Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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rast, f.

rast, f.
quies, requies.
1)
mit dem worte, das (rücksichtlich seiner endung in nicht ganz übereinstimmender form) gemeingermanisch ist, bezeichnete unser alterthum nach seinen frühesten zeugnissen eine bestimmte wegstrecke: das einmal Matth. 5, 41 vorkommende rasta übersetzt griech. μίλιον, altnord. röst hat auszer der bedeutung der strecke auch die eines längenmaszes (Möbius altn. gloss. 350), für das ahd. rasta wird (vgl. Graff 2, 551. Schm. 2, 159 Fromm.) die länge von etwa drei wegstunden angenommen; welche bedeutung zu grunde liegt, zeigt das ags. räst und rest ruheort und ruhe, alts. rasta und resta lager, ruhelager: pulvinar nostrum, ûsarô godô rastun Prudentiusglosse in Haupts zeitschr. 15, 525, 451: man meinte danach mit rasta zunächst die ausspann und das ruhen nach einer durchmessenen wegstrecke, dann die wegstrecke selbst; und man wird zur erklärung eines solchen begriffsüberganges nicht auf wanderungen westlicher Indogermanen nach Europa zurückzugreifen haben (wofür um so weniger veranlassung vorliegt, als genau vergleichbare wörter aus urverwandten sprachen fehlen), dagegen ist das wort als ein für alte gemeingermanische verhältnisse gebildetes anzusprechen: auf den wegen zwischen den weit auseinander liegenden gütern und vorwerken, auf zügen in frieden und krieg muste namentlich den spann- und reitthieren nach einer bestimmten zeit der arbeit ruhe und fütterung gegönnt und dazu ein halt gemacht werden (auch heute noch geschieht gleiches je nach ungefähr drei stunden), und rasta, das wort für eine solche ruhe und eine haltestelle kam danach auf ganz natürliche weise zu der bedeutung auch der durchmessenen strecke, die vor einem solchen ziele lag.
2)
der goth. ahd. form rasta folgt die mhd. raste, die sich zum theil schon seit dem 13. jahrh. in rast verkürzt hat. daneben, wenn das wort ruhe bedeutet, die form reste, die später ausgestorben ist, die aber im ahd. resta und restî ihr vorbild hat, wie sie sich auch niederdeutsch (ags. alts., s. oben 1) findet, mnd. reste und roste rast (Schiller-Lübben 3, 467ᵇ), dem letzteren entspricht wieder niederl. ruste neben raste quies, requies, quietudo, tranquilitas, securitas Kilian. einen plural bildet rast nur in der folgenden bedeutung.
3)
rast für wegstrecke und streckenmasz, mhd. noch häufig (Lexer wb. 2, 344 fg.), auch später nicht vergessen: leuca, leuga rast l. mile, rast o. zwij mile, rast wegs o. zwu meyl wegs, rayst, rost l. gewende. Dief. 325ᵇ; Eresburg, was zum paderbornischen sprengel gehörte, und als hauptresidenz der sächsischen mission, ehe und bevor bischofthümer gestiftet waren, mit dem zehnten auf zwei sächsische rasten weit war versorgt worden. Möser osn. gesch. 1, 330; in der sprache der landsknechte: da dieser (das fähnlein) ein feldtwegs, nennen sie ein rast, getragen. Kirchhof mil. disc. 113; rast wie mal (vergl. mhd. ein vart, einmal): hat es auch sein meinung, wie sie (abwechselnd spielende musikbanden) sich halten und ein rast umb einander spilen sollen. Fronsperger kriegsb. 1, 108ᵃ. noch jetzt kärntnisch raste eine strecke wegs nach der man rastet Lexer 205.
4)
rast in örtlicher bedeutung, ruhestelle, halteplatz, lagerort:
(ein haus) daʒ lac gebûwit veste
ûf einis bergis reste
irhabin nâch werlîchir kur.
Jeroschin 16035;
in der redensart die sonne geht zur rast:
des nâhtes dô sie ginec ze raste.
