Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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nüchtern, verb.

nüchtern, verb.
1)
transitiv, nüchtern erhalten oder machen:
das bhalt den wein, nüchtert den man,
wann man so langsam schenket ein.
Wickram der irr reitend bilger 57;
als sie (die jüdische nation) von dem taumel ... geheilt und genüchtert schien. Hebel (1832) 7, 249.
2)
intransitiv, nüchteren, nicht trunken sein Kramer 2, 155ᵇ; schweiz. nüchtern, hungrig thun, schmarotzen Stalder 2, 245. s.nüchter 2.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1885), Bd. VII (1889), Sp. 972, Z. 46.

nüchtern, nüchter, adj. und adv.

nüchtern, nüchter, adj. und adv.
ieiunus, sobrius; ieiune, sobrie.
I.
Formen und mutmaszliche herkunft.
1)
ahd. bei Notker und in dessen schule nuohtarnîn ps. 68, 11, nuehternîn de syllog. (Wackernagel altd. lesebuch 113, 8), sodann in Tegernseer glossen des 10. und 11. jh. nuohturn (dessen auslaut vermischung des wortes mit nohturn zeigt, s. 3); mhd. nüehtern, nüehtarn und verkürzt nüehter; md. nuchtern, nuchtirn, nuchter; mnd. nuchtern, nochtern Schiller-Lübben 3, 207ᵃ; nd. nuchtern, nuchter Dief. 539ᶜ, nuͤgtern Dähnert 331ᵇ, nogtern brem. wb. 3, 247, nöchtern Stürenburg 160ᵇ; mnl. nuchter Kil. 341ᵃ, nl. nuchter, nochter Kramer 2, 155ᵇ; schwed. nyckter Moller 514ᵇ.
2)
statt der jetzt gültigen nhd. form nüchtern (früher auch nüchteren Dasyp. L 1ᵃ. Wickram rollw. 116, 19, nuchteren gemma gemm. m 2ᵃ) kommt noch bis in den anfang des 18. jh. nüchter vor (nebenform niechter Pauli 367 Öst. Th. Platter 70. Schade sat. 2, 176, 38), das sich auch im bair.-östr. nüechter, niechter (Schm.² 1, 1720. Schöpf 475), im henneb. nüchter (Spiesz 174) und anderwärts mundartlich erhalten hat.
3)
die versuche, das wort etymologisch zu erklären, beginnen mit Stieler (1323), der es von nächten ableitet ('ieiunus, qualis nimirum quis est mane, post noctem elapsam'), zur erklärung des ü-lautes aber das mnl. nuchte, nuchtens (Kil. 340ᵇ) beizieht, das er mit nächten zu identificieren scheint; auf diese Stielersche geht auch die Adelungsche etymologie des wortes zurück (vergl. W. v. Humboldt 3, 209, wo nüchtern geradezu von nacht hergeleitet wird). Steinbach 2, 123 setzt eine form nicht für nacht an (wol nach engl. night, ags. nyht) und läszt nichtern (wie er schreibt) davon abgeleitet sein. Frisch 2, 23ᵃ nimmt entlehnung aus lat. nocturnus an ('nüchtern kommt vom lat. nocturnus von der mönchen andacht, die zu nacht und im winter, da es noch nacht ist, in die kirche gehen, da sie zuvor nichts gegessen noch getrunken'), was auch gramm. 2, 338. Weigand 2, 243 u. a. für möglich oder wahrscheinlich gehalten wird. darnach müszte man aber ahd. nohturn (nicht nuohturn) erwarten, womit in Notkers ps. 76, 5 in der that das lat. nocturnus glossiert wird: die wachun (vigilias) heiʒʒen wir nu nocturnas, darüber nohturnâ. da aber lat. nocturnus und das daraus entlehnte ahd. nohturn nur 'nächtlich' bedeutet, so nimmt Wackernagel im altd. handwb. 217ᵃ bezugnahme auf uohta (s. 4) an, um nohturn mit nuehternîn zu vermitteln und laut und bedeutung des letztern zu erklären (vergl. die Stielersche erklärung).
