Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

rüssel, m.

rüssel, m.
schnauze des schweines und anderer thiere, rostrum suis Dief. gloss. 500ᶜ, proboscis elephanti 460ᶜ; mhd. rüeʒel, später mit kürzung des stammvocals rüʒʒel, md. rûssel in sûrûssel Baur hess. urk. 1, 294 nr. 414, ahd. nicht belegt, die form ist als ruoʒil, wruoʒil zu erschlieszen aus ags. wrôt rüssel, und dem ostfries. wrôte, wröte, fröte ten Doornkaat Koolman 3, 578ᵃ. auch vermischung mit dem völlig anderen drüssel und drossel begegnet bisweilen, vgl. oben th. 2, 1435 fg. die ursprüngliche bedeutung des wortes als gerät zum wühlen, aufreiszen der erde stellt fest das ags. verbum wrôtan wühlen, ahd. ruoʒan die erde umbrechen: suscitat ruoʒit .. movit agros rooʒit Steinmeyer-Sievers 2, 626, 61. 70; altnord. rôta wühlen, schütteln, erregen, im ablaut zu goth. vratôn, mit gefährt über land ziehen, reisen.
Bedeutung.
1)
eigentlich:
a)
die aufwühlende schnauze des schweines. häufig in zusammensetzungen sau-, schweinsrüssel rostrum porcinum Stieler 1595, saurüssel rostrum suillum Steinbach 2, 321: si (die mastschweine) habent den rüeʒel pei der keln. Megenberg 256, 26; beide geschlecht (zahme und wilde schweine) haben die art, das sie das erdreich mit dem rüssel auffwülen. Ryff thierbuch s. v. aper sylvestris; eine sau ist darum eine sau, weil sie den majoran veracht und mit dem rüssel in alle weiche materie fährt. Chr. Weise erzn. 51 neudr.;
dasz die argen säu und esel ..
nicht aus mangel an frasz die blumenbeet uns
wo durchmäkeln mit schnauz' und dickem rüssel.
Voss 3, 113;
auch einen schweinskopf trug man auf
in einer zinnernen schüssel.
noch immer schmückt man den schweinen bei uns
mit lorbeerblättern den rüssel.
H. Heine 17, 150;
bey den thieren bilden sich die muskeln der nase nicht selten zu einem eigenthümlichen organ aus, nehmlich zum rüssel, beym schwein, tapir und elephant. Oken 4, 140.
b)
dann die spitz zulaufende fleischige oder haarige schnauze oder nase anderer thiere, z. b. maus, igel u. s. w.: rüssel oder schnoz an den thieren, proboscis Dasypodius.
α)
des elephanten, besonders zum ergreifen und ansichreiszen: der (d. h. der slauch) haiʒt ze latein promuscides und ze däutsch slauch oder rüeʒel. Megenberg 136, 14;
auf dem schilde
glänzet in prächtig gemahltem felde
auf bergeshöh' der tiger; das löwenhaupt
gekrönt mit golde; geier und büffelskopf;
bei hirschgeweih des elephanten
rüssel und zahn und das muth'ge einhorn.
Herder zur litt. 12, 74;
es kam
der ernste elephant und küszte ihr die hand
mit sammtnem rüssel.
Schubart Jupiter u. Semele;
als er diesz im geist erwägt, da sieht er
aus dem dickicht zween elefanten annahn,
ihre rüssel hin und her bewegend.
Platen 331ᵃ;
allein das thier ergreift ihn
mit dem rüssel, ihn erhebend setzt es
ihn als reiter auf den breiten rücken.
ebenda.
β)
des pferdes:
der helt von Mabriûle,
den rüeʒel und daʒ mûle
vil manegem orse dâ verschriet.
Konr. v. Würzburg Parten. 21404.
γ)
des chamäleons: der rüssel geet im auch vornen härfür vast wie einer kleinen saw. Eppendorf Plin. 8, 32 s. 68.
δ)
einiger insekten, meistens zum saugen, z. b. der mücken, schmetterlinge, fliegen, bienen u. s. w. Overbeck bienenwb. 70: sie (d. h. die mücken) nach dem hornigen oder fleischigen rüssel abteilen. Oken 5, 726; der rüssel fehlt (d. h. bei den tagfaltern) nie. 1385; die unterlippe (der immen) trägt ebenfalls freszspitzen und ist bey den bienen in einen rüssel verlängert. 834; was hilft es mir, dasz ich heute von den ungeheuern gelesen habe, die in jedem wassertröpfchen leben, mit kugelleibern oder tausend füszen oder rüsseln oder sägezähnen? Immermann Münchh. 1, 82.
c)
ohne rücksicht auf naturgeschichtliche bestimmtheit, schon anstreifend an die übertragene bedeutung, in fabeln z. b. vom marder:
immittest sah der fuchs des führers rüssel an
und sieh, es guckt auf allen seiten
das zahnfleisch durch die schnauze vor.
