Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

pöbel, m.

pöbel, m.,
mhd. und frühnhd. auch n. ohne plural; mhd. und md. seit dem 13. jahrh. povel, bovel (pavel Beheim buch von den Wienern 20, 19. 45, 25. 54, 20), mnd. popel, poppel (Schiller-Lübben 3, 361ᵃ f.), nhd. im 16. jahrh. bofel (th. 2, 218), pofel, poffel wie noch in den oberd. mundarten (s. 2), sonst mit umlaut pövel (vereinzelt schon im 15. jahrh.), pöfel, pöffel bis ins 17. jahrh. neben jetzigem pöbel, das schon in Luthers bibel vorkommt. das wort ist entlehnt aus prov. poble (altfrz. poblus = lat. populus), franz. peuple, dem die umgelauteten formen entsprechen. über den wechsel zwischen b, v, f s. theil 1, 1053. 3, 1210. 12, 2 f.
1)
volk, volksmenge, einwohnerschaft, leute im allgemeinen, sodann (oft mit einem adjectiv) das gemeine, geringe volk, die niedern stände, endlich der grosze haufen, das gemeine, rohe volk, rohe leute überhaupt in bezug auf that, wort oder gesinnung. die allmähliche abstufung (wie im franz.) ergibt sich aus den folgenden chronologisch geordneten beispielen.
a)
mhd. bis ins 15. jahrh.:
(man sah) manger slahte fremden bovel.
Parz. 350, 29;
die juncfrouwe erhôrte sân
den bovel (var. povel) komen ûʒ der stat.
408, 3;
sîn bovel (leute, dienerschaft) man dort vor ersach.
18, 22;
von der stat des povels schar
zogete allenthalben dar.
Konrad troj. krieg 47809;
Gâwein hieʒ an die wer
daʒ povel alleʒ vallen.
H. v. Türlin krone 10016;
eʒ mac wol curteis povel sîn.
Marner 11, 25 Strauch;
ir povel, die andern Sarratzen,
als die unwerlichen, sie lieʒen gên.
kreuzfahrt 6280;
da wart geladen die menig des volks und dahin chom ein groʒer povel. gesta Roman. 52ᵃ der Münchner handschrift;
daʒ macht ein groszen schal
in dem pofel uber al.
Wittenweiler ring 40ᶜ, 23;
das die stimm des povels veritas sei.
Vintler 3881;
und daucht den povel das gesetz ze hert.
4776;
daʒ ander bövel slief.
gesammtabenteuer nr. 55, 719;
aber do Josua het gehört das böfel des schreienden volkes. bibel 1483 48ᵇ; die (patricier) wolten das regiment nicht auszer der hant in solich pöfel geben. Meisterlin 138, 17; als das also von dem .. freveln pöfel geschrien was. 135, 22.
b)
nhd. im 16. jahrh.
α)
pofel, poffel: gemain pofel, die schlecht rot, vulgus. Aventin. 1, 391, 15. 397, 7; der gemain poffel in stetten und uff dem lant. Baumann quellen 2, 606;
angegeben .. beim pofel und zu hofe.
Ringwald geistliche lieder C 3.
β)
pövel, pöfel (böfel), pöffel: dann ob wohl ein rath, die väter und die guten darwider weren, es würd sich doch das pövel an uns miszbrauchen und vergessen. Schöfferlin Liv. 37, pöfel 18; den pöfel hetzen ... toll und töricht machen. Luther 3, 39ᵇ; das da nicht der pöfel, sondern oberkeit das werk gefuͤrt hat. 40ᵃ; der pöfel ist zu boͤse. 4, 220ᵇ; also der pöfel, so sie hoͤren von der freiheit, wissen sie nicht, was solche freiheit ist. 7, 18ᵇ; wie der gemein pöfel mit den heiligen und walfarten öffentlich abgötterei treibt. 6, 447ᵇ; so doch .. diser arm pöffel .. im land und rechten stand ist blieben. an die radherrn D 1ᵇ; das gmain torecht pöfel. Aventin. 4, 814, 8; davon .. auch unser gemain pöfl vil zu sagen wais. 535, 6; der pöffel und gemaine man. Baumann quellen 1, 447; der pöffel und verdorben leut. 456;
und wolt dem tollen pöffel fein
ein solche meinung sagen ein.
