Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

orgel, f.

orgel, f.
ein aus vielen blasinstrumenten (organa) zusammengesetztes und durch ein windwerk zum tönen gebrachtes tonwerkzeug (besonders die kirchenorgel), das zur zeit Karls des groszen in Deutschland bekannt geworden ist und den fremden namen beibehalten hat, s. Du Cange 2, 2, 752 f. Sponsel orgelhistorie (Nürnberg 1771): ahd. organâ, orginâ (aus dem plur. des griech.-lat. organum, s.organ), mhd. organa, orgena, orgene; daneben mit übergang des n in l (th. 6, 3) ahd. orgelâ, orglâ, mhd. orgele, orgel, md. auch urgele, urgel (Lexer 2, 166); nhd. nur orgel (ein zerbrochens griechsch wörtel, gantz heist es organon Roth dict. L 6ᵇ, vergl. Stieler 597).
1)
eigentlich: der kaiser Constantinus schicket heraus zu künig Pipin sein trefliche potschaft .. mit ainer groszen damals schankung, mit ainer orgel, so vor in Teutschland und Frankreich nie erhört noch gesehen war. Aventin. 5, 101, 2; ain schönsz werklin ainer orgel mit hutzin pfeifen, kostet 250 gulden. Baumann quellen 1, 81; ain schöne orgel im (Straszburger) munster, welche fur der gewaltigsten werk ains in deutschen landen mag geachtet werden. Zimm. chron. 4, 24, 2. — eine orgel machen, bauen, aufstellen: do (im j. 1327) wurdent die orgeln (im Straszburger münster) gemaht von meister Clawes Karlen, der waʒ ein zimberman. Closener 133, 16 (also plur. statt sing., da mit diesem eigentlich nur die einzelne orgelpfeife bezeichnet wird, so auch bei Königshofen 725, 20); do (nach dem brande von 1384) mahte men zuͦm ersten die orgel wider mit gröszer gezierde und kosten. Königshofen 725, 22; ein meister, der die tischlerarbeit zu einer orgel ... in der kirchen zu machen hatte. Felsenb. 2, 340; mein (B. Cellinis) vater machte ... wundersame orgeln mit hölzernen pfeifen. Göthe 34, 21; man beschäftigt sich eben die orgel aufzustellen. 43, 304. — die orgel stimmen. Zimm. chron. 3, 543, 19; die orgeln, die nach einer andern temperatur gestimmt waren. Heinse werke (1857) 2, 54. — die orgel treten, folles dilatare Stieler 597; an der orgel sitzen (s.orgelbank, orgelstuhl). Gotthelf schulm. (1859) 1, 220; die orgel (oder auf der, mit der orgel) spielen, greifen, schlagen (früher auch auf der orgel schlahen. Keisersberg pred. 77ᵃ. Maaler 314ᶜ): sie spiltent .. got zuͦ lob mit .. schellen und orglen. historienbibel 355 Merzdorf; die orgel schlagen oder auf der orgel spielen. Ludwig 1367; die orgel spielen. Felsenb. 2, 342; die orgel schlage ich frisch und in fugen bin ich stark. Rabener (1755) 3, 40;
er greift die orgel, singet psalmen
im schnöd entweihten heiligthum.
Lenau (1880) 2, 148;
das volle werk (alle register) ziehen, mit vollem werk (toto organo) spielen:
sonderlich sol Königsberg
gott zu loben sich bemühen
und das starke volle werk
ihm auf allen orgeln ziehen.
S. Dach 614 Öst.;
die vollstimmige orgel. Moritz A. Reiser 63, 28 neudruck; die orgel geht (s.gehen II, 20), singt, pfeift, rauscht, klingt, tönt, hallt, schallt, braust, spricht, schreit: mhd. sîn orgele singet mir mit wol lûtender stimme. Albertus St. Ulrichs leben xii; wenn der luft fäuht ist, so sprechent die orgeln und die saitenspil niht sô süeʒleich sam wenn daʒ weter haiter ist. Megenberg 16, 1; nhd.
stimme deine lauten wider,
lasz die orgel besser gehn.
Opitz (1644) 2, 156;
laszt die balge gehn! nun wird die orgel klingen!
Gryphius lyr. ged. 146 Palm;
unsre stimmen müssen jetzt
sampt der orgeln heller klingen.
S. Dach 683 Öst.;
welch ein leidig instrument die orgel sei, ist mir gestern abend in dem chor von St. Peter aufgefallen, man begleitete damit den gesang bei der vesper; es verbindet sich so gar nicht mit der menschenstimme, und ist so gewaltig. Göthe 29, 296; sobald die orgel anfing zu gehen. Stilling jug. (1780) 91; schon ging die orgel. Gotthelf geld u. geist (1859) 246; läutet die glocken, laszt die orgel brausen! H. Heine 2, 253; die orgel rauschte mit schwellendem ungestüm. 4, 87;
die orgel hallt, der priester winkt.
Uhland (1879) 3, 176.
auch für orgelbühne, -chor: nach dortiger gewohnheit pflegt ein schüler von der orgel herab .. die epistel .. abzulesen. Iffland über meine theatralische laufbahn 27, 33 neudruck.
2)
vergleichend und bildlich: mhd.
sîn (des riesen) stimm reht als ein orgel dôʒ
sô man sî sêre stimet.
Virginal 732, 2;
nhd. ungelehrte regenten seien wie ein orgel, die pfeife nicht, wann ihr nicht ein ander einblase. Zinkgref 1, 167; wir seind fast wie ein orgel, welche nie schreit, als wenn mans schlagen thut. Abr. a S. Clara auf, auf ihr christen 34, 3 neudr.; dasz man nicht ein gezogenes register, sondern die ganze orgel aller sprachen hört. J. Paul aus des teuf. pap. 1, 64;
ihr führet eine
so helle orgel (stimme) in der brust, dasz ihr damit
ganz Schottland könntet aus dem schlaf posaunen.
Schiller 13, 52 (Macbeth 2, 7);
vorwärts treibt er seine schaaren ...
um der freiheit, seinem liebchen,
aufzuspielen serenaden
mit der feldschlacht, seiner orgel,
die er weisz so stark zu greifen.
Lenau (1880) 1, 236.
ein geschütz mit mehreren röhren (orgelpfeifen), s.orgelgeschütz; auch der rost des webstuhles (vergl. orgelpfeife 2), darnach obscen:
solt ich (der weber) mich legn an eurn arm,
so wolt ich in der orgel werken fein.
Raber Sterzinger spiele 15, 241.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1885), Bd. VII (1889), Sp. 1340, Z. 38.

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Zitationshilfe
„orgel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/orgel>, abgerufen am 15.08.2020.

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