mutwille m.
Fundstelle: Lfg. 15 (1885), Bd. VI (1885), Sp. 2832, Z. 1
ahd. muotwillo, mhd. muotwille, in mehreren bedeutungen, die sich aus dem allgemeinen begriffe eines zu etwas treibenden oder bewegenden willens (vergl.mut II, 3, sp. 2783) entfalten. für die schwache form des sabst. findet sich auch die starke mutwill: mutwel d. städtechron. 17, 28, 30 (s. die stelle unten 2); mutwil Luther 1, 296ᵇ (s. unten 1); eines schnell verschwundenen mutwills halben. Fischart ehz. 71; vielleicht wird sich ihm alsdann in diesem elenden zustande der muthwill aus dem kopf verlieren. Göthe 34, 363;
doch, diesen muthwill könnte man
auf rechnung seines alters schreiben.
Wieland 5, 172.
1)
mutwille, eigener freier antrieb, wille: ahd. muotwillo, motus animorum, affectus, cor, arbitrium Graff 2, 826 fg.; mnd. môtwille Schiller-Lübben 3, 128ᵇ; geben die rawber den rawb wider unbetwungen und von muetwillen. Schm. 1, 1696 Fromm. (von 1453); sol ich noch min erben si (eine frau) nicht twingen, muͦten noch vordren ze buwen weder mit gericht noch ane gericht, si tuͤge es denne gerne und [mit] ir muͦtwillen ane alle geverde. urkundenbuch der stadt Aarau s. 145 Boos (von 1381); die selbig kilch regirt nit nach dem fleisch gewaltig uf erdrych, herrscht ouch nit us jrem eignen muͦtwillen, sunder hangt und blybt allein an dem wort und willen gottes. Zwingli 1, 140; die kilch mag nit irren. ursach: sy thuͦt nüt us jrem muͦtwillen oder was sy guͦts bedunkt. ebenda; der bapst hat ein edles fündlin, das heiszet, pectoralis reservatio, das ist, seines gemüts fürbehalt, et proprius motus, und eigner mutwil der gewalt. Luther 1, 296ᵇ;
êst niht muotwille, daʒ mir nâch ir ist sô wê,
mich erlât sîn niht diu starke minne.
minnes. 2, 293ᵇ Hagen;
wer mit muͦtwill in brunnen springt (freiwillig).
Brant narrensch. 45, 9;
die rechtssprache stellt mutwillen in gegensatz zu dem was recht und gesetz erheischen: als daʒ kint ze vierzehen jâren kumt, eʒ nimt im wol einen andern phleger, .. und den sol eʒ nemen nâch sîner wîsen friunde râte. wil eʒ nâch muotwillen nemen, des sol im der rihter niht gestaten. Schwabensp. 54, § 4; niemant ist für sînen kneht schuldic ze antwurtene, wan als vil sîn lôn gereichet; ern werde danne sîn burge von muotwillen. und engêt er dem herren vor dem jâre von eigem muotwillen, so sol er dem herren als vil geben, als im der herre hete gelobet. 175; der richter ... sal urteiles vrâgen zwischen zweier manne rede; vrâget her nâh sîme mûtwillen und nicht nâh rechte, daʒ enschadet noch envromet ir niewederme. Sachsensp. 1, 62, 7.
2)
daher mutwille belieben, das nicht nach recht oder unrecht fragt, willkür, selbst gegen das recht; schon ahd.:
uuir fuarun thanana (aus dem paradiese) nôti   thuruh ubarmuatî,
yrspuan unsih sô stillo   ther unser muatuuillo.
