Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

ort, m. und n.

ort, m. und n.
ein germanisches, doch im goth. nicht nachweisbares wort: ahd. mhd. ort m. n., plur. die orte m., diu ort, orter oder örter n., nhd. die orte (im 15. und 16. jahrh. auch örte, ört) und örter mit dem unterschiede, dasz jene form mehr einen collectiven, diese mehr einen individuellen begriff bezeichnet (Andresen sprachgebrauch 22); alts. ort m., mnd. ort n. und m., nl. oort; ags. und mittelengl. altfries. ord m.; altn. oddr m., dessen dd auf ein goth. sd (zd) weist, so dasz die goth. form uzds, stamm usda, lauten müszte, dessen wurzel us identisch zu sein scheint mit sanskrit. vas, schneiden, das auch zur grundbedeutung des wortes stimmt. Fick³ 3, 36. Leo ags. gloss. 480. aus der grundbedeutung 'schneide, spitze' haben sich die übrigen bedeutungen in ähnlicher weise wie bei den sinnverwandten ecke und ende entwickelt.
I.
die schneide, spitze, ecke.
1)
von der schärfe und spitze der waffen oder werkzeuge, alts. gêres, speres ord; altn. geirs oddr, spjóts oddr; ahd.
mit gêrn scal man geba infâhan
ort widar orte.
Hildebrandslied 38;
mhd. diu ort der swert giengen   nider ûf die sporn.
Nibel. 74, 1;
sam ein scharpfeʒ wâfen sneit
zen orten und zen sîten.
Konrad troj. krieg 25121;
nhd. ort an dem messer, acies Dief. 9ᶜ; wie die türkischen sebel ein eigen geschmeidig metall haben, das die örter und klingen nicht so leichtlich abspringen. Mathes. Sar. 72ᵃ; die grieszpeil mit den dreien orthen. österr. weisth. 1, 191, 34 (17. jh.); bergm. die gestählte spitze am bergeisen, die bei der arbeit ans gestein angesetzt wird. Chemnitzer wb. 378ᵇ. Veith 359 f.: bei uns hat kein ort am bergeisen halten wöllen von neuem stahel, darum hat man die örter mit alten messerklingen gestählet. Mathes. a. a. o.; örter ausschmieden, stumpf geschlagene eisen wieder spitz machen. Chemnitzer bergm. wb. 374ᵇ.
2)
scharfe, spitze waffe, spitzes werkzeug: mhd. umb wunden mit scharfem ort. Münchener stadtrecht 405;
si huoten ouch der porten
mit ir scharpfen orten
beidiu naht unde tac.
Wigalois 182, 39.
die schusterahle heiszt noch in ober- und mitteldeutschen gegenden der ort, s. Schm.² 1, 151. Schmid 415. Staub - Tobler 1, 182. Vilmar 291. Kleemann beiträge zu einem nordthür. idiot. 15ᶜ: da seine (des schusters) abnehmende augen dem ort und dem draht nicht recht mehr gebieten wollten. Seume spazierg. 262.
3)
ecke, winkel, worin ebenfalls noch die vorstellung des scharfen und schneidenden liegt, da sich in dem endpunkte zwei linien schneiden und eine spitze bilden.
a)
ahd. ort, angulus Graff 1, 469; mhd.
ûʒ iegelîchem orte (des viereckigen steines) schein
ein alsô gelpfer rubein.
Iwein 624;
die (runde) tavel houbt noch ende
hât nicht weder hie noch dort,
nindert ecke noch kein ort.
H. v. Freiberg Trist. 1342;
nhd. ort oder eck, acies voc. 1482 y 1ᵇ; die vier örter des altars. Vilmar kurh. idiot. 292 (vom j. 1491); und solt vier gülden ringe daran (tisch) machen, an die vier ort an seinen vier fuͤszen. 2 Mos. 25, 26; die stein (bausteine) sollen an keinem ort oder egken abgebrochen .. syn. Staub-Tobler 1, 482 (vom j. 1539); über ort wie über eck, über ecks (th. 3, 22) ebenda u. Schm.² 1, 151:
und treiben mangerlei gewesch
mit worten uber ort geschliffen.
fastn. sp. 386, 31;
last uns hie tretten über orth
und hören was er rede vor wort.
Dedekind papista 1, 1;
über ort kommen, übereinkommen, sich vergleichen, gut vertragen. Fromm. 2, 280, 19. Schöpf tirol. idiot. 483; holst. um den oort komen (um die ecke) Schütze 3, 180; um den oort gaan brem. wb. 3, 268.
b)
winkel, schlupfwinkel, wobei schon der räumliche begriff sich geltend macht:
schlauf in all winkel, ort und eck.
Edelpöck weihnachtkomödie 1893;
all ort voll löffel, all winkel voll löffel. Fischart Garg. 88ᵇ; nd. wat winkel und oerde stelet, kumt wedder (was man nur verlegt hat, pflegt sich wieder zu finden). brem. wb. 3, 268; an, auf ein ort (in einen winkel, bei seite) gehn, stehn, nehmen, setzen, legen, stellen, stoszen u. s. w., eigentlich und übertragen:
geet mit uns auf ein ort,
so woll wir euch erzelen und sagen.
fastn. sp. 704, 27;
lasz uns auf ein ort stehn all zwen.
H. Sachs 15, 91, 28;
wîcht uf ein ort!
Murner narrenbeschw. 80, 127;
name ihn seine mutter auf ein ort, und gab ihm drei köstliche ring. buch der liebe 32ᵇ; und name in der schultheisz auf ein ort und sagt im in einer geheimne. Wickram rollw. 56, 18 Kurz; also name er ein ieden uf ein ort und verainiget sie. Zimm. chron. 3, 148, 32; er stalt derhalben sein testament .. uf ain ort (verschob es). 573, 37; laʒan af an oart, bei seite lassen Schm. cimbr. wb. 151ᵇ;
die worheit setzet er an ein ort.
S. Brant 104, 3;
gottes wort,
welches er gern stiesz gar auf ein ort.
Fischart nachtrab 3524;
sie leget alle weibliche scham auf ein ort. buch der liebe 215ᵃ; sie gab zu verstehen, sie wolte ihr jungfräuwliche scham ein weil auf ein ort stellen und fahren lassen. 226ᵃ.
4)
da zwei sich schneidende linien vier ecken oder winkel (orte) bilden, so bezeichnet ort auch den vierten theil wovon, zunächst den vierten theil einer münze (ursprünglich eines kreuzers, der durch ein kreuz in vier orte getheilt war), sodann auch übertragen auf masz und gewicht, s. Lexer 2, 171. Schm.² 1, 152. Staub-Tobler 1, 485.
a)
von verschiedenen münzen: mhd.
eʒ minnert iwer gnâden hort
nimmer vil denne umb ein ort.
Lichtenstein 53, 15;
ich wil lêren mîniu kint ...,
wie von einem orte ein helblinc (was).
