neige f
Fundstelle: Lfg. 3 (1883), Bd. VII (1889), Sp. 565, Z. 63
mhd. neige (Lexer 2, 49), mnd. nege, plattd. nege, neege Schiller-Lübben 3, 169ᵃ. Dähnert 326. Schütze 3, 140.
1)
die handlung des neigens und beugens: mhd. des tôdes neige, das niederstrecken durch den tod, das sterben (vergl. neigen II, 3, b. 6, a):
biʒ er von des tôdes neige muoste dô sîn leben
verzollen.
Wolfdietr. IV, 95, 2 u. anm.;
Lueifer der veige,
der in tôdes neige
durch sîne hôchvart wart gegeben.
Frauenlob spr. 40, 10.
2)
die handlung des sich neigens, die verbeugung, der knix: erzeigten sich mit lieblicher neige, mit bucken, mit knippen und knappen. Philander lugd. 5, 282; wenn man Charlotten eine bäurische neige, einen dummen knix machen läszt. Lessing 7, 61; plur. ich möchte schon ihre tiefen neigen sehen! Rabener br. 55.
3)
die von einem örtlichen oder zeitlichen höhe- und neigungspunkte ausgehende richtung oder bewegung nach unten, zum grunde oder ende.
a)
die senkung, der abhang: izt waren wir an der neige eines hügels, wo das hoch emporstehende paradies aus unsern augen sich verlor. Geszner 1, 43;
wo sich die hügel verlieren
und mit sanfter neige hinab die wölbungen senken.
Overbeck ged. 183.
b)
vom nieder- und untergang der gestirne:
Luna gieng noch nicht zur neige.
Pfeffel 2, 139;
die sonn' im westen wandelt ihre neige.
Lenau (1880) 1, 84;
er wandelt schon im niedergang des lebens
und schaut der abendsonne kühle neige.
2, 304.
c)
daher auch vom herannahenden ende des tages oder gröszerer zeiträume: der tag ist auf der neige. Rädlein 670ᵇ; da der tag schon war an seiner neige. Rückert mak. (1864) 304;
der greis genieszt im garten so gern
des tages süsze neige.
Lenau 1, 131;
wie schön, o mensch, mit deinem palmenzweige
stehst du an des jahrhunderts neige.
Schiller 6, 264;
die welt geht auf die neige, mundus sub finem suum est. Frisch 2, 14ᶜ. vergl. 5, b.
d)
vom alter und vom nahen lebensende: mhd.
mîne tage loufent von der hœhe gegen der neige.
Neidhart 58, 9;
nhd. ein steinalter greis gehet gebücket und auf der letzten neige. Comenius sprachenthür 234;
wohl ihm, der bis auf die neige
rein gelebt sein leben lang.
Herder ged. 1, 35.
e)
überhaupt vom nahen ende einer handlung: mhd.
dô gienc eʒ an die neige (des kampfes).
Ecken liet 126, 8.
f)
örtlich die tiefe, der abgrund: mhd.
Satanas der veige
in der helle neige
sizzet gar in laster êweklîche.
minnesinger 3, 340ᵇ.
4)
der zustand, in dem etwas geneigtes sich befindet, zunächst vom fasse, das zum zwecke der herausschaffung der letzten flüssigkeit übergeneigt werden musz: das fasz steht, liegt, ist auf der neige. Rädlein 670ᵇ; daher auch allgemeiner und bildlich: holst. up de neeg liggen, überhängen, auf die seite liegen. Schütze 3, 140; auf der neige, wenns zu ende geht, zu spät ist: auf der neige sparet sichs übel, sero in fundo parsimonia est. Stieler 1345; auf der neige ist nicht gut sparen. Simrock sprichw. 404; auf der neige sein, stehen: er ist auf der neige, decrepitus est. Stieler 1345;
und weil mein fäszchen trübe läuft,
so ist die welt auch auf der neige.
Göthe 12, 213;
natur in euch steht auf der letzten neige
ihres bezirks.
Schlegel könig Lear 2, 4;
dieweil die männlichkeit in unsern tagen gar sehr auf der neige steht. F. Müller 1, 310.
5)
die neige ist daher auch die letzte aus einem geneigten gefäsze laufende oder getrunkene flüssigkeit, überhaupt der (trübe) rest der flüssigkeit in einem gefäsz: naig oder saig, mora, sagum. voc. 1482 x 2ᵃ; neige des weins, vappa. Aler 1458ᵃ; neige, das letzte in einem fasz oder einem gefäsz. Rädlein 670ᵇ;
da sah ich, das ain pfaff pei ir sas,
da wolt ich in ir naig nit zechen.
fastn. sp. 754, 26;
und geit irem man ein trube neig.
167, 18;
wo ein Preusz einem die neige zugetrunken hette, solt er auch das frische anheben. Henneberger 281; allwo sie schon von einer neige oder sonst unreine getränke getrunken. Colica 23;
herr könig, sie all thut beduncken,
wenn einr hab die neig ausztruncken,
so sei auch billig, und dasz der
mit erstem trunck verabret wer,
wenn man ein neue kandel bring.