Otfrid 1, 18, 14;
sie satzten ab Peter von Erkelenz .. und mehr anderen, alle unverschuldt und nach ihrem muitwillen. d. städtechr. 14, 938, 8; waʒ die heren des landes und die stede sprechen oder gesprochen heden, daʒ recht wer, des kunden wir nie von in bekomen. und sin des in groszen schaden komen von irme mutwel. 17, 28, 30; die nit burgen setzin wulden von mutwillen. 370, 33; da er jren mutwillen nicht wolt gestaten. Luther 3, 34ᵇ; eitel junkern zu sein, die auf küssen sitzen, und thun möchten nach allem mutwillen. 147ᵇ; es ist fein und billich, das die oberkeit nach gesetzen regire, und dieselbigen handhabe, und nicht nach eigenem mutwillen. 322ᵃ; (wir) gehen hin, als gebe uns gott kinder, unser lust und kurzweil daran zu haben, das gesinde, wie eine kue oder esel, allein zur erbeit zu brauchen, oder mit den unterthanen unsers mutwillens zu leben. 4, 399ᵃ; das sie seiner gaben brauchen solten, nach allem mutwillen. 6, 56ᵇ; wil es je den königen und fürsten gebüren, das sie dem bapst solchen mutwillen nicht einreumen. 527ᵇ; was ist aber dis für ein tyrannei, das ein official in einer stad, die macht sol haben, allein seinem mutwillen nach, on rechtliche erkentnis, die leute mit dem bann ... zu plagen. 529ᵃ; das die gebietiger nicht nach recht oder billigkeit, sondern nach gunst oder hasz und eigenen mutwillen die leute richten und entscheiden. Schütz Preuszen 137;
die groszen Hansen jrs mutwillen
verkaufen stets den armen brillen.
B. Waldis Esop 4, 45, 25;
denn das ist jo ein mutwil schlecht,
die tauf empfahen, eh man recht
sei unterweiset, was sie sei.
Frischlins phasma von Bertesius 2, 2.
3)
in geschärfter bedeutung, mutwille, lust zum frevel und ihre bethätigung, leichtfertige bosheit:
quement thara (zum jüngsten gerichte) ouh thanne   thie uuênegun alle,
thie hiar gidâtun follon   then iro muatuuillon.
Otfrid 5, 19, 6;
(wenn arme) muthwilliglich und unbillicher weisz, in recht umbziehen und beschweren möchten, nachdem sie jhnen nachmals den kosten nicht bezahlen mögen: ist solchem muthwillen zu fürkommen geordnet, dasz einem cammerrichter macht und befehl gegeben werde, dieselben, so sich solcher muthwill erfinden wird, .. zu strafen. kammergerichtsordnung von 1500, tit. ix; in was unerhört, barbarisch wesen, der kriegsleuth muthwill, nunmehr gerathen, so eben so wenig ihrer freund, und der unschuldigen in jhrem eigen vatterland, als jhrer feind, mit raub, plündern und andern sträflichen unthaten, verschonen. reichstagsabschied zu Frankfurt von 1569, § 50;
grosz mutwill treibt dich zu der sach,
dast weder trew noch ehren achst (bettelmann zum landsknecht).
H. Sachs fastn. sp. 1, 120, 188;
wo aber kein frid helfen wil,
so wer dich des feindes muetwil!
2, 21, 280;
es heiszt des mutwillens pflegen, ihn üben: ein iegleich üppig gemain, dâ ainr dem andern niht gehôrsam wil sein, und ein iegleicher mit dem andern muotwillens pfligt. Megenberg 300, 31; auf das sonst niemand an Daniel mutwillen übet. Dan. 6, 17; und befestiget die burg David mit starken mauren und thürnen, und besetzt sie mit einem gottlosen haufen, der allen mutwillen drauf übet. 1 Macc. 1, 36; mutwillen thun, betreiben, treiben: mit yederman muͦtwillen treiben und beleidigen, coaequare omnia ad suas injurias et libidines. Maaler 296ᵃ; sie haben einen mutwillen und torheit gethan in Israel. richt. 20, 6; ein narr treibt mutwillen. spr. Sal. 10, 23; die liebe treibt nicht mutwillen. 1 Cor. 13, 4 (ἡ ἀγάπη οὐ περπερεύεται, goth. friaþra ni flauteiþ); die Tattern (Tartaren) trieben unerhörten muthwillen in der stad Gilgenberg. Henneberger preusz. landtafel 141;
ir hoemoit sus [ein] ende gewan,
daevan vreude hedde manch man,
want si bedreven moitwillens vil.
d. städtechron. 12, 256, 487;
mutwillen verbringen, anrichten: der mönch seinen teufelischen mutwillen an dem frommen unschuldigen christen verbracht. Henneberger preusz. landtafel 9; 1515 die pfaffen mit ihrem bannen viel mutwillens anrichteten. 87;
kem aber niemandt der dich strief,
oder mit gwerter handt nachlief,
so richt erst allen muͦtwill an,
was nur dein lust erdenken kan.
uber und drüber was du finst, ..
bisz dasz dir ist der muͦtwill ausz,
so luͦg dann wie es steh im hausz.
