bibel von 1483 472ᵃ (Matth. 5, 19); im kartenspiel:
wer das maist hab, der zeuh für!
doch spilt man auch oft der minsten karten.
fastn. sp. 626, 21;
in bezug auf den grad: ausz vielen bösen stücken habe er das minste erwählet. Creidius 2, 110;
mein minste zuversicht.
Schwarzenberg 137ᵇ;
später gewöhnlich nur in verneinenden oder beschränkenden formeln: nicht der mindeste zweifel, ne minima quidam dubitatio. Steinbach 2, 63; maszen man von ihm rühmet, dasz er den allerfeinsten geschmack gehabt, so gar in der zeichnungs-, bildhauer-, mahler- und baukunst, .. ohne, dasz er sich jemahls mit dem mindesten fleisze in gedachten künsten selbst geübt hatte. J. U. König bei Caniz 265; wo der vater von den gangbaren rechtshändeln und den bei dem amte vorfallenden sachen nicht die mindeste kenntnis, und die tochter eben so wenig erfahrung von der küche hat. Rabener sat. 3, 91; ich sagte ihm: auch mir wäre jene sage von der ursache seines götterhasses zu lächerlich vorgekommen, um den mindesten glauben zu verdienen. Wieland 34, 334; wenn euch im tode nur der mindeste schauer anwandelt, weh euch dann! ihr habt euch betrogen. Schiller räuber 5, 1; wenn ich zugleich bedenke, dasz uns seine gegenwart nicht die mindeste unbequemlichkeit verursacht. Göthe 17, 7;
verfluchter fürst! ich irr, kan der ein fürste sein,
an dem nichts fürstlichs ist, auch nicht der minste schein?
A. Gryphius (1698) 1, 55;
oft schürzt sie, ohne mindsten harm,
dasz ihre zarte haut den schönen schmelz verliere, ...
den schlanken, schwanenweiszen arm.
Wieland 23, 97 (Oberon 8, 45);
und in ironischen wendungen: das macht mir den mindesten kummer (gar keinen, drückt mich nicht); das wäre mein mindester verdrusz; daran hätte ich nun die mindeste freude (gar keine);
wir wollen ihn zu hörn die minste zeit verlieren (keine zeit).
Lohenstein Cleopatra 17, 585.
3)
mindest, in substantiver stellung,
a)
masc., der mindeste, dem range, der würde nach, der geringste (gegensatz zu der meiste in der ältern sprache, s. sp. 1948): sü hielt sich ouch also diemuͤtikliche in dem closter: wie doch daʒ sü eptissen was .. so wolte sü doch die minneste sin under den frowen allen. d. städtechron. 9, 637, 21; und wolt keiner der minst sein. Pauli schimpf 73ᵇ; kein fürst, prelat, adel, stätt, bürger, cet., vom minsten bisz zum meisten. Fronsperger kriegsb. 3, 175ᵇ; nit der minst oder der hindersten einer sein, non in postremis esse Maaler 290ᶜ; ich halte mich vor den mindesten under allen, minimum et ultimum me cognosco, reputo Stieler 1277;
die minsten sein iez all gelert.
Uhland volksl. 908;
gott vatter von jm selbst geziert,
in ewigkait den sun gepiert.
von baiden auszget gott der gaist,
ir kainer ist der minst noch maist.
Schwarzenberg 154ᵈ;
denoch pin ich auch nit der minst (der bauer zum edelmann).
H. Sachs fastn. sp. 2, 29, 108;
ach, ich bin doch nit gar der minst,
und thust mich doch verachten.
J. Ayrer 405ᵃ (2035, 8 Keller);
der minste von dem volk ist halsherr des tyrannen.
A. Gryphius (1698) 1, 79;
mit anspielung auf mindest im sinne von kleinst dem alter nach (vergl. oben 2):
Joseph der Christum figurirt,
und in Egyptenland regirt,
verkeufet durch der brüder neid,
alhie prelaten warnung geit:
das Christus sy genadet nit,
sy bringen dann den minsten mit.
