Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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raum, m.

raum, m.
spatium, locus, intervallum.
1)
ein allen germanischen sprachen gemeinsames wort. im goth. begegnet nur der gen. sing. rûmis Luc. 2, 7, zu schlieszen ist daraus mit rücksicht auf das altnord. und sächsische auf ein neutr. rûm; altnord. und neunord. rûm, neutr.; ags. ebenso rûm, mittelengl. rowme, roume, neuengl. room; fries. ist nur das adj. rûm (s. d. folgende) bezeugt, das subst. jedoch sicher vorauszusetzen; alts. altnfr. rûm, neutr., mnd. rum, mnl. ruim; nur im hochdeutschen sprachgebiete masc.: ahd. mhd. rûm, aber schriftsteller niederdeutscher heimat brauchen es im 16. und 17. jahrh. doch bisweilen als neutr.: wir wollen uns hie verbergen, und so baldt sie ins bad kommen wird, und wir das raum allein mit jhr haben können, wollen wir sie erstlich mit listigen worten versuchen. H. J. v. Braunschweig 178 (Susanna 1, 5); weil das raum zum fürstlichen hause etwaʒ geringe war. Micrälius alt. Pomm. 3, 468; in den formeln einen aufs raum stellen, hinstellen, frei stellen, aufs raum jagen, hinaus, fort jagen:
und als er mich aufs raum gestelt,
sprach er: geh nun, wo dirs gefelt.
Fr. Dedekind papista act 5, sc. 9;
last uns sie jagen auf das raum,
das sie gehen am galgenbaum
all könig, fürsten in gemein.
Glaser phasma Frischl. 2, 2.
entlehnt haben vom deutschen die Litthauer ihr ruimas, litt. rume, raum, poln. böhm. wend. rum.
2)
der plural des wortes, wo er entwickelt ist (vergl. namentlich unten 8 im gegensatz zu 5) lautet nach der i-declination räume; wie aber mhd. sich ohne umlaut rûme findet (Lexer handwb. 2, 534), so ist auch nhd. plur. raume bezeugt: freunden, welche einmal getrennt sein müssen, kann es gleich viel sein, welche raume sie trennen, wann diese nur in ansehung der grösze ungefehr eben dieselben bleiben. Lessing 3, 320.
3)
auf die ursprüngliche bedeutung des wortes werfen licht einerseits wurzelhaft verwandte slavische wörter: altslav. ruvati evellere, neusloven. rvati, rvem, rujem eradicare u. ähnl. Miklosich lex. palaeoslov. 807ᵇ, ryti fodere, poln. böhm. ryć 810ᵇ, rylŭ ligo 810ᵃ, litt. rauti, lett. raut ausreiszen, ausgäten, welche mit lat. ru in e-ru-ere, ru-trum zusammenhängen; andererseits einzelnes in der verwendung des deutschen wortes und des dazu gehörigen adjectivs raum und verbums räumen selbst. wenn im ags. das adj. rûm auch geräumt, urbar gemacht, im gegensatze zu rauh, bewachsen ausdrückt (Leo ags. gloss. 649, 11; ne rûh ne rum vom lande Thorpe ancient laws and institutes of England 1840 1, 78), wie unser verbum raumen und räumen (s. d.) im forstwesen ein mit gestrüpp bewachsenes land säubern und kulturfähig machen bedeutet, wozu wieder am nächsten das soldatische einen platz, einen lagerplatz räumen, ihn durch entfernung von stauden und stöcken zum lagern geschickt machen, tritt: so weist alles dieses auf raum als einen uralten ausdruck der ansiedler hin, der zunächst die handlung des rodens und frei machens einer wildnis für einen siedelplatz bezeichnete (noch heute ist im bair. raum die handlung des entfernens, wegnehmens Schm. 2, 91 Fromm.), dann den so gewonnenen siedelplatz selbst; und es gehen hieraus einestheils die bedeutung des freien platzes und der weite mit ihren ausläufern, anderntheils die des platzes im hause und der hauseintheilung hervor. daneben aber hat sich auch der begriff des abzuräumenden, zu entfernenden selbst bisweilen entwickelt: abraum heiszt das abgerodete holz (vergl. th. 1, 86), und im steinbruche die erdschichte über dem felsen: auch das sie (die steinbrecher) den abraum nit schedlich schutten und damit die fels verlegen. Tucher baumeisterb. 80, 18; raum aber auch der schutt, gerüll: hat er die mauren dester diefer am berg ansetzen muesen. was dann fur ain spacium darzwischen, ist alles mit ertrich und raum uszgefult worden. Zimm. chron. 4, 204, 30; in mundartlicher form rum: so soll man die begreptnus mit eingelasznem messing in den grabstainen noch sehen, da man den rumm und das ertrich wurde abrummen und seubern. 1, 128, 17; bair. raum, was entfernt, weggeschafft wird, unrat, schutt, erde Schm. 2, 91 Fromm.
4)
im alemannischen musz das subst. raum im 16. jahrh. und später ausgestorben sein, weder Dasypodius noch Maaler verzeichnen es (nur das verbum raumen, letzterer auch die imperative bildung raumauf, s. d.), und die Basler bibel von 1523 erklärt es: rawm, weite, platz. Fromm. 6, 43ᵇ. erst neuere idiotiken verzeichnen es wieder: der rum, plur. rüm, raum Hunziker 213, offenbar aus der schriftsprache eingedrungen.
5)
raum ist zunächst die gegebene stätte für eine ausbreitung oder ausdehnung. gegensatz dazu ort, der auf einem solchen raume erst entsteht (vergl.ort III, th. 7, 1354 ff.):
immer war mir das feld und der wald, und der fels und die gärten
nur ein raum, und du machst sie, geliebte, zum ort.
