Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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not

not
und composita s. noth, noth-.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1884), Bd. VII (1889), Sp. 901, Z. 46.

noth, not, f., mit substantivischer adverbialer und adjectivischer verwendung.

noth, not, f. mit substantivischer, adverbialer und adjectivischer verwendung.
Formen und herkunft.
1)
das wort geht durch alle germanischen sprachen: goth. nauþs; ahd. mhd. nôt; alts. nd. nôd; nl. nood; ags. neád, nêd und nyd, nied (s. nied), engl. need; altfries. nêd, nâth; altn. nauđr und nauđ, schwed. dän. nöd. — im nhd. erhält sich die (durch die neuere orthographie wieder eingeführte) form not bis ins 16. jh., wo man anfieng, die länge des vocals durch ein dehnungs-h (noht oder noth) zu bezeichnen; mundartlich henneberg. schles. nût (Frommann 2, 411, 132. Weinhold dialektforsch. 59, 6. Stoppe Parnasz 508); mit wieder diphthongisiertem vocal, wetterauisch naut Simpl. 1, 168, 15, bair. österr. und schwäb. nout, noat, naot, s. Weinhold bair. gramm. § 97. Schm.² 1, 1771. Birlinger 353ᵇ; im 16. jahrh. hat man aber auch den vocal durch doppelung des auslautes gekürzt (nott), wofür unten beispiele vorkommen.
2)
ahd. bei Otfrid (s. Kelle 2, 188. 193) kommt das wort auch als masc. vor, ebenso vereinzelt im mhd. (Lexer 2, 103) und in nhd. mundarten (Gotthelf Uli d. pächter 1859 59); genet. noths in nothsjunge, nothskerl (Hennig preusz. wb. 172), schwere noths einbildung. Lenz 2, 154.
3)
der ahd. genetiv und dativ sing. nôti wird mhd. zu nœte oder mit apokope und rückumlaut zu nôt, welche form im nhd. durchgedrungen und somit flexionslosigkeit des singulars eingetreten ist; nur vom alten genetiv und dativ (nôti, nœte) haben sich reste erhalten: genetiv nöte H. Sachs 10, 472, 17; dativ ohne umlaut note: on alle note Bocc. 189, 20 K.; in solcher nothe Leisentrit bei Kehrein kirchenl. 1, 231, 3; in aller unser nodte. 252, 1; in letzter nohte. 391, 23; mit umlaut vor nöt H. Sachs 10, 350, 23; in de nöte. Schmeller cimbr. wb. 150ᵇ; oberpfälz. in einer nêid (gleich nœte). Schm.² 1, 1771. — in den starkformigen plural ist auch schwaches, dem dativ plur. gleichlautendes nöthen eingedrungen, zunächst als genetiv (spiegel der blinden 1522 A 2ᵇ. Börne 3, 356), sodann als accusativ (Opitz 1645 2, 70. Logau 2, 5, 44. Göthe 40, 66, 70. Gotthelf Uli der pächter 1854 25) und als nominativ (Claudius 4, 144. Platen nachl. 1, 124).
4)
die wurzelsilbe des german. stammes naudi oder nauthi, sowie des urverwandten altpreusz. nauti ist nau, das wir schon sp. 659 als wurzel von neuen, ahd. niuwan kennen gelernt haben; s. Frisch 2, 22ᶜ. Peters beitr. zur goth.-hochd. wortforschung 5 ff. Fick² 779. myth.⁴ 112 anm. 505 anm.; schon Stieler 1336 hat den zusammenhang mit nau (genau) richtig erkannt.
Bedeutung und gebrauch. Aus der grundbedeutung des wurzelverbs 'reibend oder stoszend drängen und beengen' (sp. 659) hat sich für das davon abgeleitete und vielgebrauchte noth eine grosze fülle von bedeutungen entwickelt, die oft in einander übergreifen. der übersichtlichkeit wegen und um viele wiederholungen zu vermeiden, ordnen wir im nachfolgenden den gesammelten stoff nach dem substantivischen, adverbialen und adjectivischen gebrauche des wortes.
A.
noth substantivisch mit oder ohne artikel.
I.
die noth ist zunächst und im allgemeinen das drängende, beengende und hemmende, sowie der (hilfsbedürftige) zustand des gedrängten, beengten und gehemmten; der rein sinnliche begriff des reibens bricht noch durch in nothfeuer (s. dasselbe); man vergleiche auch die sinnverwandten angst, klemme und zwang, die nebst andern synonymen oft mit noth verbunden werden.
1)
einengender raum und der zustand des darin eingeengten: mhd.
sînen bruodir .. den hieʒ er in die nôt (gefängnis) tuon.
Milstäter genesis 91, 6;
nhd. synonym mit klemme: lasz sie (die wilden thiere) in die klemme oder äuszerste noth gedrungen werden. Antimachiavellus (1624) 187ᵇ. vgl. in die noth gerathen, kommen I, 5, f, δ und mit noth II, 2.
2)
das gedränge und die wirkung desselben: mhd.
dâ was von kurzewîle   vröude unde nôt (groszes gedränge).
Nibel. 606, 1;
nhd. mir geschieht noth, ich komme ins gedränge: und do sich die unsern wantend in die statt, do beschach in so nott, das sy ainander underm tor ertrucktend. Hug Willinger chron. 11 Roder; noth leiden von sachen, durch gedränge, stosz oder druck schaden nehmen Fronsperger kriegsb. 1, 148ᵃ. Schm.² 1, 1771; eine hemmung, eine störung erleiden: der kreislauf durch den unterleib leidet noth. Schiller 1, 164.
3)
das gedränge und die gefahr im kampfe, der kampf, streit (vergl. 6, a): ahd.
ther in thera nôti (vorher in wîge)   thâr imo folgêti.
Otfrid 3, 26, 42;
mhd. er müese die nôt vor bestân.
Iwein 2483;
sô muoʒ ich rîten in die nôt.
Alphart 342, 4;
md. die dûtschen enwolden ouch nicht lân
sie entrêten in die nôt (ins kampfgewühl).
livländ. chron. 4855;
nhd. übertragen: wenns zum treffen und zur not kompt (wenn ernst daraus wird, vergl. ernst, kampf th. 3, 924). Luther 6, 141ᵃ; gewaltsamer und stürmischer angriff, sturm (sich berührend mit dem folgenden): er gewan die stat mit der not. Aventin. 247, 4 (vi potitur. annal. 1, 643, 12), in verbindung mit dem synonymen sturm: Titus gewan mit sturm und not die stat Jerusalem. 4, 827, 34, vergl. 829, 17; gegensatz ohne noth: die letze ward ohne noth erobert. Stumpf 647ᵃ. vergl. auch mit noth und ohne noth B, II, 2 und 4, a.
4)
gewaltthat, gewalt, zwang: ahd. nôt, violentia ahd. gloss. 1, 295, 34; nhd.
darumb er mit ir ausz laster rang,
und sy mit not zum eebruch zwang.
Schwarzenberg 113ᵇ;
er hat die tochter dir durch noht und zwang geschändet
(vgl. nothzwang).
Opitz geistl. poem. (1638) 371.
5)
überhaupt eine äuszere oder innere beklemmung und bedrängnis, eine bedrängte, hilfsbedürftige lage der manigfaltigsten art und stärke, im engeren sinne der drückende mangel, die dürftigkeit, armut; der nebenbegriff des kampfes mit der jeweiligen nothlage kann oft mitverstanden sein. da sich die bedeutungsunterschiede (wenn sie nicht schon durch ein adjectiv oder einen genetiv näher bestimmt sind) leicht aus dem zusammenhange ergeben, so können wir hier der kürze wegen die verschiedenartigen nothfälle in den hauptsächlichsten nhd. redewendungen zusammenfassen; über andere besondere arten s. 6 und 7.
a)
die noth (besonders als drückender mangel, dürftigkeit, armut, elend) tritt oft personificiert auf oder streift an personification (vergl. II, 1): noth hat eine tochter, die heist, verkauf was du hast. Hazards lebensg. 154;
o weh mir, götter, dasz ich noth (später armuth) und gram
zwo furien, zu schwestern mitbekam.
Herder 1, 435 H.;
die dürre noth ist lahm.
436;
ich heisze die Noth.
Göthe 41, 312;
ich bin geschworner bruder
der grimmen noth.
Schlegel Richard II. 4, 2;
lager, wie es hier die noth der liebe (dativ) deckt.
Wieland Oberon 7, 49, vgl. 68;
giebt noth dich wieder frei.
Geibel neue ged. (1883) 130;
besonders in sprichwörtern: not sucht brot. Frank 1, 75ᵇ; not hat kein gebot. 2, 131ᵇ (vgl. Kant 5, 36 und Hildebrand rechtssprichw. nr. 268 'zur abwehr einer besondern noth wird nicht selten etwas gestattet, was auszerdem strafbar erscheint'. doch kann es sich mit dem folgenden auch auf II beziehen); noht hat kein gesetz. Lehmann (1630) 555, 21; noht macht dem hinkenden hurtige füsz. 556, 37; noth macht füsze, noth lehrt künste, noth lehrt beten u. a. bei Simrock 408 f.; damals lernte mich die noth erst recht beten. Simplic. 1, 99, 10;
noth lehrt beten, man sagts; will einer es lernen, er geh
nach Italien! noth findet der fremde gewiss.
Göthe 1, 352;
es giebt nöthe welche nicht beten lehren. Immermann epig. (1865) 1, 192; es ist eine gemiszbrauchte regel: man müsse die leute drücken, um sie fleiszig zu machen; aber die wahrheit, so darin liegt, bleibt allemal richtig, dasz die noth der beste zuchtmeister, und es fehlerhaft sei, diese zu erleichtern, wann .. zu besorgen ist, dasz wohlthun neue müsziggänger macht. Möser 2, 14; unter noth können auch die nothleidenden gemeint sein: der ruf, der schrei der noth. Uhland (1879) 2, 232. Freiligrath (1870) 3, 149. vergl. nothruf, -schrei.
b)
noth in andern fällen als subject: die noth ist, wird, erhebt sich, geht an, befällt einen, ist einem beschieden; die noth drückt, drängt, peinigt, schreckt; die noth hört auf, endet, ist vorüber u. dergl.; und es werden sein pestilenz und theure zeit und erdbeben hin und wider, da wird sich allererst die not erheben (πάντα δὲ ταῦτα ἀρχὴ ὠδίνων). Matth. 24, 8; angst und not schrecken ihn und schlahen ihn nider, als ein könig mit einem heer. Hiob 15, 24; wenn die not angehet mit den menschen, so höret alle freundschaft auf. Agricola sprichw. nr. 68; da kein noht ist, da ist hilff unwehrt. Lehmann 557, 43; wo ain not auszkombt. österr. weisth. 1, 309, 9;
so dich anstöst ein geistlich not.
H. Sachs 6, 317, 22;
anfechtung, kreuz und not
ihn bis in den bittern tod
stets verfolgen.
Weckherlin 226 Gödeke;
verlasz ja deinen bruder nicht,
wenn etwan ihn ein noth befellt.
Philander (1650) 2, 750;
die noth, so mich gedrängt,
dränge dich von allen seiten.
Günther 842;
weil nun .. die noth fast halb verschwunden.
512;
kein dürftiger verzagt, wenn noht und hunger schrecken.
Drollinger 87;
erdennoth ist keine noth
als dem feig' und matten.
d. j. Göthe 1, 39;
und nun erfüllet sichs, dasz alle noth
mit meinem leben enden soll.
werke 9, 27 (Iphig. 2, 1);
geniesze, was der schmerz dir hinterliesz,
ist noth vorüber, sind die nöthe süsz.
2, 254;
viel andern invaliden
ist bettelbrod
und eitel noth beschieden.
Ursinus, Matthissons lyr. anthol. 13, 17;
grosze, bittere, schwere, drängende, drückende, harte noth u. s. w.: es wird grosze not auff erden sein und ein zorn uber das volk. Luc. 21, 23;
wir sprechen sonst: je gröszre noht,
je näher gott.
S. Dach 288 Öst.;
allzugrosz war die noth, und täglich wuchs die bedrückung.