Lamprecht v. Regensburg tochter v. Syon 2179;
indem wolt die lichte sunn
gehen zu rast mit irem wagen.
Teuerdank 17, 57;
mit dem gieng auch die sonn zu rast.
auf gieng der mond mit hellem glast.
H. Sachs fastn. sp. 1, 22, 23;
welche ausdrücklich örtlich bezogen ist:
nu wolt diu sunne ze reste (andere lesart raste)
und ouch ze gemache nider gân.
Dietrichs flucht 1166;
jetzt noch tirolisch: die rast, station auf dem wege, wo gerastet wird, auch name mehrerer wallfahrtsorte, das rastl, die raste, ebene stelle auf den alpensteigen oder im walde, wo gemeinsam gerastet wird. Schöpf 536; in Kärnten rast benennung verschiedener plätze auf den alpensteigen, wo von den mähern gemeinsam rast gemacht wird. Lexer 205.
5)
rast, das ausruhen, ruhe, ahd. nur in der form resta und restî bezeugt, mhd. als raste, rast und reste, nhd. nur noch rast: quies raste, roste Dief. 479ᵇ; requies, raste, rost 494ᵃ; requies, raste, rauwe nov. gloss. 317ᵃ; rast und ruͦw, quies, pensum Maaler 325ᵇ; als wort des kriegslebens und der reise: nach gehaltener rast heben die vordersten wieder anzuziehen, und wie ein jeder vor der rast gangen, desselbigen gliedts musz er jetzt wider wahrnemmen. Kirchhof mil. disc. 116; es heiszt den truppen, den thieren rast gönnen; vergl. auch rasttag, mittagsrast;
si bat in ze hûs,
sprach dâ wâre vil houwes,
dâ mahten geste
haben guote reste.
genesis in den fundgr. 2, 34, 22;
ich pit, ir wolt mir herberg geben,
die nacht pei eüch zu haben rast.
H. Sachs fastn. sp. 6, 122, 33;
aber, zumal in der neueren zeit, mehr als stimmungswort, und der gewählten oder gehobenen sprache eigen; es heiszt rast suchen, finden, haben u. ähnl.: aber ungeachtet aller mannichfaltigkeit und unruhe des tages konnte ich hier noch keine rast finden. Göthe 25, 328;
diu (frau) zabelte harte vaste
unde hete deheine raste.
Lamprecht v. Regensburg St. Franc. leben 2809;
manic keiserlich gezelt (sah man)
ûf geslagen an daʒ felt,
dâr under herren lâgen,
wanne si raste plâgen.
Elisabeth 186;
du tregest schwerer arbait last,
hast weder tag noch nacht kain rast.
H. Sachs fastn. sp. 1, 26, 142;
du weist umb meine stärke
bei dieser schwähren last,
wofern ich, gott, nicht merke,
das du sie angefaszt,
so weisz ich keine rast.
S. Dach in den ged. des Königsberger dichterkreises 267;
nein, ich will, um meine rast
zu befördern, erst die pfeifen
mit toback gestopft ergreifen.
Caniz 79;
o freünd, lasz fürsten und pallast,
und such in unsern hütten rast!
Drollinger 183;
unter eines kirschbaums schatten
hielten zwei kaninchen rast.
Lichtwer fabeln 4, 10;
rast geben, rast schenken, verleihen:
liebe gibt dem herzen rast
in der müh- und sorgenlast.
P. Gerhard 306, 77;
ist es gleichwohl dein behagen,
dasz ich dise last sol tragen,
ei so gib doch etwasz rast.
Rist himl. lieder 1, 66;
der schoosz der au, der wiesenklee,
verlieh ihm süszre rast,
als himmelbett und kanapee
im fürstlichen pallast.
Hölty 14 Halm;
auch musz ich, wenn die nacht sich niedersenkt,
mich ängstlich auf das lager strecken;
auch da wird keine rast geschenkt,
mich werden wilde träume schrecken.