Göthe 1, 395;
ebenso platz, die örtlich fest beschränkte stelle: du glaubst nicht, wie viel platz man findet, wenn man wenig raum braucht. 19, 145; es ist wahr, ich selbst behalte in unserm ganzen hause keinen platz als den an meinem schreibepulte, und noch seh ich nicht ab, wo man künftig eine wiege hinsetzen will; aber dafür ist der raum auszer dem hause desto gröszer. ebenda; verbunden aber wird auch, als sinnverwandt, ort und raum (vergl. th. 7, 1358):
denn thut man das am grünen baum,
so denke was für ort und raum
der dürre werd erlangen.
P. Gerhard 40, 344;
du bringst sie fort,   gibst ihnen ort
und raum bei guten leuten.
162, 40;
raum und platz:
einzeln schafft sich blum und blume
durch das grüne raum und platz.
Göthe 40, 381;
der begriff ist nicht auf das freie feld beschränkt geblieben, sondern hat sich auf jede stätte übertragen, die gelegenheit zur entfaltung einer thätigkeit für einen zweck bietet; in diesem sinne ist raum gleichsam bloszes stoffwort, und als solches ohne plural (doch vergl. unten g), und in einer reihe von formeln ohne artikel (vergl. unten 6). raum auf dem felde, im walde; raum im hause, im zimmer; raum auf dem papiere zum schreiben; raum auf der diele zum spielen; freier, weiter raum, enger, beschränkter, knapper raum; du stellest meine füsze auf weiten raum. ps. 31, 9; es ist auch vil stro und futter bei uns, und raums genug, zu herbergen. 1 Mos. 24, 25; der raum ist mir zu enge, rucke hin, das ich bei dir wonen müge. Jes. 49, 20; weh denen die ein haus an das ander ziehen, und einen acker zum andern bringen, bis das kein raum mehr da sei, das sie alleine das land besitzen. Jes. 5, 8; es ist aber noch raum da (für gäste, im hause). Luc. 14, 22;
der getouften viel sô vil ze tal,
daʒ wîter rûm umb in wart.
Wolfram Willeh. 429, 5;
raum mit maszbestimmungen, ein fuszbreit, zollbreit raum: Venedig, wo man, zumal an den kanälen, jeden kubikzoll raum merkantilisch für schweres gold ausmiszt. Seume mein sommer s. 152;
so um sich, neben sich kein fuszbreit raum.
A. v. Droste-Hülshoff ged. 343;
raum zu einem hausbau, zu einer gartenanlage; und Salomo fieng an zu bawen das haus des herrn zu Jerusalem auf dem berge Morija, der David seinem vater erzeigt war, welchen David zubereitet hatte zum raum auf dem platz Arnan des Jebusiters. 2 chron. 3, 1;
man stach ja schon den raum zum neuen kirchhof ab.
Reinh. v. Freientahl (1700) s. 238;
raum im freien felde, in einem hause, im bette;
sich vor ein bette von damast
geführt zu sehn, worin für viere seines gleichen
raums übrig war einander auszuweichen!
Wieland 18, 90;
raum ist in der kleinsten hütte
für ein glücklich liebend paar.
Schiller parasit 4, 4;
einen groszen, kleinen raum einnehmen; die kleidungsstücke nahmen im koffer einen groszen raum ein; seine bücher beanspruchten wenig raum; das haus ward klein angelegt, so dasz auch noch raum für ein gärtchen blieb; die stat aber war weit von raum und gros, aber wenig volk drinnen. Neh. 7, 4.
6)
raum in der angegebenen bedeutung (5) steht gern in festerer verbindung mit verben. aus der eigentlichen und sinnlichen bedeutung entwickelt sich vielfach eine bildliche.
a)
raum haben: und als bald versamleten sich viel, also, das sie nicht raum hatten. Marc. 2, 2; und sie kamen zu hause, und da kam abermal das volk zusamen, also das sie nicht raum hatten zu essen. 3, 20; hatten nicht raum zu fliehen weder hin noch her. Jos. 8, 20; hett unser jeder im paradeisz so viel raum. Garg. 97ᵇ; sie haben nicht alle raum, locus eos non capit. Steinbach 2, 229; wenn du noch raum hast (im musenalmanache), so will ich dir noch einige längere gedichte mittheilen. Hölty 262 Halm (an Voss); meine seele hat nicht raum für zwei gottheiten. Schiller räuber 4, 4; sprichwörtlich: narren-spiel will raum haben. Pistorius thes. par. 8, 45; in der formel raum und statt: es sollen die ketzer nicht raum noch stat, in seinem heiligen, freien, christlichen concilio haben. Luther 8, 212ᵃ;
sag an, wo ist dein kämmerlein?
wo, wie dein hochzeitbettchen? ..
hats raum für mich?
Bürger 14ᵇ;
sie (Maria) ist todt!
jetzt endlich hab ich raum auf dieser erde.
Schiller Maria Stuart 5, 12;
raum für alle hat die erde.
alpenjäger;
aus dem rein örtlichen begriffe in den der bereiten gelegenheit zu wirken übergehend (vergl. dazu unten 7): meinstu auch, das er ein gewissen habe? was sollt er nicht mehr wagen, wenn er raum hette? Luther 3, 66ᵃ; denn wenn man sie (die vernunft) drumb fraget, und lesset hierin meistern, so wird der glaube nicht mehr raum haben, sondern für ein törliche predigt gehalten .. werden. 6, 216ᵇ; nu ich aber nicht mehr raum habe in diesen lendern. Röm. 15, 23 (νυνὶ δὲ μηκέτι τόπον ἔχων); meine beruhigung wäre alsdann diese, dasz bei einem gewaltsamen zorne kein wehmütiger gram raum haben könne. Lessing 2, 39; raum mit folgendem zu und infinitiv: (Th. Müntzer) hab gehofft, da die bawren in Schwaben sich empört haben, er wolt raum haben ein lermen anzurichten. Luther 3, 131ᵃ; denn wenn wirs so bald für augen sehen, so dürften wir keines glaubens, und hette gott nicht raum, seine weisheit und gewalt uber unser weisheit und verstand zu zeigen. 6, 80ᵇ; da er sahe, das er nicht raum hatte sein volk zu trösten, und wider zusamen zu bringen. 1 Macc. 9, 7; indem dieses stück vorgetragen wurde, hatte jeder zuhörer raum genug, an sich selbst zu denken. Göthe 18, 245; nunmehr erst hatte Maximilian freien raum, selbst etwas neues zu unternehmen. Ranke sämtl. werke 1, 109; raum und ursache: da mus doch ein ubeltheter .. das böse unterlassen, so er im sinn hat zu uben, weil er nicht raum noch ursach hat, sein unthat auszurichten. Luther 6, 276ᵇ.