Göthe 40, 291;
die liebe noth (th. 6, 902): und wie die liebe noth gar zu grosz ward, liesz ich mich bei einem vom adel in dienste ein. Weise erzn. 45 neudruck;
da treibt die liebe noth
die jungen auf das feld hinaus
nach arbeit und nach brod.
d. j. Göthe 1, 102.
c)
noth als object: der teufel alle not machte. Luther 3, 70ᵇ;
wir machten erst die noth zur noth.
Günther 908;
wer alle ordnungen verletzt,
und aufhäuft noth auf noth.
Lavater nachgel. schriften 1, 371;
not haben, leiden, laborare Maaler 308ᵃ; grosze not haben, multum laborare 308ᵇ; las den armen nicht not leiden. Amos 4, 1; allerlei ungemach, fahr und not leiden. Luther 6, 59ᵃ;
des (wegen der erbsünde) müessend wir grosz liden not.
N. Manuel todtentanz 2;
si hatten leid und grosze not.
Gengenbach Jacobsbr. 983;
kein mensch auf erd hat solche noth,
wie ich sie leid zu diesen stunden.
Ayrer 42, 12;
da sitzt er, friszt und hat gar keine noth,
grämt sich nicht mal.
Tieck 1, 211;
die richter haben noth und ängste.
Lenau (1880) 2, 188;
noth dulden, ertragen:
wenn gleicher sinn und wunsch so glück als noth ertragen.
Günther 602;
leute welche mehrere noth und versuchung dulden. Möser 2, 14; die noth mit freudigkeit ertragen. Gotthelf schulm. (1859) 2, 130; die not klagen:
richter, ich klag euch hie mein not.
fastn. sp. 219, 13;
not klagen, eim seinen schmertzen offnen oder seinen kumber klagen. Maaler 308ᵇ; also sei das armut (die armen leute) verursacht worden, ihre hohe noth zu klagen. weisth. 3, 443; der ist genug gebetten, dem man die noht klagt. Lehmann 555, 25;
die heiligen nicht überschlag,
vertröstlich dein noht ihnen klag.
Corner, Kehrein kirchenl. 1, 5, 18;
sie (natur) liesz im schmerz mir melodie und rede,
die tiefste fülle meiner noth zu klagen.
Göthe 9, 244 (Tasso 5, 5);
die noth sehen, kennen, zu herzen nehmen, theilen, beenden, verdrängen, besiegen u. dergl.; und der herr sahe unser elend, angst und not. 5 Mos. 26, 7;
der allgemeine tod
vollendet alle pein und not.
Weckherlin 211 Göd.;
der tod endet leid und noth.
Gryphius trauersp. 233 Palm;
wol dem, der die not der armen
ihm zu herzen gehen läszt.
P. Gerhard 130 Göd.;
du kennst mein elend, meine noth.
Günther 1093;
denn dein (gottes) erbarmen
macht, dasz mein hertz die noth besiegte.
63;
wird dadurch das allgemeine übel nicht vergröszert, da wir noth durch noth verdrängen wollen? Göthe 42, 26;
du rettest den verbrecher nicht, zu dem
du dich gesellt, und theilest fluch und noth.
9, 51 (Iphig. 3, 1);
wirf von dir des lebens nöthe.
Rückert 2, 432;
einem noth beibringen, anthun:
(er) thu mir an jammer und noth.
Ayrer 42, 24.
d)
im genetiv, der abhängig ist von einem verb oder substantiv: der noth sich erbarmen, annehmen, entledigen; der tag, die zeit, der zwang der noth u. s. w.; das ist ein tag der not. 2 kön. 19, 3; in der zeit meiner not suche ich den herrn. ps. 77, 3; die sünden meiner noth. Günther 579; in solchen augenblicken allgemeiner noth. Göthe 15, 86; zu zeiten des drucks und der noth. 43, 313.
e)
der noth ausweichen, abhelfen, begegnen u. s. w.:
er sucht der allgemeinen noth
mit rath und vorschub zu begegnen.
Günther 140;
erbarmen, das ich fremder noth erzeige.
Hagedorn 1, 3;
ach neige ..
dein antlitz gnädig meiner noth.
Göthe 12, 190;
ich habe einen freund, der solchen nöthen (geldverlegenheiten) gern abhilft. Klinger 3, 94.
f)
fügung mit einer präposition (vergl. B).
α)
aus der noth, aus noth, aus nöthen kommen, führen, retten, helfen, erlösen, reiszen: mhd.
(er) half dem lewen ûʒ der nôt.
Iwein 3864;
nhd. es ist nun alles vorgessen brot,
wir kummend niemerme us not.
N. Manuel Barbali 5;
(ich) binn erlöszt ausz aller not.
Gengenbach Bileamsesel 314;
die angst meines hertzen ist gros, füre mich aus meinen nöten. ps. 25, 17;
der bschert unsz brot
und hilft ausz not.
Weller dicht. des 16. jahrh. 71;
sie wurden errett aus not.
H. Sachs 6, 260, 27;
errette dich und den pfarrer ausz gegenwärtigen nöthen. Simplic. 1, 115, 15; gieng er zu andern freunden, denen er oft .. ausz nöthen geholfen. Schuppius 224;
sterben ist gewinnen,
es reiszt geist und sinnen
aus der groszen noth.
Günther 20;
so rettet oft noch weiberlist
aus ängsten und aus nöten.
Bürger (1778) 161;
denn mein gott
half mir noch aus aller noth.
Lenz 3, 233;
aus der noth (aus dem nothstande heraus) schreien, rufen:
er schreit zu dir aus tiefer noth.
Fernow, Matthissons lyr. anthol. 16, 78.
β)
bei, unter noth:
wenn ich bei angst und noth
... die lebenszeit vergälle.
Günther 526;
ihr jahre, die ihr spät und unter noth vergangen.
557.
γ)
durch die noth, durch noth gehen, zwingen, quälen, umkommen u. s. w.; gegen die noth sich wenden, wehren; mit der noth zu kämpfen haben, von der noth erretten, befreien u. dergl.;
durch trubsal, angst und noht zum himmel gehen.
Rist Parnasz 813;
warumb denn wollt auch ich
mich von der noth entziehen?
Logau 1, 5, 21;
arbeit lehrt,
wie man gegen die noth sich wehrt.
Gleim 5, 375;
ich fühlte mich von aller noth entladen.
Göthe 9, 238 (Tasso 5, 4);
von der noth, von noth sprechen, reden:
doch sollte Baden nie von noth und mangel sprechen.
Drollinger 88.
δ)
in der noth, in noth, in nöthen (goth. in nauþim 2 Cor. 6, 4. 12, 10; ahd. in dero nôti, in nôti, in den nôtin, in nôtin Graff 2, 1033 ff., mhd. in der nôt, in nôt, in nœten mhd. wb. 2¹, 409ᵇ f.): in der angst und not, damit dich dein feind drängen wird. 5 Mos. 28, 53; ruffe mich an in der not. ps. 50, 15; der ist nicht stark, der in der not nicht fest ist. spr. Sal. 24, 10; ein bruder wird in der not erfunden. 17, 17; in der not spürt man den freund. Frank sprichw. 1, 116;
ich (gott) bin bei im in aller not.
H. Sachs 6, 270, 24;
nichts ist ein freund, der nicht in der not
ja in dem tod auch bei eim stoht.
Fischart flöhhatz (1573) 1601;
man fandt die höchste hülf oft in der höchsten noth.
Gryphius trauersp. 154 Palm;
gesetzt! wir sollen unsre jahre ..
in äuszerlicher noth vollziehen.
Günther 907;
erhaben ists, den beleidiger zu lieben;
ihn in der noth mit verborgener wohlthat laben ist himmlisch.
Klopstock Mess. 10, 414;
wir wollen ..
in keiner noth uns trennen und gefahr.
Schiller 14, 336 (Tell 2, 2);
in nöthen: in nöthen sieht man den mann. Simrock sprichw. 409; heut ich dir versprechen will, in keinen nöten nimmermehr zu weichen. Galmy 43; der ehrliche mann, auf den man in geschäften und in nöthen vertrauen kann. Kant 6, 389; der ihnen in ihren nöthen beisteht. Göthe 15, 11;
in drängenden nöthen, in naher gefahr.
1, 137;
nimm deines guten herrn dich auch in nöthen an.
11, 167;
sei stark in bittern nöthen.
Schulze Cäcilie 4, 33;
du hast mir trost gespendet
in meinen nöthen und ängsten.
H. Heine buch der lieder (1851) 126;
in noth, in nöthen lassen:
last in der noth mich nit.
Hayneccius H. Pfriem 1656;
in noth, in nöthen sein, liegen, sitzen, stehen, stecken, schweben:
mein hertz das steht in angst und not.
H. Sachs 8, 249, 29;
er war in angst und groszen nöthen.
6, 296, 15;
wenn wir gleich lign in höchster not.
Rebhun Susanna, beschlusz 73;
tausend sind ihr, die dem leben
gerne wolten urlaub geben.
tausend andre stehn in noth (in groszer angst, beklemmung),
dasz sie nicht zu bald verderben.
Fleming 339;
und sollst du für und für
in angst und nöthen schweben.
P. Gerhard 187 Göd.;
dasz fromme christen für dich beten, wenn du in nöthen steckst. Schuppius 195;
noch nie,
wenn ich in noth gesessen,
ward ich von ihr (gottes hülfe) vergessen.
A. L. Karsch 37;
accusativisch in noth (ahd. mhd. in nôt) bringen, kommen, gerathen, fallen u. s. w.:
den bringet ihr in diese not.
B. Krüger spiel von den bäurischen richtern v. 1425;
nun kommen wir in solche not.
2237;
ein armer man der kompt in not.
Sandrub 27 neudruck;
ja du bist gut und hilfreich, dienest allen,
und wenn du selbst in noth kommst, hilft dir keiner.
Schiller 14, 340 (Tell 3, 1);
wenn sie in eine gleiche noth (klemme, verlegenheit) gerathen. Göthe 24, 166.
ε)
mit, ohne noth (ahd. mit nôti, âna nôt; mhd. mit nœte, mit nôt, âne nôt):
Darius entran und was on not.
S. Brant 56, 68;
es lebt kein mensch ohn jammer und noht.
Ayrer 866, 12;
die dich mit armut, kreuz und not
bis in die gruben tragen.
P. Gerhard 191 Gödeke;
der geist lebt auszer noht
bei den engeln unverdorben.
Rist Parnasz 446;
er lebet ohne noth und sorgen.
Hagedorn 2, 34;
schweiz. a (ohne) noth laszen nicht bedrängen, in ruhe lassen Stalder 2, 243, wie mhd. âne nôt lâʒen. Walther 47, 4. 64, 4.
ζ)
zu noth:
er erwacht zu neuem leben,
aber ach! zu noth und schmerzen.
Müchler, Matthissons lyr. anthol. 16, 187.
6)
im einzelnen sind noch folgende fälle besonderer art hervorzuheben; die constructionen wie bei 5.
a)
bedrängnis und gefahr im kampfe und kriege und durch den krieg (s. kriegsnoth und vergl. I, 3): mhd. strîtes nôt Biterolf 9651, sturmes nôt 11369, urliuges nôt Parziv. 246, 11; nhd. also das dieser könig dem könig von Pego vil drang und not macht. Frank weltb. 206ᵇ;
wir, die oft in staub und noth
voll blut .. gepocht den grimmen tod.
Gryphius trauersp. 19 Palm;
wenn die noth sie (die belagerte stadt) beklemmt.
Lenz 3, 22;
der mangel als vorläufer gröszerer noth (der belagerten). Göthe 30, 276; zwei andere thore ... werden von den vertheidigern entblöszt, um der dringenden noth in der stadt zu begegnen. Schiller 8, 174; wer ist der erste, der seinen hauptmann in der noth verläszt? 2, 268 (räuber, trauersp. 2, 16);
nun drängt die noth ..
nun zeigt wie treu ihrs meint!
.. hinter uns rasselt der feind.
Geibel neue ged. (1883) 237.
b)
die noth des hungers (s. hungersnoth), mhd. diu hungers nôt Iwein 3306. minnesinger 2, 260ᵇ; nhd.
ee einer stirbt des hungers nott.