Renner 4582;
nhd. und do ein arme wittwe was kummen, die legt darein zwei ort, das ist ein helbling. bibel von 1483 491ᵇ. Marc. 12, 42 (zwai muncz cod. Tepl., zwei scherfflin Luther); des alles hab ich ... kauft zu sechs pfenning drei ört. Tucher baumeisterbuch 116, 22; des gab ich im dorauf ein ort eins guldein zu leikauf. 325, 1; ein malter korns die zeit ein ort und ein guldin galt. Aimon bog. K; ein ort eines gülden. Luther 4, 115ᵃ; umb einen ort vom gülden. briefe 4, 476;
ein baur, der ein ort vertrunken.
Waldis Es. 4, 69, 22;
der hat mir geschenkt ein schneckenhausz und von silbeʳ und golt münz, ist ein orth wert. Dürer tagebuch 75, 11 Leitschuh; er begehrte einen ort vom reichsthaler. Micrälius 5, 312; ein ort eines thalers oder gülden. schaltjahr 1, 450 (vom jahre 1643); nd. een oord guldens, een oord dalers (s.ortsgulden, ortsthaler) brem. wb. 3, 269; schweiz. auch ein viertel bei procenten Staub-Tobler 1, 486.
b)
vom gewichte und masze (ein quart, vergl. ortmetze): mhd.
dû speltest als ein milwe ein hâr,
dir wirt ûʒ einem orte ein pfunt.
Marner 11, 42;
nhd. darumb galt der waiʒ ein ort 5 fl. .. habern ein ort 3 fl. Widmann Regensb. chron. 196, 18 f.; ein ort (masz) salz. Staub-Tobler 1, 486; ein ort schmalz hält 2 masz oder 2 kannen, dem gewichte nach 5 pfund. Höfer 2, 300; ort, ein halb nössel. Comenius sprachenth. § 763;
es war kein schoppen, es war kein ort,
es war kein nössel, es war kein mäszchen.
Immermann 1, 192;
nd. een oord drinken, den vierten theil des bierkrugs ausleeren. brem. wb. 3, 269.
c)
daher auch ein stück, theil: mhd.
des lônes ein ort,
daʒ got in sînem rîche dort
den gibt, die eʒ verdienent hie.
L. v. Regensburg tochter Syon 3906;
besonders ein stück von einem bestimmten gewichte oder masze: ein ort loden, eisen, salz u. s. w. österr. weisth. 1, 239, 11. 6, 118, 16. 24. 220, 23.
II.
der begriff spitze, ecke geht über in jenen des örtlichen oder zeitlichen anfangs- oder endpunktes, im weiteren sinne des vordern oder hintern endes, der grenze, des randes, der seite.
1)
anfangspunkt, anfang, ahd. ort, initium Graff 1, 469, ags. ord mancynnes anfang des menschengeschlechtes (Adam) Caedmon ix, 1111, besonders in verbindung mit dem gegensatze ende (räumlich und zeitlich): mhd.
der diu rîche gar durvüere
von dem orte unz an daʒ ende.
Rubin 14, 3;
nhd. uberal dis welt von ort ze endt
regniert der edel element.
Cl. Hätzlerin 24ᵃ;
wie der blitz leucht von ort zu end.
Rollenhagen froschm. I. 1, 8, 24;
(er) poltert herum von ort zu end.
I. 1, 4, 86.
von ort zu ende, auch von ende zu ort sagen, erzählen u. s. w.:
(er) verzelt die gschicht von end zu ort.
Waldis Es. 4, 56, 91;
der disz gedicht von endt zu ort.
4, 100, 218;
er erzehlete seinem herren von end zu ort alles. Kirchhof wendunm. 297ᵇ; Nausicles erzehlet den handel von ort zum ende. buch der liebe 200ᵃ; nd. van oord to ende brem. wb. 3, 268.
2)
endpunkt, ende im räumlichen und zeitlichen sinne, oft verbunden mit dem synonymen ende oder mit dem gegensatze anfang: mhd.
eʒ stât der boumgarten ostent   an der werlde orte.
Milstäter genesis 9, 20;
(sie verheerten das land) von dem begin unz an daʒ ort.
Jeroschin 16203;
sie greif aber an daʒ ort
des wortes und las hin wider (rückwärts).
H. v. Freiberg Trist. 5366;
dîn kraft gewinnet niemer ort.
Barlaam 1, 19;
der rede sî nu hie ein ort.
Wolfram Willeh. 417, 27;
immer ungestillet
ist nâch dir mîn siuftic klage
unz an den ort al mîner tage.
62, 22;
da ist fröude ân ende und âne ort.
Marner 12, 5;
gar ûf ein ende und ort.
Teichner 10, 3 Karajan;
nhd. vom morgen bisz zuͦ des tages ort.
S. Brant 112, 46;
sein jünger theten ein frag
vom ort der welt und dem jüngsten tag.
H. Sachs 11, 402, 6;
die gschicht erzelen ..
.. von anfang bisz zu ordt.
13, 143, 26;
das arg werd nemen end und ort.
15, 307, 31;
an dem ort und end des schwäbischen künigreichs. Aventin. 4, 281, 34; nun sitzen sie am ort Germanien. 130, 22; und ist Babylon als gros gewesen, das man am ort der stat erst am dritten tag ist innen worden, das die stat gewunnen ist gewesen. 292, 32; an ort und end kommen. buch der liebe 199ᵇ. 237ᵇ. — ein, kein ort sein mit genetiv: so baldt das under den gemeinen haufen kam, do war des gespeis kein ort. Zimm. chron. 2, 515, 27; als des siechtagens ... kein ort sein wolt. 4, 77, 27. — ein, kein ort haben, nehmen:
wolan das buͦch hat schier ein ort.
Scheidt Grob. 4219;
wann er stamlet, redt halbe wort,
so hat sein trinken bald ein ort.
Wickram kunst zu trinken III J 2ᵇ;
so musz er an der frembde sterben,
dann hat ein ort sein handlen, werben.
irr. bilg. VIII;
nachdem und der danz ein ort het. Zimm. chron. 3, 238, 6; wie nun das jagen ein ort het. 251, 20; ebenso unpersönlich mit der präposition mit: noch het es mit disen emptern kain ort. 1, 248, 16; so het es dann mit dem gotzdienst ein ort. 4, 276, 35; dasz es schier kein ort oder ende nimpt. Plinius von Dhaun 245. an, auf, bis, in ein ort, zu ort, zu ende (vollständig, ganz und gar): mhd.
si spilte ir mære unz an den ort (eigentlich bis in die ecke des spielbrettes).
Parz. 94, 19;
ein spil mit der île
het er unz an den ort gespilt.
244, 3;
daʒ wirt zehant von ir getân
und erfüllet ûf ein ort.
Konrad troj. krieg 2289;
wer mac diz alleʒ ûf ein ort
gesagen an daʒ leste wort?
Elisabeth 8805;
nhd. die entschlossen sich entlich .. des dinges an ein ort zu kommen. Zimm. chron. 1, 258, 25; bisz er der sach kumpt an ein ort. Staub-Tobler 1, 484 (vom j. 1534); das haubtgeschäft an ein ort machen. ebenda vom j. 1656;
kumpst allem wollust an ein ort.