b)
raum machen, zunächst in der örtlichsten bedeutung als öffnung in einem dickicht, lichtung genommen: der keiser Octavianus wolt sich auch nicht sparen, sondern rannte mit seinem spär durch die heiden hin und her, und macht einen groszen raum, läret auch manchen sattel. buch der liebe 22ᶜ;
dô sie hatten geslagen
und gehowen durch den hagen
einen rûm zû mâʒen grôʒ,
daʒ her sich zû hant entslôʒ,
und karte in daʒ lant.
livländ. reimchron. 3991;
die (schar der christen) durchhiwen sie gar,
und machten einen rûm vil grôʒ.
6057;
dann wie örtlichkeit sich zu bewegen, zu bleiben u. s. w.: ich habe das haus gereumet, und fur die kamel auch raum gemacht. 1 Mos. 24, 31; nu hat uns der herr raum gemacht, und uns wachsen lassen im lande. 26, 22; du machst unter mir raum zu gehen, das meine knöchel nicht gleiten. 2 Sam. 22, 37; der amechtige teufel wil nirgend hin, denn an unser ort, da wir zuvor durch das evangelium raum und sicherheit haben gemacht, und wil nu unser nest besuddeln und verderben. Luther 3, 46ᵇ; hundert häuser musten niedergerissen werden, um dem schloszhofe raum zu machen. Schiller hist.-krit. ausg. 8, 143;
mach in mir deinem geiste raum,
dasz ich dir werd ein guter baum,
und lasz mich wol bekleiben.
P. Gerhard 241, 79;
o machte mir ein lorbeerbaum
doch unter seinen ästen raum.
Lessing 1, 127;
raum machen, einem raum machen mit betonung des wegräumens von hindernissen: raum geben et raum machen, loco cedere Stieler 1534;
swâ gedrenge was, dâ machter rûn (für rûm).
Parz. 77, 28;
man mache raum — er nehme seine weite.
Schiller Tell 3, 3;
raum machen, durch den tod, wie eine lücke gedacht: wir (frauenzimmer) verschwinden aus der zahl der lebenden, und den raum, den wir machen, bemerkt man nur im innern des hauses. Klinger 2, 109; in abgeblaszterer bedeutung, mehr wie gelegenheit zum wirken (vergl. oben a): das geschenk des menschen macht jm raum (ἐμπλατύνει αὐτόν septuag.), und bringt fur die groszen herrn. spr. Sal. 18, 16; auszerordentliche menschen üben eine solche gewalt aus, dasz sie ganz bequem ihre zufälligen irrthümer fortpflanzen, indesz weniger begabte und beglückte keine mittel finden, ihren wohleingesehenen wahrheiten raum zu machen. Göthe 53, 269; um zu sehen, was ein deutscher fürst damals ausrichten, wie er sich raum machen konnte. Ranke sämtl. werke 1, 42.
c)
so auch raum schaffen, raum verschaffen: ein verhältnis, das .. raum für eine bessere entwicklung schuf. L. Häusser d. gesch. 3², 224; der natur der sache nach konnten diese anmuthungen sich dort nicht raum verschaffen. Ranke sämtl. werke 1, 92;
Mort. damit sie (Elisabeth) andre hände nicht erkaufe,
bot ich die meinen an. Leic. ihr thatet wohl.
diesz kann uns raum verschaffen.
Schiller M. Stuart 2, 8.
d)
raum geben: so sollen sie jn zu sich in die stad nemen, und jm raum geben, das er bei jnen wone. Josua 20, 4;
der in den schulden funden wirt,
dem gît in sînem hûse rûm
der selbe swarze hellenwirt.
Winsbecke 40, 10;
einem oder etwas raum geben, zur entfaltung einer thätigkeit: denn da die kinder BenJamin sahen das sie geschlagen waren, gaben jnen die menner Israel raum (zu fliehen). richt. 20, 36; rechet euch selber nicht, meine liebesten, sondern gebet raum dem zorn gottes. Röm. 12, 19 (δότε τόπον τῇ ὀργῇ, goth. gibiþ staþ þvaírhein); gebet auch nicht raum dem lesterer. Eph. 4, 27 (μηδὲ δίδοτε τόπον τῷ διαβόλω, goth. nih gibaiþ staþ unhulþin); seid muthig und geduldig. gott wird euch raum geben (Götz zum klosterbruder). Göthe 8, 16; jene grosze wüste zwischen Aegypten und Syrien ... gab wie eine südliche Tatarei dem räuber- und hirtenleben vorzüglich raum. Herder zur philos. 7, 215; ein mörderischer kampf erhebt sich, der nahe feind giebt dem schieszgewehr keinen raum. Schiller hist.-krit. ausg. 8, 288;
jetzt decken wir sie (die augen) zu, jetzt lassen wir sie schieszen,
nach dem wir diesen (liebhaber) schnell und jenen langsam wissen,
hier, brauchen wir den sporn; dort, brauchen wir den zaum;
wir halten jenen an, und geben diesem raum.
Logau 2, 11;
mit dem begriff des weichens, ausweichens: ich habe gestern abend bei dem Gelasius noch etwas gelesen, das mich des nachts ein paarmahl geweckt hat, und das auch meinen wachen kopf ganz anfüllt, das sobald keinem andern gedanken raum geben zu wollen scheint. Lessing 11, 747; die nacht hatte inzwischen den ersten strahlen des frühlichts raum gegeben. Immermann Münchh. 1, 22;
wir schreiten weiter;
das nenn ich ein gewühl!
gib raum: des bischofs reiter
mit banner und mit spiel!