Weller dicht. des 16. jahrh. 50. 67;
der leidige hunger
kenne keine gesetze, die noth entbinde vom eidschwur.
Göthe 40, 157.
c)
noth durch die elemente.
α)
von kelte und frost not leiden. Maaler 308ᵇ; die saaten, die bäume leiden noth durch kälte, hagel u. s. w.
β)
noth durch feuer (s. feuersnoth), durch wasser (s.wassersnoth), durch sturm oder schiffbruch: ahd.
unz (während) sie .. wârun in ther nôti (im sturm auf dem meere).
Otfrid 3, 8, 22;
mhd. dô (im meeressturm) leit der helt ..
mit sînen mannen grôʒe nôt.
herzog Ernst 2169 Bartsch;
nhd. ob es wer in den Reinsnoten (überschwemmung des Rheins), und gewesser wer. weisth. 6, 413 (vom j. 1540);
(sie) wurffen die wahr in das meer,
machten das gantze schiff baldt leer,
darauff sie all in solcher noth
schrien und ruffeten zu gott.
Sandrub 139 neudruck;
führ das gewässer ab, behüt für fewers noht.
Rist Parnasz 860;
das schiff leidet grosze noht und will sinken. Claudius 4, 115;
noth geht an mann (vgl. II, 1), wir sinken unter!
Wieland 9, 203;
die noth (durch die brandung) treibt unser paar aus ihrer stillen bucht
nun höher ins gebirg.
Oberon 7, 89;
ich seh ihn noch ..
zu dem vater, der in nöthen war,
sich durch der Elbe reiszend wasser schlagen.
Schiller 12, 64 (Piccol. 1, 1);
hört ihr, sie läuten droben auf dem berg,
gewiss hat man ein schiff in noth gesehn.
14, 370 (Tell 4, 1), vgl. 375;
bildlich in bezug auf die fahrt durchs meer des lebens (vergl. nothmeer):
nimmt man die flut wahr, führet sie zum glück,
versäumt man sie, so musz die ganze reise
des lebens sich durch noth (in miseries) und klippen winden.
Schlegel Julius Cäsar 4, 3.
d)
eine schwere (leibliche oder innerliche) krankheit und der dadurch bewirkte zustand: ahd.
thoh ni was .. arzât niheinêr
... ther hulfi iro in theru nôti.
Otfrid 3, 14, 12;
mhd. dâ er die nôt (hirnsucht) lite.
Iwein 3444;
vil kûme von der selben nôt
genas diu küneginne.
klage 1977;
nhd. das (die seuche) ist gar ain grosze not.
fastn. sp. 468, 25;
o pest, du grosze noht!
Rist Parnasz 593;
(ihr ärzte) nehmt meine noth zu herzen,
schlagt eure bücher auf.
S. Dach 804 Öst.;
(der schlaf) will nicht mein freund mehr sein
und lässet mich die ganze nacht
mit meiner noth allein.
Claudius 4, 189;
der noth lager, das krankenlager. Conz, Matthissons lyr. anthol. 15, 247; weil er (arzt) ein armes krankes weib in ihrer not zu besuchen habe. deutsche revue 1884 4, 9; mit näherer bestimmung: in nieren krank sein oder noth haben, laborare ex renibus Maaler 308ᵇ; holst. noot vun anfall, fallsucht. Schütze 3, 153, ebenso die krumme noth. Schmidt westerw. id. 125 und besonders die schwere noth. Stieler 1337: von dem schrecken und der schweren noth (fraisen) der kinder. Nürnberger schatzkammer (1694) 20, 40; dasz es nicht wunder wäre, das kind erstickte in der hitze (des backofens), oder bekäme die schwere noth. rockenphil. 100; er hat vater und mutter mit dem wurfspiesze verfolgt, daher bekommt er auch noch zuweilen die schwere noth. Lessing 3, 53 u. anm.; elliptisch dasz euch die schwere noth (angehe, befalle)! Lenz 1, 279. 3, 214, daher schwere noth! als verwünschender ausruf (wie verflucht! verdammt!): schwere noth! den hab ich schön ins garn gekriegt. Schiller 2, 84 (räuber, schausp. 2, 3); wollt ihr ruh haben! tausend schwere noth! schert euch naus, wenn ihr was auszumachen habt. Göthe 8, 7. vergl. 42, 240; schock schwere noth! Lenz dramat. nachl. 60 Weinhold. Auch die noth in der liebe wird als krankheit aufgefaszt, in die man verfällt, aus der man genesen kann (vergl. liebesnoth und die sinnverwandten liebesangst, -gram, -krankheit, -leid, -pein, -qual, -schmerz, -weh): mhd.
mîn herze erkôs mir dise nôt.
minnes. frühl. 19, 33;
durch elliu wîp
wânde ich niemer sîn bekomen
in solhe kumberlîche nôt.
42, 17;
nimt si mich von dirre nôt.
Walther 73, 15;
si hât ein küssîn, daʒ ist rôt:
gewünne ich daʒ für mînen munt,
sô stüende ich ûf von dirre nôt,
unt wære ouch iemer mê gesunt.
54, 9;
nhd. senftige mir ein teile der groszen not ..., das ich nit als gar erbermtlich und senlich sterbe. Tristr. 47, 17 Pfaff; er mit ir sein not redt. Bocc. 189, 9 K.;
junkfrau ...
schaidet mich von meiner not!
fastn. sp. 409, 31;
mein kläglicher bhender todt,
den ich (Dido) würd nemen umb disz not.
Murner Verg. Än. (1559) M 1ᵃ;
bei dieser harten not,
darin ich leide pein.
Zinkgref in Matthissons lyr. anthol. 1, 25;
meine noth, die mehr als schwefel brennt.
Günther 635;
ich gesunde
sonst nie von meiner not.
Bürger (1778) 242;
und dann klagt ich ihr meine noth.
Göthe 1, 24;
die liebe ist der herzen selige noth. Immermann Münchh. 4, 181; darum zwingt eine ewige nothwendigkeit die wahre liebe sich noth zu schaffen, wenn sie keine noth hat. 182; plur. die leeren nöthe des liebespaares. 181.
e)
noth der gebärenden (vergl. kindesarbeit, kindesnoth, kindesweh): sie sagt mir noch, dasz sie in ihrer wehen noth ihr kind der heiligen mutter hat verlobet. Arnim schaub. 1, 175; keine nacht vergeht, wo ich nicht in die noth geholt werde. aus der mündlichen mittheilung einer Leipziger hebamme; gewöhnlich im plural, mhd. in, ze nœten (Lexer 2, 103), nhd. weiber in ihren noͤtten. Th. Platter 65 B.; welche wohl so ein betrangtes weib in dergleichen äuszersten nöthen (vorher geburts-nöthen) liegen und auf dem weg verzappeln lieszen. commentar zum Simpl. 1, 720; wenn meine frau in den nöthen gienge. Lenz dramat. nachl. 51 Weinhold. holst. se ligt in nöden. Schütze 3, 153; auch von den geburtswehen der thiere: des Uli antwort schnitt die kuh ab, die ihre nöthen deutlicher kündet. Gotthelf Uli (1854) 25.
f)
todesangst, todeskampf (s.todesnoth): in unsern sterbenden nöthen. H. Zwick christenl. underricht (1545) 8; tödliche noth. Ayrer 767, 32; todes not P. Gerhard 42 Göd.;
euch der fahlbe tod bestreichet,
färbet euch mit bleicher not.
Spee trutzn. 185 B.;
er mit beiden füsz und armen
stund in groszer not.
228;
feige seelen ..
sterben vor der noth.
Günther 211;
Nothgottes (agonia Domini) ein ehemaliges kloster bei Geisenheim Göthe 43, 292. Bädeker Rheinlande (1862) 191; die letzte noth: wer den herren fürchtet, dem wirds wolgehen in der letzten not. Sir. 1, 13;
(gott) steh dir bei in der letzten not.
H. Sachs 8, 120, 17;
das leben gieng zum bittern tod
und muste seine letzte not
mit eignen schultern tragen.
P. Gerhard 35 Göd.;
ach, wen komt mein allerletste noht?
Rist Parnasz 810;
in diesen letzten nöthen zwang meine bedrängte mutter ... den verlegenen arzt mit seiner universal-medicin hervorzurücken. Göthe 25, 201; die nöthe des zum tode verurtheilten, zur hinrichtung geführten:
so kam auch mein vater in schreckliche nöthen,
doch am ende gieng es geschwind.
40, 66;
das brachte denn leider
meinen eigenen vater in grosze nöthen, und bracht
frühe zur traurigen fahrt.
40, 70.
g)
noth in der hölle (s. höllennoth, höllenpein, höllenqual):
der erfinder dieser noht (der höllenqual).
Ringwald tr. Eck. (1602) F 6ᵃ;
auch nit vergeszt der hölle not.
Schwarzenberg 145ᵇ;
seht, in was grausamen nöthen
wir hie sitzen in der glut.
Philander (1650) 1, 473.
h)
noth der furcht, der sünde u. a.:
der furchte bittre noth.
Logau 3, 3, 71;
disz opfer drückt sie mehr als ihrer sünden noth.
Gotter 1, 70.
i)
in der alten rechtssprache war die echte (êhafte) oder rechte not eine rechtsgültige abhaltung (durch krankheit, überschwemmung u. s. w.), vor gericht zu erscheinen, s. Lexer 2, 513 und die nachweisungen in weisth. 7, 235: ob er selbst nit mocht (erscheinen), so soll er sein poten haben und ehehaftig not reden (s. nothbote). österr. weisth. 6, 26, 1 (16. jh.); es irr dann auch ein feiertag oder ehehafte noth. 1, 22, 31 (vom j. 1625); später die ehehaften (nämlich nöthe), s. th. 3, 43. Haymen jurist. lexic. 112.
k)
noth in ausrufungen:
ach jammer, not, ach hertzen leid!
Ayrer 870, 3;
o weh der jammer, angst und noth!
766, 10;
o zetter mordio der noth!
29, 8;
noth! als nothschrei, hilferuf in der noth: herzog. geselle! geselle! noth! noth! noth! mörder vorm schlosz! Klinger Otto 69, 3 neudruck.
7)
das drückende, drängende und beengende der noth tritt auch in andern fällen von mehr abgeschwächter bedeutung hervor.
a)
mangel, gebrechen an etwas: noth an gesundheit, an rüstung, an geld. Ringwald l. w. 29;
(es) hat auch demnach keine nöthen
an den reimen und poeten.
Logau 2, 5, 44;
nein! hier hat es keine noth:
schwarze mädchen, weiszes brot.
Göthe 2, 287.
b)
nicht noth, keine noth haben, nicht mit gefahr oder besorgnis verbunden sein, ohne gefahr, nicht zu fürchten sein, sicher sein: es hat keine noth, res in vado est Steinbach 2, 141;
die allzu ofte kost, das zeitigt uns den todt.
man lebe wie man soll, so hat es keine noth.
Fleming 73;
ich habe den höchsten bei mir;
wo der ist, da hat es nicht not.
P. Gerhard 7 Gödeke;
wo du mir erhörung schenkest,
so hat der anstosz (anfall von krankheit) keine noth.
Günther 277;
wo er solches thue, sol es weiter kein noht haben. historia von d. Fausten 18 neudruck; damit hat es keine noth, wie damit hat es keine gefahr, davor ist man sicher, das ist nicht zu fürchten: was schlimmeres könnte aber diesen bemühungen wohl nicht begegnen, als wenn jemand die entdeckung machte, dasz .. allein es hat damit keine noth. Kant 4, 107;
gräfin. kein mensch darf wissen, auch ihr vater nicht.
Max. damit hat's nicht noth.
Schiller 12, 134 (Piccol. 3, 3);
mit der Deutschen freundschaft
hats keine noth.
Göthe 4, 80 H.;
das hat keine noth:
dasz sauber pleib das selbig brot,
das hat in unsrer schul kein not.
Scheidt Grobian. 898;
Marg. und würden wir von ihr (mutter) betroffen ...
Faust. du engel, das hat keine noth.
