pfropfen verb.
Fundstelle: Lfg. 10 (1887), Bd. VII (1889), Sp. 1796, Z. 38
zu pfropf 1, mhd. pfropfen, md. prophen, proffen, proppen (Lexer 2, 264 u. nachträge 340), nhd. pfropfen, daneben früher pfrupfen Fischart Garg. 184ᵃ, prupfen Bechius 10, propfen Lennep lands. 2, 149, proffen Alberus dict. a 1ᵇ. Ee 3ᵇ, synonym zu belzen (pelzen), impfen, ein fremdes reis (edelreis, pfropfreis) zur veredelung einem andern stamme (wildlinge) einfügen, die Griechen nennens εμφυτεύειν, die Lateiner inserere, die Teutschen impfen, pfropfen oder pelzen. Colerus 2, 196ᵃ.
1)
im eigentlichen sinne.
a)
absolut: das wir aber besser und reichlicher frücht von den beumen und gesteuden empfangen, ist uns von noͤten das graben, beschneiden, prupfen. Bechius Agric. 10; wie viel tage man vor dem monden (neumond) pfropfet, in so viel jahren trägt ein baum. Colerus 1, 42ᵇ; das ist die beste art zu pfropfen. 2, 197ᵃ; etliche pfropfen gern hoch, das trägt zwar bald aber es währet nit lang. nidrig gepfropfet, das ist am aller thaurhaftesten. 199ᵇ; mit dativ: den bäumen pfrupfen. Fischart Garg. 184ᵃ.
b)
transitiv: welche bäume im hornung gepfropfet werden, in desselbigen früchten wächst kein wurm. Colerus 1, 32ᵃ; wann ein baum bald im vollmond gereist oder gepfropft wird, der bekommet grosz obst. 2, 194ᵃ; wann man einen wilden stock pfropft. 196ᵃ; birnen und äpfel pfropfen. 198ᵇ; junge bäume anzupflanzen, zu propfen und zu ziehen. Lennep lands. 2, 149 (vom jahre 1724);
(als) ich selbstgesäte bäume selber pfropfte.
Göthe 9, 306 (nat. tochter 3, 1).
pfropfen an, auf, in: der roszmarin zu gewisser zeit an junge wachholderstauden gepfropft, bleibet desto lieber über winter im felde. Tabernaemont. 311ᵇ;
sie pfropft auf einen baum oft eine süsze frucht.
Hofmannswaldau bei Steinbach 2, 185.
2)
übertragen, etwas wie ein pfropfreis auf- oder einsetzen.
a)
absolut:
gott thut wie gärtner pflegen,
pfropft, reutet aus, versetzt.
Fleming 128.
b)
transitiv: und wird ein gepfropfter pauer in gemein so wenig höfligkeit erlernen, als ein hürdlerpferd das passagieren. Butschky Patmos 154 (117);
er (tod) hat ja einen reisz, der kaum gepfropft, zerschmissen.
Günther (auf das absterben eines kindes) 825.
pfropfen auf:
er was geprophet ûf den stam.
der veter buch 1510, Leipziger hs.;
Philotas. der hasz, den man auf verloschne freundschaft pfropfet, musz ... die tödtlichsten früchte bringen. Lessing 2, 95; der enthusiasmus .. kann nicht auf den eigennutz gepfropft werden. Kant 1, 288; alle narrheit ist auf zwei leidenschaften gepfropft, den hochmuth und den geiz. 10, 11; er ist einer der philosophen, auf schöngeist gepfropft. Klinger 3, 37;
(viele leser) selbst die feder ergreifen,
auf das büchlein ein buch mit seltener fertigkeit pfropfen.