Salat verl. sohn 325 Bächtold;
machs auf ein ort (bring es zu ende). Fischart Garg. 103ᵃ;
nun weiter zu der sachen fort,
ich mus es machen auf ein ort.
S. Dominici leben 3176;
letzlich macht ichs auf ein ort. buch der liebe 194ᵈ; den handel auf ein ort zu bringen. 213ᵃ; mit einer person auf ein ort sein, kommen, mit ihr zum abschlusz kommen, einig werden. Vilmar kurh. idiot. 292 (vom j. 1658); schwäb. auf ein ort gehen, einen ausgang nehmen, auf ein ort machen, zu ende machen. Schmid 415. — so es zum ort soll lauffen (beendigt, ausgeführt werden). Widmann Regensb. chron. 178, 16; ich muͦʒ es (das predigen) ietz zuͦ den orten einschlagen (beendigen, einstellen, wie die zipfel eines tuches eingeschlagen werden). Keisersberg häslein ff 1ᵃ;
jetzt will ichs kurzlich uszher sagen
und zuͦn enden zamen schlagen.
Murner narrenbeschw. 95, 147;
ob er es nit gar zu ort pringt (zu ende, zu stande bringt). österr. weisth. 1, 216, 35 (vom j. 1565), ebenso zu ort richten. 6, 21, 44 (1590).
3)
vorderes oder hinteres, oberes oder unteres, seitliches ende, kante, rand, saum, seite, s. Schm.² 1, 151. Staub-Tobler 1, 482. Lexer kärnt. wb. 202.
a)
er in dem gehen auf ein bret tratte an einen ort, das an dem andern aufgenagelt war. Bocc. (1580) 1, 64ᵃ; an beiden orten (der eisen) berlin oder subtile runde knöpflein, mit zu versuchen die leng und tiefe der wunden. Braunschweig chir. (1498) 19ᵇ; zeuch ein stricklin von einem haͤrin sail dardurch und mache an ein jedes ort desz sails ein knöbelin. Seuter rossar zn. 150; nimb einen faden zweier oder dreier elen lang und nimb beide örter zusammen. Paracelsus 1, 355ᵇ; schläuche, die an dem kleinern ort ein höltzerne oder blechene enge röhren haben. Hohberg 1, 352ᵃ; wan es (zaunholz) .. bei dem ort faul wird ainer span hoch. österr. weisth. 6, 108, 29.
b)
ahd. margo, ora Graff 1, 469; mhd.
si (sarwât) wâren umbe daʒ ort   vil chleine gewierôt.
Milstäter exodus 158, 14;
an dem vordern orte (des schildes).
Erec² 2314;
(er) saʒ ter küngîn undr ir mandels ort.
Parz. 88, 9;
der huot was ...
mit edelen steinen über al
wol geziert an sînen orten.
Willehalm 295, 9;
an orten und an enden (des gewandes).
Konrad troj. krieg 20129;
nhd. rede zu den sünen Israhel und sprich zu in, das sie in machen seum durch die örter der mentel. bibel von 1483 74ᵃ (das sie inen lepplin machen an den fittigen irer kleider. 4 Mos. 15, 38); seine oren seind zweier spannen lang, auf alle ort fast breit. Frank weltb. 127ᵇ; darumb fuert er in uf das ort der brucken .. und sprucht zum blinden: spring! Zimm. chron. 2, 357, 27.
c)
bei örtlichen bestimmungen (sich berührend mit III).
α)
mhd. ûf alle ort, in allen, z'allen orten, nach allen seiten, überall (Lexer 2, 170);
in der mitte und an den orten
streit alsô der helde hant.
Biterolf 11338;
nhd. welcher (see) in der mitten sehr tieff, aber an den orten moszächtig und voll rohr. buch der liebe 180ᶜ; Siena die statt war auf allen orten belägert. 218ᶜ; (er hat) die stadt an allen orten angezündt. Abr. a S. Clara Judas 3, 200.
β)
himmelsgegend, weltgegend:
an der werlt vier orte.
A. v. Halberstadt 1, 623;
von den vier ortern des erdreichs. Jes. 11, 12; die vier winde aus den vier örtern des himels. Jer. 49, 36; in die vier ort der welt. Luther 1, 465ᵇ; das end ist nun kommen von den vier orten der welt. Reiszner Jerus. 2, 122ᵃ; er hab einen magneten gehabt, der hab alle vier ort der welt gezeigt. Mathes. Sar. 142ᵇ.
γ)
bergmännisch das ende eines grubenbaues, dann auch ein streckenartiger bau im gegensatze zum schacht. Chemnitzer bergm. wb. 378ᵇ. Veith 355 ff.: auszgehawne örter. Bechius Agricola 91; man sagt ort und ende .. die ursache wissen wenig, allein man verstehet es aus der sprache der bergleute; bei denen ist ort so viel als ende, so weit nemlich der stollen, der schacht oder die strecke getrieben. Leibnitz 1, 468; vor dem ort, vor ort, am ende eines grubenbaues, am arbeitspunkte. Veith 356: ein armer bergmann, der selber mit seinem weibe geschürft und vorm ort gearbeitet. Mathes. Sar. 16ᵇ; so man in dreien schichten keine arbeiter vorm ort findet. 58ᵇ; dieser bergmann arbeitet vor dem ort, das ist, wo es aufhört. Leibnitz 1, 468;
betet! betet! eh ihr hinab,
eh zum letzten male vor ort ihr fahrt.
A. v. Droste-Hülshoff ged. 177;
sie sind vor ort, die lämpchen rund
wie irrwischflämmchen aufgestellt.
178.
4)
da der endpunkt auch der zielpunkt sein kann, so bedeutet ort (wie ende IV) auch ziel, zweck, absicht, grund, jedoch selten (vgl. III, 6, a): wo ihm denn an dem ort (absicht sich zu verheiraten) miszlingen solt. b. d. liebe 252ᵇ; darumb wöllest .. mir an dem ort (in dieser hinsicht) folgen. 247ᵇ; es hat seinen ort (guten grund), dasz. Opitz (1644) 2, 406, vgl. Staub-Tobler 1, 482.
III.
der begriff von end- oder anfangspunkt (rand, saum, seite) dehnt sich schon in mhd. zeit aus zum begriffe eines festen punktes oder theiles im raume, eines standpunktes und platzes, einer stelle und stätte (im concreten und abstracten sinne), wobei allerdings noch manchmal der ursprüngliche sinn von spitze, ecke und ende hindurchschimmert (vergl.ende II). in präpositionalen fügungen dient es oft zum ausdrucke eines adverbialen begriffes (vergl. V).
1)
punkt, stelle an einer fläche, an einem körper: ort an einer fläche, locus geometricus Zedler 25, 2044; balsam buͤchsgen .., welches an etlichen orten mit diamanten versetzt war. Weise erzn. 76 neudruck; besonders am, im menschlichen körper oder im innern wesen des menschen: mhd.
dehein ort an sîner tugent
was ninder mosec unde murc.
