oberhand f
Fundstelle: Lfg. 6 (1885), Bd. VII (1889), Sp. 1088, Z. 21
1)
der obere theil der hand, der handrücken, manus aversa Stieler 751; die handwurzel, carpus Nemnich 1, 897 (vergl. vorderhand).
2)
die seite zur rechten hand, die vornehmere, bessere seite: die oberhand an den häusern giebt hier niemand! aber wenn in dieser wahren urbanitätsschule niemand hart an den häusern gehen kann, ohne sich die kleider zu bestänkern, kanns da oberhand sein? Bode Tristr. Sh. 5, 50; daher der vorzug, der vorrang: sie (die ritter) geben selbst unwissend der feder den vorderpreisz und die oberhand, indem sie solche auf ihren helmen und hüten führen anstatt der pferdeschweif, die sie vor alters drauf gesteckt. Zinkgref apophth. 1, 184.
3)
da die (besitzergreifende, siegreiche und herrschende rechte) hand als symbol des besitzes und der gewalt über eine sache und persönlich als besitzer, herrscher, gewalthaber aufgefaszt wurde (th. 4², 351. 359), so wird mit oberhand bezeichnet
a)
die oberherrschaft, die übermacht, der sieg, die überlegenheit, das übergewicht (regnum Frisius 1135ᵃ, victoria Stieler 752. vergl.überhand); mhd. diu oberhant und noch getrennt diu obere hant:
vrou Minne nam die obern hant,
daʒ sî in vienc unde bant.
Iwein⁴ 1537;
daʒ ouch ir ie alsô gar
diu armuot oberhant gewan.
Erec² 422;
nhd. es wird nidergebogen werden alle höhe der obersten, und nidergedrücket oder gelegt werden alle oberhand der prelaten. Luther 1, 90ᵃ; meinen feinden .. die oberhand über mich nicht verstattet. Schweinichen 1, 401; die oberhand (oder ohne artikel oberhand) gewinnen, nehmen, ergreifen, erringen, kriegen, davon tragen, erhalten, haben, behalten (von personen, abstractionen und belebten sachen): die geltnarren ... namen das regiment ein, gewunnen die oberhand an. Aventin. 4, 495, 31; und die hatten in der welt die oberhand. Mathes. Sar. 66ᵇ;
die werden Sieman .. gnant,
bei den das weib hat öberhandt.
Rebhun hochzeit zu Cana 3, 840;
sol menschlich geschlecht haben bestandt ..
so muͤssn wir haben oberhand.
J. Schönbrun, Wackernagels kirchenl. 3, 998, 1;
jeder ein besundern schulteissen und burgermeister daselbst, doch der landgraffe die oberhand hat. Kirchhof wendunm. 149ᵇ; jeglicher gern das regiment und oberhandt .. hett behalten. 325ᵇ; ein ernstlicher streit, in welchem die Solothurner .. mit arbeit die oberhand namen (siegten). Wurstisen 183; so derselbe in uns mächtig wird, dasz er oberhand krieget und primas wird. J. Böhme von den drei princip., vorrede s. 6; nun habt ir die oberhand kriegt. H. Staden M 3;
Rom ist gar ein neues wessn
und nimmt uns gar die oberhandt.
Ayrer 120, 6;
noch hat die gute sach am letzten oberhand.
Opitz (1645) 3, 307;
schaut sie, wie sie sich erwehrt,
wie sie oberhand gewinnet.
Logau 1, 4, 4;
sie hat die oberhand, sie will allein regiren.
Philander v. d. Linde scherzh. ged. 6;
schertz ist hie befehlichshaber, hie hat kurzweil oberhand.
S. Dach 727 Öst.;
die wahrheit verdrückst du, die lügen
musz oberhand haben und siegen.
P. Gerhard 2, 15 Göd.;
wer wil die oberhand behalten, der brech aus frau Eris garten schöne öpfel und presentire die den fürsten. Lehmann (1630) 813, 14; und eine lumpichte augenlust hat die oberhand. Weise kl. leute 311; wie falschheit, untreu .. die oberhand ergreifen (überhand nehmen). Butschky Patm. s. 1 der vorrede; die ehre behielt in seinem gemüthe die oberhand. Lohenstein Armin. 2, 833ᵇ; endlich aber kriegte ein sud-ostwind die oberhand. 1233ᵇ;
du kenst den lauf der welt,
bei der reichthum blosz die oberhand behält.
Günther 454;
wir müssen es dem glücke überlassen, ob die waffen der Mahometaner oder die waffen der Christen die oberhand, nicht in ihren lehrsätzen, sondern in den schlachten davon tragen werden. Lessing 4, 64; das mitleiden giebt keine thränen mehr, wenn die schmerzhaften empfindungen in ihm die oberhand gewinnen. 12, 59; in staaten, wo reichthum und üppigkeit schon die oberhand gewonnen haben. Wieland 1, 140; mit den waffen in der hand können wir, im unglücklichsten falle, nur sterben; aber es ist eben so wohl möglich, dasz wir die oberhand erhalten. 7, 98; endlich gewann die letztere meinung die oberhand. Göthe 17, 385; sandstein, in welchem der thon die oberhand gewonnen. 51, 26 (das übergewicht 24); so meine ich nämlich, dasz die natur des innern menschen die oberhand erringe über die unzuverlässigkeit .. des äuszeren. Bettine briefw. 2, 80; freundschaft und tugend werden also die oberhand behalten. Schiller 1, 35; da erhielt seine günstige gesinnung allmählich die oberhand. Freytag ahnen 5, 201.
b)
der oberherr, die obrigkeit (besonders im 15. und 16. jahrh.), s. Haltaus 1436. Oberlin 1145. Walch 391 f. Schm.² 1, 1123: mit verwilligung der oberhand (des lehnsherren). Alsatia diplom. 1417 (vom j. 1491); mit uffrurigen worten ..., der sie sich wider die oberhand vernehmen lieszen. Baumann quellen 2, 12 (vom j. 1521); zu abstellung etlicher beschwerden, so dem armen gemain man durch die oberhand biszher wider pillichait .. uffgelegt were. 362; mit vorbehaltung unserer als der oberhand .. straf. 476; (er soll) bisz auf kundtlich erlaubung der oberhandt ausz dem landt verwisen werden. Carolina artik. 198; der soll es vor der geordneten oberhand thuen und alda rechts erwarten. österr. weisth. 1, 184, 4 (16. jahrh.), vergl. 185, 37. 186, 5. 195, 21; bis zuͦ letscht das volck gottes mer aus fürwitz dann bedrengt um ein künig und öberhand batten. Frank chron. 10ᵃ;
(ich) sah wider wandlen alt und jung
nach burgerlicher ordenung ..,
fein unterthan der oberhandt.
H. Sachs 7, 418, 30.
Zitationshilfe
„oberhand“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/oberhand>, abgerufen am 15.11.2019.

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