Freiligrath dicht. 2, 168;
in dem abgeblaszten sinne wie statt geben, zulassen, gelegenheit geben, mit nachsatze oder infinitiv durch zu vermittelt: wie ich gesagt habe, wo der pöfel gewalt und recht haben sol, ein gebot gottes also zu volziehen, so mus man darnach raum geben, und zulassen, das sie alle gebot volziehen. Luther 3, 45ᵃ; mit der weise solt kein wort in der schrift klar bleiben, wenn einem jglichen geist der raum were gegeben, das er eine newe deutung drauf brecht. 476ᵇ; Franz Nicolovius, ein lieber verwandter, hielt sich länger auf, und gab raum, eine vielversprechende jugend zu kennen und zu schätzen. Göthe 32, 153; eine beinahe vierzig jahre lange weibliche regierung hatte der nation raum gegeben, ihre freiheiten geltend zu machen. Schiller hist.-krit. ausg. 7, 105; das lange ausbleiben der päpstlichen diplome .. gab den miszvergnügten raum, sich zu einem zwecke zu vereinigen. 113;
(Guido) giebt der guten frau, die vor erstaunen kaum
zu athem kommt, durch sein entfliehen raum
sich die begebenheit (wo möglich) zu erklären.
Wieland 21, 250;
einer neigung, einer bitte raum geben, nicht widerstehen: sehet zu, dasz jr durch die freiheit dem fleisch nicht raum gebet. Gal. 5, 13 (μόνον μὴ τὴν ἐλευθερίαν εἰς ἀφορμὴν τῆς σαρκὸς δῶτε, goth. þatainei ibai þana freihals du lêva leikis taujaiþ); komm, gib ihrer liebe raum. Fr. Müller 1, 13; seinem eigenen verstande entsagen, und seinen neigungen unbedingten raum geben. Göthe 18, 108;
(die Römer) verhiengen über sich den sünden ihren zaum,
und gaben falscher lust und üppigkeiten raum.
Opitz 3, 273;
lasz, edler bräutgam, deiner jugend,
lasz ihr doch itzo ihren zaum,
und gieb den reifen freuden raum.
Fleming 367;
und gib meiner bitte raum,
sprich: lasz all dein trauren schwinden.
P. Gerhard 41, 38;
nur gieb, dein Azem fleht, gieb einer bitte raum.
Hagedorn 2, 13;
trostlose mutter! gieb raum der hoffnung,
er erwählt das leben, dir bleibt dein sohn!
Schiller braut von Mess. v. 2823;
eine formel raum und platz geben:
schauet, dasz die wissenschaften
tugend, guhte künst und lehr,
o ihr herren, mehr und mehr
itzt in euren ländern haften,
denn der edle friedensschatz
gibt zu solchem raum und platz.
Rist Parnasz 851.
e)
raum lassen: wie man dem wasser nicht raum lassen sol, also sol man dem weibe seinen willen nicht lassen. Sir. 25, 33; auch hier in bezug auf thaten, empfindungen, neigungen, gedanken: lasset dem teufel nicht raum, der euch solche zeichen so einbildet. Luther 5, 532ᵇ; dem teufel ein wenig raum lassen, uns zu strafen. 6, 123ᵇ; du richtetest sie mit der weile, und lieszest jnen raum zur busze. weish. Sal. 12, 10; welches er nicht thäte, wenn er dem verstande raum liesze. Chr. Weise erzn. 224 Braune; ich werde morgen von hier abreisen, und in fremden gegenden meinen schmerzen raum lassen. Cronegk 1, 144; die unkenntnis der zukunft, welche der hoffnung und dem streben raum läszt. E. v. Hartmann spiritismus (1885) s. 83;
das dir gefiel dein sinn allein
und liszt deim aigen willen raum.
H. Sachs fastn. sp. 1, 144, 334;
laszt mir raum
mich erst zu fassen.
Göthe 10, 204;
freien raum:
ich geh, ich lasz ihr ihren freien raum
und spar ihr einen anblick den sie haszt.
Schiller Phädra 1, 2;
raum und luft, raum und lauf, raum und zeit lassen: ehe er demselben gelerten teufel luft und raum lasse, nicht mit dem abc, sondern mit dem rechten schweren text, uns anzugreifen. Luther 6, 317ᵃ; diese ironie, dieses bewusztsein, womit man seinen mängeln nachsieht, mit seinen irrthümern scherzt und ihnen .. raum und lauf läszt. Göthe 54, 104;
lasz mir raum und zeit,
dasz mein gemüth sich selbst erst wieder kenne.
10, 207;
raum verstatten: hüte dich, keiner neigung raum in deiner seele zu verstatten, die du nicht deinem strengsten freunde ohne schamröthe solltest gestehen können. Gellert 5, 242.
f)
raum finden, empfangen, kriegen, gewinnen, bekommen: ah erde verdecke mein blut nicht, und mein geschrei müsse nicht raum finden. Hiob 16, 18; auch hier gewöhnlich in die bedeutung der bereiten gelegenheit übergreifend: und was des haubtmans anschlag gewest, wo er ain wenig zu raumb komen und in das feuer nit so hart gehindert, das er sich mit sein raisigen .. ein tor zu öffnen .. understanden haben wolt. Wilw. v. Schaumb. 37; da aber Jonathas sahe, das er nu raum gewonnen hatte. 1 Macc. 12, 1 (ὅτι ὁ καιρὸς αὐτῷ συνεργεῖ septuag.); es ist der Römer weise nicht, das ein mensch ergeben werde umb zubringen, ehe denn der verklagte habe seine kleger gegenwertig, und raum empfahe, sich der anklage zu verantworten. ap. gesch. 25, 16; er fand keinen raum zur busze, wiewol er sie mit threnen suchte. Hebr. 12, 17; aber im herzen denket er, wie er dich in die gruben felle, und kriegt er raum, so kan er deines bluts nicht sat werden. Sir. 12, 16; so bald sie raum zu reden bekam. J. E. Schlegel 5, 252; glücklicherweise trennte sich die gesellschaft für einige zeit. Ottilie fand raum sich in der einsamkeit auszuweinen. Göthe 17, 321;
so dacht ich heut den fürsten selbst zu bitten;
ich fand nicht raum.