Wolfram Willeh. 23, 4;
diu (worte) enrüerent mir kein herzen ort.
Parzival 158, 28;
daʒ süeʒe (wort) an allen orten (überall, durch und durch)
dich hât gesüeʒet.
Walther 5, 25;
von disen klageworten
diu frouwe zallen orten
gar inneclîchen trûrte.
Konrad Engelh. 3358;
nhd. an allen orten seines leibes. Amadis 149 K.;
dann ja kein ort an ihrem leib
vor mir gentzlich nit sicher bleib.
Fischart flöhhatz (1573) 777;
das geschedigt ort. Ryff chir. 99ᵇ; in fleischigen orten. 98ᵇ; die leute .. kriegten heimliche plag an heimlichen örten (gemächt oder after). 1 Sam. 5, 8; er het sie mit einer neuen marter gepeinigt, sie gebrennt an den heimlichen orten. Polychorius Suet. 87ᵇ; an das ort (der brust), da ihm das hertz sitze. Schuppius 798; ich wurde an unterschiedenen orten gequetscht. Weise erzn. 41 neudruck;
(der arzt) das eisen läst in einer wund erwarmen
und es in örter setzt, wo sich der gröste schmertzen fandt.
Hofmannswaldau pastor Fido 117 (4, 5).
aufs innere bezogen:
verzeiht mir ..., ich traf den wunden ort.
Wieland Oberon 10, 31;
was gegen den wildesten heiden ...
die schöne vermag, sobald sie den schwachen ort gefunden,
wobei sie ihn fassen musz.
der neue Amadis 9, 7;
tirol. es fehlt ihm an einem ort (im kopfe). Schöpf 482.
2)
raumtheil eines hauses, gemach:
ich hab im hausz schon alle ört
versucht.
H. Sachs 5, 72, 26;
iedes haus hat seinen ort, der gewiedmet ist zur ruh.
Logau 3, 1, 2;
gab ihn (den gefangenen) ein sonder ort des hauses ein. buch der liebe 180ᵈ; dieser ort (der saal) war zimlich weit und hoch. Zigler Banise 106, 27 Bobert.; der büchersaal ward mir .. der angenehmste ort. Gellert schwed. gräfin (1763) 17;
du lästerst, du entweihest diesen ort (saal).
Göthe 9, 158 (Tasso 2, 3).
auch verhüllende benennung des heimlichen gemaches, des abtrittes. Lexer 2, 170 (Frankfurt, vom j. 1443). Staub-Tobler 1, 481: weil ihn das schrecken in den afterdarm catalogiret: eilet er nach dem ort, welchen man non avec permission nennen darf. Gryphius horrib. 6 neudruck; dazu (zum spaziergange nach aufgehobener tafel) wollte er aber keinen gast zulassen, wenn er nicht vorher einen gewissen ort besucht hätte. Göthe 31, 238.
3)
wohnstätte, haus (vergl. VI): ich habe lieb die stete deines hauses und den ort, da deine ehre wohnet. ps. 26, 8;
nun hebt mich auf und tragt mich fort,
hinein an mein begehrtes ort!
H. Sachs 6, 170, 23
(so tragt mich in das hausz hinein.
15).
4)
ein von menschen besuchter und benutzter platz, ein platz des öffentlichen verkehrs:
er setzt dich an ein offen ort.
liedersaal 3, 332, 51;
es wäre hier (am öffentlichen badeplatze) ein freier ort, da die ersten das beste recht hätten. Weise erzn. 19 neudruck; an einem vornehmen ort erscheinen. 33; dasz ich nicht vermeiden konnte, sie bald auf dem theater, bald an öffentlichen orten .. zu sehen. Göthe 19, 98; wäre ein schlechtes bild an einem öffentlichen orte aufgestellt. 44, 48; man durchsuchte alle .. wirthshäuser und berüchtigte örter, wo fremde wohnen konnten. Schiller 4, 172; wenn denn ... ein barönchen ... ein mädchen vom mittelstand an solche örter (auf die bälle) hinführt. H. L. Wagner die kindermörderin 300 Sauer; so würde ich meinen eleven an die zügellosesten und ausgelassensten örter begleiten. 303; der tempel und die haine von Delphi, diese geheiligten örter, wo sie einander zuerst gesehen. Wieland 1, 306; auch mahlt ihr ja meistens für kirchen und heilige örter. Tieck 16, 18.
5)
sonst ein abgegrenzter, umschlossener raum, eine strecke (vergl. VI, 2, b): und war der orth des tempels zu klein, die menge der leute zu fassen. pers. baumg. 8, 13; ein mit schranken umgebener orth als ein runder schauplatz. pers. reisebeschr. 1, 12; Laban machet ort dreier tagreis weit zwischend im und Jacob. Staub-Tobler 1, 481 (vom j. 1531); abstract:
zum werke von dem wort
ist oft ein weiter ort.
Logau 1, 3, 19.
auch vom raume im philosophischen sinne:
eh gott die welt erschuf, was war in diesem ort?
es war der ort selbselbst, gott und sein ewges wort.
A. Silesius cherub. wandersm. 5, 279.
6)
irgend ein platz, eine stelle im allgemeinen oder mit näherer bestimmung.
a)
im allgemeinen ohne nebenbegriff: denn der ort, da du auf stehest, ist ein heilig land. 2 Mos. 3, 5; gewislich ist der herr an diesem ort. 1 Mos. 28, 16; das gott an allen orten (überall) sei. Luther 6, 189ᵃ; da es dann an einem ort regnete .., am andern ort war es schön. volksbuch von dr. Faust 56 neudruck;
drauszen am orte,
wo ich dich zuerst sprach.
Göthe 5, 259.
an dem ort, an den orten, mit zeitlichem nebenbegriffe (vgl. II, 4):
darnach frag ich nichts an dem ort (hier, jetzt).
H. Sachs 13, 302, 7;
fragt man die warheit an dem ort,
so laugen sie mit keinem wort!
7, 143, 12;
weil Daniel sie an den orten
hett uberzeugt mit eignen worten.
15, 282, 19 u. ö.
b)
näher bestimmt durch ein adjectiv oder durch einen genetiv: liecht, das da scheinet in einem tunkeln ort. 2 Petr. 1, 19 (an der tunkeln stät. cod. Tepl.); das er zuvor ist hinunter gefaren in die untersten orter der erden. Eph. 4, 9 (in die untersten tail); auf das sie nicht komen an diesen ort der qual. Luc. 16, 28 (an die stat dirre quelung); an haimlichen örtern. Mathes. Sar. 45ᵃ; sy wuszten aber kein sicher ort im dorf, dahin sy iren kram .. tragen möchten. Wickram rollw. 105, 9 Kurz; der eine (hahn) verstecket sich an einen sichern orth. Lokmans fab. 36;
uns in ein stilles ort
verstehlend.
Weckherlin 464;
(er hatte ihn) aus dem orte seiner zuflucht vertrieben. Klopstock 12, 287;
denn in unserer welt ...
war kein raum für örter der quaal.
