Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

rücksicht, f.

rücksicht, f.
das zurücksehen.
1)
in räumlichem sinne nur mundartlich, in Niederhessen: hä nam ockert kaine rücksicht, schaute sich nicht um. Pfister 239.
2)
bildlich.
a)
rückblick auf vergangenes: wenn ich nur ein geschäft wüszte, .. das fleisz und bestimmtheit im augenblick erforderte, ohne vorsicht und rücksicht zu verlangen. Göthe 16, 204;
rücksicht ins vergangne störet
ihre (der muse) frohe phantasei.
Thümmel reise 6, 325.
b)
rückblick auf verhältnisse, dinge, personen, die für eine handlung oder einen entschlusz von bedeutung sind. Adelung vertheidigt diesen gebrauch gegen Gottsched, der ihn tadelte. die stelle aus Logau bei Adelung findet sich in der Lessing-Ramler' schen bearbeitung, wo es in einem wortspiele heiszt:
schiffer, die am ruder sitzen, kehren da den rücken hin,
wo sie dennoch hin gedenken und mit allen kräften ziehn:
menschen leben ohne rücksicht, an den tod wird nie gedacht,
rennen gleichwohl ihrem tode stündlich zu mit ganzer macht.
Lessing 5, 168.
Logau hat an der entsprechenden stelle:
menschen, die in tag hin leben, dencken nimmer an den tod.
3, 55, 91 (vgl. Weigand 2, 498).
rücksicht auf: und sonst sagen sie nichts? nichts von rücksicht auf uns selbst? Lessing 1, 591; alles, .. was ihre hoheit in rücksicht auf unsere bittschrift gethan, haben wir mit dem lebhaftesten danke empfunden. Schiller 7, 220; eben diese principien aber, welche in rücksicht auf jene schriften vielleicht allzu rigoristisch erscheinen, möchten in rücksicht auf einige andere werke vielleicht zu liberal befunden werden. 10, 482. mit objectivem genetiv: das schild des Achilles; dieses berühmte gemählde, in dessen rücksicht vornehmlich, Homer vor alters als ein lehrer der mahlerey betrachtet wurde. Lessing 6, 480; nicht weil es ihr vater insbesondre gegen ihn, sondern weil er es in rücksicht aller männer verbothen. Arnim Hollins liebel. 89. ohne rücksicht: ich ... suchte alle vortheile ohne rücksicht zu nutzen, die sich beim absondern und unterscheiden gern und willig darbieten. Göthe 55, 172; sammlungen, die er, ohne jede rücksicht auf erwerbungs- und besitzungsrecht, nur als ein unveräuszerliches eigenthum der gesammten kultivirten menschheit betrachtet wissen wollte. Matthisson 6, 210. rücksicht nehmen: das hauptkennzeichen der mineralkörper, auf das wir hier gegenwärtig rücksicht zu nehmen haben. Göthe 55, 270; der könig, hiesz es, wolle ... auf das einstimmige verlangen der provinzen rücksicht nehmen. Schiller 9, 10; die entsetzlichste rücksicht, die sie zu nehmen genöthigt war, war diese. H. v. Kleist 4, 169. nicht selten begegnet in solcher verwendung der plural: man darf die sämmtlichen geschöpfe weder nach der art, noch in der ordnung, noch in den rücksichten untersuchen und beschreiben, wie man den menschen, sobald man blosz auf ihn rücksicht nimmt, betrachten und behandeln musz. Göthe 55, 264; ein mann, der da, wo er nach untadelhaften grundsätzen zu handeln glaubt, ... rücksichten der menschlichkeit nicht achtet. Gotter 3, 40; man kann in diesen verschiedenen rücksichten seele und körper nicht gar unrecht zweien gleichgestimmten saiteninstrumenten vergleichen. Schiller 1, 165; in diesen rücksichten wird es mich nie gereuen, dasz ich ... zu Magdeburg in der loge zu den drey kleeblättern, wie die eingeweihten sprechen, das licht erblickte. Matthisson 6, 190. manchmal nähert sich das wort der bedeutung 'schonung, nachsicht', was Adelung als oberdeutschen sprachgebrauch bezeichnet: wer irrige meinungen hegte, war ohne rücksicht seines ranges, seiner bedienung verlustig. Schiller 7, 53; auch La Valette will von keiner ausnahme, von keiner persönlichen rücksicht etwas hören. 15¹, 144;
ein wenig rücksicht wär' und nächstenliebe
so lieb mir als der keil von tugenden,
mit welchem er des feindes reihen sprengt.
H. v. Kleist 1, 201.
als oberdeutsch bezeichnet Adelung auch die verwendung im sinne von 'achtung, scheu': dasz sie der bedrängten stadt ... wenigstens den prinzen von Oranien schicken möchte, als den einzigen, für den das volk noch einige rücksicht habe. Schiller 7, 216.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. VIII (1893), Sp. 1375, Z. 63.

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Zitationshilfe
„rücksicht“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/r%C3%BCcksicht>, abgerufen am 02.08.2021.

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