Schwarzenberg 103ᵇ;
der zahl nach: last uns eins toppeln, der minst (der am wenigsten wirft), ist knecht. Garg. 97ᵇ; die mindesten, die wenigsten:
die gläubliche geschichte
von diesem wundergott ist der poeten spiel,
die minsten gläubens selbst, von den sie melden viel.
P. Fleming 151;
dem grade nach:
du gehorst auch in dis convent,
du pist der minst nit unter den narrn.
fastn. sp. 229, 25;
in bezug auf eine kunstfertigkeit: (der kürschner) fragt in, ob er ouch wol wölf machen künd? Ulenspiegel sagt ia, des wer er nit der minst in Sachsenland bekant. Ulensp. 54, s. 80 Lappenb.; oder wolwollen:
es beut mancher den groszen dienst,
ist im herzen der aller minst,
und sucht gar oft sein eigen geniesz
mit frembdem schaden und verdriesz.
B. Waldis Esop 1, 20, 24.
b)
das mindeste, das kleinste oder wenigste, in beschränkenden oder verneinenden formeln der neueren sprache: hörten den reden ihrer verbesserer zu. von denen verstanden sie nun nicht das mindeste. Immermann Münchh. 2, 84; wuszte, auf befragen, nicht das mindeste über den ausgebliebenen zu vermelden. 156; ich lief mit der laterne fort zu suchen, aber auch nicht das mindeste merkte ich von der mutter. J. Gotthelf schuldenb. 334;
genug, das schöne kind, von der ich erst erzählte,
bespiegelte sich oft, und musterte das haar,
und besserte wo nicht das mindste fehlte.
Gellert 1, 215;
theurer fürst,
was ich, der greis, dir leisten kann, es ist
das mindeste.
Uhland ged. 181;
er warnt mich, euch das mindeste zu borgen.
448.
c)
in der formel im mindesten, im kleinsten oder geringsten: das er gott nit erzürne und weder im minsten noch in dem meisten wider in thue. Keisersberg seelenp. 151ᵃ; adverbial geworden, und als verstärkung der verneinung stehend: bisz hernachmals durch zuthun hoher leute .. griechische, lateinische, und andere poeten sich gefunden und den alten im minsten nichts nachgegeben haben. Opitz 1, vorrede 6ᵇ; Fiesko. gräfin, wohin? was beschlieszen sie? Julia. nichts, im mindesten nichts. Schiller Fiesko 1, 4; bei diesem wetter ... kann es im mindesten nicht schaden. J. Gotthelf schuldenb. 345;
hier hab ich eine flasche,
aus der ich selbst zuweilen nasche,
die auch nicht mehr im mindsten stinkt.
Göthe 12, 129;
'der umstand rührt dich nicht?'
mich? nicht im mindesten.
H. v. Kleist prinz von Homburg 3, 1;
ähnlich in beschränkenden sätzen, im mindesten wie irgendwie: ihre fast übertriebenen eigenheiten .., wodurch sie alles was im mindesten verfänglich schien, von sich abzulehnen wuszte. Göthe 17, 244.
4)
mindest, adverbial (vergl. dazu 3, c).
a)
in der älteren sprache steht so der blosze acc.: aber der donr schadet dem adlarn aller minst und schadet auch dem lorpâm niht. Megenberg 270, 9; und ist doch von den striten, reisen und andern nenhaftigen dingen die bi nuwen ziten sint geschehen aller minnest geschriben. d. städtechron. 8, 230, 11; minst, minime, minimum, minissime. voc. inc. theut. n 7ᵇ; minime, minimum allermynst, allerminste, allermenst Dief. 362ᵃ. später in verbindung mit präpositionen; so
b)
am mindesten, im geringsten grade: oft ehrt man die am minsten, so man am meisten ehren solte, saepe, quos maxime debemus, eos minime veremur. Stieler 1277;
lernt doch, dasz die am mindsten glücklich sind,
die euch am meisten glücklich scheinen!