Mess. (1748) 2, 258 (1799 orte);
in der tiefe des gartens ...
ist ein einsamer ort von zwanzig palmen umschattet.
4, 1335;
es strömt der klagen lauff am liebsten in der nacht,
an einem sichern ort, wo nichts uns zittern macht.
der junge Göthe 1, 184;
siehst du nicht dort
Erlkönigs töchter am düstern ort?
werke 1, 184;
es sei in solchen fällen gebräuchlich, dasz man an einsame örter gehe, um die sache .. ausmachen zu können. 24, 149; erst sahen wir an feuchtlichen örtern .. ein stückchen wiese. 28, 178;
und es treibt und reiszt ihn fort
an des berges finstern ort.
Schiller 11, 403;
die lerche singt der sonne nach
von hohem ort.
Rückert 6, 189.
der rechte oder unrechte, der wahre ort im concreten und abstracten sinne, manchmal mit zeitlichem nebenbegriffe:
jetzt hab ich meinen wahren ort gefunden:
an deinem herzen endet meine irrfahrt.
Schiller 13, 258 (jungfr. von Orl. 3, 3);
da galts, da war der rechte ort (gelegenheit),
als du dein reich mit ihm getheilet.
6, 414;
dir scheinen die scherze
nicht am rechten orte zu sein.
Göthe 1, 341;
doch ein blick am rechten orte
übrig läszt er keinen wahn.
3, 57;
ich stelle mich nicht fromm, ich bin es am rechten orte. 30, 247; sei kalt, klug und tapfer am rechten ort! Klinger theater 1, 34;
nur gewirkt am rechten orte,
und am rechten ort in ruh!
Wackernagel ged., auswahl 74;
schweiz. etwas ans rechte ort thun, richtig auslegen, deuten. Staub-Tobler 1, 482; am unrechten orte angebrachte launen. Zimmermann über die einsamkeit 3, 427; dein spott ist hier am unrechten orte. Auerbach ges. schriften 14, 175; auch prägnant ohne adjectiv:
nur dasz hier
der ort dazu nicht war.
Wieland hor. br.² 2, 208;
hier sind räthsel nicht am orte.
Göthe 41, 9.
7)
besonders eine bestimmte, angewiesene oder gehörige stelle als stand, lage, sitz (amt).
a)
mehr allgemein: die stadt lieget am selben orthe, da sich der strohm zertheilet. pers. reisebeschr. 3, 1; es haben die götter und die menschen nicht ohne ursach diesen ort die stadt (Rom) zu bauen erkohren. abentheuer (1656) 88; als er an das ort des verlassenen lägers kam. Kirchhof wendunm. 6ᵇ; er hat an das ort, do der bildstock gestanden, ain capellin lassen bawen. Zimm. chron. 1, 433, 13; du wöllest mich an das ort, da dem Apollo ein tempel gebauwet ist, führen. buch der liebe 184ᵇ;
nun tretet nur wieder an euren ort.
Gryphius P. Squentz 23 neudruck;
du hast das firmament an seinen ort erhöht.
Haller 4 Hirzel;
jeder stellte sich (im zimmer) an den angewiesenen ort. Klinger 6, 42; seit mehr als hundert jahren hatte ... jedes hausgeräthe seinen bestimmten ort. Stilling jüngl. (1780) 3. — etwas an seinen ort legen, bringen, stellen u. dergl.: sendet die lade wieder an ihren ort. 1 Sam. 5, 11; stecke dein schwert an seinen ort. Matth. 26, 52 (ker dein waffen an sein stat. cod. Tepl.); er warf das papier an seinen ort. Weise erzn. 57 neudruck; die bücher wieder an ihren ort zu legen. Wieland 35, 261; meine habseligkeiten wieder an ihren ort zu bringen. Thümmel reise 10 (1805), 203; abstract, etwas an seinen ort bringen, richtig anbringen. Schuppius 105; etwas an seinen ort stellen, an seinen (seinem) ort gestellt sein lassen, es auf sich beruhen lassen, wobei allerdings auch manchmal eine buchstelle gemeint sein kann (s. 8): das stelle ich an seinen ort. Schuppius 796; ich lasse dieses an seinen ort gestellet sein. 96; weil ich die alte fromme sage ... an ihren ort gestellt sein liesze. Lessing 10, 38; gerne hätte ich die sache an ihren ort gestellt sein lassen. Göthe 19, 295. — ich von meinem orte (von meinem standpunkte aus, meinerseits, s.V, 1, c). Schuppius 270. Leibnitz 1, 482. Weise comödien 126. — den ort verändern, vom orte rücken u. s. w.: die veränderung des ortes nennen wir die bewegung. Wolff vern. gedanken von gott u. s. w. § 57. Kant 8, 458 (vergl. ortsveränderung);
ein zelt, das man vom orte rückt.
Göthe 5, 13;
sie rücken sacht von ort zu ort.
12, 97;
wir müszten uns drücken von ort zu ort.
Schiller 13, 26;
andre fahren rüstig fort
wo wir stehn geblieben,
und die welt von ort zu ort
wird sich weiter schieben.
Rückert 6, 140.
b)
im engeren sinne.
α)
ort haben, platz, raum haben zum liegen (im bette) oder sitzen. Schm.² 1, 151; schweiz. der erst im bett hätt 's wîter ort (mehr raum), wer bei einer sache zuerst ist, hat den vortheil. Staub-Tobler 1, 481.
β)
sitz bei tische oder in einer versammlung:
er sasz an ehrlichen orthen (ab alto).
Murner En. (1559) D 3ᵇ;
ihnen solt .. in den versamlungen ein ehrlich ort bescheiden werden. Wurstisen 269; bei tische solte man das erst ort den schleckerhaftesten zueignen. Bebel facet. deutsch (1589) 125ᵃ;
(er) setzt dich an das öberst ort.
Scheidt Grobian. 2618.
überhaupt ein bestimmter persönlicher platz bei tische, im kirchenstuhle, in der schule u. s. w. Staub-Tobler 1, 481.
γ)
eine stelle im amte oder range: es ist nicht der ort (ehrenstelle) dem menschen, sondern der mensch dem ort eine ehre. Schuppius 541; ort und stand in der gesellschaft. 721; er gab ihm das erste und höchste ort (vorher die höchste stelle) im königreich. Albertinus narrenhatz 298.
δ)
dienstplatz Schöpf tirol. idiot. 483. Weinhold schles. wb. 67ᵇ. Gotthelf Uli d. pächter (1859) 182.
ε)
astronomisch, wahrer, scheinbarer, optischer ort u. s. w. mathemat. lexic. 1, 963 ff.; ihren ort verändernde sonnen (irrthümlich sogenannte fixsterne). Humboldt kosmos 1, 93; den ort angeben, wo ein comet zuerst am himmel gesehen ward. 105; geogr., naut. methoden, den ort (dessen geographische breite und länge) zu bestimmen. 2, 333.