Ayrer 2599, 26;
die neige austrinken und die ledige kanne zurückgeben. Ludwig teutsch-engl. lex. 1320; die gottlosen trinken die neige aus. Steinbach 2, 116; die neige ist für die frommen oder den gottlosen die neige. Simrock sprichw. 404 (vgl. ps. 75, 9: die gottlosen müssen .. die hefen aussauffen);
der stosze mit an, der stimme mit ein,
bei dieser neige wein.
Göthe 1, 145;
nur trinkt mir alle neigen aus;
die letzte musz heraus.
1, 147;
eine neige wein,
eine neige liebe;
dasz vom abendschein
nun soviel mir bliebe,
meinen doppelrest
langsam auszutrinken.
Rückert 4, 392;
so giesz ich aus dem freunde dort
.. die neige.
Platen (im trinkliede) 1, 67;
wer vom frischen getrunken, musz auch die neigen trinken. Simrock a. a. o.; auch macaronisch:
qui bibit ex neigas, de frischibus incipit ille.
ebenda;
die neige des ausgepreszten olivenöls. Göthe 53, 50. in bildlicher verwendung
a)
anknüpfend an das trinken bis auf die neige oder an das austrinken derselben:
wer voll von freuden lacht,
soll aus dem taumelkelch bisz auf die neige trinken.
A. Gryphius 2, 261;
wohlan! getrost mein herz und schaudre nicht,
die neige dieses bittern kelchs zu schlürfen.
Göthe 9, 369 (nat. tochter 5, 5);
und trifft es (das schicksal) morgen, so lasset uns heut
noch schlürfen die neige der köstlichen zeit.
Schiller 12, 58 (Wallenst. lager 11);
eine neige liebe
.. auszutrinken.
Rückert 4, 392.
b)
noch mehr bilder knüpfen sich an die neige, den (trüben) rest, den bodensatz in einem gefäsze: und nichts davon blieben, denn eine faule neige von zugelauffenen frembden buben und zigeunern. Luther 8, 121ᵇ; er hat durch seine ausschweifungen .. die neige seiner kräfte vollends abgezapft. Heinse Ardingh. 1, 204;
die kleine trübe neige leben.
Lessing 1, 8;
auf die neige, zur neige gehen oder kommen (vgl.auf die hefen kommen, gehen, s. th. 4², 764): mhd.
eʒ gienc an die neige,
sie wâren freuden âne.
Titurel 2646;
nhd. sein gut geht auf die neige, actum est de fortunis ejus. Stieler 1345; da mein geldvorrath auf die neige gieng. Plesse 1, 60. Reiske lebensb. 21; ihr geld ging auf die neige. Schiller 8, 58; andre, deren standhaftigkeit im kampfe bereits auf die neige gieng, fiengen jetzt an, neuen muth zu schöpfen. 9, 201; wenn einsicht und wissenschaft auf die neige gehen. Kant 3, 170;
denn ihre schönheit geht allmälig auf die neige.
Lessing 1, 21;
und gehen schmaus, musik und trunk zur neige.
Lenau (1880) 2, 318;
auf die neige, zur neige kommen. Schottel 1112ᵇ; wenn .. die reich nicht gar auff die neige kommen. Mathesius Sar. 88ᵇ;
die zeit hat abgenommen,
da noch was gutes war; wir sind zur neige kommen,
die trüb und bitter ist.
Opitz (1644) 2, 136;
es ist mit Juda doch gantz auf die neige kommen!
das regiment, die cron, die freiheit ist genommen.
A. Gryphius 2, 452;
die welt ist gar auf die neige kommen. 1, 768; war ein mann gantz auf die neige gekommen (in armut geraten). Chr. Weise kl. leute 287; mit dativ: wenn meinem lebens-lichte das nahrungsöl auf die neige kömmt. Felsenb. 3, 236; es geht, kommt mit einem oder mit etwas auf die neige, zur neige. Rädlein 670ᵇ; da es nu mit Rom .. auff die hefen und todte neigen komen was. Luther 8, 246ᵇ; dasz es mit meinem vormund auf die neige gienge (zum bankerott käme). Plesse 1, 216; holst. et geit met em up de neege, er hat bald ausgewirthschaftet. Schütze 3, 140;
weh mir! vom rosz ich steige,
es geht mit mir zur neige.
Uhland (1879) 2, 153;
mit solchen büchern ... pflegt es auf die neige zu gehen. Klopstock 12, 380.
6)
überhaupt ein rest, ein überbleibsel (vergl. neiglein): summa 71 aimer pier, daran noch ein naig pei einem aimer vorhanden. A. Tucher haushaltbuch 27. 36. 39; summa 85 [[undefined:poundsign]] schmalz, daran noch vorhanden 2 grosz voll kübel und ein naig pei 25 [[undefined:poundsign]]. 14. 23. 42; das bei abgewährung des gült- und zehentgetreides uberbleibende (die neige genannt) sollen die beamten sich nicht zueignen, sondern den unterthanen zurückgeben. verordn. vom jahre 1694 bei Schm. 1, 1733 Fromm.; die neigen heiszet der überbliebene rest von denen auf tisch und tafel gewesenen und schon einmahl aufgewärmten speisen, so die köchin denen armen weibern ... zu geben pflegt. Amaranthes frauenzimmerlex. 1324;
an den bäumen welk und matt
schwebt des blattes letzte neige.
Lenau (1880) 1, 38.
Zitationshilfe
„neige“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/neige>, abgerufen am 16.06.2019.

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