Gellert 1, 134;
an die bedeutung gar nicht rührend oder in sie übergehend: dessen sie sich am minsten versehen hetten. Garg. 147ᵃ; ich habe am minsten daran gedacht, de eo ne per somnium quidem cogitavi. Stieler 1277; ich achte es am mindesten nicht, minime curo. Steinbach 2, 63; am mindesten, quam minime Frisch 1, 664ᵃ;
musz endlich deine rach aus ihrem traum erwachen!
so ists! sie tagt uns aus wenn mans am minsten denkt!
A. Gryphius (1698) 1, 8;
die stunde, da des menschen sohn
bald zum gericht erscheinet,
kan leicht dieselbe stunde sein,
die ihr am mindsten meinet.
Günther 60;
bei transitiven verben, wo am mindesten den acc. vertritt (vgl. am meisten sp. 1951): welcher alle löcher will vermachen, fängt am allerminsten, dann er stopft eben so bald die löcher zu, dardurch sie hinein kommen. Zinkgref apophth. 1, 223.
c)
zum mindesten, im geringsten grade oder in der geringsten zahl; im gegensatz zu zum meisten, s. sp. 1951; ohne solchen:
selten ist die rache recht; recht zum minsten wird geacht
rache, die zur rache braucht hohes amt und dessen macht.
Logau 2, 168, 46;
zum mindesten, als einschränkung, mindestens, wenigstens: zum minsten, saltem, minimum Maaler 290ᶜ; zum minsten, ad minimum Frisch 1, 664ᵃ; ir nernt sich auch ze minsten zwai mit enander. Megenberg 184, 32; wenne sü nu woltent buͤszen, alse nantent sü daʒ geischeln, daʒ waʒ zuͦm tage zuͦme minsten zwei mole, fruͤge und spæte. d. städtechron. 8, 107, 2; ich bedörft wol stälene federn, oder zu minsten ein feder ausz s. Michaels flügel. Fischart bienk. 29ᵃ; die gefahr seines lebens, seiner freiheit zum mindesten. Schiller kab. u. liebe 3, 1;
Mass. laszt bein und armen ihm in enge fässel schrauben.
Syph. wil man die händ uns nicht zum minsten frei erlauben?
Lohenstein Sophonisbe 22, 56;
fünf und zwanzig tausend seelen
sind zum minsten gangen drauf.
Soltau 520 (von 1692);
wer
auf sie nicht gröszre rechte hat als ich,
musz frühere zum mindsten haben.
Lessing 2, 325;
doch, wenn der könig so gerecht nicht wäre?
es jetzt zum mindesten nicht wäre?
Schiller don Carlos 4, 14;
madame Toskani (als Amalia) gefiel, mir zum mindesten, ungemein. hist.-krit. ausg. 2, 375.
d)
aufs mindeste: aufs minste minimum Dasyp.; der geschichtsschreiber darf ihre herrschaft nicht von seiner darstellung ausschlieszen, er musz aufs mindeste den platz zu ihrer wirkung offen lassen. W. v. Humboldt werke 1, 24;
wie wol ich gieb ein kleinen zinst
und geusz auch in das bier aufs minst
halb wasser zu.
H. Sachs fastn. sp. 2, 147, 190;
herr könig, weil du alle morgen
opferst und helst groszen gotsdienst,
ausz dem bist du vergwist aufs minst,
das die götter beschützen dich.
4, 121, 271;
das wil er dir zusagen aufs minst.
ged. 3, 2, 142ᶜ;
mein felt solt mir zur not
aufs minst habn tragn das teglich brot.
P. Rebhun klag des armen manns s. 9.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1884), Bd. VI (1885), Sp. 2231, Z. 74.

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Zitationshilfe
„mindest“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/mindest>, abgerufen am 28.01.2022.

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