9, 210;
raum und statt finden, zur anwendung: denn bei denen finden diese wort stat und raum, da Christus sagt, nemet hin und trinket. Luther 1, 339ᵃ; raum und zeit finden: es möcht einmal ein ander unraht draus folgen, wo der teufel raum und zeit fünde. 5, 124ᵃ.
g)
raum suchen, brauchen: denn so jenes das erste (testament) untaddelich gewesen were, würde nicht raum zu einem andern gesucht. Hebr. 8, 7;
selig, wer ihm suchet raum
auf den grünen friedensmatten.
geistliches lied von Angelus Silesius;
ganz ungewöhnlich ist hier der plural:
nur platz! nur blösze!
wir brauchen räume,
und fällen bäume
die krachend schlagen.
41, 29.
raum sparen, ersparen; vergl. raumersparnis, raumersparung.
h)
raum ist, ist vorhanden, bleibt:
für freud und leid ist weiter raum
im herzen voll gefühl.
Arndt ged. 136;
auch hier aus der rein räumlichen in die bedeutung der gelegenheit übergehend: hier ist kein raum zum entrinnen mehr. Schiller räuber 2, 3; zu sehr hatten sie ihn .. beleidigt, als dasz noch raum zur vergebung gewesen wäre. hist.-krit. ausg. 7, 241; irgend ein zufall hat uns verrathen! komm! der arm unserer freunde hält uns zur flucht geringen raum. Göthe 57, 92 (Iphigenie in prosa 5, 4); dafür:
komm, wir sind verrathen!
geringer raum bleibt uns zur flucht.
9, 90;
halt, o halte! rief der vater,
noch ist raum, enteil, enteile!
3, 13;
zum rathe bleibt nicht, zum vertrauen bleibt nicht raum.
40, 378.
i)
so erscheint übertritt in die bedeutung der gelegenheit und der günstigen zulassung auch wol in andern fällen, auszerhalb der angeführten festen verbindungen: und (sie) thun das, unter unsers fürsten schutz, ja unter unserm namen und raum. Luther 3, 47ᵇ; das solch werk deste ehe und statlicher gefördert werde, denn es ist hohe zeit, ehe man den raum verseume, und darnach nicht dazu komen müge. 139ᵇ.
7)
raum, ausdehnung oder breite zwischen zwei gegenständen, vgl.zwischenraum, ↗spielraum: raum zwischen zweien säulen, intercolumnium, raum zwischen zweien landschaften, intermundium, raum zwischen zwei mauren, intermurale, der raum sive gang zwischen den weinkämern, interordinium, raum zwischen den ruderbänken, interscalmium. Stieler 1534; es ist ein groszer raum zwischen uns beiden, ingenti separamur interstitio. ebenda; einen engen raum lassen, intervallum angustum facere. Steinbach 2, 229; und macht raum dreier tagereise weit zwischen jm und Jacob. 1 Mos. 30, 36; gehet vor mir hin, und lasset raum zwischen einer herde nach der andern. 32, 16; doch das zwischen euch und jr raum sei bei zwei tausent ellen. Josua 3, 4; da nu David hinüber auf jenseid komen war, trat er auf des berges spitzen von ferne, das ein weiter raum war zwischen jnen. 1 Sam. 26, 13;
sie fliehet fort! es ist um mich geschehen!
ein weiter raum trennt Lalagen von mir.
E. v. Kleist (1765) 102;
durch zwei ellen raum von der versucherin
hinlänglich, wie er hofft, geschieden,
giebt bruder Lutz sich endlich auch zufrieden.
Wieland 18, 96.
8)
raum, in die zeitliche bedeutung der frist übergegangen, auf grund theils der vorigen bedeutung, theils der nr. 5, die durch den entwickelten begriff der gelegenheit (vgl. 5, ai) hierher leitet: raum, der zeit nach, intercapedo, intervallum Frisch 2, 92ᶜ; am dritten rechtstag aber wirdt keinem weiter raum oder aufschub gegeben. Kirchhof milit. disc. 245; am tage des gerichts ist davon zu sprechen kein raum oder zeit mehr übrig. pers. baumg. 9, 19; mit näherer bestimmung geradezu als zeitmasz: dreihundert fünf und sechzig tage, worunter hundert feiertage waren, .. zeigen einen solchen ungeheuren raum von zeit, dasz obige mittel, so blos genommen, nicht hingereicht haben können, solchen auf eine angenehme art auszufüllen. Möser patr. phant. 2, 238; alle diese fertigkeiten, kunsttriebe, erfahrungen .. sind im raume von wenigen jahrtausenden in dem menschen angepflanzt und entwickelt worden. Schiller hist.-krit. ausg. 9, 89; alles andere (als die hauptmomente in don Carlos) gab er (Schiller) auf, und doch hat er sich nie in den raum von drei stunden einschlieszen können. Göthe 45, 19;
ich werd ihn wieder finden,
wenn ich meine spanne raum
durchgekrochen bin, und dieser traum
in dem arm der engel wird verschwinden.
Gökingk 1, 77;
der heitre wandel mancher schönen tage,
der stille raum so mancher tiefen nächte
war einzig diesem frohen lied geweiht.
Göthe 9, 211;
der herr geht immer voraus vor allen,
läszt unversehens eine kirsche fallen.
sanct Peter war gleich dahinter her ...
der herr, nach einem kleinen raum,
ein ander kirschlein zur erde schickt.
13, 121.
vergl. zeitraum.
9)
raum, mit dem plur. räume, eine von bestimmten festen grenzen eingeschlossene stätte; in mancherlei anwendung. so
a)
von einzelnen abtheilungen eines wohngebäudes: die untern räume des hauses dienen als waarenlager, die obern bewohnt der hausherr; vgl.kellerraum, waarenraum, holzraum, wohnraum; für uns kinder, eine jüngere schwester und mich, war die untere weitläufige hausflur der liebste raum. Göthe 24, 12;
(ich werde) mich freuen des seligen raums,
den ohne mein eignes bemühn
mein herrscher, mein helfer, mein leben
mir selber zu eigen gegeben
im hause.