Grobian. P 4ᵃ (v. 3916);
in jrem zorn haben sie den man erwürget, und in jrem mutwillen haben sie den ochsen verderbet. 1 Mos. 49, 6; der gottlose rhümet sich seines mutwillens. ps. 10, 3; herr las dem gottlosen sein begirde nicht, sterke seinen mutwillen nicht. 140, 9.
4)
andrerseits in milderem sinne, begehren, streben, verlangen (vgl.mut II, 4, a sp. 2789), namentlich auf sinnliche lust und vergnügen gerichtet, und solches vergnügen selbst: cleider und cleinet nach allen lust der frauen machen und nachlassen, was sie anfaht, allen mutwillen günnen und gestatten. Keisersberg narrensch. 76ᵃ; darzuͦ hab dir ouch bilder und gemäls, ouch was alle kunst zuͦm muͦtwillen erdenken kan. S. Frank sprichw. 2, 25ᵇ; nun jetzt habe ich dir deinen mutwillen erfüllt und alles gethan, was du begeret hast. Ayrer proc. 1, 12; auf die kurze wohllust (in diesem leben) folget ewige pein, und ist unänderlichen angesriben: wi vil einer alhir mutwillen gehabt, so vil solle ihme auch qwahl eingeschänket werden. Butschky kanzl. 745; leichtfertige mägde, welchen gar zu groszer muhtwille gestattet wird, also dasz sie nicht wissen was sie fressen oder saufen, oder sich köstlich genug kleiden wollen. Schuppius 511;
dort lasset man schon ab, da man ausz dem vorlasz
erfrischet mit dem most den mund und den muhtwillen.
Weckherlin 776.
5)
daher mutwille, verhüllender ausdruck für wollust, geilheit, fleischliche lust: lascivia, muͦtwil Dief. 319ᶜ; voluptas, mutwil 628ᶜ; vergl. mnd. moedwille, lascivia, petulantia, protervia, libido, contumacia Kilian; der muͦtwill, unordentlicher glust und begird, libido, muͦtwill in worten und werken, petulantia Maaler 296ᵃ; sie schenden jre eigene schnur mit allem mutwillen, sie notzüchtigen jre eigene schwestern. Hes. 22, 11; ist deine tochter nicht schamhaftig, so halt sie hart, auf das sie nicht jren mutwillen treibe, wenn sie so frei ist. Sir. 26, 13; wie viel sie sich herrlich gemacht, und jren mutwillen gehabt hat. offenb. 18, 7 (variante: geil gewesen ist); disz jar warden die teütschen herrn von jrem hauptschlosz Meuaburg vertriben, von dem künig von Poland, darumb das sye jr tochter muͦtwillen anlegten. S. Frank chron. (1531) 209ᵇ; da kam ein mutwilliger jüngling genannt Marius Curtius, der begert, wann man ihm sein mutwillen wolt lassen ein jar, also, bei welcher frauen er wolt schlafen, dasz ihm dasz verhängt würde .. Blank Rom (1614) N 4ᵇ; wie man dem pferde die wollust und den mutwillen benehmen wolte, dasz es nicht auf andere springen oder sich an die stutten kehren solte. Olearius pers. reise 314; hier wie an die bedeutung 2 anrührend:
so bistu doch in dem nicht gescheid,
das du jhr den mutwillen zusichst,
ihr nicht nachlauscht oder zusprichst,
wo sie umbziehe den samstag.
so wol keim weib ich trauen mag,
wie jhn auch nicht zu trauen ist.
