Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

R

R,
der siebzehnte, oder wenn man nach neuerer weise I und J als zwei zeichen zählt, der achtzehnte buchstabe unseres alphabets, mit l, m und n die gruppe der flüssigen (semivocales) ausmachend. über seine verwandtschaft zu l vergl. theil 6, sp. 1. sein laut ist mit dem knurren eines hundes verglichen und ihm der name des hundsbuchstaben gegeben worden, lat. litera canina, und danach bei Ickelsamer: das r ist der hunds buchstab, wie jn Persius nennet, wie der murret. die rechte weis, aufs kürzist lesen zu lernen (1534) A 7ᵇ; das r, ist ain hundts buchstab, wann er zornig die zene blickt und nerret, so die zung kraus zittert. grammat. B 2ᵃ;
wer vil zürnt do man nüt umb gyt
und umb sich schnawet als ein hunt,
kein guͦtig wort gat usz sym mundt,
kein buͦchstab kan er dann das r.
Brant narrensch. 35, 5;
damit im zusammenhange verstärktes r als zornreizender laut: das spott- und reizungszeichen rrr! Stieler kurze lehrschr. 6. r ist nach seiner stellung im anlaute, inlaute und auslaute zu betrachten.
1)
anlautend steht es einfach oder als zweites glied in den verbindungen br, pr, fr (braut, preisen, frei); dr, tr (drücken, trauen); gr, kr (grau, kranz); zr kommt nicht vor. als drittes glied in den verbindungen pfr, fremd phr (pfrieme, phrase), str (strauch), spr (sprieszen), in der alten sprache auch skr, was nachher zu schr wurde (ahd. skrîtan, mhd. scrîten, schrîten, nhd. schreiten). alte verbindungen waren auch hr und wr, aber in der ersteren ist schon früh das h abgefallen und das r einfach geworden: ahd. hreini, später reini, mhd. reine, nhd. rein; ebenso führen unser rabe, reif, reue, ring, ross, rücken, rufen, ruhm, rühmen u. a. auf altes hr zurück; wr erschien ahd. noch in uurehhan (exulem) Isidor. 27, 4 Weinhold, woneben, da diese verbindung ahd. nicht genehm war, mit hr exules hrechium (lies hrechiun) Steinmeyer-Sievers 2, 330, 35, gewöhnlicher aber recheo, reccho exul; in den unsern rache, rächen, reiszen, ringen, rügen zu grunde liegenden ahd. formen steht schon überall einfaches r (râcha, rechan, rîʒan, ringan, rôgan ruogan), während niederdeutsche dialekte zum theil bis auf heute wr geschützt haben: alts. wrâka, wrekan, wrîtan, wrôgian, mnd. wrake, wreken, wringen, writen, wrogen; niederrhein. wrechen, wroigen; einflusz solcher niederdeutschen lautverbindung aber ist es, wenn in dem anlaute der betreffenden worte statt des hochdeutsch allein berechtigten einfachen r ein fr (das gelegentlich auch nd. erscheint) sich geltend macht: vindicare frechen, vindex frecher Dief. 620ᵃ (mittelrheinisch, 15. jahrh.); ultor frecher 625ᵇ (ebendaher); palestra ringen l. frangen 406ᵇ (aus Trochus). in wrack haben wir wr aus dem niederdeutschen neu wieder aufgenommen. letzter rest eines wortes ist anlautendes r in den gekürzten adverbialformen rab, ran, rauf, rum, runter für herab u. s. w.
2)
in- und auslautend ist r entweder ursprünglich (wie anlautend immer) oder aus altem s entstanden: letzteres in lehren, hören, beere, ohr, rohr, thier, in mir, dir, wir, ihr, in der endung des gen. dat. sg. weiblicher adjective und pronomina (guter, meiner, deiner, der u. s. w.), sowie in der endung des gen. plur. aller geschlechter, u. a., vergl. dazu er theil 3, 693; der wechsel zwischen diesem jüngeren r und dem ältern s in verbalformen war noch im mittelhochdeutschen lebendig, wenn es hiesz friesen, prät. frôs, aber plur. frurn, part. gefrorn, ebenso verliesen, verlôs, verlurn, verlorn, kiesen, kôs, kurn, gekorn, wir haben in allen verbalformen, zum theil schon seit der späteren mhd. zeit, r eintreten lassen (frieren, fror, verlieren, verlor, küren, kor), und das ursprüngliche s nur in ableitungen wie frost, verlust, kust (th. 5, 2877) bewahrt. in andern verben schwankte der wechsel auch mhd., wie in genesen, prät. genas, genâren und genâsen, part. genern und genesen, wo sich nhd. s wieder festgesetzt hat, während r in den bildungen nähren, nahrung sich zeigt; in mhd. wesen, prät. was, wâren, part. gewesen, wo letztere form vom wechsel frei blieb und noch bleibt, während wir seit dem 16. jahrh. auch in den sing. des prät. war das r haben vordringen lassen. unsere comparativendung zeigt r aus s schon seit ahd. zeit, während der superlativ das alte s hielt (goth. alþiza, alþists, ahd. altero, altist, jetzt älter, ältest); in mehr gegen meist ist das verhältnis etwas verdunkelt, vgl. theil 6, 1871. 1947. die ursache des übergangs eines s in r beruht in alten, für unsere sprache vorgeschichtlichen betonungsverhältnissen, worüber die grammatik auskunft gibt.