8)
stelle in einer schrift, wo ein satz, ein ausspruch u. s. w. sich befindet: bis er an den ort kam, da geschrieben stehet. Luther 1, 119ᵃ; Johannes Hus verneinet, das solch wort an dem ort stünde. 6, 498ᵃ; aus dem text desselbigen orts. 3, 343ᵇ; an vielen orten in den evangelien. 5, 311ᵇ; davon etwas gerüret an andern örten. 6, 89ᵇ; und wirdt an vielen örtern mehr in Paulo gehandelt. Melanchthon augsb. conf. 15; sant Paulus tuet des meldung mer dan an ainem ort. Aventin. 4, 156, 9; wie ich hernach an mer örtern mit grund anzaigen wird. 149, 18; man liest am orte, der mensch lebt nicht vom brot allein. Ringwald ev. L 2ᵇ; da ich diesen .. menschen hier zu erwähnen veranlaszt werde, so ist hier wohl der ort, .. einiges über ihn zu sagen. Göthe 26, 76; darüber entstand ein böser handel, dessen ich an seinem ort gedenken will. 34, 78; wie die äuszere literatur auf mich in jüngern jahren gewirkt, ist an mehrern orten schon angedeutet. 30, 199; am angeführten, angezogenen orte u. s. w.
9)
das an einer solchen stelle enthaltene, die textstelle (nun veraltet): diesen ort kan niemand bas auslegen denn Paulus. Luther 3, 176ᵇ; wenn im gemeldte örter der schrift vorgelesen würden. Sleidanus zwei reden 52 Böhmer; ich wil nur ausz dem Walter von der Vogelweide .. einen einigen ort setzen. Opitz poeterei 18 neudruck; erklärung etlicher dunkeln örter. Gryphius trauersp. 129 Palm; ein ort im Homerus. Hofmannswaldau der sterbende Socrates 81; wie Hammond die beiden örter (bibelstellen) erkläret. Wolff vern. ged. von gott u. s. w. § 380; zwei örter aus gegenwärtigem stücke .. mögen es beweisen. Lessing 3, 121; Meursius braucht diesen ort des Cicero auch sehr glücklich zur verbesserung einer stelle des Thucydides. 6, 289; diese orte dieses werkes sind es, über welche ich mit meinen nachforschungen nie hinauskommen können. 9, 464.
IV.
in sehr vielen fällen ist ort verbunden mit einem sinnverwandten ausdrucke, besonders in präpositionalen fügungen, die oft einen adverbialen sinn haben (vergl. III und V).
1)
ort und ende, sich berührend mit II, 2 (vergl.ende theil 3, 449):
geschickt an alle ort und end.
Daniel (1545) M 3ᵇ;
da fuͤrt mans an die end und ort (dahin),
da sie alle sind ermordt.
Murner narrenbeschw. 55, 27;
an ort und ende wolt er es vielmehr versenken,
da keinen menschen es mehr solt hinforter krenken.
D. v. d. Werder Ariost 9, 87, 6;
der edelmann vermerkt die liebe der greffin und stellet sich oft an orten und enden, da er dann wuszt, das sy fur gan wurde. Wickram rollw. 134, 23 Kurz; gedachte er solchs an ort und ende (dahin) zu notificiren. Simpl. 2, 105, 7; einige brieff an ort und ende zu tragen. 310, 12; an allen orten und enden der christenheit. Lessing 10, 217; es gab besuche von allen orten und enden. Zimmermann über die einsamkeit 1, 186; von allen orten und enden her erhub sich ein herzzerschneidendes geschrei nach hülfe. Schiller 9, 61;
feuerwerke des abends von allen orten und enden
leuchten und knallen.
Göthe 40, 265.
2)
ort und stand (s. bei III, 7, c), ort und platz (s. bei V, 2, d), ort und stelle: wie ich dir an ort und stelle gesagt habe. Thümmel reise 5 (1795), 61; mädchen, dem ort und stelle einer zusammenkunft ins ohr geraunt wird. Göthe 44, 262; ich kann mich noch des ortes und der stelle erinnern, wo. 25, 90; ich bring euch an ort und stelle. 21, 59; um an ort und stelle die that zu untersuchen. 16, 146; ohne genaue nachrichten an ort und stelle zu sammeln. 18, 58; sie hatten ihr bleiben an ort und stelle entschieden ausgesprochen. 31, 29; an ort und stelle (des buches). 44, 161. — ort und stellung: es stand alles da noch beisammen, es griff durch ort und stellung gar bequem .. in einander. 31, 28.
3)
ort und raum:
wo kein raum und ort verhanden,
wird auch nichts nicht sein und bleiben.
Logau 2, zugabe 24;
immer war mir das feld und der wald und der fels und die gärten
nur ein raum, und du machst sie, geliebte, zum ort (machst sie
durch deine anwesenheit für mich belebt und wohnlich).
Göthe 21, 395.
4)
verbunden mit zeit, stunde u. s. w.:
wir menschen seind mit sorgen, pein und plagen
all ort und zeit, in stätten, auf dem feld,
von himel, luft, möhr und uns selbs geschlagen.
Weckherlin 386;
glaube, was die Griechen tichten,
wer da wil. uns kan zum zeugnüsz ort und tag es selbsten richten.
Logau 3, zugabe 3;
du nennst mir zeit und ort, du schwurst mir gleich zu kommen.
Günther 296;
zeit und ort menschlicher geburt. Butschky Patm. 13 (8); die einheiten der zeit und des ortes (einer dramatischen handlung). Lessing 7, 207; hier sind mehr die örter als die zeitfolgen hintereinander gestellt. 11, 161; unterschied der zeiten, der orte. Göthe 26, 101;
ich bin zum kampfe bereit! man setze den tag an
und den ort.
40, 150;
ort und stunde konnten dazu nicht unglücklicher gewählt sein. Immermann Münchh. 4, 253.
V.
statt der bei III und IV. schon häufig begegneten dativischen fügung mit an wird im nhd. wie bei ende (th. 3, 449. 457) gerne der adverbiale genetiv singularis oder pluralis gebraucht.
1)
genetiv singularis.
a)
des, dieses orts, an dieser stelle, hier (örtlich und zeitlich) oder dort, hierin ('ist ober- und kanzleideutsch'. Heynatz 2, 314): sorgen, so euch des orts (hierin) möchten anfechten. Rebhun klag des armen manns 6; dem zu weilen des ortes trost von nöten. 5;
was des orts oder dort ist geschehen.
Schmelzl lobspruch ⅬⅩⅤ Hormayr;
kirche, welche Otto der erst des orts (dort) gebawet.
Brotuff chron. R 1ᵃ;
wo man von einem gewar ward, das er des orts (hierin) ungehorsam was.
Wickram rollw. 147, 23 Kurz;
wo komstu her, was ist des ortes dein beger?
Ringwald tr. Eck. N 1ᵇ;
wen suchstu dieses ortes?
ev. O 6ᵇ;
wann er angesprengt je werden solt des orts.
D. v. d. Werder Ariost 5, 44, 3;
bin ich schon dises orts kein auszgerüster tichter.