Lichtwer 1, 124 (fabeln 4, 4).
2)
übertragen.
a)
auf die hervorstehende nase oder mund der menschen, besonders in spottender, verächtlicher weise, und zwar
α)
als wirklicher körpertheil:
Hanolt swertes in der scheide niht vergaʒ,
Engelmâr ein schrammen durch den rüʒʒel maʒ
nâch dem backen hin ze tal, daʒ ahselbein enzwei.
minnes. 3, 200ᵇ Hagen;
dâ wart Hiltebolden ouch ein riʒ
durch den rüʒʒel sîn an diser stunde.
iemer muoʒ er haben danc, der im'ʒ so meisterlîchen meʒʒen kunde
von den ôren zuo der nasen spiz.
225ᵇ;
da vacht ich hin wider an seinen rüsel
und schlug im zween zen ausz seim drüssel.
fastn. sp. 755, 26;
ihro hoch- hochwohl- und wohlgeboren (d. h. Fortuna)
wann sie sich an ihnen satt gepflegt,
schenkt sie hohe rüssel oder ohren,
wie sie ein bekanntes thierchen trägt.
Bürger 109;
dasz .. seine nase
all' augenblick' in ihres halstuchs gase
behangen bleibt und oft zwey linien blosz
den schönen mund von seinem rüssel trennen.
Wieland 18, 152;
mein gnädigstes fräulein ..
soll diese nehmliche nacht mit ihm und seinem höcker
und seinem rüssel von nase mit gelbem taback gestopft
zu bette gehn.
4, 140.
schon verschmelzend mit der unter β angeführten bedeutung: ich wolt zum wenigsten den rüssel auffwerffen und sagen. Luther 3, 346ᵇ; darnach wenn solche Thrasones jre heucheley begangen, werffen sie den rüssel auff und sind kühne eisenfresser. wider Hans Worst 61 neudruck;
noch vor nacht kömmt ihr barbar,
fragt mit aufgeworfnem rüssel:
weib, wo hast du meine schlüssel?
Gotter 1, 53.
β)
um grobe anmaszende, groszprahlerische art zu reden (maul, maulwerk) auszudrücken Frisch 2, 137ᶜ: ir seit furwar dester hoher zu schetzen, wo ir sie (d. h. die bauern) uber den rüszel schlagt. Zöllner zur vorgesch. des bauernkr. 84; schemestu dich nit inn dein hertz, das du für so vielen hochgelerten theologen deinen ruͦssel darffst auffthun? und gibst grosze kunst fur. Er. Alberus widder Jörg Witzeln mammeluken B 3ᵇ; sie schreiben die ungnedigen papisten und ziehens an mit einem groszen rüssel, das man mit den leiischen henden das heilig sacrament habe empfangen. Luther 2, 96ᵃ;
sonder braucht auch den andern schlüssl
und schlagt die sünder auff den rüssl.
B. Ringwaldt laut. warh. 281.
in besonderem bilde:
also wie sich ein ieder helt,
gut oder pös auf erd pis in sein gruben,
so wescht doch die welt mit im iren rüssel (verspottet, verhöhnt sie ihn).
meisterl. fol. 23, nr. 245.
b)
auf einen menschen überhaupt, verächtlich: rüssel, ein einfältiger mensch, der alles friszt, homo sordidus, qui omnia deglutit. Steinbach 2, 321;
dazu zubricht auch dieser rüssel (böse magd)
viel leffel, tigel, topff und schüssel.
B. Ringwaldt laut. warh. 316.
3)
besonderes.
a)
in zusammensetzungen, ein wesen mit einem rüssel, z. b. in lang-, kurz- und breit-rüssel (kann man die rüsselkäfer eintheilen). Oken 5, 1635.
b)
auch von der rankenden rebe: damals habe ich oft ihre (d. h. der jungfrauenrebe) kleine sammtrüssel betrachtet, mit denen sie sich anzusaugen strebt. Bettina tageb. 41.
c)
vom schlund des meeres:
ich hab 'ne volle schüssel (d. h. von leichen)
der Elbe zugesandt,
die hat sie drauf dem rüssel
des meeres zugewandt.
Rückert der Elster lied von der Leipziger schlacht str. 9.
d)
die rüsselartige röhre (linse) eines gebläses, wodurch der wind ins feuer bläst. Jacobsson 7, 124ᵇ. 1, 418ᵇ.
e)
sprichwörtlich, in gemeiner rede: den unsaubern rüssel an einem reiben Schottel 1117ᶜ (einen schmähen, verläumden, schimpfen u. ähnl., vgl. oben 2, a, β); in Würtemberg: sie hat einen gespülten rüssel, d. h. sie hat ein frisches, schönes, reines gesicht Schmid schwäb. wb. 443.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1892), Bd. VIII (1893), Sp. 1539, Z. 63.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
rückisch
Zitationshilfe
„rüssel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/r%C3%BCssel>, abgerufen am 18.09.2021.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)