3)
in- und auslautend steht r als erstes glied einer gröszeren reihe von consonantverbindungen, rb, rp, rf, rm; rd, rt, rz, rs, rn, rl; rg, rk, rch (starb, körper, werfen, arm, werden, art, schwarz, hirse, warnen, kerl, arg, wirken, durch), auch in rst (dürsten, wurst), rsch (barsch, knirschen), rps (knirps); nur in fremdwörtern steht rv (arve, larve, entlarven), nicht vorhanden sind die verbindungen rh, rq, rsp, für das noch mittelhochd. geltende rw ist rb eingetreten (farbe, gerben, mhd. varwe, gerwen). doppeltes r (in wirren, verworren, dürr, irre, narr, farre, knarren u. s. w.) ist in folge verschiedenartiger assimilation, groszentheils schon in alter zeit entstanden (vergl. dazu unten 4 und 5), in fern neben ferr (th. 3, 1532. 1540) und stern (ahd. sterro und sterno) hat eine neben der assimilierten form bestandene ursprünglichere wieder die oberhand gewonnen. schlieszendes r an mehrsilbigen substantiven und adjectiven gehört verschiedenen bildungssuffixen an, die jetzt überein, in der alten sprache sehr verschieden lauteten, wie auch ihre bedeutung sehr verschieden ist: masculina wie fischer, sänger, schnitter, sünder, betrüger u. a. (ahd. fiskâri, sangâri, snitâri, sundâri, triugâri) sind persönliche eine thätigkeit vollbringende begriffe, andere wie keller, weiher, mörser, söller lehnwörter, deren ausgang mit veränderung des geschlechts an lat. -arium (cellarium, vivarium u. a.) anschlieszt, wieder andere wie acker, eiter, finger, höcker, schober, und neutra wie futter, luder uralte concretbegriffe (ahd. achar, eitar, fingar, hovar, scobar, fuodar, luodar); über bildungen wie kater, ganser vergl. th. 5, 274; adjective wie hehr, wahr, sauer, wacker, bitter sind ursprünglich mit iterativbedeutung versehen gewesen.
4)
beliebt war inlautendes rr für älteres rs, was aber in dem falle geblieben ist, wenn ein t der ableitung darauf folgt: daher unser dürre, dürr (goth. þaúrsus, vergl. th. 2, 1735), aber durst (th. 2, 1747); im ältern nhd. durren, turren, dürren, türren, wagen (th. 2, 1743, goth. gadaúrsan), aber 2. sg. du darst, tarst, prät. dorste, torste, mit den ableitungen durst, kühnheit (2, 1746), dürsten, wagen (1749). sonst hat sich die verbindung rs in hirse gehalten, doch nicht ohne neigung zur verbreiterung des zischlautes in der form hirsche (vergl. th. 4², 1571), welche verbreiterung die oberhand gewonnen hat in birschen, herschen, kirsche, kirschen, knirschen (th. 5, 847. 1441), unwirsch und, an stelle eines mhd. rʒ, in hirsch th. 4², 1563. sie geht von Mitteldeutschland aus, und wird in oberdeutschen mundarten noch heute zurückgewiesen.
5)
die assimilation rr aus früherem inneren rj trat ahd. bei verben und deren ableitungen nicht ungern ein, sowol nach kurzem vocale (nerran neben nerjan, swerran und swerjen) als nach langem (hôrran, arstôrran, zistôrran, vuorran, kafuarri); geblieben ist sie später nur in zerren, während sie sonst nicht nur nach langem, sondern auch nach kurzem vocale sich vereinfachte und im nhd. selbst dehnung des letzteren bewirkte, vergl. nährer, ernährer, schwören, kehren (fegen), wehren, wehr u. a.
6)
über tausch des r mit dem nächstverwandten l vergl. th. 6, sp. 2, nr. 5, a; mundartlich geht dieser tausch weiter, als in der schriftsprache (vergl. alem. kilche für kirche, bilche für birke th. 5, 792), namentlich bei dissimilationsbestrebungen, wenn es z. b. in der Oberpfalz kulfürst für kurfürst (Schm. 1, 412 Fromm. unter post) heiszt. ein eigenthümliches dentales r, was im niederdeutschen (vergl. Nerger gramm. des mecklenb. dialekts 147 fg.) und im hessischen (Pfister chattische stammeskunde s. 57) für inlautendes d eintritt und was auch durch hr bezeichnet wird (lahre, laden, vahrem, faden, laihre, leiden u. s. w. ebenda), hat in der schriftsprache nichts entsprechendes.