4)
die verschiedenheit von ahd. nohturn und nuohturn hat schon Schmeller 2 (1828), 675 richtig erkannt und entstehung des letztern aus uohta (morgendämmerung, s. uchte, üchte) vermutet in der art, dasz das anlautende n aus einer aphärisierten präposition zu erklären sei (vergl. darnach Graff 2, 1024) wie in nau und neben (sp. 472. 490), da ahd. statt nuohternîn auch uohternîn vorkomme (s. Steinmeyer-Sievers 2, 279, 50) und im ags. uhternlîc (matutinus) das anlautende n fehle, s. Leo 418, 49. diese vermutung läszt sich weiter stützen durch die analogie von Nüchtland, nüchtweide, die sicher aus in Üchtland, in ücht weide (die weide in üchte, am frühen morgen) entstanden sind (s. Alemannia 1, 160. 172, schweiz. idiot. 1, 84), sowie durch andere präpositionale verbindungen: ags. on uhtan, früh am morgen, alts. an ûhtan und an ûhta (Heliand 3418. 3462); ein mhd. in uohte, enuohte oder in üehte (von einem vorauszusetzenden thema uohti?), enüehte dürfen wir folgern aus nuoht:
lât in (den betrunkenen) nimer werden nuoht
ich weiʒ wol daʒ ers enruoht.
S. Helbling 7, 821,
sowie aus nücht, sobrius Fromm. 4, 304ᵃ (vom j. 1432) und aus österr. nücht:
er ist selbn nie nüecht im ganzen jahr.
Lindermayr dichtungen in obderennsischer volksmundart (1822) 60.
von einem solchen nucht, nücht ist auch nüchtichait (sobrietas) Fromm. 4, 304ᵃ und obiges nüchtelicht, nüchteln, nüchten abgeleitet, dessen erste bedeutung an das 'grauen' des morgens erinnert.
5)
aus dem einfachen ahd. uohta musz sich aber durch das doppelsuffix ar + jan (în, î) ein feminin uohtarnîn (angeglichen uohtirnîn, woraus sich der mhd. umlaut erklärt) gebildet haben, so dasz ahd. nuohtarnîn aus in uohtarnîn, mhd. nüehtern (nüehter) aus in üehtern, enüehtern zu erklären wäre, wie das alts. nuchterne aus en uchterne, wofür schon Schm.² 1, 1720 enugterne nachgewiesen hat mit der adjectivischen bedeutung sobrius (s. Diutiska 2, 229ᵃ). dem vergleicht sich wieder die spätmhd. verbindung in nüehtern und in nüehter (statt in üehtern, in üehter, wie in Nüchtland statt in Üchtland): men sol süesse dinc in nuͤhtern essen unde trinken. zeitschr. für deutsches alterth. 6, 354 (14. jh.); men sol latiche mit essiche in nuͤhtern essen und wasser in nuͤhtern trinken. 358, vergl. 359. 362; in nuhter eʒʒen neben nuhter eʒʒen Diemer arzneib. im mhd. wb. 2¹, 423ᵇ. vgl. nuchtirn (statt in uchtirn, in nuchtirn) und in trankin, md. schachbuch 182, 28 und tirol. in der nüechter, ieiunus Schöpf 475. der mutmaszlichen bildung wegen ist auch nufer zu vergleichen.
II.
Bedeutung und gebrauch. nüchtern würde also, die richtigkeit der obigen erklärung vorausgesetzt, eigentlich 'in der morgendämmerung, frühmorgens, im zustande des frühmorgens' bedeuten, so dasz sich aus dem adverbialen gebrauch der zu grunde liegenden präpositionalen fügung zuerst prädicativ (wie bei vonnöthen sp. 916) der adjectivische sinn, sodann attributiv auch die adjectivische flexion derselben würde entwickelt haben, für die im nhd. die scheinbar gleichgebildeten albern, lüstern, schüchtern analogien darboten; doch steht es auch attributiv oft flexionslos.