Göthe 12, 184.
c)
noth haben, grosze mühe haben, sich anstrengen müssen: ihr werdet noth haben, noth in die stadt zu kommen. Rädlein 678ᵃ; man hatte noth Friedrichs scherze in schranken zu halten. Göthe 20, 248; wir hatten viel noth damit, unsere niedergeschlagenheit ... zu verdecken. Schiller 1, 117; mit einem seine noth, seine liebe noth (th. 6, 902) haben, sich mit ihm abmühen, viel plage mit ihm haben: darüber hatte ich nun immer meine noth mit dem abbé. Göthe 20, 214; mein hofmeister hatte seine liebe noth mit mir. Wieland 6, 192;
ich hatte mit dem kind wol meine liebe noth;
doch übernähm ich gern noch einmal alle plage.
Göthe 12, 162;
noth machen, verursachen: diese arbeit hat mir grosze noth gemacht u. dergl.
d)
der drang, die eile, die hast:
dem (tode) rennen sie zu mit gantzer noth.
Logau 3, 3, 91.
tirol. in oaner noat, in einer eile Schöpf 473; vgl. noth sein, noth thun (I, 3, d. II, 3, b und III, 3, c).
II.
der äuszere oder innere, jede wahl ausschlieszende zwang und die dadurch geschaffene lage, die zwingende veranlassung und ursache, die nothwendigkeit, necessitas.
1)
personificiert oder an personification streifend (vergl. I, 5, a): aus erhaischung und forderung der hohen unvormeidlichen not. Luther declaration (1546) D 4ᵃ; noht ist ein geschickter mann, der sich weisz zu stellen, als ob ers mit gutem willen thät, was er thun musz. Lehmann 555, 16; den willen gibt gott, den zwang die noht. 18; die not fuͤrt den der wil, wer nit wil, den zeuchts beim har. Frank sprichw. 2, 132ᵃ; die not ist uber alle waffen. ebenda; not bricht eisen. 1, 75ᵃ. 2, 131ᵇ (schon mhd. nôt diu bricht îsen. Neidhard xviii, 5);
dem die noth den willen bricht.
Günther 852;
mir selbst ist es (das buhlen) noch dazu in den tod zuwider, aber noth bricht eisen, wie das sprichwort sagt. Schiller 3, 542; der erste gesetzgeber ist die noth. 7, 31;
der noth gehorchend, nicht dem eignen trieb.
14, 15 (braut von Mess. 1, 1);
die klugheit räths, die noth gebeuts.
12, 124 (Piccol. 2, 7);
wie anders! da des muthes freier trieb
zur kühnen that mich zog, die rauh gebietend
die noth jetzt, die erhaltung von mir heischt.
12, 216 (Wallenst. tod 1, 4);
die ungestüme presserin, die noth.
12, 233 (1, 7);
Pylades. das ist nicht undank,   was die noth gebeut.
Iphig. es bleibt wohl undank;   nur die noth entschuldigts.
Göthe 9, 74 (Iphig. 4, 4);
die ehrne hand
der noth gebietet, und ihr ernstes winken
ist oberstes gesetz, dem götter selbst
sich unterwerfen müssen.
9, 77 (4, 4);
so legt die taube noth ein doppelt
laster mit ehrner hand mir auf.
9, 77 (4, 5);
wirst du mir .. vergeben,
was nur die schuld der noth, nicht meines herzens war?
Wieland Oberon 12, 33;
sind wir der noth, sind wir des zufalls knechte?
Tiedge Urania 2, 249;
wenn ich der gewaltgen noth,
der unbeugsamen, fest ins auge blickte.
Geibel neue ged. (1883) 137;
was noth (nominativ) thut, ist bald gethan.
juniuslieder 338;
(die) noth geht, tritt, kommt an den mann, rerum discrimen adest Steinbach 2, 141: wenn die not an den man treten solte. Heilmann Thucyd. 202; wenn not an den man trit. 220. 287; so weiszt du weder aus noch ein, wenn noth an den mann geht. Klopstock 12, 123; holst. wenn de noot an mann kummt, wenn die noth erfordert. Schütze 3, 153.
2)
eine noth machen, sich eine noth auflegen: aber das er da auch wil eine not machen, als müsse es so sein. Luther 3, 58ᵃ; das buͤchlin thut ihm zuviel, weil es ein not draus machet. br. 2, 444;
wer einmal den schmeichlern wohlthut,
leget sich die harte noth auf,
immer ihnen schön zu thun.
Herder Cid 53;
der noth nachgeben, vor der noth sich beugen u. dergl.; aus der noth eine tugend machen, necessitati cedere, parere: mach aus der not ein tugent. Frank sprichw. 1, 68ᵇ;
ausz ainer not mach ich ain tugent.
fastn. sp. 627, 7;
wir müssen doch inn unsern sachen
usz der nodt ein tuget machen.
Daniel 1545 S 3ᵇ;
verräther sind sie einmal, müssens sein,
so machen sie aus der noth wol eine tugend.
Schiller 12, 129 (Piccol. 3, 1).
3)
noth sein (vergl. I, 3, a): ursach aber und not dieses gebots ist, das gott wol weis, wie die welt böse ist. Luther 4, 399ᵇ; aber hie ist nu ja so grosze not, das wir solchs feste halten. 417ᵇ.
4)
mhd. mir oder mich gêt nôt eines dinges, ich bin wozu dringend veranlaszt und gezwungen, ich musz:
des gie in sorge (genetiv) nôt.
Nibel. 2024, 1;
dirre bete gât mich nôt.
minnes. 2, 63ᵇ.
schon im 13. jahrh. beginnt diese phrase zu veralten, weshalb in jüngeren handschriften oft tuon (s. C, III, 2) für gân gesetzt wird, s. Jänicke zum Wolfd. B 284, 4; nhd. dasz uns klagens viel mehr noth gienge dann ihnen. Schm.² 1, 1772 (vom j. 1432);
und helft mir all gemaine
mein laid pewainen,
wen des get mir grosz not.
Erlauer spiele 6, 424 Kummer.
auch adjectivisch s. C, V. Im 16. jahrh. wird statt dessen gebraucht mich geht noth an (vergl. II, 1 am schlusse), ich werde wozu (nachsatz oder infinitiv) genöthigt, bestimmt: was (statt des mhd. genetivs wes) mag wol den evangelisten not angehen, das er eben hieher setzet .. Luther 4, 451ᵇ. 537ᵇ; was gienge in not an, das er ein solch wesen anrichtet. 6, 43ᵇ; was ist dich not angangen, das du uns ein lügner gescholten. 3, 189ᵇ; was ginge mich noth an in eines andern sachen, mir oder andern unlust zu schaffen? br. 4, 186; auch genetivisch: was gieng mich der nöten an (was sollte mich dazu zwingen, bestimmen), das ich einen menschen wölt mit meinen gedichten ... verfüren? spiegel der blinden (1522) A 2ᵇ; ohne artikel:
was geht ihn aber nöte (alter genetiv sing.) an,
mir und andern zu thun den schaden?
H. Sachs 10, 472, 17;
oder mir liegt an etwas noth: wem etwas not daran lege, der möcht darnach fragen. Murner Eulensp. 100.
III.
was nöthig und unentbehrlich ist, die nothdurft, das bedürfnis und der zustand des bedürfnisses: mit allen dingen zuͦ not des menschen lebens. Frank weltb. 221ᵇ; was zur noth und zum vergnügen des lebens gehört. Klinger 6, 197; dasz er selbst nicht einen punkt zu verborgen, sondern nur zur höchsten noth hätte. Hippel 1, 190 (s. die adverbiale und adjectivische verwendung unter B und C); im engeren sinne ein naturbedürfnis, zu dessen befriedigung man gezwungen ist (sich berührend mit II).
1)
in bezug auf den geschlechtstrieb: gott hat die ehe zugelassen allen, die er selbs nicht von der not gefreiet hat. Agricola sprichw. nr. 234 (1558 137ᵇ).
2)
das naturbedürfnis der leibesausleerung und die ausleerung selbst (s. auch C, I, 3, b. c. II, 2. III, 3, c), volksmäszig die grosze und die kleine noth, wie lat. necessitas naturae major et minor Aler 1477ᵇ.
a)
wen einem grosze noht ahnkompt undt man fest halten musz. Elis. Charl. (1877) 301; er sagt, sie hoken, wenn ihnen die noth ankommt, schamlos wie hündlein auf die strasze. Freytag ahnen 1, 163.
b)
noth haben (vergl. C, II, 2): darnach da er not hat, da scheisz er ein groszen hufen drecks zuͦ dem füer. Murner Eulensp. 120; basl. i ha not uff en aptritt. Seiler 223ᵇ.
c)
die noth ausrichten, verrichten, thun, die nothdurft verrichten (vgl. mlat. necessarium, der abtritt. Du Cange 2, 2, 634): da ein kind mit zucht und heimlich seine not ausrichtet. Luther 4, 383ᵃ; seine noth thun, requisita naturae peragere Aler 1477ᵇ;
auch möchte wol wem graun, dasz nicht
der reiter seine noth verricht.
Gotter bei Göthe 56, 68;
die not (excrementum) mit erden verdecken. Luther 2, 108ᵃ.
B.
noth adverbial gebraucht.
I.
im dativ ohne präposition.
1)
im dativ sing. goth. nauþai mit gewalt, gewaltsam. skeir. 38, 1. 6; ahd. nôti, mhd. nœte, gewaltsamer oder nothgedrungener, nothwendiger weise (Graff 2, 1037 f. Lexer 2, 107); nhd. vereinzelt aus md. gegend: ich liesz mich nicht anders merken, dann dasz ich nœde (gezwungen) mit .. zöge. Staden 2, 44ᵃ; kurh. nöte, schwer, ungern, wider willen Vilmar 286. vgl. brem. wb. 3, 245. städtechron. 17, 357, 31 und nothe.
2)
im dativ plur. nöten statt von nöten als folgerungsconjunction, s. unten II, 5, c:
nöten will mir kein wein nit klecken.
H. Sachs 5, 195, 6;
nöten magst ob dem tisch nicht essen.
195, 10;
vgl. 10, 358, 9. 14, 281, 1 und Schm.² 1, 1772.
3)
genetivisch, gedrungener noth, nothgedrungen:
(die neue hofmeisterin) redt mit keiner jungfrau nicht,
als was (sie) gedrungener noth thun musz.
Ayrer 463, 23.
II.
mit einer präposition.
1)
aus noth, aus zwang, nothgedrungen, goth. us nauþai Cor. 9, 7 (aus zwang Luther); nhd. so seid nu aus not unterthan, nicht allein umb der straffe willen, sondern auch umb des gewissens willen. Röm. 13, 5; als müszte ers thun aus not des gesetzes und gewissens. Luther 3, 57ᵇ; der aus not mich ersucht. br. 2, 173; sich aus not wehren (vergl. nothwehr). 5, 249;
(er) haszt all gepurt ausz rechter nod.
Schwarzenberg 151ᶜ;
er ist hingefahren ausz not der geschäften, re cogente profectus est Maaler 308ᵇ; also musz der arzt ausz noth einem einen arm oder schenkel vom leib abstoszen. Lehmann (1630) 556, 41; weil es .. ausz noht und auff meinen befehl geschihet. Schuppius 264; nachtheilige verträge aus noth eingehen. Leibnitz 1, 175;
musz man doch wohl oft aus noth wider willen was beschlieszen.
Günther 857;
die (nymphen) nun ihr bestes thaten,
mir mehr gefälligkeit, aus noth wo nicht aus wahl,
für ihre dame anzurathen.
Wieland Idris 3, 129.
in bezug auf drückenden mangel:
vergieb mir, wenn ich dich oftermals aus noth bemühet!
Günther 1094;
der wirth. stiel nicht mehr.
Söller. o herr, es war aus noth.
d. j. Göthe 1, 227.
2)
mit noth, mit groszer mühe und anstrengung, kaum, knapp (worin auch wieder der begriff der klemme liegt), s. A, I, 7, c: mhd.
diu (kinder) ich mit nôt erzogen hân.
Boner 49, 76;
neben dem synonymen kûme:
sô wirt dir waʒʒer kûm mit nôt.