E. Alberus 68ᵇ;
ein rath dem pöfel underthon.
Schwarzenberg 118ᵇ;
und ist ein solch geleuf von gemainen pöffel entstanden. Zimm. chron.² 3, 544, 42; solch des gemainen pöfels murbeln. 456, 21; (er liesz) die porten verwarten, damit der pöfel nit zue lief und das getreng vom gemainen haufen zu grosz würde. 3, 181, 14; ja der papst selbs, so wol als der gemein pöffel .. ins fegfeuer dantzen müszten. Fischart bienenk. (1580) 110ᵃ; schalten Güntern und seinen anhang für ketzer und erregten .. den gemeinen pöfel gegen sie. Schütz Preuszen 109;
wie man in dem Josepho list,
dasz der gmain pöffel gwesen ist
zu Jerusalem also frei.
Ayrer 749, 32.
sprichwörtlich: des böfels lob helt nicht die prob. Frank sprichw. 1, 133ᵃ; dem böfel kan niemand recht thun. 2, 17ᵃ; dem böfel weicht auch der teufel. 100ᵇ.
γ)
pöbel: und wird ewr wenig pöbels uberbleiben. 5 Mos. 28, 62; Ruben lebe und sterbe nicht, und sein pöbel sei gering. 33, 6; da bückt sich der pöbel, da demütigen sich die junkern. Jes. 2, 9; dein pöbel wird durchs schwert fallen und deine krieger im streit. 3, 28; darumb fellet inen ir pöbel zu, und lauffen inen zu mit hauffen, wie wasser. ps. 73, 10; ich bin gram .. dem tollen pöbel zu Sichem. Sir. 50, 28; das sie aber den unordigen pöbel erwecken und rottisch machen. Luther 3, 40ᵃ; der bübel und das gemein volk. Ickelsamer clag etlicher brüder 63ᵃ, dazu stimmt bairisch der gmain bibl Schm.² 1, 384.
c)
im 17. bis in den anfang des 18. jahrh.
α)
pövel, pöfel, pöffel:
Vireno. der keuschheit wird umsonst gespüret und gestellt,
Olympia. die leicht doch in den mund des blinden pövels fällt.
Vireno. des pövels toller mund wird nicht, was keusch, entehren.
Olympia. man sol den pövel nichts von keuschen reden hören.
Gryphius trauersp. 304 P.;
der gemeine pöfel. Opitz poet. 2, übertragen der gantze pöfel des gestirnes 2, 256, der sternen pöfel Fleming 55;
gleich die den pöfel (leute, mannschaften) führen,
versorgen alle wacht.
Spee trutzn. 97 B.;
durch der tugent kunst
dem pöfel fern entzogen.
Weckherlin 388;
der pöfel (der gemeine mann) pfleget sie zu nennen
die churfürstin Elisabeth.
347;
nur dasz Pilat mit macht dem tollen pöfel wehr'.
S. Dach 246 Öst.;
blind ist oftmahlen der pöfel, das er dasselbe wohlgethan heiszet, was zum verderben der nähiste weg ist. Micrälius Preuszen 3, 460; worumb lasset ihr nicht den groben unverständigen pöffel und haltet euch, als ein rechtschaffener herr, zu ewers gleichen? Zinkgref 1, 318; was dem närrischen pöfel gefället. Schuppius 746 f.; hergegen misbraucht der pöfel (verstehe die geringsten leute und gleichsam die häfen in einem stat) der vernunft ... auf tausend arten. Butschky rosenth. 760 (354);
die keine lust gerührt was höhers zu genieszen,
und sich der tugenden des pöfels hat beflieszen,
und nach gemeiner art die frömmigkeit geliebt.
Hoffmannswaldau sterb. Socrates 52.
sprichwörtlich: der pöfel sucht neuerung. Lehmann 586, 2; wer dient dem pöfel, der hat undank. 587, 10; der pöfel ist wie sand, darauf nichts zu bauen. 588, 24 u. öfter.
β)
pöbel, vulgus, plebs Schottel 1377:
wer streitet wieder gott,
der schlegt sich selbst aufs maul und wird des pöbels spott.