Göthe 12, 80;
die rast versagen, verhetzen:
drum haben die obskuren
und argen ihn (Hutten) gehaszt.
sie folgten seinen spuren,
verhetzten ihm die rast.
Freiligrath dicht. 3, 46;
rast winkt, ziemt einem:
sein bestrohetes dach, wo sich das taubenvolk
sonnt und spielet und hüpft, winket ihm süszre rast,
als dem städter der goldsaal.
Hölty 113 Halm;
blosz im Eden, zwischen schönen jungfraun,
ziemt die rast dem kampfesmüden kämpfer;
doch der mensch, bevor zu ruhn gedenkt er,
wissen musz er erst, wovon er ausruht.
Platen 323;
süsze rast. Hölty 14. 113 (vgl. die stellen vorher); stille, träge rast, selige rast:
ja, ob gleich die träume trügen,
so will ich mich doch vergnügen,
wenn du in der stillen rast
meinen wahn befriedigt hast.
Caniz 175;
was soll, o tolpatsch und pandur,
was soll die träge rast?
Gleim 4, 13;
von der waffenlast
ermüdet, schliefen wir vergnügt,
und hatten gute rast.
29;
o selige rast, wie verlang ich dein!
Uhland ged. 8;
die starre rast aber ist die ruhe der toten (vgl. dazu rast 6):
in starrer rast,
wie grabmal sich an grabmal fast
in königlichen grüften zeigt,
am boden schlummert das gebein.
A. v. Droste-Hülshoff ged. 307;
mit rast, sonder, ohne rast:
unser nachrechnen ist verloren,
drümb schweiget euer herz mit rast.
H. Sachs fastn. sp. 6, 133, 365;
musik entströmte sonder rast
den kühlen rebenlauben.
Hölty 24 Halm;
die dröscher klappern sonder rast.
Voss 2, 91;
du rothes gold, das ohne rast,
quecksilber gleich, dir in der hand zerrinnt.
Göthe 12, 85;
zu rast lassen:
drumb schweigt, last ewer herz zu rast.
H. Sachs fastn. sp. 5, 370ᵃ;
rast mit sinnverwandten begriffen formelhaft verbunden: dairumb so last ir die billich in rast und in vreden. d. städtechron. 13, 591, 29;
die unholdin verbannet rast und schlummer
durch ihren stab.
Hölty 172 Halm;
feindlich ist des mannes streben,
mit zermalmender gewalt
geht der wilde durch das leben,
ohne rast und aufenthalt.
Schiller würde der frauen;
besonders gern rast und ruhe: aber in der welt, der welt nachleben, da ist weder ruw noch raste, sunder imer zu angst und not. Keisersberg pred. 74ᵃ; das dieser dieb nicht möge rast noch ruhe haben, es sei denn das er wider komme und bringe wider was er gestolen hat. Waissel chron. (1599) 22; und darüber hatte ich nun weder rast noch ruhe mehr. Tieck 4, 219;
so hab wir vor im rast und rw.
H. Sachs fastn. sp. 2, 101, 274;
ich han weder rast noch ru
den abent als den morgen,
bisz dasz ichs gar vertu.
Gödeke u. Tittmann lie lerb. 127, 62;
wann schon ichs (sie, eine kerze) trag in winden
gen ost- und nordenbraus,
doch ruh noch rast mag finden,
laszt nie sich blasen aus.
Spee trutzn. 6, 11 Balke;
der mich zu fällen meinte,
und nicht hatte ruh noch rast.
H. Albert in den ged. des Königsberger dichterkreises s. 8;
du träger aller bürd und last,
du aller menschen ruh und rast.
P. Gerhard 46, 6;
dem schnee, dem regen,
dem wind entgegen, ..
immer zu! immer zu!
ohne rast und ruh!
Göthe 1, 93;
nicht ruhe nicht rast
den liebenden faszt.
40, 376;
ich drehe mich auf einer scheibe,
ich wandle ohne rast und ruh.
Schiller hist.-krit. ausg. 11, 357;
das leben wallt von ort zu ort,
hat nimmer ruh noch rast.