41, 24;
nhd. mit not, kaum, vix Alberus:
ich bin endtrunnen in (ihnen) mit not.
H. Sachs 5, 123, 24;
iedoch so wurt er heil mit not.
8, 394, 12;
also kam er mit not darvon.
Scheidt Grobian. 3516;
wozu der saure eremite
mit noth ihr die erlaubnisz gab.
Lessing 1, 114;
mit noth entkam ich den klauen des mörders.
Göthe 40, 116;
neben dem synonymen mühe:
(er) erreicht den hof mit müh und noth.
11, 94;
allen formen macht er den krieg, er weisz wohl, zeitlebens
hat er mit müh und noth stoff zusammen geschleppt.
Schiller 11, 122;
mit groszer, genauer, knapper noth (wofür auch knapp und mit noth. Göthe 40, 80): mhd.
jâ genas mit grôʒer nôt
iuwer neve.
klage 1587;
nhd. das er auch mit genauer noht solche (himmlische freude) hoffen kan. Butschky kanzl. 886; wie schwer es ihr abgieng, mich zu verlassen! endlich mit genauer noth. Lenz dram. nachl. 66 Weinh.; Miller. da saugt mir das mädel überhimmlische alfanzereien ein, das .. wirft mir die handvoll christenthum noch gar auseinander, das der vater mit knapper noth so so noch zusammen hielt. Schiller 3, 359 (kabale 1, 1); der einsilbige hausmeister liesz mit genauer noth seine laterne da, und kam nicht wieder. Göthe 18, 256;
entkam er selber mit genauer noth.
Uhland (1879) 3, 22.
3)
nach noth, dem bedürfnisse (s. A, III) entsprechend, nöthiger weise:
(ob sie) mit der rüstung widern feind
nach aller noth staffiret sind.
Ringwald l. warh. 229, 239.
4)
ohne noth,
a)
ohne bedrängt und angegriffen zu werden, unangefochten (vgl. A, I, 3): und komen alle her wider heim ân not. B. Zink 37, 6; und triben das viche her in die stat on not. 40, 38. 43, 2.
b)
ungezwungen, freiwillig, gern, ahd. âna nôt Otfrid 1, 24, 19. 12, 27: nhd. keuschheit, die da mit willen ohn not gehalten werde. Luther br. 2, 326;
unbezwungenlich und âne not.
Gengenbach Jacobsbrüder 541.
c)
ohne zwang, ohne zwingende ursache, unnöthiger weise: ahd. die .. âna nôte missetuont. Notker ps. 72, 7; mhd.
er hât mich geffet âne nôt.
Iwein 3546;
sî habent benamen einen site,
dâ si sich dicke mite
âne nôt verliesent (sich schaden).
büchlein 1, 1575;
nhd. damit geb ich mich ohn not und ursach in fährlichkeit. Luther br. 2, 326; es wurde ohn not gewesen sein, diese frage an mich gelangen zu lassen. 5, 226;
den (arzt) sucht der krank, doch nit on not.
Schwarzenberg 137ᵃ;
ohn alle not
verurteilt (er) sie beid zu dem todt.
H. Sachs 8, 704, 22;
o wie gar manchen guten man
gab ich vergeszner Judas an,
und bracht ihm one not zuweg
gefengnis, urlaub oder schleg.
Ringwald tr. Eck. (1602) H 4ᵃ;
ohne noth wird die bewacht,
die auff unzucht nie gedacht.
Logau 3, 1, 73;
wie ohne noth besorgt, meine liebe! Schiller 3, 124 (Fiesko 4, 12); der wunderliche liebesgott, der ohne noth so viel unheil anrichtet. Göthe 25, 26;
so möcht ich ihn nicht ohne noth verlieren.
9, 221 (Tasso 5, 1);
(er hat mich) zu diesem kriege ohne noth verleitet.
Körner Zriny 4, 1;
als ich zu tausenden die janitscharen
ganz ohne noth und nutzen würgen sah.
3, 3;
nicht ohne noth, nicht ohne höchste noth (Wieland 20, 119), nur im äuszersten nothfalle.
d)
ohne noth sein, unnöthig, nicht erforderlich sein:
ditz was doch âne nôt.
klage 142;
nhd. im 16. jahrh.: es ist gott lob one not, das .. Luther 8, 258ᵃ; es ist on not euch boten zu senden. Aimon d; es ist on noth, meinen leib vonn hinnen zuͦ fuͤren. Schwarzenberg der teutsch Cicero 60ᵇ;
es war nit fein und ist on not.
H. Sachs 6, 317, 3;
es war ohn noht,
das wir solten nach stellen dir.
11, 153, 15;
verlorne arbeit ist on not.
Scheidt Grobian. 360.
5)
über die noth, über noth, über das erfordernis und bedürfnis, mehr als nöthig ist: über noth trinken oder essen Frisch 2, 21ᵇ. Schm.² 1, 1772; kann man aber ähnlich werden, wenn man über die noth verändert? Lessing 6, 419.
6)
mit causativem von: von noth und pleonastisch von noth wegen, necessario.
a)
von noth: ahd. die fone nôte (gezwungen, nicht freiwillig) .. missetuont. Notker ps. 72, 7, wofür mhd. durch nôt; nhd. nothwendiger weise: wann das musz von not sein, das alles das ausz musz, das der mensch mit lust besessen hat. Tauler (1508) 9ᵃ;
welchs als ketzerisch musz sein von not.
fastn. sp. 9, 24;
di muͤs von not guͦt sein.
Erlauer spiele 3, 613 Kummer;
der muͦsz von not dreckig belîben.
Murner narrenbeschw. 57 überschrift;
es müssen von not aberglauben und irrthumb sein. Reuchlin augensp. 7ᵃ; selten bei neueren:
der ritter, dessen seele solcher that
sich werthen dürfte, müszte wohl von noth
der besten einer sein.
Wieland 18, 46;
welch ein gewaltig wesen müszte dann von noth
die minne sein!
18, 53.
b)
von noth wegen: dann so sie gezwungen sint, von not wegen sie sich förchten. Terent. deutsch 1499 26ᵇ; den mus es von not wegen also ergehen. Luther 5, 134ᵃ; so folget von not wegen, das. 170ᵃ; es musz nit von nott wegen sein. Reuchlin verst. 5ᵇ; so musz von not wegen sich alles zu auffruhr bewegen. Frank weltb. 44ᵃ; derhalben auch von notwegen folgt, dasz. Kirchhof wendunm. 126ᵃ.
c)
von nöthen, auch zusammengerückt vonnöthen, plur. zu von noth, nothwendiger weise: (die) müssen nicht von nöten den glauben haben, die das abendmal handeln. Luther 3, 447ᵇ; dan so got das ewig liecht alweg ist, muesz desgleichen von nöthen sein red, wort, verstand ... auch ewig sein. Aventin. 4, 1002, 15; obs von neten (ist). österr. weisth. 6, 347, 41. — bair.-österr. wird vonnöthen als folgerungsconjunction gebraucht: daher kommt es also, deshalb also, darum Schm.² 1, 1772. Lexer 199. Schöpf 473. vgl. nöten oben B, I, 2.
α)
von nöthen kommen, werden, folgen, nothwendiger weise kommen oder werden, geschehen müssen: auch so es (alter genetiv, s. β) von noten kompt, das ... weisth. 3, 386 (vom j. 1501); so es von noten wurde. ebenda; das mus von nöthen folgen. Luther 4, 333ᵇ; mir wird von nöthen, ich habe ein bedürfnis, ich musz: zu letst ward im von nöten, das wasser abzuschlagen (s. III, 2). Wickram 175, 5 Kurz.
β)
von nöthen sein ganz im sinne von noth sein (C, I, 3); die person, wenn sie ausgedrückt ist, steht im dativ, die sache zunächst im genetiv, statt dessen auch ein infinitiv oder nachsatz folgen kann: äuszerliche dinge, die .. nichts vonnötten sind. Luther br. 3, 7; wie auch wol vonnöten (nämlich ist). 5, 474; darumb will hie treuer warnung und fleisziges aufsehens und hertzliches betens uns allen von noͤten sein. Mathesius Sar. 97ᵇ; und stellet uns vor viel schöner exempel, die im regiment von nöhten und dienlich (nämlich sind), die fürsten zu rechten fürstlichen tugenden zu ermahnen. Kirchhof wendunm. 4, 8 (6, 4) Öst.; sodann ist einer vielmahligen inspection vonnöthen. Schuppius 764; derhalb von nöten sein wil, dasz .. buch der liebe 243ᵈ;
auffs erst ist uns von nöten,
das wir das kindlein lassen tödten.
H. Sachs 8, 32, 15;
dem ist vonnöhten, dasz er ... Schuppius 739; etwas, so ich ... zue erinnern von nöthen zu sein erachte. Opitz poet. 8 neudruck; so viel als von nöthen ist, um .. Wieland 1, 109. auch es in es ist von nöthen (opus est Denzler 214ᵇ) ist ein genetiv, der seine fortführung und ergänzung in einem nachfolgenden genetiv, infinitiv oder nachsatz findet; später ist aber es als nominativ aufgefaszt und daher auch die nöthige sache nicht mehr in den genetiv, sondern in den nominativ gesetzt worden: was were es von nöten gewest, das .. Luther 3, 70ᵃ; das (= dasz es) nicht von nöten ist zu schreiben. buch der liebe 242ᵇ;
ich halt, dasz (= dasz es) hoch von nöten seie,
dasz ..
Ayrer 788, 32;
das es weiterer ausführung hoffentlich nicht wird von nöthen sein. Opitz poet. 14 neudruck; was (statt wes) immer in einer wirtschaft von nöten (nämlich ist). Schweinichen 1, 74;
manchmal ist ein wort vonnöthen,
oft ists besser, dasz man schweigt.
Göthe 5, 53;
gewöhnlich mit dativ der person: und zwar ist solches einem theologo auch hoch von nöten. Luther tischr. 1, 6; was ist mir die jungfrauschaft von nöten. br. 2, 326; die erkändtnusz der sprachen, wie hoch sie einem prediger von nöten sei. Kirchhof wendunm., vorrede; es ist einem herrn .. hoch von nöhten, dasz er. discipl. milit. 6; was euch von nöten ist. Amadis 92 K.;
darumb sei ir mein hilff von nöten.
H. Sachs 8, 312, 10;
was von uns wird recht begehret,
und uns von nöthen (nämlich ist).
Weckherlin 12;
ist euch geduld vonnöten.
P. Gerhard 267 Gödeke;
eine ergetzunge ist uns vonnöthen. Hippel 1, 101; von nöthen sein zu: als der könig alles dessen fürsehung gethan, so zu der fräwlin reise von nöten (nämlich war). Amadis 86 K.; wier namen glich gelt uff, wie es zuͦ dem gwärb von nötten. Th. Platter 89. mir ist von nöthen, ich habe ein natürliches bedürfnis (s. A, III, 2):
welchem da von nötten sei,
der mag die blasz drinn leren ausz.
Scheidt Grobian. 4197.
γ)
ich bin eines dinges von nöthen, mir ist etwas nöthig, ich brauche es: ich bitt, wöllet meiner jungfrawen disz papier eilends uberantworten, denn sie es fast von nöten sein wirdt. buch d. liebe 247ᶜ; ihr seit sein (des papiers) von nöten. ebenda.