1)
die grundbedeutung zeigt sich noch deutlich in nuchter trunk (morgentrunk) Stolle, minnesinger 3, 5ᵃ, sowie in an einem, auf einen nüchtern morgen, frühmorgens, wie ahd. in uohtun, in der uhten (Graff 1, 138 f.): dasz er ein gemein zusammen laszt kommen an einem nüchtern morgen. Fronsperger kriegsb. 1, 16ᵇ; das der oberste woll die gemeine ... auff einen nüchtern morgen zu rechter früer tagzeit zusammen kommen lassen. Reutter kriegsordn. 62.
2)
auch das einfache nüchtern wechselt mit des morgens (fastn. sp. 370, 27 ff.), bezeichnet aber specieller die zeit und den zustand vor dem frühstück, überhaupt ehe man etwas denselben tag genossen hat, ieiunus Dief. 284ᶜ, immorsus 288ᵃ, siccus, siccaneus Maaler 308ᶜ.
a)
adverbial, in verbindung mit des, zu morgens: die in (dunst) des morgens nüchtern in sich zugen. Megenberg 111, 6; trinks des morgens nüchtern. Colerus 3, 190ᵃ; desselben pulvers gib einem alten menschen ... ein quint zu morgens nüchtern. 211ᵇ; zu morgens, weil du noch nüchtern bist. 203ᵃ u. o.; allein stehend: den walrâm trinkt man nüchtern. Megenberg 248, 15 (vergl. in nüehtern I, 5); ob man si nüehtarn iʒt. 320, 14. 386, 27; wenn man si nüehtarn säuft und trinkt. 389, 33;
ir kauft ein kuͤdreck für ein fladen,
der ist euch nüchtern gar gesunt.
fastn. sp. 370, 6;
er (fisch) schmeckt nüchtern wol in dem mund.
370, 27;
(sie sollen) mich küssen mit dem mund nüchteren in den ars. Murner Eulensp. 85; nuchtern stinkt eim der athem. Fischart Garg. 24ᵇ; nüchtern aus dem munde riechen. Ludwig 1340; ich esse oder trinke dieses nüchtern. ebenda; auch jetzt noch die arznei nüchtern nehmen, das abendmahl nüchtern genieszen, die messe nüchtern lesen u. s. w.; denn er hat, wie sichs gebührt, nüchtern die messe gelesen. Auerbach ges. schriften 4, 187.
b)
prädicativ, nüchtern sein, bleiben u. s. w., ahd. nuohtarnîn sîn, ieiunare Notker ps. 68, 11; ne âʒe dû, ne trunche dû .., sô bist du nuehternîn. de syllog., Wackernagel altd. leseb. 113, 8; mhd. wann daʒ eʒʒen ûf dem tisch stûnt ... und si noch nüchtern wâren, noch sô liefen sie enweg ungeʒʒen. zeitschr. f. deutsch. alterth. 8, 309; nhd. han ouch sidhar kein nodt mer vom schwindell ghan, ich hab den das ubersähen mit zvill wachen oder zlang niechter gsin. Th. Platter 70 B.; ich bin noch nüchtern, ich habe heute kein frühstücke genommen. Ludwig 1339; des abends, wann der magen wieder nüchtern (wie frühmorgens) worden ist. Tabernaem. 298;
der schlund gieng nüchter nachts zu beth.
Weckherlin epigr. 23;
ich selbst wol
hiesze .. in die schlacht eingehn die Achaier,
nüchtern und ungespeist.