Arndt ged. 516.
6)
rast, in der älteren sprache die ruhestätte der toten, grab:
die tôten mit den bâren
frümt er an ir reste.
Parz. 216, 1;
vornehmlich aber die ruhestätte der heiligen in den über ihren gebeinen erbauten kirchen oder klöstern:
in der juncfrouwen reste
sante Katherînen.
heil. Elisabeth 4056;
unsen fleische is raste alhei gegeven (spricht die heil. Ursula).
G. Hagen Kölner reimchron., d. städtechr. 12, 31, 310.
vgl. dazu rasten.
7)
rast des hochofens, der abschüssige theil desselben unterhalb des kohlensackes. Karmarsch 1, 20.
8)
rast beim büchsenmacher, eine kerbe in der nusz des gewehrschlosses, wodurch der hahn in ruh gestellt wird. Campe.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1886), Bd. VIII (1893), Sp. 148, Z. 64.

rast, m.

rast, m.,
in zwei bedeutungen.
1)
schweizerisch, ein bestimmtes masz von arbeit, namentlich beim spinnen: rast, reiseten, das wir uns selbs ze volbringen fürgenommen habend, pensum. rast eines yeden tags, justa, plena opera, pensum. den rast höuschen, justa exigere. den rast spinnen, den feirabendt haben, pensum carpere, pensum facere. sein rast thun, sein arbeit auszrichten, reddere operam vel operas. seinen rast spinnen, justa operum peragere. Maaler 325ᵇ; später zu Zürich namentlich in den formeln rast geben, einem gegen vergütung eine gewisse bestimmte arbeitsleistung gewähren, an den rast gehen, solche leistung unternehmen Stalder 2, 261: von dem zeitpunkte an, da die kinder der schule entlassen werden, bis zu dem zeitpunkt, da sie zu dem h. nachtmahl zugelassen werden, soll ihnen das rastgeben gestattet sein, unter der bedingung, dasz sie in ihren gemeinden verbleiben, und ohne vorwissen ihrer eltern, des pfarrherrn und des kirchenvorstandes nicht rast geben (d. h. sich nicht zu gewissen arbeiten verdingen), auch durch alle dienlichen vorstellungen beredet werden, ihren eigenen eltern rast zu geben. zürcherisches mandat vom 25. märz 1779 bei G. Cohn volkswirthschaftl. aufsätze (1882) 461. in Aargau ist rast eine gewisse anzahl von chlöpfern, die der spinner sich als tagesarbeit vornimmt, nach der er rastet. Hunziker 201. das masc. rast bedeutet auch eine gewisse zeit, weile (er hat einen guten rast geschlafen, eine ziemliche weile), und in Uri eine gewisse zeit des ausruhens, zunächst bei den schiffleuten, die sich beim rudern ablösen. Stalder; in Aargau der rast die rast. Hunziker a. a. o. dasz dieses masc. rast in nächster beziehung zu dem vorhergehenden fem. steht, ist höchst wahrscheinlich, die bedeutung der bestimmten arbeitsleistung mochte sich aus dem begriffe der ruhezeit und der weile schlechthin ebenso entwickelt haben, wie beim fem. der begriff der zurückzulegenden wegstrecke aus dem des nachher erreichten ruheortes. rücksichtlich des spinnerausdrucks ist hervorzuheben, dasz bei den webern ein gewisses arbeitsmasz reise genannt wird, s. d.
2)
rast im älteren kriegswesen, vorletztes zeichen mit der trommel zum aufbruche: den rast schlagen, solches zeichen geben. Adelung; mit mehr dann einer trommen .. hinder den blendungen rast schlagen. Kirchhof mil. disc. 176. ob dieser ausdruck zu der bedeutung 1 irgend welchen bezug hat, ist nicht ersichtlich.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1886), Bd. VIII (1893), Sp. 151, Z. 46.

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Zitationshilfe
„rast“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/rast>, abgerufen am 05.12.2021.

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