δ)
von nöthen haben im sinne von noth haben (C, II, 1) egere, indigere Denzler 214ᵇ; die sache oder person steht zunächst im genetiv: obgleich ihr damahliger zustand keines possenspieles vonnöthen hatte. Weise kleine leute 225; wir haben eurer hoch von nöthen. Ludwig 1336; da man ihrer (republik) vonnöthen hat. Wieland 2, 137; aber Psyche hatte der ruhe von nöthen. 3, 206; so lange sie seiner dienste nicht schlechterdings vonnöthen hatte. 3, 213; statt des genetivs ein nachsatz oder infinitiv: du hast vonnöthen, dasz du dich erholst oder dich zu erholen; du hast von nothen freundlich zu sein. Steinbach 2, 141; diejenigen, welche unsern wohl gemeinten wunsch zu erfüllen geschickt sind, haben nicht vonnöthen, dasz wir uns darüber deutlicher erklären. Wieland 2, 200. auch es in ich habe es von nöthen u. s. w. ist eigentlich genetiv wie bei β (sie hättens von nöthen Göthe 40, 138), wurde aber als accusativ aufgefaszt und die sache statt in den genetiv in den accusativ gesetzt (man hat der worte oder die worte nicht von nöthen Steinbach 2, 141): hat ein regent von nöthen ein sehend auge. Schuppius 18; reuter (könnte auch der genetiv sein) habe ich jetzund vonnöthen. 35; er hat geld vonnöthen. Ludwig 1336; ich bin glücklicher als du, weil ich alles dieses nicht von nöthen habe. Wieland 1, 93; Danae hat einen aufseher über ihre gärten vonnöthen. 1, 222; sein freund .. hatte keine überredungen vonnöthen. 2, 214. etwas von nöthen haben zu: sobald du sie zum besten des staats vonnöthen hast. Wieland 7, 236;
die bauren hatten ...
sein (des eichbaumes) schönes holz zum baun vonnöthen.
Schiller 1, 226.
ε)
von nöthen thun im sinne von noth thun (C, III, 3); die sache zunächst im genetiv: ob es (s.β) ihme schon tausendmal von nöthen thäte. commentar zum Simplic. 1, 492, wo aber es wol schon als nominativ gefühlt ist; im nominativ:
du hast auch damals schon bescheid zu geben wissen, ..
wo hinderhalt musz stehn, wo wacht vonnöthen thut.
Opitz (1644) 1, 13;
was (statt wes) thut mir auch vonnöthen, dasz .. Schuppius 739.
7)
zur noth.
a)
nothwendiger weise:
sag im, ich durf sein zu groszer not (sehr nothwendig).
fastn. sp. 202, 25;
Lelio brauchte das geld zur höchsten noth. Lessing 1, 471.
b)
für den nothfall, nöthigenfalls; nothdürftiger, knapper weise, in casu necessitatis, deficiente meliore Frisch 2, 21ᵇ:
ein weiser kan zur noth die sitten wol verkehren
(temporibus mores sapiens sine crimine mutat).
Opitz 1, 297 (Cato 1, 7);
das bildnisz mag zur noth den fusz herüber henken.
Günther 388;
es war .. mehr platz, als vier personen zur noth bedurften. Felsenburg 1, 170; gemächlich leben heiszt bei mir, was ein andrer vielleicht zur noth nennen würde. Lessing 12, 16; über freundschaft und liebe könnt ich schon zur noth mitreden. Hippel 1, 294; ein gut geschriebener wechselbrief, mit dem auch der bankerotirer zur noth noch hinauslangt. Schiller 2, 25 (räuber, schausp. 1, 1); sie lieszen die erklärung zur noth hingehen. Göthe 58, 123;
sei höflich, man bedient dich schlecht,
den grobian zur noth.
1, 148;
durchs enge pförtchen kommt man noch immer zur noth.
Rückert brahm. 3, 36;
verstärkt zur höchsten noth: dieses epigramm soll vier epigramme enthalten, und es ist zur höchsten noth kaum eines. Lessing 8, 451; ein bürger kann sich verdienst erwerben und zur höchsten noth seinen geist ausbilden; seine persönlichkeit geht aber verloren. Göthe 19, 151;
zur höchsten noth noch das.
der j. Göthe 1, 93.
C.
noth wird adjectivisch verwendet in festen formeln, in denen es immer artikellos steht, was wol zunächst und zwar schon im mhd. nach analogie von leit sîn, leit tuon u. a. zur adjectivischen behandlung desselben geführt hat, wozu im nhd. noch andere gründe kommen (s. im folgenden). vergl. th. 3, 1130 und gramm. 4, 243 f. 246. 249. 257.
I.
noth sein, noth werden, die person, wenn sie ausgedrückt ist, steht im dativ, die sache im genetiv (nhd. auch im nominativ), statt dessen ein infinitiv oder nachsatz folgen kann.
1)
ahd. eines dinges ist, wirdit nôt (A, II), es ist oder wird nothwendig, musz sein:
thes was nôt.
Otfrid 1, 3, 10;
iuch selbon weinôt, harto wirdit thes iu nôt.
4, 26, 22.
2)
mhd.
a)
wie im ahd. necesse esse:
zornes was im nôt (er muszte zürnen).
Nib. 2152, 3.
b)
opus esse (A, III) schon mit adjectivischer behandlung, die sich in der comparation zeigt:
und gedenkt an iuwer êre:
zwâre, vrouwe, des ist nôt.
Iwein 1931;
dir wære guoter wurze nôt.
Tristan 7075;
im nie des orses nœter wart.
Wolfram Willeh. 42, 23 var.;
die hinnen varn, die sagen durch got,
daʒ Iersalêm der reinen stat und ouch dem lande
helfe (genetiv) noch nie nœter wart.
A. v. Johansdorf, minnes. frühl. 89, 23;
mir wære nœter danne nôt
daʒ ich an ir genâde vünde.
minnesinger 2, 20ᵇ.
3)
auch nhd. für ncesse und opus esse, doch lassen sich die fälle nicht genau absondern.
a)
noth sein: ire guͤter .. teileten sie aus unter alle, nach dem jederman not war (prout cuique opus erat). apost. gesch. 2, 45. die sache steht zunächst noch wie im mhd. im genetiv oder wird durch einen nachfolgenden infinitiv oder nachsatz ausgedrückt:
ich hab geslaffen, des was not.
Erlauer spiele 5, 377 Kummer;
die keuscheit zu preisen will nicht not sein. A. v. Eybe 5ᵇ; so ist aller nötest, das .. Keisersberg klappermaul (1514) 79ᵃ; also das viel mehr not ist uber sie zu weinen und zu klagen. Luther 3, 28ᵇ; da wol nöter were, gottes wort zu predigen. 48ᵃ; hie ist nicht not zu sagen. an die radherrn D 1ᵇ; wiewol auch hie .. einer gutten wal not ist. E 2ᵇ; was ist des fragens not? Murner Eulensp. 82; darumb wer noht, dasz sie gedächten, was regiments sie annemen wolten. Kirchhof wendunm. 4, 43 (6, 55) Öst.;
so ist vor allen dingen not,
das ir euch versönt mit gott.
H. Sachs 8, 289, 3;
derhalb wirt mir sein nutz und noth,
das ich umbker den namen mein.
13, 268, 28;
dasz du am eingang lauerst, ist nicht noth.
Stolberg 14, 167;
mit dativ der person: dem gesunden ist nit not des arztes. bibel von 1483 484ᵃ (die starken dürffen des artztes nicht. Matth. 9, 12); not ist uns, das wir haben ein licht. Keisersberg pred. 70ᵃ; so were dir nicht not gewest mein buͦchlin zu verdammen. Luther 3, 44ᵃ; mir ist noht, mich durch listigkeit zu behüten. Kirchhof wendunm. 4, 299 (6, 80) Öst.;
uns ist not der gottes güet.
Weller dicht. des 16. jahrh. 50;
es sagt uns gott durch kein gepot,
das uns sei seiner weishait not.
Schwarzenberg 156ᵃ;
deiner gnaden ist uns sehr noth.
Leisentrit, Kehrein kirchenl. 1, 279, 1;
noth ist ihr zu reden.
Wieland 18, 51;
doch des erschlagnen tod zu rächen
war dem feigen trosz nicht noth.
Oberon 1, 37;
o komm! dem arm ist noth
etwas ans herz zu pressen.
Rückert 1, 125;
es ist (mir) noth, dessen es wie bei B, II, 6, c, β nicht mehr als genetiv gefühlt, sondern als nominativ aufgefaszt und deshalb auch ein ding (statt eines dinges) ist noth gesagt worden ist, wodurch auch noth den charakter des nominativs ganz verlor und adjectivisches ansehen gewann: doch ists not. Luther br. 3, 404;
nu schweig nur pald, es ist dir noth.
fastn. sp. 88, 34;
eil! es ist noht.
H. Sachs 11, 127, 9;
es ist nicht noth, sagte die frau, es wird ohne das alles in güte geschehen. Göthe 15, 328; ihr verbergt euch, da es noth ist. 8, 273. mit einem nachfolgenden infinitiv oder nachsatz: es ist not, das wir eben drauf sehen. Aventin. 4, 59, 9; es ist kainem nöter, das er guet gerechtikait halt, dan der nutzlich kriegen wil. 491, 31;
wie woll es mir am nötsten wer,
dasz ich mir selb geb weisz und ler.
Weller dicht. des 16. jahrh. 34;
es ist nit not, dasz der vil förchte, den vil förchten. Frank zeitbuch 140ᵇ (viele sprichwörter beginnen mit es ist nicht noth, s. Wander 3, 1061); es ist auch not, das man darvon sag. Pauli 62 Öst.; es ist nicht noht, das alles das war seie, das man sagt. buch d. liebe 313ᵈ;
es ist durchaus nicht noht, dasz erstlich durch die erde,
was an ihm sterblich ist, von ihm genommen werde.
S. Dach 277 Öst.;
etwas ist noth: eines (urspr. genetiv) aber ist noth (unum est necessarium). Luc. 10, 42. die schwankung zwischen dem genetiv und nominativ der sache sieht man z. b. bei Luther 3, 145ᵇ: derhalben ist des schwerts zorn und ernst ja so not im volk, als essens und trinkens, ja als des lebens selbs;
auff dem tisch was (statt des genetivs wes) da sei not,
saltz, teller und auch brot.
Weller a. a. o. 54;
was ist diesz noht, freund, alles zu erzählen.
Fleming 104;
was ist das rasen noth?
Gryphius trauersp. 84 Palm;
was sind die zähren noth?
Chr. Gryphius poet. w. 1, 313;
geistlicher stand ist nutz und not.
Schwarzenberg 134ᵇ;
nie waren sie (freunde) ... so noth.
Schlegel Heinrich IV. 2. theil 2, 1;
ich trachtete nur das eine, was noth ist, recht ins reine zu bringen. Göthe 19, 336; Basedow brachte das einzige vor, das noth sei, nämlich eine bessere erziehung der jugend. 26, 280;
doch noth ist .. froher lebensmut.
Rückert brahm. 2, 6;
mit dativ der person:
di salb waͤr den maiden not.
Erlauer sp. 3, 586 Kummer;
darumb ist den menschen nichts noͤter .. dann rechte nidergeschlagne demut. Keisersberg pred. 28ᵃ; andre ding im nützer oder mee noͤter werend. hellischer lew (1514) 24ᵈ; und man gab einem jglichen, was im not war (prout cuique opus erat). apost. gesch. 4, 35; und da wir auszogen, luden sie auff, was uns not war. 28, 10; sie sind im auch nicht not noch nütz. Luther 1, 65ᵇ; sie sind dem herrn not, das ist, der herr bedarf ir. 1, 50ᵇ; wilt du etwas bitten von gott, so bitt das dir not ist. br. 2, 326;
muth ist uns noth und ein gefaszter geist.
Schiller 12, 293 (Wallenst. tod 3, 12);
jezt ist uns muth und feste eintracht noth.
14, 408 (Tell 5, 1);
war je ein verständiger feldherr den Römern noth gewesen, so war es jetzt. Becker weltgesch. 2, 403; elliptisch ohne sein (es kann aber auch thun ergänzt werden):
komm! bringe, was mir noth.
Gryphius lustsp. 299 Palm;
o gieb, du allbarmherziger, auch unsrer zeit, was ihr so noth.
Geibel zeitstimmen (1843) 29;
noth sein an, auf, zu (mit dativ oder infinitiv):
was uns noht ist an leib und seel.
Corner, Kehrein kirchenl. 1, 12, 2;
keuffe, was uns not ist auff das fest (goth. bugei þizai þaurbeima du dulþai). Joh. 13, 29; alles, was uns nütz und not ist zu erhalten dies zeitliche leben. Luther tischr. 2, 14; was zu erhaltung dieses lebens not ist. 94; fraw du hast zu morgen gessen, so ist dir nichts nöters denn zu trinken. Pauli schimpf 61ᵇ;
hauch aus ihrem süszen munde
war zu deinem dufte noth ..
war, dich zu würzen noth.