Rompler 82;
bat um verzeihung meiner dieses orts gemachten ungelegenheit. pers. rosenth. 1, 29; dieses ohrtes ist die luft noch gesund. Butschky kanzl. 88; wenn man disz orts (hierin) der natur willfahre. Simpl. 1, 159, 11; rath, dem ich disz orts nicht ausz handen gehen ... werde. 2, 538, 2. — dieses orts, hier orts, gehörigen orts (nach III, 8): worumb ich des orts (an diese stelle des buches, hier) .. hab wöllen sagen was die erbsünde sei. Luther 6, 381ᵇ; es ist nicht dieses orts, .. zu untersuchen. Hahn hist. 3, 229 anm. d; wie ich gehörigen orts gezeigt habe. Schlegel vorles. 2, 314, 14 neudruck; angezogenen orts. Lessing 10, 81. — kanzleimäszig, gehörigen, höheren orts u. dergl. Heynatz 2, 314.
b)
wes, welches, solches, jedes orts u. s. w.: wes, welches orts — hin (wohin). Ringwald l. w. 290. 481;
als iedermann bekennen musz,
der solches orts (dort) gewesen.
Rompler 168;
jedes orts (überall und immer). Lessing 10, 308.
c)
meines, seines, ihres, unseres orts, von meinem standpunkte aus, ich an meiner stelle, für meine person, was mich betrifft, meinerseits u. s. w. Heynatz 2, 313 f.: welches, was es für ungelegenheit den potentaten .. über den hals zu ziehen pflege, stelle ich meines ohrts die ganze welt und so viel hundert exempel zu lehrmeistern. Butschky Patm. 399 (299); ich meines orts blieb auf .. meiner meinung. ehe eines weibes 17; ich meines orts gedachte. Felsenb. 1, 115; ich meines orts wolte vielmehr behaupten, dasz. rockenphil. 752 (5, 34); ich meines orts gestehe, dasz. Wieland 6, 184; ich meines orts bin ziemlich geneigt zu glauben, dasz. 35, 203;
ich meines orts, ich blieb wie eine säule stehn.
der neue Amadis 16, 11;
ich meines orts, ich mag ihn nicht.
Werner M. Luther 3, 1;
ich meines ortes mache mich anheischig. J. Paul teuf. papiere 1, 47; auch meines wenigen orts, ich für meine geringe person: so heiszet mich jedoch meine .. treu ein weg als den andern meines wenigen orts dem feind einen abbruch thun. Simplic. 1, 431, 4. — hätten zwei eheleuth miteinander ein testament gemacht und eines wäre aus ihnen gestorben, ohne dasz es seines orths widerrufen hätte, so. Mainzer landrecht (1755) xiii, § 2; er .. fragte, ob er seines orts auch glaube, dasz. heiml. klagel. 21;
der neger seines orts thut was dem herrn vom hause
geziemt.
Wieland der neue Amadis 12, 15;
Herreke .. überfiel seines orts einige Kieler bürger. Dahlmann dän. gesch. 1, 506. — ihres orts Leibnitz 2, 87. 138; versuchen sie ihres orts, wie weit sie's .. bringen. Gotter 3, 320;
(sie) liesz ihres orts es ihm nicht an ermunterung fehlen.
Wieland der neue Amadis 12, 18;
als ob man unsers orts .. in sie dringen .. wolle. Leibnitz 2, 87; wir unsers ortes haben in keinerlei absicht einiges interesse, ihn besser zu machen als er in der that war. Wieland 2, 217; so dasz wir nun wieder unsers orts im stande sind .. J. Paul Tit. 1, 155.
2)
genetiv pluralis, gewöhnlich mit der schwachen form orten (s. th. 1, 226).
a)
der, dieser, selbiger orten (orte, örter):
Daphnis reiset auch der orten (dort).
Spee trutzn. 228 B.;
arabische rauber, welche der orten die strauszenfänger zu fangen ausgangen waren. Simpl. 1, 941, 28; im Kintzger thal und der orten herumb. 2, 308, 14; wann er der orten (dahin) schreibet. medic. maulaffe 261;
ob eur einer kennet iemand,
der dieser orten (dahin) fahren wolt.
Ayrer 1529, 9;
Simpel meinet .. dieser orte (dort) wer er nütz.
Logau 2, 9, 19;
wenn du nimmer widerumb diser örter (dahin) kommen soltest. Spee gold. tugendb. 492; ich frage dich nochmalen, was du dieser örter (hier) zu schaffen .. habest? Rist dicht. 71 Göd.; nachdeme wir nun dieser örter angelanget. 6; unser regiment werde nach Hilperstain, Heydeck und selbiger orten herumb gelegt. Simpl. 2, 124, 20. — kanzleimäszig: damit solche gehöriger orthen .. justificiert werden mögen. österr. weisth. 6, 455, 22 (vom jahre 1608).
b)
wer (welcher) orten, wo:
(zeigen,) wer orten er mag sein.
Spee trutzn. 37 B.
c)
anderer orten, anderwärts: ob ainer weeg .. durch die zeun oder anderer orthen machte. österr. weisth. 6, 239, 31 (vom j. 1523); sie kauffen ander orten woll zusammen. Schuppius 751; sorgen, womit sich andrer orten die armen käuze placken. Wieland 8, 258; anderer orten musz man das bedeutende aufsuchen. Göthe 27, 211; und so haben sonne und mond ... hier ein ganz anderes geschäft als anderer orten. 27, 272; die alten bekümmerten sich hier so wenig um ihn, als anderer orten, wenn sie ihm zufällig begegneten. Immermann Münchh. 4, 12.
d)
vieler, jeder, aller orten (orte), s.allerorten th. 1, 226:
indesz ich im lande
vieler orten und enden die sorglichste wache gehalten.
Göthe 40, 147;
auch vieler orts (nach analogie von vielerseits, allerseits u. ä.) Grabbe 2, 420. — gelt, welches ... alle berg und thal eben macht und jeder orten victorisirt. Simpl. 2, 593, 19. — hierauf vereinbarten sich aller orten gesandte. Wurstisen 591; als man aller orten vleiszig gesuocht. S. Bürster 190;
mohren haben weisze zähne, sind sonst schwartz fast aller orten (am ganzen körper).
Logau 2, 8, 19;
namen, die so kennlich aller orte (: worte).
2, 8, 47;
darüber höhrt man dich .. aller orten.
P. Gerhard 1, 4 Gödeke;
lasz mich allzeit aller orten
schmecken deine süszigkeit.
17, 91;
seind auch bereits aller orten die laiter angelehnt die mauern (der festung) zu übersteigen. Abr. a S. Clara Judas 4, 190;
aller orten seh ich
tyrische waaren und schätze schwimmen.
Götz 2, 42;
frauen und jungfrauen genossen, wie aller orten, des besondern schutzes der gesetze. Wieland 2, 234; Plato muszte immer um ihn sein, ihn aller orten begleiten. 272;
dichter, fruchtbar aller orten
bald mit zeichen, bald mit worten.
Göthe 2, 165;
das preisen die schüler aller orten.
12, 96;
er ist unser fürst geworden,
er soll helfen aller orten.
