Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

N

N
ist der vierzehnte buchstabe unseres alphabets (vor der scheidung des I und J der dreizehnte. Hederich 1654), gehört zur gruppe der sog. flüssigen und berührt sich vielfach mit m, aus dem es oft entstehen und wie dieses im in- und auslaute sonantisch werden, d. h. verklingen und aus- oder abfallen kann, wovon weiter unten gehandelt wird. das echte n entspricht in allen stellungen einem lingualen n der urverwandten sprachen (nacht eines hahn zu lat. nox unus canere). als gutturaler nasal wird es ng nk geschrieben (s. unten 9, b). die ausführliche behandlung des lautes gehört in die grammatik; nur das wichtigste kann hier hervorgehoben werden.
1)
anlaut. anlautendes n ist oft entstanden aus hn : napf neigen nusz, ahd. hnapf hneigjan hnuʒ. mundartlich kann es auch abfallen oder unorganisch vortreten.
a)
abfall: bair. ack est eben essel acher u. s. w. für nack nest neben nessel nacher. Weinhold bair. gramm. § 165. Lexer kärnt. wb. xiii, schwäb. wetterauisch, siebenb.-sächsisch ache arcisse Apoleon und dgl. Birlinger schwäb. wb. 346ᵃ. Weigand 2, 173. Fromm. zeitschr. 5, 210. 363. 453. vgl. auch mnd. wb. 3, 142 f.
b)
vortritt: bair. alemann. und md. nast nassel nahle u. s. w. für ast assel ahle Weinhold bair. gr. § 165, alem. gr. § 199. Fromm. zeitschr. 4, 37. vereinzelt auch schon mhd. (nitniuwe Lexer 2, 88) und md. (naft, nernsticheit Weinhold mhd. gr. § 199. vgl. mnd. wb. 3, 142 f.). Anlautendes n ist manchmal nur der überrest eines verstümmelten einsilbigen wortes, s.nab nauf naus nein nüber nunter aus hin-ab u. s. w., neben aus en-eben, mhd. nouwe aus en, in ouwe Lexer 2, 192, bair. naufaren, naufart Schm. 1, 3 Fromm. Weinh. bair. gr. § 165.
2)
inlaut. inlautendes n ist häufig geschwunden oder unorganisch eingeschoben.
a)
ausfall erfolgt bereits im ahd. besonders vor lingualen consonanten, mhd. schwindet n nicht selten sowol in wurzel- als bildungssilben (Weinh. mhd. gr. § 197), namentlich gern im alemannischen seit dem 14. jahrh. Weinh. alem. gr. § 200. Seiler Basler mundart 216. Birlinger schwäb. wb. 344. nhd. ist es ausgefallen in süden süd (aus sunt, noch erhalten in Sundgau; Sunderwasser aus urkunden des 13. und 14. jahrh. in Alemannia 9, 96), in dem aus dem nd. aufgenommenen sachte für hd. sanfte, in vertheidigen (aus vertagedingen, verteidingen), in der ableitung ig statt altem inc anc: könig pfennig honig. alem. ist nt nd der ableitung oder flexion häufig zu t d geworden: juged tuged, sie singet lebet u. s. w. Weinh. alem. gr. § 200. Birlinger schwäb. wb. 344. man vgl. auch mnd. wb. 3, 143ᵃ.
b)
einschub, der auf nasalierung beruht und namentlich alem., aber auch bair. begegnet, s. Weinhold alem. gr. § 200. 201. 301, bair. gr. § 166. 168 (wêninc heiling meinst zinstag u. s. w., besonders in der 2. person pl. ir habent gebent, auch mit abfall des t: ir haben, werden Amadis 427. 428, ir nemmen Wickram 135, 9; ir haben, zürnen Schade pasq. 3, 163, 20. 24; ir tätten städtechron. 5, 91, 4). derartiges n haben wir noch in dienstag, nackend neben nackt, maunzen neben mauzen, genung (d. j. Göthe 2, 41. Herder 1, 385 Hempel. H. Heine rom. 251) neben genug. — Euphonistischer natur ist aber jenes n, das alem.-schwäb. zwischen zwei vocalen eingeschoben wird: zweinist dreinist wienich (wie ich) u. s. w. Weinh. alem. gr. § 201; Stalder dial. 65. Schmeller gramm. § 609. zwaynen städtechr. 4, 337 anm. 6, gênend 86 anm. 6.