Bürger 127ᵃ;
elliptisch:
wozu versprechen noth?
Gryphius trauersp. 246 Palm.
b)
mir ist noth, ich bin eilig, habe eile (A, I, 7, d): da het die fraw des saltz vergessen, als ir not was gesein mit dem kochen. Pauli 362 Öst.; und es was dem becker so not (er hatte solche eile auf den markt zu kommen), das er sich nit umbsach. Murner Eulensp. 27; ich habe ein natürliches bedürfnis (A, III, 2): wem etwas not war, solt auszer dem lager gehen. Luther 2, 108ᵃ.
c)
noth werden, geschehen, nur im älteren nhd.: die löwin sprange so grausamlich auff, dasz den bilgern zu fliehen noth ward (dasz sie fliehen muszten, s. 1). buch d. liebe 3ᵃ; damit nit not werde, das. Schwarzenberg der teutsch Cicero 72ᵃ;
ob dir würd beim disch so not (zu speien, s. A, III, 2),
so dück den kopf, das ist mein rhot,
spei undern disch.
Scheidt Grobian. 3578;
do ist im aber so not (A, III, 2, a) beschehen, das er ohne weitere erkundigung uf ain laden gesessen und der natur den lauf lassen mueszen. Zimm. chron. 2, 529, 32; und beschicht im kuntschaft (eigentlich genetiv) not, ist ihm zeugschaft nöthig. österr. weisth. 1, 228, 34 (16. jahrh.).
II.
noth haben.
1)
nöthig haben, brauchen, bedürfen (A, III), mit genetiv der sache (es): und da man der heiligen noht hette, solle man sie .., so oft man deren noht haben wirdt, holen. weisth. 2, 393 (vom j. 1506); wer deme gibet, der es noht hat, und aus scham es nicht begehret. Butschky Patm. 361 (272);
du hast .. des zettels zwar nicht noth.
Günther 532;
wollten sie nicht ein biszchen ruhen? sie habens noth. Göthe 10, 136, wobei es schon als accusativ gefaszt wird, der auch sonst steht: aber ich hatte mein auge zu noth für mich. Dyanasore 5, 127.
2)
der's noht hat (nöthig hat ein natürliches bedürfnis zu verrichten), sol keine scham haben. Schottel 1131ᵃ. vergl. A, III, 2, b und nothwendig haben.
III.
noth thun.
1)
ahd. noch ganz substantivisch mit deutlichem gefühle des accusativs nôt, von dem der genetiv der sache abhängt:
ther hungar duit imo es nôt (der hunger thut ihm dazu zwang an, zwingt ihn dazu).
Otfrid 2, 4, 33;
2)
mhd. daʒ, eʒ tuot (mir) nôt, eigentlich etwas thut (mir) zwang an, zwingt, nöthigt (mich) wozu, so dasz man es thun musz, daher im sinne von müssen, zwingende ursache haben, nothwendig sein, wobei nôt nicht mehr als accusativ gefühlt wird und schon adjectivischen anschein gewinnt:
diu klage tet in michel nôt (sie waren gezwungen, hatten alle ursache zu klagen).
arm. Heinrich 359;
klage ich, daʒ tuot mir michel nôt.
Tristan 13912;
unpersönlich mit genetiv der sache oder nachsatz:
(sie) erhuoben michel weinen hie,
des weinens tet in michel nôt (sie muszten weinen).
arm. Heinrich 997;
daʒ eʒ mir nöt tuot, daʒ ich swîge.
minnes. 2, 127ᵇ.
3)
nhd. ohne alles gefühl für den accusativ noth ganz im sinne von noth sein (er gibt mir alles was mir noth ist oder was mir noth thut. Ludwig 1337, s. C, I, 3), necesse und opus esse.
a)
mit genetiv der sache und dativ der person:
wann groszer weisheit tet im note (: errote).
fastn. sp. 207, 8;
zwar es tet dir sein (dessen) auch not.
479, 23.
b)
es, das thut (mir) noth mit oder ohne infinitiv oder nachsatz: was thut mir das noth, viel wort darumb zu verlieren. Kirchhof wendunm. 4, 355 (6, 162) Öst.;
o bruder wehr dich! es thut not.
H. Sachs 8, 14, 27;
geben wir den armen handwerks leuten,
den that es gar vil nöter.
K. Kern, Wackernagels kirchenl. 3, 484, 13 (vom jahre 1524);
es hat fürwaar nie nöther than:
herr Jesu wölst uns nit verlan.
R. Wonlich himml. Hierus. (1584) str. 37;
zur busz thut euch all rüsten,
es hat nie nöther gethan.
Soltau volksl. 472 (vom j. 1622);
wenn es noht thut, musz man alle köstliche wahren auszm schiff ins wasser werffen. Lehmann (1630) 556, 41;
ja manchmahl thät es gar wohl noth, ihm schuh und hosen losz zu schnallen.
Günther 437;
doch thut es, freund, nicht immer noth
.. das visier zurückzuschlagen.
Gökingk 3, 147;
Saladin. thäte das wol noth?
Sittah. noth nun
wohl eben nicht.
Lessing 2, 313 (Nathan 4, 5);
wenn du so willst, so thät es noth, ich träte ihnen meine regentschaft ab. Göthe 8, 185; thuts wirklich noth, so bleibe ich .. hier. 17, 22, vgl. 21; es thäte noth, ich verrichtete alles selbst. 20, 39;
genommen ist die freiheit, nicht gegeben,
drum thut es noth, den zaum ihr anzulegen.
Schiller 12, 73 (Piccol. 1, 2);
nimmer thats ihm noth
um das zu fechten, was er schon besitze.
13, 201 (jungfr. von Orl. 1, 5);
so ziehn wir jäger wohlgemuth,
wenns noth dem vaterlande thut,
hinaus ins feld der schlacht.
Bürger 112ᵇ;
noth thun um:
doch thats euch sehr um unsre freundschaft noth.
Schiller 13, 229 (jungfr. von Orl. 2, 1);
doch, gott sei dank! es thut nicht noth um mich;
und wärs, thät vieles noth mir, euch zu helfen.
Schlegel Richard III. 3, 7;
etwas oder eine person thut (mir) noth: gelt thuͦt nimmer basz und noͤter, dann so man uber land zeucht. Frank sprichw. 1, 20ᵇ; söliche zeichen thetten noch not. Pauli 271 Öst.;
das liecht het mir viel nöter thon.
H. Sachs 14, 245, 29;
dein pflug der erden thut so noth,
dasz sie uns gibt genugsam brot.
Simplic. 1, 39, 5;
komm! du thust mir so noth, wie die hülfreiche hand der quelle, die unterm boden arbeitet und nirgends ausgang finden kann. Klinger theater 3, 125; dem leben thut eine inconsequenz oft noth. Göthe 17, 41.
c)
es thut noth, es braucht eile, ist eilig, es thut mir noth, ich musz eilen (A, I, 7, d), Stalder 2, 243, oder ich habe drang zur ausleerung (A, III, 2), ebenda und Albrecht 177ᵃ.
IV.
für noth halten, ansehen (th. 1, 455, 11), für nöthig, für passend halten: darumb ich für nützlich und not angesehen, dieses büchlin zu verdeudschen. Luther 8, 12ᵃ; wo es für not angesehen würde. br. 5, 63; den partheien tag ansetzen ... und ein zimlich zeit, die sie nach gelegenheit der sach für not ansehen und erkennen, geben. Carolina art. 73.
V.
auch mich geht noth eines dinges (A, II, 4) wurde im 15. jh. adjectivisch behandelt:
mich gieng clagens nöter denn dich.
fastn. sp. 610, 6.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1884), Bd. VII (1889), Sp. 905, Z. 14.

nothen, noten, nöten, verb.

nothen, noten, nöten, verb.,
mhd. nôten, noth sein oder werden:
dem keiser nôten began.
der gute Gerhard 1063;
cimbr. noaten, noten, nöthig sein Schm. 150ᵇ; schwäb. nothen, in noth sein, nothwendig zu thun haben. Schmid 408; mit umlaut (vergl.nöthen): wann es nöttet, wenn es noth thut. B. Zink, städtechron. 5, 233, 23; die nöthenden, die nothleidenden. Keisersberg seelenp. 154; schweiz. nöthen, eilfertig thun, knapp leben Stalder 2, 244, eilen Tobler 335ᵇ; tirol. neaten, noth leiden (vergl. nöther). Schöpf 473.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1884), Bd. VII (1889), Sp. 931, Z. 18.

nöthen, nöten, verb.

nöthen, nöten, verb.,
goth. nauþjan (βιάζειν und ἀναγκάζειν), ahd. nôtjan, nôtten, nôtan, nôten, mhd. nœten, nôten, alts. nôdian, mnd. nôden, nl. nooden, altfries. neda. — nhd. nöthen, nöten (früher auch nötten, notten, noten und netten Zimm. chron. 1, 555, 25, nethen österr. weisth. 1, 235, 24, entsprechend dem heutigen mundartlichen neten, neaten), noch bei Stieler neben nötigen, durch welches sodann das ältere nöten aus der nhd. schriftsprache fast ganz verdrängt worden ist, während umgekehrt die oberd. mundarten an nöten festhalten, s. Schm.² 1, 1774. Höfer 2, 294. Lexer 199. Schöpf 473. Hintner 175. Schmid 408. Stalder 2, 244. Das von noth abgeleitete nöthen bedeutet im allgemeinen in noth bringen, noth anthun; es wird transitiv (mit persönlichem oder sachlichem objecte), reflexiv und absolut gebraucht.
1)
in noth, in bedrängnis bringen, gewaltthätig behandeln, bedrängen, zwängen, quälen u. dergl. (s. noth A, I).
a)
absolut:
nun tuot er sin knecht ussenden,
das si sond (sollen) nœten und pfenden.
teufels netz 13230;
der ärgste tod ist der, der gar zu langsam tödtet;
die ärgste noth ist die, die gar zu langsam nöthet.
Logau 3, 9, 26.
b)
transitiv oder reflexiv: mhd. md.
daʒ er sie genœtet (in noth gebracht)
hête alsô lesterlîche.
H. v. Freiberg Trist. 3542;
ich muoʒ verderben,
sint herzen leit mich nœtet.
minnes. 3, 435ᵇ;
dirre stach, jener sluoc ..
in dirre wîse nôten sich
dise under einem muote.
krone 27042;
dî prîstir er dâ tôte,
dî munche er mortlîch nôtte (quälte, marterte).
Jeroschin 26307;
nhd. zorn tuot fründ und mag nœten.
teufels netz 691;
der Hanns Im hof treib das rad,
als man die armen notet (martert, foltert).
Liliencron volksl. 123ᵇ, 8 (vom j. 1469);
das ihn die lieb thet nöten.
H. Sachs 2, 199, 14;
leut verbrennen, bressen und nöten
und sonst mit schwerer marter tödten.
Ayrer 1234, 3;
gibestu gelihen gelt meinem armen volk, das do bei dir wonet, du solt sie nit nöten als ein zwinger. bibel 1483 43ᵇ (non urgebis eam quasi exactor 2 Mos. 22, 25); aber man hett solch gruszlich geschutz, das man sy (die belagerten) so gar nott, das es nit zu schribend ist. Hug Villinger chron. 86 Roder; und als dieselbigen pauren vil geschütz .. eroberten, nöteten sie die im schlosz vast hart. Baumann quellen 1, 579; eine stat nöten durch belagerung, beschieszung, erstürmung, plünderung (vergl. noth A, I, 3. 6, a):
das si dir (dem Türken) des nit wellen vertragen,
das du Constantinopel hast genöt
und mangen unschuldigen darin hast ertöt.
fastn. sp. 299, 15;
das die veint ..
die stat erstorten und auch noten.