P. Gerhard 7, 59;
tretet herein in den hinteren raum, das kühlere sälchen.
Göthe 40, 241;
es füllen sich mir alle räume dieses hauses
mit bleichen, hohlen geisterbildern an.
Schiller Wallensteins tod 4, 11;
es füllt sich der speicher mit köstlicher habe,
die räume wachsen, es dehnt sich das haus.
glocke v. 115;
auch collectiv von einem ganzen gebäude selbst:
nichts groszes schafft das wörtlein 'nüchtern',
kein kloster hegts in seinem raum.
Arndt ged. 47.
b)
von umschränktem, umgränztem:
es ward auch bei solcher unzähligen menge
beinahe der raum der versammlung zu enge,
immittelst erhub sich ein plötzlich geschrei,
dasz auszer den schranken ein reisender sei.
Lichtwer fabeln 1, 11;
ein freier raum vor, hinter einem hause; ein von einem gitter umschlossener raum, der zu einem garten hergerichtet war; der platz sol heilig sein, soweit er reicht. und von diesem sollen zum heiligthum komen ja fünf hundert ruten ins gevierde, und dazu ein freier raum umbher funfzig ellen. Hes. 45, 2; wenn vier seiten einen raum einschlieszen, so hat man ein vierecke. Chr. Wolf ged. von gott, der welt § 42; raum für hofraum:
pfeile folgen pfeilen
mich treffend. allwärts ahn ich überquer
gefiedert schwirrend sie in burg und raum.
Göthe 41, 243 (vgl. dazu burghof s. 208);
raum für einen beschränkt oder umfriedigt gedachten ort am ufer:
(dasz wir) stehen als ein frischer baum,
der an des süszen wassers raum
zu seiner zeit bringt guhte frucht.
Rist himl. lieder 3, 161 (nach ps. 1, 3);
raum, der durch mauern umschlossene platz einer stadt:
messend führet sie die kette
um des hügels grünen saum;
auch des wilden stromes bette
schlieszt sie in den heilgen raum.
Schiller das eleus. fest;
von einem in sich geschlossenen kleinen walde:
tönt fürder, ihr haine,
wenn Phoebus entflieht,
zu unserem weine
eur wirbelndes lied!
ihr luftigen räume,
bleibt heiter und hell.
Hölty 178 Halm.
c)
hohler raum, von allen seiten umschlossen, vergl. auchhohlraum:
dieses lichtreich zu bedenken
und in seinen hohlen raum, unsers geistes kraft zu senken
soll anjetzt mein endzweck sein.
Brockes 5, 14;
es lockt ein hohler raum (eine höhle), allmählich aufgetahn,
mit grauer dunkelheit, mich schon zum schlummer an.
Drollinger 75;
während sie (die Lästrygonen) jen' in des ports tiefgründigem raume vertilgten.
Odyss. 10, 125;
so raum auch von einem sarge:
alles faszt der schmale raum von holz.
Schiller hist.-krit. ausg. 1, 358;
in diesem frühling, als man, um platz zu gewinnen, sich in die felsen an mehreren orten hineinarbeitete und oberhalb des mühlbads, ... nicht weniger auf dem Bernhardsfelsen räume brach. Göthe 51, 124; bei diesen und ähnlichen gelegenheiten war es mein gewöhnliches vergnügen, mich im raum unter die öffnung (des schiffes) zu setzen und in die höhe an den horizont hinaus zu sehen. Seume mein leben 77; ein luftleerer raum: nur ein feind von ihnen kann sie unter eine luftglocke und in den luftleeren raum verwünschen. J. Paul auswahl a. d. teuf. pap. 1, 26.
d)
als groszer raum wird auch der himmel und das meer gedacht:
von dem grund der meere
steigt durch der himmel raum sein (des verstandes) flug zur höchsten sphäre.
Lichtwer schriften 182;
wenn über uns, im blauen raum verloren,
ihr schmetternd lied die lerche singt.
Göthe 12, 60;
mir blüht ein gram im herzen
der liebe heiszt, der sucht die hohen räume
und zu den sternen geht sein ewges wallen.
Arndt ged. 230;
o lasz uns den busen
dehnen zum himmlischen raum, welcher es alles umfaszt.
266;
so fliegt es (das wunderpferd)
ewig weiter durch den raum der sterne.
Platen 322;
denn das meer ist der raum der hoffnung
und der zufälle launisch reich!
Schiller braut von Mess. v. 929:
umfängt mich nicht der weite himmelsschoosz?
die blicke, frei und fessellos,
ergehen sich in ungemesznen räumen.
M. Stuart 3, 1.
e)
als raum endlich ist das menschliche herz genommen:
der bosheit pflanze nimmt allein
den raum der herzen bei uns ein.
S. Dach in den ged. des Königsberger dichterkreises 269;
in des herzens heilig stille räume
muszt du fliehen aus des lebens drang.
Schiller der antritt des neuen jahrhunderts;
kräfte werden in einem raum genannt, was aber an die folgende bedeutung des maszes erinnert:
doch, muse, halt! zurück in deiner kräfte raum!
du, schmetterling, wirst dir den fittig sengen!
Gotter 1, 407;
ganz örtlich aber sind not und hilfe als räume gefaszt, bei Luther: wie die not unser enger raum ist, der uns betrübt und klemmet, also ist die hülfe gottes unser weiter raum, der uns frei und frölich macht. 5, 49ᵇ.