Voss Il. 19, 206;
er war schon über 24 stunden nüchtern geblieben. Schiller 1, 111; ich habe diesen morgen, von acht uhr bis jetzt, nüchtern an der thüre .. gestanden. Göthe 35, 74; ich war nüchtern, hatte schon viel wege gemacht. Seume spazierg. 139.
c)
attributiv: Ambrosius spricht, daʒ ains nüehtarn menschen spaichel die slangen ertœt. Megenberg 261, 3; speichel von einer nuͤchteren person, speichel eines nuͤchteren munds, ieiuna saliva Frisius 643ᵇ (vergl. 3); ein nuͤchterner magen nimmt alles an. Stieler 1323; etwas in den nüchtern magen hinein essen oder trinken. Ludwig 1339; schweiz. für e nüchter (d. i. für einen oder für den nüchternen, nämlich magen) nehmen oder blosz das fürnüchter nehmen, frühstücken. Stalder 2, 244. schweiz. idiot. 1, 12; nüchternes kalb 'ein frisches, von der kuh weg geschlachtetes kalb, ehe es noch gesaugt hat.' Jacobsson 6, 646ᵃ.
d)
substantivisch, das nüchterne, das nüchternsein, ieiunium: ein schälchen caffee vor das nüchterne mit ihm zu trinken. Felsenb. 4, 299; seine gnaden sahen auf ihre uhr und ... befahlen demnach 'n bischen fürs nüchtern zu bringen. Siegfr. v. Lindenberg (1782) 4, 262.
3)
einem, der noch nüchtern ist, angehörend, von ihm kommend, mhd. der nüehter speichel (vergl. 2, c). R. v. Ems weltchr., Casseler hs. 17ᵇ. Renner 5884; nhd. nuͤhteren speichel, oder speichel von einer nuͤhteren person. Frisius 643ᵇ, nuͤhter speichel 1175ᵇ; mache ein pflaster von weizenmeel und nühterm speichel. Tabernaem. 604; wer auf den abend bei dem ... schlafengehen seine stirn mit dem seinem eignen nüchternen speichel (so dasz er den ganzen tag nichts gegessen und getrunken hat) streichet, der bekömmt nicht leicht einen rausch. rockenphilos. 377; nüchtern kalbfleisch, fleisch von einem nüchternen kalbe (2, c). Stieler 1323.
4)
der nüchterne (dessen magen noch leer ist) bildet daher den gegensatz zum vollen, trunkenen, unmäszigen.
a)
unberauscht oder nicht mehr berauscht, inebrius Dief. 295ᵃ: mhd.
daʒ trunken houbet lîhte tuot
des nüehter man gewan nie muot.
Wolfram Willeh. 177, 20;
manic mensch tuot reht alsô,
daʒ eʒ nüehtern selten iemant siht frô.
Renner 9565;
nhd. das man würd etwan geben mer
eim drunknen, dan eim nühtern.
S. Brant 16, 80;
die wacht beim thor schon morgen früe
war voll und merthails nüchter nie.
Bürster 156;
was einer nüchtern gedenkt, das darff er trunken thun und reden. Lehmann (1630) 756, 1; was der nüchtern denkt, das redet der volle. Schottel 1124ᵃ;
nüchtern gedacht, voll gesagt.
Simrock sprichw. 410;
niemals nüchtern und niemals voll
thut in sterbensläuften wol.
ebenda;
es scheinet, dasz du .. der einzge trunkne bist:
denn du willst nüchtern sein, wo keiner nüchtern ist.
Lessing 1, 16;
es donnert! — macht die gläser leer!
laszt nüchterne, laszt weiber zagen!
1, 58;
o schweiget doch ihr nüchtern richter
(var. zu unberauschte richter).
1, 71;
nüchtern konnt ich nimmer bleiben,
immer winkte mir das glas.
Gleim 2, 99;
nüchtern bin ich immerdar
nur ein harfenstümper.
Bürger (1778) 294;
so lange man nüchtern ist,
gefällt das schlechte;
wie man getrunken hat,
weisz man das rechte.
Göthe 5, 207;
wer nüchtern nicht ihr (der liebe) ausweicht, der fliehet im rausche zu spat.