Küchlin reimchron., städtechron. 4, 345, 11;
er belegeret zwo stet und .. nötet die so hart, das sich edl, raisig, bürger und kriegsknecht .. ergeben muesten. Wilw. v. Schaumburg 28; und liesz über etlich tag die statt wider nöten und stürmen. Schöfferlin Liv. 34; das der pawrn furnemen sei, .. gemaine statt Rotenburg .. zu nöten und zu betrangen. Baumann quellen 2, 112; und zoch derselbe hertzog Friderich mit seinem volk für die statt zu st. Gallen und meint die stadt zu nöten. Tschudi 1, 628. — nöthen durch, mit: mhd. md.
er würde von sîme gesellen
wol mit ritters ellen
genœtet und ersuochet
und mit slegen beruochet.
krone 28008;
ich nœte dich mit wunden.
Ecke 88 Schade;
waʒ sî dem zu leide tâten
und die sînen genôtet hâten
mit vollem strîte manicvalt,
in der lantgrâve nû daʒ galt.
kreuzfahrt 2233;
nhd. sie viengen den weger ... und nötten in mit fanknus. B. Zink, städtechron. 5, 276, 9; ob er besinnlich oder genött tod sei (eines gewaltsamen todes gestorben sei). 166, 10; daʒ man dadurch (durch proviantmangel) icht getrungen oder genötet würde. Schürstab, städtechron. 2, 330, 15; sie nöteten die pauren vor dem schlosz und in der statt mit dem geschütz. Baumann quellen 1, 597; ir habt uns geplagt und genot mit dem ban. Schade sat. 2, 146, 24.
2)
eine nöthen oder mit gewalt nöthen, nothzüchtigen (vgl. noth A, I, 4): ewr son hat mir mein tochter ... genöt. gesta Roman. 45; er will mich nöten und frevenlichen meiner eren empfremden. Bocc. 128, 35 K.; wir wellend .. die alten kamerschellen nöten. Baumann quellen 1, 486; eine frawen mit gewalt nöthen. Kaltenbäck österr. taidingbücher 4, 40;
(er wollte) mich mit gewalt nöten und zwingen.
Ayrer 870, 22;
wann ain genöth wurd, so sol si von im aufsteen mit zerfloktem har und dem negsten menschen solche sachen anzaigen, damit es nit übernächtig werd. österr. weisth. 1, 312, 46 (17. jh.); er unterliesz nie sich vorher um den taufnamen derjenigen, die er verführen oder nöthen wollte, zu erkundigen. Wieland (?);
junge dintenleker ..
wollen uns (musen) — wie garstig! nöthen,
ei! die grobian!
was ich, ohne schamerröthen,
nicht erzählen kann.
Schiller 1, 245.
3)
einem noth, zwang anthun, ihn mit gewalt zwingen und wozu nöthigen, oft verbunden mit dem sinnverwandten zwingen, dringen (vgl. noth A, II): notten, zwingen, necessitare gemma gemm. r 1ᵃ; der mensch hat freien willen, die englisch huͦt nötet den menschen nit. Keisersb. irrig schaf 21ᵇ; die (wasser) also die natur understond zu zwingen und nöten. Thurneiszer von wassern 287; derhalben er genötet (genöthigt, nothgedrungen) .. den Antony .. wider nach Basel schickt. F. Platter 220 B.
a)
wozu genöthet wird steht
α)
im genetiv: ahd.
erda bibinôta,   thiu gotes kraft sies nôtta.
Otfrid 4, 34, 1;
mhd. der iuch eines nôte (wenn jemand euch nöthigte einen zum manne zu nehmen).
Gudrun 989, 3;
daʒ kunde si îlens nœten (zur eile zwingen).
Mai u. Beaflor 135, 14;
nu muoʒ ich fröide nœten mich (mich zur freude zwingen).
minnes. frühling 164, 37;
wil er des niht tuon sô sol ins der rihter nœten. Schwabensp. 287, 2 Wackern.; nhd.
e ainr sich ains valschen aid liesz nœten.
teufels netz 2506;
ich lasz mich sein .. nimer nöten.
fastn. sp. 615, 22;
ich musz der warheit noten dich.
H. Sachs 13, 305, 12;
wes wolt ir euch dann nöten?
Uhland volksl. 433;
ir müszt das thun und seits genöt. Schade sat. 3, 108, 15; das object kann auch fehlen: wann ainer dem andern leicht, es sei gelt, traid .., dasz solt man zallen, wie mans .. gelihen hat und kaines andern werts nötten. österr. weisth. 1, 99, 1 (17. jahrh.).
β)
im dativ mit zu:
zuͦ schwerer arbait man sy nöt.
Schwarzenberg 156ᵇ;
(er) doch zuͦ sünden nymandt nöt.
155ᶜ;
in messhören .. ist es ein andechtig volk, das .. auch vor tags oft mägdt und knecht zuͦ der fruͦmess noͤt. Frank weltb. 47ᵃ; sie also zu fried und freundschaft uns nöttet. kriegb. des fr. 43; das man sie mit gewalt zum glauben noͤth. 138; dasz kein mann sein weib zu ander arbeit denn zu spinnen, nehen und weben nöthen oder dringen solt. Kirchhof wendunm. 4, 47 (6, 60) Öst.; die inen geholfen hetten ain rat zu Rotenburg zu uberziehen und nöten zu irem willen. Baumann quellen 2, 151; wie sich ainer zu undewen noͤtet und würget. Ickelsamer die recht weis .. lesen zu lernen C 4 (A 7ᵃ neudruck);
wer wehren will der sonnen glantz,
und nöten eine geisz zum tantz.
Philander (1650) 1, 473;
der dativ (oder infinitiv) ist in dazu mitverstanden: auch ward die stat Werd wider zuͦm reich geben von hertzog Ludwig, der ward darzuͦ genöt von kaiser Fridrich. städtechron. 4, 328, 12 (15. jahrh.);
wann mein (der fasnacht) fest niemant darzu not.
fastn. sp. 383, 30;
doch wil er mich darzu (zur heirat) nit nöten.
H. Sachs 13, 420, 25;
darzu hat in die lieb genot.
14, 13, 31;
dieweil aber mein gnädige fraw darzu genötet hat. Galmy 109; mit folgendem nachsatz: und nötet sie darzu, das si in tödten musten. Müglin 74ᵇ; man soll sie darzu nötten, damit sie schwören, das .. österr. weisth. 1, 162, 32 (16. jahrh.).
γ)
im infinitiv: goth. þai nauþjand izvis bimaitan (die zwingen euch zu beschneiten). Gal. 6, 12; ahd. sie nôtent unsih opherôn. Notker ps. 78, 1; mhd.
er .. nôtet iuch varen hinne.
Milstäter exodus 151, 11;
nhd. mit zu:
wie wir zu trinken ainander nöten,
und uns mit sauffen selber tödten.
Murner schelmenz. 47, 22;
ir wolt durch ewer schwartze kunst
den bachen-dieb nöten und zwingen,
mein bachen mir wider zu bringen.
H. Sachs 14, 226, 15;
da nötet und zwang er sie mit im in das heer zu gehen. Schöfferlin Liv. 54; da zwang und noͤtet er sie mit ihm in das läger zu gehen. Kirchhof wendunm. 20ᵇ; wiewol der fuhrmann die pferd abgewendt wolt haben, noͤtet in das schnoͤd weib uber den todten cörper ires vatters .. zu fahren. 16ᵃ; und wellen die leut zwingen und nötten inne zu geben ires gefallens. österr. weisth. 1, 209, 34; einen nöten und tringen .. etwas ze thuͦn. Maaler 308ᵃ;
er musz noch heut
das fräulein nöthen Paris zu verlassen.
Wieland Gandalin 6, 182;
der (ton) felsen kann nöthen
zu springen mit ach.
Rückert mak. (4. aufl.) 72.
δ)
in einem nachsatze: ahd.
thô nôttun sie nan (ihn) ginuagi,   thaʒ er mit in giangi.
Otfrid 5, 10, 4;
mhd. ein sun nœtet sînen vater wol mit rehte, daʒ er sîn guot mit im teilen muoʒ, swenne er fünf unde zwênzik jâr alt ist. Schwabensp. 53, 5 Wackern.; nhd. da liesz man im sein korn und wolt in nit nötten, dasz ers verkaufet. B. Zink, städtechron. 5, 162, 11; er die frawen mit gewalte nötet und zwang .., das sy im die warheit .. bekennen muͦszt. Bocc. 271, 11 K.;
si nött mich, das ich musz peichten und püszen.
fastn. sp. 629, 30;
ach, was thut unsern könig nöten,
das er das unschuldige blut
desz kindes hie vergieszen thut.
H. Sachs 12, 95, 1;
doch thet er den burgern keinen schaden anderst dann das er sie nötet, das sie ir statt verlassen und gen Rom ziehen müszten. Schöfferlin Liv. 12; und nötet sie .., das sie sich zu den Römern verpflichten. ebenda; er nötet sy, das sy die stat aufgaben. Baumann quellen 1, 58.
b)
nöthen durch, mit wie bei 1: mhd. also nœtet und trîbet uns unser herre och mit arbait. Grieshaber pred. 1, 48; nhd. nötten und zwingen durch. Aventin. 4, 783, 21. H. Sachs 14, 226, 15; mit nachsatz: er nött in mit gewalt, dasz er vom rosz abstuend. B. Zink, städtechron. 5, 217, 27.
4)
zwangsweise, gewaltsam oder mühsam wovon, wozu oder wohin bringen, bewegen (hinweg, hinzu, heraus, hinein nöthigen):
der tod kan keinen nöthen (hinweg nöthigen),
den ihr (poeten) und eure sinnen
nicht lassen wolt von hinnen.
Logau 3, 6, 13 vers 10;
mit örtlichen präpositionen oder adverbien:
wil dich untugende nœten in zorn.
Suchenwirt 39, 130;
derhalben weichet, ir poeten,
die war geschicht inn falsch gdicht nöten.
Fischart glückh. schiff 84 Kurz;
mein bruder hat
mein tochter in ein closter gnöt.
Ayrer 36, 26;
was die forcht des schwerdts aus ihn nöth. kriegb. d. fr. 99; wer do wöll den priester von der ehe nötten, der soll seins ampts beraubt sein. Frank chron. 374ᵃ; das wir es in seinem werdt als ein lugen herausz lassen und nit hinein noͤten. weltb., vorr.; es truckt und krimmet sich und redet mit allen glidern, bisz es sein sprach herausz noͤtet. 7ᵇ; wie er dann .. genött wirdt auff den boden. Paracelsus 2, 97ᵃ.
5)
durch dringende bitte oder einladung, durch vieles zureden bewegen (zu kommen, einzutreten, zu bleiben, zu essen u. s. w.); mhd. und nœte si, daʒ si herin gengen, hinz mîn hûs reht vol werde. Grieshaber pred. 1, 44;
liebeʒ töhterlîn
nœte den gesellin dîn:
bite in eʒʒen.
Mai u. Beaflor 218, 36. 227, 28;
noch oberd. zum essen nöthen, sich nicht nöthen lassen; einen in das haus, in die stube u. s. w. nöthen (nämlich zu gehen, zu treten): die wirthin ... nöthete das ehepaar in die stube. Gotthelf geld und geist (1859) 172.
6)
erzwingen: genöter eid ist got leid. Frank sprichw. 1, 76ᵇ; wie das sprichwort sagt: kinder segen läszt sich nicht nöthen. Creidius 11, 125.
7)
schweiz. dringend erinnern, gemahnen an: du nöthest mi uuf und nider a dy (an deinen) vater selig. Stalder 2, 244.
8)
reflexiv, sich womit abmühen, plagen, sehr anstrengen: mhd.
o wê, wes nœte ich mich,
daʒ ich die werlt sô prîse.
U. v. Türheim Willeh. 33ᵇ;
nhd. welche (maus) sich wider heraus (aus der falle) zu kommen hart noͤtet. Kirchhof wendunm. 85ᵃ; bair. sich nöten, sich gewalt anthun, seine abneigung und unlust bezwingen. Schm.² 1, 1774; kärnt. bei aller geschäftigkeit und ängstlichkeit nichts rechtes zu wege bringen, sich umsonst abmühen Lexer 199; österr. sich nothen, einen harten stuhlgang haben. Höfer 2, 294.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1884), Bd. VII (1889), Sp. 931, Z. 29.

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Zitationshilfe
„nöten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/n%C3%B6ten>, abgerufen am 20.09.2021.

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