Göthe 1, 335;
im ganzen schien er ... mir zu intriguiren, um eine neue fabel auf eine alte pfropfen zu können. 26, 249; diese kirche (Francesco alle vigne in Venedig) ist von Palladio auf eine alte gepfropft. tagebücher u. briefe aus Italien 142 Schmidt; tausendmal verbinden diesen (privatmann) fremde absichten mit einem menschen, und erst in der folge pfropft er freundschaft auf den unedlern zweig wie der verdorbene Römer auf weiden seine limone. Schiller 1, 33; gefühle für freiheit und menschenadel waren früher in seiner (marquis Posa) seele reif als freundschaft für Karlos; dieser zweig wurde erst nachher auf diesen stärkern stamm gepfropft. 6, 41; jüdische und kirchenväterliche meinungen über Kain ..., auf welche er (der hofprediger) vollends die mittelaltersagen vom ewigen juden künstlich gepfropfet. J. Paul komet 3, 175; ferner sinken auf den fittigen des neujahr - schnees schöne idyllen herab, die das zwittergeschlecht zwischen natur und kunst ausmachen, in welchen dichter auf städtische pracht ländliche zierathen, wie die damen auf die schöpfung des frisörs papierne blumen pfropfen. grönl. proc. 45. pfropfen in: so du aus dem olbaum, der von natur wilde war, bist ausgehawen und .. in den guten olbaum gepfropfet. Röm. 11, 24 (bist ingezweigt cod. Tepl., goth. intrusgiþs, vgl. einpfropfen); wort, welches ist in mein hertz gepfropfet. Luther 6, 37ᵃ; darumb mus Christus .. solche süsze, freundliche, tröstliche wort ins hertz pfropfen, das es die schweren, bittern und grewlichen gedanken hinweg neme. 183ᵇ; nachdem ich .. das wort in sie gepfropfet habe, das es bei inen eingewurzelt, beklieben und blieben ist. 193ᵃ; (sie sollen) solch menschliche gedanken aus dem hertzen reiszen, und diese himlische gottliche gedanken darein pfropfen. 257ᵇ;
du pfropfest in die brust der sinnen wunderkraft,
die uns zu menschen macht.
Scultetus bei Lessing 8, 272;
der, in welchem (so) du eignes lob gepfropft.
Günther 755;
Sophie pfropfte in die ihrigen (erzählungen) fremde gebräuche, sitten und meinungen. Klinger 10, 28. pfropfen unter, um: und du, da du ein wilder olbaum warst, bist unter sie (zweige) gepfropfet. Röm. 11, 17 (du bist ingezwegt in in. cod. Tepl., goth. intrusgiþs);
er wird gleich cypressenlaub (als zeichen der trauer) um meine schläfe pfropfen.
Günther 1021.
c)
reflexiv:
der muschel thau, der reiffen perlen tropfen,
die solten sich in ihrer (so) mutter pfropfen,
damit der preisz gantz unvergleichlich wär.
Hofmannswaldau 1, 103;
alle vögel seines vaters — träumte er — flatterten und stieszen gegen einander, pfropften sich in einander und wuchsen endlich zu einem hahne ein. J. Paul leben Fibels 77.
pfropfen verb
Fundstelle: Lfg. 10 (1887), Bd. VII (1889), Sp. 1797, Z. 62
zu pfropf 2, propfen Mathesius, Ludwig (s. unten), nd. propen, proppen.
1)
etwas hineinstopfen und dadurch etwas ausfüllen, aus-, vollstopfen, füllen (vgl.pfrumpfen): gänse, huͤner pfropfen, mästen, stopfen Stieler 1450. Ludwig 1403, propfen 1429; wer so sich stopft wie du dich gestopft, und den magen pfropft wie du ihn gepfropft. Rückert makam.⁴ 94. — pfropfen in, absolut: propfe nicht in dich wie ein seusack. Mathesius Syr. 2, 41ᵇ; er pampet und pfropfet nit also in sich. 129ᵇ;
als ich nein (das essen in den mund) pfropft,
das ai mir durch die finger dropft.
H. Sachs 5, 174, 5;
transitiv:
wirst mich (die rosshaut) mit dem messer klopfen,
und darnach den leist in mich pfropfen.