J. Ayrer 335ᵇ (1677, 19 Keller).
6)
der adverbiale genitiv mutwillens, in der älteren sprache mit der bedeutung in frevelhafter absichtlichkeit (vergl. mutwille 2 und 3): so jemand sein eigen kind mutwillens erwürgete. Luther 5, 252ᵈ; der da wil mutwillens des teufels eigen sein. 405ᵇ; ein unterscheid machen zwischen den frawen oder weibsbilden, so die frucht ungerne tragen, mutwillens verwarlosen, oder zu letzt auch böslich erwürgen und umbbringen. 8, 46ᵃ; aber mutwillens wollen sie nicht wissen, das der himel vorzeiten auch war. 2 Petr. 3, 5; aber mnd. môtwillens, môtwillinges mit freiem willen, aus eigenem antriebe Schiller-Lübben 3, 129ᵃ; mnl. moedwillens, ultro, sciens volensque, dedita opera Kilian.
7)
die neuere bedeutung von mutwille, wie sie sich seit dem 18. jahrh. ergeben hat, ist zunächst die fortsetzung von oben 3 und 5: muthwill, petulantia, procacitas, protervia, lascivitas Frisch 1, 678ᵇ; neben der schärferen bedeutung aber, die sich noch bisweilen geltend macht: bösen geistern ist macht über uns gelassen, dasz sie ihren höllischen muthwillen an unserem verderben üben. Göthe 8, 155; der muthwille des pöbels steigt endlich bis zu einem lauten tumult. Schiller hist.-krit. ausg. 4, 84; ich bitte euch, ehrwürdiger bruder, mir zu sagen, wie ich den guten willen unseres vaters gewinnen kann; gern würde ich ihm meine verehrung erweisen, damit er des muthwillens nicht mehr gedenkt. Freytag ahnen 4, 49; hat sich eine mildere herausgebildet, mit leise tadelndem sinne, beinahe wie leichtfertigkeit ( Adelung): Schach-Baham ... konnte doch selten dahin gebracht werden, unsern jugendlichen muthwillen züchtigen zu lassen. Wieland 6, 212; der leichtsinnige muthwille, womit einige die freiheit der damahligen zeit zu miszbrauchen anfingen. 282; so wenig antheil an der abgeschmackten posse nehmen, die das erdenvolk mit so viel dummer feierlichkeit auf der einen, und mit so viel kindischem muthwillen auf der andern seite spielt. 8, 80; sticht dich der muthwille, dasz du mich aus der küche hereinvexierst? Göthe 7, 120; eigentliche bosheit war vielleicht nicht in diesem verneinenden bestreben; ein selbstischer muthwille mochte sie gewöhnlich anreizen. 17, 246;
lasz niemahls deinen witz auf kosten andrer glänzen;
lasz deine freude nie in muthwill übergehn.
Gotter 3, ⅬⅩⅩⅠⅠ;
der dämon, der in tausend truggestalten
muthwillen treibt mit jungen und mit alten;
bald wie ein lächelnd kind um Hebes busen spielt,
bald fröhlich-wild, gleich einem rohen knaben,
den bogen spannt und gar nach göttern zielt ...
Wieland 21, 193;
und selbst ganz ohne solchen tadelnden sinn, nur wie muntere, ungebundene fröhlichkeit: er zeigte keine härte, und sein muthwille war zugleich gefällig. Göthe 19, 104; wie wohl mir ward mit dir, wie ich allmählich aus deinem frohen muthwillen muth zum leben einsog. Arnim Hollins liebeleb. 8 Minor; den unschuldigen muthwillen entfesseln, dessen befriedigung eines der bedürfnisse der menschheit ist. Jacobs verm. schr. 3, 42;
ich wollte keine spiele, scherze kennen,
muthwill und lachen blieb ich abgewandt.
Tieck Octavian. 251;
anrede an eine person, die solchen mutwillen verübt: Fernando. (er zieht ihr den kamm aus den haaren, und sie rollen tief herunter). Stella. muthwille! Göthe 10, 158.
8)
mutwille, name der pflanze dianthus armeria, wilde nelke, steinnelke. Nemnich 2, 1402; das ander geschlecht (der nelken) mit den zinnelechten gefiderten blätlin nennet man an etlichen orten muͦtwillen und hochmuͦt, zuͦ latin superbam. Bock kräuterb. (1572) 189ᵃ; mutwill. eselkönig 347.
Zitationshilfe
„mutwille“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/mutwille>, abgerufen am 09.12.2019.

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