7)
umsetzung des inlautenden r nach niederdeutscher weise, die auch ins mitteldeutsche reichte, ist erfolgt in bernstein (th. 1, 1526), bersten (th. 1, 1527), mhd. bresten, born (2, 243); in dornstag für donnerstag (2, 1252), dornstral, dornstein (2, 1254) ist sie allgemein nicht durchgedrungen, ebenso wenig in dirte für dritte, eine form, die nicht nur mhd. bei dem Sachsen Rumzlant (im reime auf wirde und zimirde. MSH. 2, 370ᵇ) vorkommt, sondern sich nd. als dirde, derde, darde noch erhalten hat. Alemannen setzen r in chriesi, kriese für kirse, kirsche (th. 5, 844) um. r in -bert an eigennamen (Albert, Robert, Herbert u. a., auch Bertha, Berthold) ist an alter stelle geblieben, in der nebenform -brecht (Albrecht, Ruprecht) aber ist umsetzung eingetreten (goth. baírhts, ahd. beraht, alts. berht, glänzend, hell).
8)
aus- oder abfall des r. alter ausfall zeigt sich gegenüber mhd. werlt in welt, einer schon im 12. jahrh. nachweisbaren form, in dem jüngeren köder für querder, ahd. querdar (vgl. th. 5, 1571), in ekel für erkel (th. 3, 394), fodern für fordern (vgl. th. 3, 1866), theilweise auch in mader für marder (th. 6, 1621), möser und moser für mörser (2592), und dem fremden palier, polier für parlier; plakat ist aus franz. placquard, niederl. plackaert neben plackaet (Kilian) entstanden. in den mundarten geht die ausstoszung eines innern r zur erleichterung der aussprache auch noch weiter, bairisch und österreichisch (wo für diese unterdrückung des consonanten der ausdruck rätschen gilt, Schm. 2, 190 Fromm.) in zahlreichen, zum theil schon alten beispielen belegt bei Weinhold bair. gramm. s. 168, auch im alemannischen sprachgebiete, alem. gramm. s. 166; in Leipzig mattern für martern, quatier für quartier Albrecht 167ᵃ. 188ᵃ, maschieren, räucherkätzchen für marschieren, räucherkerzchen u. v. a. s. 21, § 122; niederd. basch für barsch oben th. 1, 1140. nach Weigands ausführungen ist auch in backe, mala, zuerst kinnlade, alter ausfall eines r eingetreten, worauf die ahd. form braccho neben baccho weist, und das wort somit verschieden von backe in hinterbacke, gerade wie spiesz, jagdspiesz aus spriesz, ags. spreót, wasen neben rasen aus niederd. wrasen, wocken neben rocken wol aus einem vorauszusetzenden niederd. wrocken hervorgeht. abfall des auslautenden r in hochbetonten silben in da neben dar, hie neben hier, meh (6, 1864) neben mehr, wo neben wor-an, wor-in u. s. w.; in schwachbetonten oder tonlosen silben nicht in der schriftsprache; aber landschaftlich, im süden wie im norden, zeigt es grosze neigung für verflüchtigung, wenn namentlich das folgende wort mit vocal beginnt (vate ͑, brude ͑, kellne ͑ für vater, bruder, kellner u. ä.), worüber in andern landschaften gespottet wird. anders ist ein mundartlicher mitteldeutscher abfall des r in e für er, unse für unser (obersächsisch Albrecht s. 21), der zu altniederd. he er, unsa unser tritt.
9)
die schreibung rh, die wir, abgesehen von griechischen wörtern, anlautend noch im flusznamen Rhein und bezüglichen zusammensetzungen allgemein, theilweise auch noch in rhede (wofür jetzt die bessere schreibung reede aufgenommen ist), und selbst in dem getränknamen rhum (wofür jetzt besser rum) haben, stammt aus der wilden schreibung des 16. jahrh., das h ist nur dehnungszeichen, welches statt hinter, vor den zu dehnenden vocal gesetzt ward: man schrieb rhat, rhaten, rhum, rhümen, selbst rheu, wie nhemen, mher, thun. die schreibung th ist uns davon bis jetzt geblieben, die schreibung Rhein ist aufrecht erhalten worden dem griech. 'Ρῆνος, lat. Rhenus zu liebe, obwol ganz unnütz.
10)
r als subst. neutr., der name des lautes und des zeichens dafür: r, .. wie das r der Lateiner, aber mit der zungenspitze und nicht mit der gurgel (zu sprechen). Gottsched kern der sprachkunst s. 3, ältere belege oben im eingange; ein groszes r, ein kleines r schreiben; in sprichwörtlichen redensarten: drei r und drei s gebüren gott, rechen, rühmen, richten, sorgen, segnen, selig machen. Sghottel 1141ᵇ; diese drei r,
rächen, richten, und rühmen,
wollen gott allein geziemen.
Schuppius 309;
ihre (der krebse) beste zeit, in welcher sie jungen, mausen, und wohlschmeckend sind, sind die monate, in deren namen kein r ist, als mai, junius, julius und augustus. Amaranthes frauenzimm.-lex. 1805; in den monaten, wo kein r ist, als von mai an bis in den september, durfte keine auster angerührt werden, weil sie sich in den heiszen monaten vermehren. Göthe 37, 235.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1886), Bd. VIII (1893), Sp. 1, Z. 1.

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Zitationshilfe
„r“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/r>, abgerufen am 25.02.2021.

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