151, 24;
was das für ein bauernstrausz ist! alle blumen aus dem garten hat er hinein gepfropft. Gotter 3, 172. —voll pfropfen: wenn ihr auf der hochzeit seid, so füllet und pfropfet euch nicht zu voll. Mathesius Syr. 2, 113ᵇ; die Portugiesen wusten ihre schiffe dergestalt voll zu pfropfen. Felsenburg 4, 306; ich schnitt mir gleich diese neue feder, um ihnen einen äquivalenten bogen voll zu pfropfen. Göthe 60, 221; partic. gepfropft voll, voll gepfropft, auch zusammengerückt vollgepfropft: gepropft voll sein. Ludwig 1429; die Salzburger machen anspruch auf den guten geschmack, und es dient zum beweis, dasz sie ihn wirklich haben, weil man ihre Minna sechsmal hintereinander gegeben hat, wo es allemal gepfropft voll gewesen sein soll. mad. König an Lessing 13, 240; das schlosz ist auch gepfropft voll soldaten. Schiller 3, 112 (Fiesko 4, 5); voll gepfropft von, mit: sie kennen nun ganz den jammer, von dem ich voll gepfropft bin. Kotzebue dram. sp. 2, 260;
es (trauerspiel) wäre mit begebenheiten vollgepfropft,
doch ganz erfindungslos.
Platen 4, 150.
2)
mit einem pfropfen verschlieszen, stöpseln Schm.² 1, 456: ich habe die flaschen nicht gepfropft. H. v. Kleist 3, 13 (Käthchen von Heilbronn 1, 1 H.).
3)
einen pfropf (stosz) beibringen, ihn stoszen, stupfen (stupfen und stopfen berühren sich):
sein kelnerin ...
die bat er (pfaff), wenn er in schlaff sünk
und mitler zeit der künig trünk,
dasz sie in in die seiten stopfet,
mit einem finger sittlich pfropfet.
H. Sachs 9, 393, 26.
pfropf, pfropfen m.
Fundstelle: Lfg. 10 (1887), Bd. VII (1889), Sp. 1796, Z. 11
propf Ludwig 1429. J. Paul mumien 3, 40, die pfropfe Hippel 1, 209; nd. prop, propp.
1)
eine öffnung fest verstopfende masse, stöpsel; vielleicht von pfropf 1 abgeleitet (vgl.pfropfen 2): propf oder stöpsel einer gläsernen bottel. Ludwig a. a. o.; als er auf eine der vielen springröhren losritt, den pfropf eröffnete und wasser einlaufen liesz. Göthe 28, 151; weidmännisch und nautisch der auf die ladung (oder in die knallbüchse J. Paul flegelj. 2, 108) gepresste stöpsel Heppe 287ᵃ. Kehrein 226. Bobrik 536ᵇ (vergl. mundpfropf); besonders der flaschenstöpsel: den pfropfen aufstecken, ziehen u. s. w.: und raucht sein haupt wie eine flasche alter wein, wenn man die pfropfe herausgezogen. Hippel 1, 209; der gelüftete pfropf flog mit einem knalle ... an die decke. Thümmel reise 5 (1794), 378; wie jährende bierflaschen den pfropfen werfen. Hermes Soph. (1776) 4, 481;
wird der pfropf heraus (aus der flasche) gehoben.
Göthe 3, 58 H.
plural stark- und schwachformig:
wer selbst nicht singt und klinget, läszt die pfropfe knallend springen.
A. Grün ges. werke 2, 93;
gelöste pfropfe knallten.
231;
hei, lasz donnernd springen die pfropfen!
Kinkel ged. (1857) 468.
nautisch keilförmige hölzer zum verschlusz und schutz der klüsen und anderer öffnungen gegen das einstürzende wasser Bobrik 536ᵇ.
2)
nürnbergisch einem einen pfropf (heimtückischen stosz) beibringen Schm.² 1, 456. s.pfropfen (2) 3.
Zitationshilfe
„pfropfen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/pfropfen>, abgerufen am 21.11.2019.

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