10)
raum als ausdehnungsmasz: also hatte der ander cherub auch zehen ellen, und war einerlei masze und einerlei raum beider cherubim, das also ein jglicher cherub zehen ellen hoch war. 1 kön. 6, 25; auf die weise machet er zehen gestüle gegossen, einerlei mas und raum war an allen. 7, 37; item er helt, das die engel greiflichen leib haben ... an andern örten sagt er, das sie groszes raumes sind. Luther 8, 24ᵃ; anknüpfend an die räumliche entwickelung eines körpers: so hat nu Christus einiger leib, dreierlei wesen oder alle drei weise etwa zu sein. erstlich, die begreifliche leibliche weise, wie er auf erden leiblich gieng, da er raum nam und gab, nach seiner grösze. 3, 459ᵇ.
11)
raum im philosophischen sinne, als eine form des denkens oder anschauens: so müssen wir raum für die ordnung derer dinge annehmen, die zugleich sind. Chr. Wolf ged. von gott, der welt § 46; der raum ist an sich nichts, d. h. er hat seinen grund blosz in der beschaffenheit unserer sinnlichkeit, und fällt mit dieser weg. Kant;
raum und zeit, ich empfind es, sind blosze formen des anschauns,
da das eckchen mit dir, liebchen, unendlich mir scheint.
Göthe 1, 395;
freund, der unterschied der erdendinge
scheinet grosz und ist so oft geringe;
alter und gestalt und raum und zeit
sind ein traumbild nur der wirklichkeit.
Herder zur litt. 3, 43;
die drei dimensionen des raumes, länge, breite, tiefe; bewegungen und schwankungen über den dreidimensionalen raum hinaus. E. v. Hartmann spiritismus (1885) s. 45; hätte man es, wie Zöllner meint, bei diesen erscheinungen mit einer vierten dimension des realen raumes zu thun. ebenda;
dreifach ist des raumes masz.
rastlos fort ohn unterlasz
strebt die länge fort ins weite;
rastlos gieszet sich die breite;
grundlos senkt die tiefe sich.
Schiller sprüche des Confucius 2;
geister abmarken, heiszet den raum in räume verwandeln und die luftsäulen messen, wo man oben nicht mehr knauf und äther sondern kann. J. Paul vorsch. d. ästhet. 1, 65;
hoch über der zeit und dem raume webt
lebendig der höchste gedanke.
Schiller die worte des glaubens;
aus leichten wünschen bauen sie (die sänger) sich throne,
und nicht im raume liegt ihr harmlos reich.
jungfrau von Orl. 1, 2.
12)
raum, in der mechanik die linie, welche von dem mittelpunkte der schwere eines körpers bei seiner bewegung durchgangen wird. mathem. lex. (1747) 1, 1085.
13)
raum bei den bergleuten: räume sind diejenigen örter, so zu sturzplätzen, wasserläuften, pochwerken, wäschen und dergleichen gegen einen leidlichen abtrag, eingeräumet werden. bergwerks-lex. (1743) 439ᵃ; weil die armen bergkleute jhrer reume und ackerbaws nicht warten kondten und dorften. Mathes. Sar. 14ᵇ.
14)
raum bei einem schiff der unterste boden. mathem. lex. 1, 1085; raum ... dieser ist gleichsam der keller der schiffe. Jacobsson 7, 39ᵃ;
hierauf schirmt er die seiten (des lastschiffs) entlang mit weidenem flechtwerk
gegen die rollende fluth und füllte den raum mit ballast.
Odyss. 5, 257;
einige fässer weines
lagen noch im untern raum und karge
lebensmittel.
Platen 330;
vergl. schiffsraum.
15)
raum beim köhler kleine in einen kohlenmeiler eingestochene öffnung, wodurch er den rauch beobachtet. Jacobsson 3, 371ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1886), Bd. VIII (1893), Sp. 275, Z. 43.

raum, m.

raum, m.
für mhd. râm, schmutz, vgl. unter rahm sp. 62 fg.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1886), Bd. VIII (1893), Sp. 283, Z. 59.

raum, m.

raum, m.
für rahm, das fette der milch, s. sp. 63: nach den kochen aber gibt man den knechten newen durchgeschlagenen keesz in funf schosselen mit raum ubergossen. weisth. 2, 510 (Untermosel von 1580).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1886), Bd. VIII (1893), Sp. 283, Z. 60.

raum, adj.

raum, adj.
raum habend, geraum, geräumig; goth. rûms; altnord. rûmr, dän. schwed. rûm; fries. rûm; ags. rûm, engl. durch roomy ersetzt; alts. altnfr. mnd. rûm, niederl. ruim; die ahd. adjectivform ist rûm und rûmi, ampla rûmi, hrûmi Steinmeyer-Sievers 1, 219, 16, häufiger die adverbialform rûmo; mhd. rûm, adv. rûme ist selten und zumal nur in md. quellen, gewöhnlicher ist gerûm, gerûme, das spätere geraum (s. d.). auch das nhd. adj. raum erscheint fast nur bei älteren schriftstellern mittel- und niederdeutscher heimat (ein seltenes bair. fuszraum, geräumig für den fusz vgl. th. 4¹, 1039), und wird in den älteren wörterbüchern unserer schriftsprache gar nicht verzeichnet. amplus rum Dief. 31ᵇ (niederd., 15. jahrh.); vom ort: da hat der deutsche orden einen gahr raumen platz an der mauren an s. Nicolaus thor erlanget. Henneberger preusz. landt. 362;
wie raum das loch.
froschmäus. Hh 6ᵃ;
er hat zwar unter jhn mit macht
seim grimm ein raume ban gemacht.
Ulenberg psalt. (1630) 314;
du hast mit trewen jhn geleitet,
hast seinen weg für jhm bereitet,
und raume straszen jhm gebaut.
325;
als wie in raumer luft, die sehr verzagten staren,
fürm kühnen sperber, weg und hin und wieder fahren.
D. v. d. Werder Ariost 12, 80, 5;
der diese welt, so raum und breit,
in treuer hut bewachet.