Fleming 6;
und sol sich ein weiser durch des pöbels sinn nicht bewegen lassen, sintemahl der pöbel ein tier mit vielen füszen ohne haupt fürstelt. Butschky Patmos 177 (132); des pöbels gunst suchen, der pöbel ist wetterwendisch u. a. bei Aler 1541ᵇ.
γ)
popel, pöpel (= franz. peuple): der popel hatt aberglauben, aber die ehrliche leutte und leutte von condition gar nicht. Elis. Charl. (1867) 382; bei dem pöpel musz man nicht viel raison suchen; sie haben keine undt der englische pöpel noch weniger alsz andere .. nichts in der welt ist gefährlicher, alsz in die wuht vom pöpel zu fahlen. (1871) 677.
d)
einige neuere beispiele:
der pöbel hat sich nie zu denken unterwunden,
er sucht die wahrheit nicht und hat sie doch gefunden.
Haller gedanken über vernunft u. s. w. 11;
was wahre tugend ist, wird nie der pöbel kennen.
die falschheit menschlicher tugend 84;
wenn gleich eine henne gegen einen phönix gerechnet, nur unter den pöbel des federviehs zu gehören scheint. J. E. Schlegel ästhet. u. dramaturg. schriften 150, 18 neudruck; pöbel schlägt sich und pöbel verträgt sich. Kant 5, 312 (vgl.pack 2, b); der pöbel der vernünftler schreit, wie gewöhnlich, über ungereimtheit und widersprüche. 2, 509;
also sehn gottesläugner, der pöbel, aus düstern gewölben,
wenn das hohe gewitter am donnernden himmel heraufzieht.
Klopstock Mess. 2, 234;
ihr dichter, welche feur und geist
des pöbels blödem blick entreiszt.
Lessing 1, 104;
er (Göze) spricht also mit dem pöbel die sprache des pöbels. 10, 196; wenn nur der pöbel, der liebe pöbel fein in dem gleise bleibt! 10, 208; wie in dem bestialischen Rom ... menschen .. gemartert und gemordet werden, zur schaulust eines wahnsinnigen unteren und oberen pöbels. Göthe 43, 407;
solcher fehler ...
zeihet der pöbel mich.
1, 330;
das fühlt .. auch der roheste unter dem pöbel. Schiller 1, 33; der pöbel hatte sich auf dem plaz versammelt. 4, 175; auch ein mensch von feinen sitten kann zuweilen .. an dem kontrast zwischen den sitten der feinern welt und des pöbels sich belustigen. 10, 209;
wie flogen des pöbels rabenschwärme
dir (dem minister) aus dem wege so bang.
Lenau (1880) 1, 125;
ich zieh nicht mit, wenn sich der pöbel spannt
vor'm siegeswagen seiner eiteln götzen.
H. Heine buch der lieder 52 neudruck.
pöbel sein in adjectivischem sinne von pöbelhaft (vgl. th. 2, 218):
lasz von den grazien dir eine gattinn wählen,
die nicht von den gemeinen seelen ..
.. ohne zärtlichkeit und lauter pöbel sei.
Uz 2, 302;
die sinnlichkeit, die an sich pöbel ist, weil sie nicht denkt. Kant 10, 141.
2)
bair. der gmain pefl (im bair. walde pibl) im sinne des schriftdeutschen pöbel Schm.² 1, 384; sonst kennen die oberdeutschen mundarten nur die alte unumgelautete form pofel, pafel in weiterer, auch auf sachen angewendeter bedeutung: eine grosze menge, gewimmel, österr. ein pofel leute, schafe u. s. w. Höfer 2, 342. Castelli 90; schweizerisch bofel, boffel, eine grosze herde vieh Stalder 1, 197; bair. pofel, eine lästige menge von dingen, sodann bei kaufleuten alte verlegene ungangbare waare, ausschusz Schmeller a. a. o., schwäb. pofel, pafel Schmid 37 (vgl. Rückert brahm. 11, 60); kärnt. poufl, der beim zusammenrechen des getrockneten klees am boden zurückbleibende gepulverte rest, dann eine schlechte sache überhaupt Lexer 34 f.; tirol. pôfel, das letzte gras auf den wiesen, das man die thiere abweiden läszt. Schöpf 513.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1888), Bd. VII (1889), Sp. 1950, Z. 47.

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Zitationshilfe
„pöbel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/p%C3%B6bel>, abgerufen am 06.07.2020.

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