3)
auslaut. auslautendes n hat sich in älterem nhd. und mundartlich erhalten im accus. inen. Julius v. Braunschw. 44 und durchaus bei Brotuff, ebenso in der 1. pers. sing. präs. ind. der schwachen verben ich warnen städtechron. 5, 229, 22. siebenb.-sächs. ich liewen (lebe), ich arbeden Fromm. zeitschr. 5, 363. dieses n ist aus m entstanden und bildet im ahd. die endung der genannten 1. person in der zweiten und dritten classe der schwachen verba, ist aber später bair. alem. und md. auf die 1. person der ganzen schwachen und vielfach auch der starken conjugation übertragen worden. Weinhold bair. gr. § 280. 307, alem. 339. 361, mhd. 350. 378. wie anlautendes kann auch auslautendes n überrest eines verstümmelten einsilbigen wortes (eines pronomens oder des artikels) sein: hab'n aus habe ihn, auf'n aus auf ihn, ann aus an den städtechron. 1, 52, 26. Weller ged. des 16. jahrh. 68. vonn aus von den ebenda. 76. zun aus zu den Spee trutzn. 1, 51. 35, 77. wie'n aus wie ein H. Heine (1876) 11, 78. 12, 66. auslautendes n kann verklingen und abfallen oder unorganisch angeschoben werden.
a)
abfall im nom. sing. von ferse kette küche rabe waffe wolke u. s. w., besonders im infinitiv, dessen n oder en schwinden kann in ober- und mitteldeutschen mundarten. schon Hugo v. Trimberg sagt im Renner 22252 ff.:
swenn t und n und r
sint von den Franken verre
an manges wortes ende,
wer wil dâfür si pfende?
vgl. gr. 1, 931 f. Weinh. mhd. gr. § 197, bair. 169, alem. 202. 350. 370.
b)
anschub in albern einzeln fern gestern nun sondern, besonders im nom. schwacher masculina: der backen balken bissen braten brunnen funken galgen graben haufen nachen u. s. w., seltener bei fem.: die birn, bair. alem. die flaschen kirchen hauben katzen u. s. w. Weinh. bair. gr. § 349, alem. 404. die schwestern städtechron. 5, 125, 11.
4)
n für m. abgesehen von vielen fällen der flexion, wo bereits in ahd. zeit wegen leichterer aussprache auslautendes n für m eingetreten ist, hat diese wandelung seit dem 13. jahrh. im ober- und mitteldeutschen, besonders im alemannischen, zugenommen: flexivisches m wird auslautend überall zu n, häufig tritt dieser übergang auch ein in suffixen und stammsilben.
a)
in suffixen: besen boden (noch bodem : odem P. Gerhard 43, 6 Göd.), faden eiden (chron. d. stadt Elbogen 77, 45) gaden farn farnkraut u. a.; in brodem atem und odem wird das m zwar noch geschrieben, aber in der regel als n gesprochen (bei Göthe odem und auch oden im reime auf boden, s.odem; auch broden 41, 327).
b)
n für stammhaftes m im auslaut oder vor b p pf t kommt in unserm schriftdeutschen nicht mehr vor; zahlreiche belege aus der ältern ober- und mitteldeutschen sprache und aus den heutigen oberd. mundarten hat Weinhold gesammelt mhd. gramm. § 198. 200, bair. 169, alem. 203. hein : rein Murner gauchm. 346. städtechron. 4, 174, 16. 257, 16. sturn 257, 29. helnparte 5, 278, 16. breutigan : than H. Sachs 8, 716, 29 K. kunt (kommt) oft in Brants narrensch. z. b. 57, 17. 64, 37. 82, 21.
5)
n für l in knoblauch aus klobelauch (th. 5, 1449), schierling ahd. scerning, knäuel mhd. kliuwel, knüppel bei Göthe 16, 261 klüppel; küben kübel Murner narr. 81, 24. schintfessel städtechron. 4, 53, 20. Aventin 1, 178, 15. basl. knüble klauben Seiler 59ᵃ. siebenb.-sächs. mängz milz, zäppen zipfel Fromm. 5, 362. mhd. und md. sniume und sliume, wernt und werlt, enlende und ellende Weinh. § 193. 200.
6)
altes n ist nhd. durch m vertreten in thurm, besonders vor labialen geht der linguale nasal gern in den labialen über: ambosz empor imbisz wimper (aus wintbrâ); mhd. auch umbillich umprîs u. s. w. für unbillich unprîs.
7)
die gemination nn. während goth. nn im in- und auslaute steht (manna mann, rinnen rann, brinnan brann u. s. w.), pflegt ahd. und mhd. inlautendes tönendes nn im auslaute zu tonlosem n zu werden (mannes man, rinnen ran, brinnen bran u. s. w.) und auch im inlaute bei folgendem consonanten sich zu vereinfachen (rennen rante, brennen brante, kennen kante). in der übergangszeit zum nhd. (Kehrein 1, 145) und selbst im nhd. bis ins 18. jahrh. hinein ist im gebrauche von n und nn (dieses auch nach langen vocalen und namentlich in verbindung mit andern consonanten) eine förmliche willkür eingetreten (noch Gellert z. b. schreibt schwed. gräfin 1, 59 närrin, aber freundinn 16, kan 27, 49 neben kann 53, 69, d. j. Göthe 1, 164 ff. oft binn neben bin), bis sich endlich die mechanische regel herausgebildet hat, das n im in- und auslaute nach kurzem stammvocale zu verdoppeln und diese doppelung auch in verbindung mit t beizubehalten, also mannes mann, sinnen sann sinn gesinnt, spannen spannte, können kann konnte (aber kunst). mit voller consequenz ist diese regel freilich nicht durchgeführt: in der aussprache ist z. b. kein unterschied zwischen mann man (pron.) an, sinn in bin aber wol in der schreibung.
