protocoll, protokoll n.
Fundstelle: Lfg. 12 (1889), Bd. VII (1889), Sp. 2176, Z. 6
plur. protokolle (früher auch protocol eselk. 74), mit franz. protocole m. (früher protocolle Frisch franz.-teutsch. wb. 313ᵇ) aus mlat. protocollum (Dief. 468ᵃ), mgriech. προτόκολλον, ursprünglich bei den Byzantinern die bezeichnung des den papyrusrollen vorgeleimten (griech. κόλλα, leim) blattes, worauf bemerkt sein muszte, unter welchem kaiserlichen hofschatzmeister und von wem der papyrus verfertigt sei (Diez⁴ 258), dann des den notariats- und gerichtsakten vorgehefteten und eine chronologische angabe enthaltenden titelblattes, woraus sich die bedeutung einer notariatsurkunde und im späteren römischen und im heutigen civilprocesse einer gerichtsurkunde, in welcher die vorgänge einer gerichtssitzung in chronologischer reihenfolge verzeichnet werden, entwickelt hat; also zunächst das notariats- und gerichtsprotocoll (Hayme jurist. lex. 746. 239), im strafprocesse auch das untersuchungs-, verhörprotocoll, im weiteren sinne dann die geschäftsmäszige schriftliche aufzeichnung einer amtlichen verhandlung, sitzung, conferenz (sitzungs-, kammerprotocoll u. s. w.), s. Holtzendorff rechtslex. 2, 299 ff., endlich überhaupt ein chronologisch angelegtes verzeichnis (das protocoll oder verzeichnusz meiner reden. Schuppius 680; gott werde uns ... sein gehaltenes protocoll für augen legen. Butschky Patm. 241).
1)
es heiszt ins protocoll (protokoll) schreiben, verzeichnen; ein protocoll worüber aufnehmen, machen, führen, schreiben; etwas zu (zum) protocoll nehmen, einen zu (zum) protocoll vernehmen; ein protocoll schlieszen, lesen, verlesen, unterschreiben, genehmigen u. s. w.: protocol, gemein statt- oder gerichtsbuͦch, darein man allerlei handlung verzeichnet. Roth dict. (1571) N 5ᵃ; (das) bitte ich insonderheit in die protocol ... zu verzeichnen. eselk. 74 (protocolle 158); und ich bitte meine rede wort für wort ins protokoll zu schreiben. Freytag ahnen 5, 383; es wolle sich kein rechtsgelehrter zur aufnahme eines dergleichen protokolls verstehen. Hippel 9, 281; ein protokoll formieren. Iffland theatr. laufbahn 47, 35 neudr.; wenigstens ist das protokoll über dieses verhör nicht mehr vorhanden. Lessing 10, 30; ich habe einen menschen todtgeschlagen und keiner will mir ein protocoll darüber machen. Immermann Münchh. 4, 106; Wallrod soll mir ein protocoll schmieden. F. Müller 3, 178; das protokoll hätte in diesem falle von einem polizeigerichts-aktuar geführt werden müssen. Börne 2, 418;
schreibt recht sein protokoll der kadhi mit bedacht,
so wird er nicht von rechtsdoctoren ausgelacht.
Rückert Bostan 11, 25;
gericht, vor welchem die kriegenden theile ihre befehdungen gegen einander zum protokoll nehmen lieszen. Möser 1, 322; herr stadtschreiber, ich bitt' es zum protokoll zu nehmen! Wieland 19, 232; der vorfall blieb .. unerforschlich. freilich! weil die thüre nicht zum protokoll vernommen werden kann. Hippel 9, 283; nachdem dieses protokoll der frau deponentin wörtlich vorgelesen worden, genehmiget sie es in allen stücken. 278; hof- und dorfleute, welche dieses protokoll ebenfalls unterschreiben. 279;
höret an das protokoll voll schanden.
Schiller 1, 188;
endlich liesz man mich fortgehen, ehe das protokoll geschlossen war, und ohne dasz es mir vorgelesen wurde. Börne 2, 419; Schlosser kommt eben von einer ambassade wieder, die liebe giebt ihm die protocolle ein, er inquirirte in die innersten höllenwinkel. d. junge Göthe 1, 326; basl. brodikól Seiler 41ᵃ; pratikoll, prokokoll, procoll, copol Belemnon bauernlex. 156, in Würzburg (scherzhaft) protoknoll. Zusammensetzungen und ableitungen: protocollführer (jetzt auch schriftführer) Hugo civilist. magazin 6, 141. Göthe 24, 26. 26, 166, -schreiber J. Paul uns. loge 3, 73; protokollmäszig flegelj. 2, 28; protokolltisch Riehl geschichten u. novellen (1871) 2, 136; protokollieren (aus mlat. protocollare), ein protokoll worüber aufnehmen, führen Rädlein 712ᵇ. d. j. Göthe 2, 144; protocollirung Aler 1560ᶜ; protocollist (aus neulat. protocollista), was protocollführer Ludwig 1430. Hippel 9, 283.
2)
scherzhaft übertragen auf eine manier der maler: 'aber ich (Diderot) fürchte, dasz kleinmüthige mahler davon ausgegangen sind, um auf eine armselige weise die gränzen der kunst zu verengen und sich eine leichte und beschränkte manier zu bereiten, das was wir so unter uns ein protokoll nennen (ce que nous appelons entre nous un protocolle).' Göthe 36, 269 mit der erläuternden bemerkung: Diderot rügt hier eine kleine manier, in welche verschiedene mahler verfallen sein mögen, welche sich an die beschränkte lage des physikers zu nahe anschlossen. sie stellten, so scheint es, auf ihrer palette die farben in der ordnung, wie sie im regenbogen vorkommen, und es entstand daraus eine unläugbare harmonische folge, sie nannten es ein protokoll, weil hier nun gleichsam alles verzeichnet war was geschehen konnte und sollte, allein da sie die farben nur in der folge des regenbogens und des prismatischen gespenstes kannten, so wagten sie es nicht bei der arbeit diese reihe zu zerstören, oder sie dergestalt zu behandeln, dasz man jenen elementarbegriff dabei verloren hätte, sondern man konnte das protokoll durchs ganze bild wieder finden u. s. w.; darnach hiesz ein solcher maler ein protokollist ebenda.
3)
titularbuch (franz. protocole): in frantzosch kan ich es (die überschrift) ja nicht anderst machen, alsz mein protocol es mit sich bringt. Elis. Charl. (1871) 383. 458.
Zitationshilfe
„protocoll“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/protocoll>, abgerufen am 08.12.2019.

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