Lenz 3, 234;
aller orten sah man truppen marschieren. Schiller 7, 265;
ob nicht ein fallstrick irgendwo hier laure,
musz ich die augen aller orten haben.
6, 130 (die Phöniz. 2, 1).
verbunden mit synonymem ende, platz u. dergl.:
ich aller ort und plätzen
dem jüngling schleiche nach.
Spee trutzn. 35 B.;
aller ort und straszen.
47;
ich leb in last
fast aller end und orten.
23;
der lebend leichnam unzertrennt ..
zugleich ist aller ort und end,
wo jenes brot erhoben.
246;
dasz man ... aller enden und orten solche schauspiele von uns selbst giebt! Klopstock 12, 268; (dasz er) aller orten und enden .. zum besten gehabt werde. Göthe 25, 34.
3)
statt des genetivs steht in der älteren zeit auch der accusativ:
liesz darnach erst gemelte wort
im hof an schreiben alle ort.
H. Sachs 4, 88, 9.
VI.
der begriff von ort III erweitert sich im nhd. endlich in den eines zu einer wohnungsgesamtheit abgeschlossenen raumes oder eines angebauten und bewohnten landtheiles.
1)
schlosz, burg, dorf, flecken, stadt (je nach dem zusammenhange), auch die gesamtheit der bewohner eines solchen ortes (vergl.ortschaft), z. b. im singular:
ein iedes ort hat seinen sit.
Scheidt Grobian. 385;
(er) wolte schicken mich an ein gar festes ort.
D. v. d. Werder Ariost 5, 73, 7;
Jerusalem war das hohe ort in der welt. Reiszner Jerus. 1, 22ᵃ; das bestimmet ort zuͦ haltung des künftigen conciliums. Wurstisen 238; enterhalb der bruggen ... ist ein ort, das Urfer genant, von vielen zusamb erbauten heusern sambt ainer kirchen. Ernstinger raisbuch 24; Abdera ... ist ein schönes ort. Schuppius 715; weil der ort vor grobem geschütz nicht bestehen kan. Simpl. 1, 431, 14; dieses ort (die festung) zu überrumpeln. Abr. a S. Clara Jud. 4, 190; (da) sah ich links unten im thal .. einen hübschen ort. Göthe 30, 46; der Selicour ist aus meinem ort (geburts-, heimatsorte), wie sie wissen. Schiller 14, 194 (parasit 1, 2); es ist der lieblichste ort, den ich in Sicilien gesehen. Seume spazierg. 280; das haus lag abgesondert von dem orte, und man konnte nicht merken, dasz es einem städtchen zugehöre. Börne 2, 78; er ist in einem kleinen ort in kummer und elend gestorben. Tieck ges. novellen 5, 170; Schliengen, so ein schöner braver ort (dorf) ist. Hebel (1843) 3, 146; der bediente sprang ... zum tempel hinaus und ins ort. 148;
der bauer hat sein gut
zum festen ort geflüchtet.
Uhland (1879) 2, 200;
der kaiser kommt morgen durch unsern ort. Auerbach ges. schriften 17, 90; der ganze ort zog aus, der ganze ort spricht davon u. s. w.im plural: das die Türken ... die festesten örter ... der Hungarn gewonnen haben. Luther 2, 165ᵇ; wir sind gelauffen gen Rom, Trier und ander örter. 5, 315ᵇ; veste örter. Rauwolff reise 86; so sich .. rhuͦmen der örter, die sie doch ihr lebenlang noch nie gesehen. Alberus widder Jörg Witzeln mammeluken q 2ᵇ; derfer und örter. S. Bürster 91; andere haben sie (meine tractätlein) an andere örter geschickt und alsbald nachdrucken lassen. Schuppius 617;
was ist zu unsrer zeit das gröszte wunderwerk?
zween örter: erstlich Wien, hernach auch Wittenberg.
Günther 545;
ich finde an allen drei örtern (Wien, Hamburg, Hannover) sehr gute bekannte. Lessing 12, 8; reise durch meist unangenehme örter. Uz 2, 258; strasze, die ihn durch wüste und öde örter des abends ... in ein elendes dörfchen brachte. Stilling wand. (1780) 3; die schönsten örter der welt. Wieland 10, 19; die örter in der gegend haben alle das ansehen der wohlhabenheit. Seume spazierg. 56; alle örter, die an dem meerbusen von Neapel ... liegen. 194; (da) liegen hübsche örter. Göthe 16, 276; gröszere orte. 44, 45; kleine orte. 48.
2)
ein angebauter oder bewohnter theil landes von verschiedenem umfange (nun veraltet).
a)
zunächst in anlehnung an I, 3 ein winkel-, zipfelartiges landstück, eine landspitze: ein ort und zipfel in das mer sich streckend. Aventin. 4, 300, 3; das ort, ein theil der stadt Passau als landspitze zwischen zwei sich vereinenden flüssen. Schm.² 1, 151. vergl. Staub-Tobler 1, 483.
b)
sonst ein abgegrenztes stück landes (feldes, waldes), vergl. III, 5: weil solches orth gar in ihren zürkel .. gelegen. österr. weisth. 6, 86, 33 (vom j. 1565); dasz orth, so man ihme ... hat zu kaufen geben, ligt auch im purkfridt. 215, 30 (vom j. 1646); ein orth wald .. solle unter gesamte nachbarschaft .. in gleiche vertheilung komen. 75, 27; da er in Hungern mit einem orth landes ist begabet worden. Micrälius 1, 81; nassauisch, ein ort mit kartoffel. Kehrein 1, 301.
c)
landbezirk, provinz, sowie die gesamtheit der bewohner einer solchen Schm.² 1, 151: das land Caria, so ein ort Asien ist. Aventin. 4, 197, 25; Joseph schickt nach seinem vater und brüdern, gab in das pest ort .. in Aegypten ein. 128, 15; unser vorvordern haben Groszgermanien in fünf örter getailt. 99, 9; die eilf örter in Italien. 641, 4 f.; Chams kinder .. nemen das beste ort der welt ein .., die babylonische ebne. Mathesius Sar. 82ᵇ; als Bogiszlaus V., deme der hinter pommersche ort von Wollin bis an die Stolpe zugefallen war, verstarb. Micrälius 3, 384; die zwai ort (stämme) Beniamin und Jehuda. Aventin. 4, 289, 12, wechselt mit volk 685, 16 ff.
d)
schweiz. bestandtheil der alten eidgenossenschaft, kanton und einwohnerschaft eines solchen (kanton von kante Diez⁴ 85) Staub-Tobler 1, 485: brief, den die fünf ort mit dem römschen künig hetten uffgericht. Th. Platter 57 B.;
disz ist der pundt der eidgnoschaft,
verknüpft, verringlet und behaft
mit eid der orthen.
J. Ruef etter Heini s. 27, 3;
die acht alten orte, die zugewandten orte. Steinbach 2, 161. Zedler 25, 2035.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1886), Bd. VII (1889), Sp. 1350, Z. 70.

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Zitationshilfe
„ort“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/ort>, abgerufen am 07.08.2020.

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