Platen 2, 40;
mohr. schickt mich wenigstens besoffen in die ewigkeit. Fiesko. nüchtern. Schiller 3, 147 (Fiesko 5, 10); er war gerade nüchtern und sasz auf dem stroh emporgerichtet. Immermann Münchh. (2. ausg.) 2, 149. — man wird nüchter, ebrietas solvitur Denzler 214ᵇ, nüchtern werden, seinen rausch ausschlafen. Ludwig 1339: und sol einer (ein betrunkener) wol ein rip in dem leib entzwei fallen, er würt sein nit gewar bisz an dem morgen, so er nüchtern worden ist. Pauli 162 Öst.; sie hetten sich wider niechter gesoffen. 367; do fieng im an vor groszer angst die trunkenheit zuͦvergon, ward gantz nüchteren. Wickram rollw. 116, 19.
b)
dem trunke und der völlerei nicht ergeben, mäszig im genusz von trank und speisen, sobrius Dief. 539ᶜ; mhd. nüehter in st. Ulrichs leben von Albertus 341; nhd. nuchterer, mesziger oder vastender, sobrius, parsimonicus voc. 1482 x 7ᵃ; nüchter, mäszig in essen und in trinken, zimlich in speisz und trank, sobrius Frisius 1217; lasset uns wachen und nüchtern sein (sobrii simus). 1 Thess. 5, 6; seid nüchtern und wachet. 1 Petr. 5, 8; so seid nu meszig und nüchtern. 4, 8; es sol aber ein bischof sein .. nüchtern, meszig. 1 Tim. 3, 2;
ein könig sol nüchter und meszig sein.
H. Sachs 2, 114, 25;
Plato gibet wol die freie und liebliche anreitzung des weins, welche zu zeiten durch etliche und nüchter meister in gesellschaften bescheen, unstraffenlich zuͦ. Frölinkint redefürung dreier gebrüder e 2ᵃ; vor der sindflut waren die menschen trucken, nüchtern, unweinig. f 1ᵇ; die nüchtere und fastende vätter und kirchenlehrer gelten da nichts. Albertinus narrenhatz 225;
sei nüchtern, halt dich allzeit meszig.
Corner, Kehrein kirchenl. 1, 607, 22;
ein nüchtern züchtig mann, dem nicht wohl mit solchem sauffen ist. Philander (1650) 2, 220; er wolle lieber ein nüchteres unfruchtbares, dann ein weintrinkendes fruchtbares weib haben. Zinkgref apophth. 1, 50; die volle Teutschen .. die nüchtern Welschen. 1, 264; denn wie gott der trunkenheit und schwelgerei todtfeind ist, .. also ist gott ein nüchterner mund und ein andächtiges herze das annehmlichste heiligthum. Lohenstein Armin. 1, 663ᵃ; die (französische) nation ist nüchtern und fleiszig. Möser 4, 34;
sei nüchtern und kalt,
willst du werden alt.
Simrock sprichw. 410;
ein nüchternes leben führen oder nüchtern leben, parce, continenter, sobrieque vivere Stieler 1323:
und bitten gott dasz er uns geb,
dasz man hie rein und nüchtern leb.
Scheidt Grobian. 1551;
wer wil mit gott an seinem tisch
der frewd genieszen ewig frisch,
gerecht, gottselig, nüchtern leb.
Corner, Kehrein kirchenl. 1, 651, 19;
man lebte doch nach altem brauch
bisher dort allzunüchtern.
Bürger (1778) 53.
5)
übertragene bedeutungen, wie bei lat. ieiunus, sobrius, siccus.
a)
ein nüchterner ort, eine nüchterne (schmucklose, kahle) gegend; von speisen und getränken, die leer an schärfe des geschmackes, unschmackhaft, kraftlos sind: nüchterne speisen, die suppe schmeckt nüchtern u. dergl.;
(war) der wein auf dem reisbrei nüchtern und kahnig?