8)
sehr oft ist nn durch assimilation entstanden und zwar aus nj (der häufigste fall z. b. in brennen kennen sinnen dünne u. s. w.), aus nd (bair. alem. anner finnen schinnen Weinh. bair. gr. § 171, alem. 204. winnmüle Birlinger 346ᵃ. angezunnet chron. d. stadt Elbogen 98, 27. 107. 20. 110, 45. der Burgunner histor. volkslieder nr. 137, 8, von Burgunn 131, 3), aus ng (anhennig Basler chron. 1, 147, 17. mitteldeutsche reime nn : ng bei Weinh. mhd. gr. § 201).
9)
n geht verbindung ein mit lingualen und gutturalen.
a)
nd nt nz organisch in binden finden schrinden u. s. w., bair. kenten (zünden) kunter; glanz schranz u. s. w., unorganisch in jemand niemand mond leinwand aus ieman nieman mâne lînwât, nackend barchent aus nacket barchet, für nn: besunden Basler chron. 1, 451, 9; von hinden 453, 17; pfindigs fleisch Birlinger 346ᵇ, in unserm sog. partic. fut. pass. zu lesend, zu tragend aus mhd. ze lesenne, ze tragenne.
b)
ng nk ist der gutturale nasal, organisch z. b. in den bildungen mit -ing -ung, stammhaft in bringen singen ring, danken wanken krank, unorganisch für nd mit belegen bei Weinh. mhd. gr. § 201, bair. 171. stung hung stunde hund Gotthelf erz. 1, 251. 253, anger ander 2, 248; für nt: der gesangten gesandten Basler chron. 1, 187, 29; für nn Lexer kärnt. wb. xiii (kinge ringe). Weinhold bair. gr. § 170; für mb in der ableitung ung für umb (irtung Aventin 1, 201, 29. Birlinger 347ᵃ).
10)
n kann im mhd. ein unmittelbar folgenden inlautendes t zu d erweichen: ich kande kunde brande. in der übergangszeit herscht groszes schwanken (Kehrein 1, 232), nhd. ist die erweichung wol noch in der aussprache, aber nicht mehr in der schrift zu erkennen. N oder NN, statt eines namens, den man nicht weisz (nomen nescio) oder nicht nennen will (notetur nomen). wir sind der bischof zu N. Schade pasq. 3, 163, 25; gegenwärtiger briefzeiger (vorzeiger eines passes) N von N. Kirchhof milit. discipl. 211; sie wolten ermeldten NN frey passieren lassen. ebend.; weil mich meine verpflichtungen nacher N .. beruffen. Butschky kanzl. 96;
zum troste der guten frau Magdalis hat
N. N. hieher mich gebunden.
Bürger 66ᵃ;
der N. N. ist auch so übel dran, sagte Lotte. Göthe 16, 127. NA, interj. bei fragen, zu- und ausrufen, um einen leisen zweifel, eine erwartung, ermunterung, aufforderung, abweisung oder etwas abgeschlossenes, unabänderliches auszudrücken oder einzuleiten, ähnlich wie das fragende, auffordernde oder ausrufende nu und nun, woraus es aber doch nicht (wie Heyse 2, 227 annimmt) verkürzt sein kann, vgl.nanu. die goth. fragepartikel an, mit der wol das lat. an und vielleicht auch das gr. ἄν zusammenzustellen ist (L. Meyer § 211), möchte Grimm gr. 3, 758 sammt dem lat. an für umgestelltes (mit ni verwandtes) na halten, das ahd. bei Notker in der mitte und am schlusse verneinender fragesätze gebraucht wird. die vermutung liegt nahe, in unserm ober- und niederdeutschen na jenes ahd. na zu erblicken, wenn sie auch nicht erwiesen werden kann. vgl. Diefenb. 1, 45. Weigand 2, 173.
1)
bei fragen. na, säd de fru, is dat nu nich schön? Grimm märchen (1843) 1, 118; na schwogache, wie hösst denn deina sohn? Firmenich 1, 113; na jungfer, wird es bald? Kotzebue dram. 2, 255.
2)
bei aus- und zuruf sehr häufig in gewöhnlicher rede (na, komm! na, wird's! na, endlich! na, schnell!). na, schwogache, trink doch noch e mohl! Firmenich 1, 113; na, das ist hier der fall nicht. Lenz 1, 102; na, habe nur noch geduld bis pfingsten. Kotzebue dram. 2, 190; na, Lieschen, jetzt musz ich dich auf viertelstündchen verlassen. 2, 193; na, sagt ich, Urschel, dann will ich hoffen, dasz es etwas rechtes ist. Gutzkow ritter v. g. 2, 75; na (wie nicht anders zu erwarten war), das auge lief wirklich aus. Immermann Münchh. 4, 56; na na! genug von dem. Fischart Garg. 252ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1881), Bd. VII (1889), Sp. 1, Z. 1.

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Zitationshilfe
„n“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/n>, abgerufen am 02.04.2020.

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