Voss Luise 1, 73.
b)
in bezug auf die innere leerheit, gehalt- und schwunglosigkeit, abgeschmackt, nichtssagend, seicht, platt, geistlos, trocken, kalt, prosaisch, alltäglich u. dergl.: das ding kommt ganz nüchtern heraus, ieiuna est haec oratio, nihil habet rerum, quae delectant aut afficiant. Stieler 1323; unter allen nüchtern und schalen papierbesudlern braucht keiner mehr gleichnisse, die von nichts ausgehen, und auf nichts auslaufen, als er. Lessing 10, 211; in einer kalten nüchternen stunde. 12, 372; meine übrige arbeit ist sehr nüchtern. Seume spazierg. 139; wehe der kleinen nüchternen seele, die in den groszen epochen der geschichte nichts als ein auflehnen gegen das bestehende zu erblicken weisz. Platen 5, 24;
worte scheinen mir so nüchtern.
2, 63;
was macht sich neben gesängen das nüchterne wort so breit?
2, 73;
nüchterne krämergesinnungen. H. Heine 11, 178.
c)
unberauscht von innerer erregtheit, leidenschaft oder verblendung, leidenschaftslos, sich seiner vollkommen bewuszt und zur besinnung gekommen (wie beim erwachen aus dem schlafe oder aus dem rausche), besonnen, vernünftig, klar und ruhig: nuͦhter, sobria (mens) Graff 2, 1024 (12. jh.); ob sie wider nüchtern würden (zu sich, zur besinnung kämen) aus des teufels strick. 2 Tim. 2, 26; das were doch ein mal ein stücke der weisheit, da ist dem trunkenbold ein nuͤchtern wort entfaren. Luther 5, 299ᵇ;
so machts ie ein nüchter gemüt,
das sie (die jugend) nicht also tob und wüt
zu den lasteren.
H. Sachs 7, 328, 7;
gib das wir unsern leib castein,
busz thun, die sünden recht bereun,
damit unser gemuͤt nuͤchtern sein.
Leisentrit, Kehrein kirchenl. 1, 155, 4;
seid wolbedechtig, nüchtern.
Ringwald tr. Eck. (1602) L 3ᵇ;
um an dessen (des dogmatischen wustes) statt eine nüchterne kritik zu setzen. Kant 2, 385; nüchterne mäszigung des gemüthes. Herder antiquar. aufsätze 414; nüchterne gedanken. Göthe 22, 96; dasz er (der leser) .. mit nüchternem sinn sich ernstlich mit uns unterrichten wolle. 43, 598; es mag sein .., dasz ich wallungen meines blutes .. für nüchterne wahrheit verkaufe. Schiller 4, 54;
wer heute,
vom strome fortgerissen, sich vergiszt,
wird nüchtern (zur besinnung kommen), sieht er sich allein.
12, 111 (Piccol. 2, 6);
ein taumelwahn (reiszt) den tapfern und den feigen
gehirnlos fort ...
bin ich der einzig nüchterne und alles
musz um mich her in fiebers hitze rasen?
13, 238 (jungfr. von Orl. 2, 5);
ein nüchterner sinn zeigt eine freiheit von wahn und verblendung an, die nicht erst durch eine neue täuschung oder durch ein gänzliches erstarren des gefühls erkauft ist u. s. w. W. v. Humboldt 3, 209; Klotildens kaltes auge, das nicht der trunkne stolz auf reize, sondern der nüchterne ... auf unschuld regierte. J. Paul Hesp. 1, 67; in der nüchternen minute der beobachtung. Gervinus⁵ 5, 49; allzu nüchterne verstandesmenschen. Gutzkow ritt. (4. aufl.) 3, 270; nur wenn ihr bei nüchternem muthe selbst wollt (euch anwerben lassen). Freytag ahnen 5, 320; da erklärte der verzweifelte nüchtern und bestimmt, dasz .. er auf seinem willen bestehe. 379.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1885), Bd. VII (1889), Sp. 968, Z. 31.

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„nüchtern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/n%C3%BCchtern>, abgerufen am 14.08.2020.

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