R. Roberthin in den ged. des Königsberger dichterkreises 121;
die raume see, die freie: dennoch lieszen wir unsere hoffnung nicht ganz fallen, so lange wir die raume see hatten. Andersen oriental. reisebeschr. herausg. von Olearius (1696) 93; in substantiver verwendung, ins raume kommen, ins freie, aus der engen gefangenschaft:
zuletst, wie er (der in die grube gefallene wolf) nu sucht umbher,
fandt sich ein loch on als gefehr,
wiewol es jm war all zu eng,
doch strecket er sich in die leng,
bisz er hindurch ins raume kam,
B. Waldis Esop 4, 3, 71;
adverbial:
das sein heuszlein fein raum kont stehn.
froschmäus. Pp 2ᵇ (3, 1, 6);
übertragen: (die frau) hat ein raum gewissen, verschlinget den ehebruch, wie der wolf eine mücken. Luther 8, 130ᵃ; man mus ein raum gewissen haben, wenn man solche sachen verrichten wil. H. J. v. Braunschweig 365; von der zeit: eine anzahl geldes in raumen terminen aufzubringen. Micrälius alt. Pomm. 5, 207;
das (welches) er auch that ein raume zeit.
froschmäus. X 1ᵃ (2, 2, 1);
dasz dich die völker preisen
auch über lange raume zeit.
Ulenberg psalt. (1630) 177;
es musz schon lange sein, wie dieses ist geschehen,
ich kan die raume zeit mit nichten nicht absehen.
Rein. fuchs (1650) 362.
in der seesprache heiszt ein raumer wind der zum segeln am vortheilhafteste. Campe.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1886), Bd. VIII (1893), Sp. 283, Z. 64.

raumen, räumen, verb.

raumen, räumen, verb.
raum machen.
1)
ahd. rûmman, rûman, mhd. rûmen; alts. altnfr. rûmian, mnd. rûmen, mnl. ruimen; ags. rŷman; fries. rêma; altnord. rŷma, schwed. rymma, dän. rømme. die heute allgemein übliche umgelautete form unserer schriftsprache ist mitteldeutsch, von Luther gebraucht und dadurch mustergiltig geworden, die oberdeutschen quellen des 16. und selbst die des 17. jahrh. brauchen noch raumen, mundarten haben es heute noch, nicht nur die des oberlands (bair. raumen Schm. 2, 91 Fromm., tirol. râmen Schöpf 53, schweiz. rûme Hunziker 213 u. a.), sondern auch mitteldeutsche (hessisch raumen Vilmar 318, rheinisch raumen Kehrein 325). das verbum war von jeher auch in den gegenden geblieben und heimisch, die das subst. raum hatten eingehen lassen (vgl.raum 4, sp. 276), wozu seine eigenartige entwickelung beitrug.
2)
die ursprüngliche bedeutung des verbums, einen raum, d. h. eine lichtung im walde schaffen, behufs urbarmachung oder ansiedelung (vgl.raum nr. 3, sp. 275 fg.), ist auch in der späteren sprache und theilweise bis auf heute erhalten: rawmen oder rawtten voc. von 1431 bei Schm. 2, 91 Fromm.; ruymen, extricare agrum silvestrem Kilian; sie (die Preuszen) sollen die wüsten erbe, wüste huben reumen und bewohnen und die wüsten äcker bauen. Waissel Preuszen 105; sichtbar auch noch in der sprache der jäger, wenn hier zu den flügeln räumen heiszt durch fällung der bäume wege zu den flügeln eines jagens bahnen ( Adelung); in der soldatensprache einen platz, ein feld, eine stelle räumen, sie zu einem lagerplatze einrichten. vergl. dazu unten 4.
3)
im rechtsleben unserer vorfahren gewann diese ursprüngliche bedeutung des wortes einen besonderen sinn: der landesverwiesene oder landflüchtige verbrecher gieng in wald und einöde, wurde waltman, ags. wealdgenga, altnord. skôggangr, skôgarmađr (vergl. rechtsalt. 733), muste sich seine wohnstätte durch roden und lichten fern von den volksgenossen von neuem gründen. das war die strafe des räumens, und die übertragung des ausdrucks darauf ist gewiss uralt, weil schon in alten quellen unserer litteratur ein verdeutlichender accusativ dazu auftritt.
a)
eigentlich heiszt es nur schlechthin räumen, indem in der rechtssprache das eigentliche object (den wald oder eine stelle desselben) kurzer hand unterdrückt ist: er musz räumen, ihn trifft die strafe der verbannung: swelich burgere den andern mit knuttiln slet (schlägt), der gibt sechs phunt und rumet zwei jar. gesetze der stadt Nordhausen in den mittheil. des thür.-sächs. alterthumsvereins 3, 1, 45; wer den andern zu tode schläget, der soll geben zwei pfund an die stadt, und soll ein jahr rumen. Haltaus 1511 (von 1350); umbe den todschlag soll man rumen ein jahr. ebenda; denn die von N. müssen hierin jr gewissen verwaren, das sie dem tyrannen nicht helfen, wider das evangelium thun, sondern viel lieber weichen, reumen, und machen lassen. Luther 4, 314ᵇ; in freierem sinne: dasz das wort gottes zu Augsburg so schweigen und räumen musz. br. 4, 178.
b)
verdeutlichend ward zu diesem rechtsausdrucke, nachdem die eigentliche ursprüngliche bedeutung verdunkelt war und nur der begriff der ausweisung noch hervortrat, ein neuer objectsaccusativ gestellt, das land, die stadt, das weichbild räumen: ahd. daʒ lant rûmen, in exilium ire Graff 2, 509; fries. erve ende land rêma Richthofen 991ᵇ; altnord. rŷma land Vigfusson 505ᵇ; mhd. nhd. davon muͦste der bischof dutsche lant rumen bitze noch des kuniges tode. d. städtechron. 8, 56, 31; wi daʒ tut, di sal daʒ wipilde rumen, mit sime wibe unde mit sinen kinden. gesetze der stadt Nordhausen in den mittheilungen des thür.-sächs. alterthumsvereins 3, 2, 15; wer daʒ tete der vorlore zechen mark lotiges silber an die stat, und sal met wibe und met kinden die stat und wichbilde ewiclichen rumen. ebenda 3, 4, 86.
c)
so von der rechtssprache in die allgemeine sprache übergreifend, heiszt räumen mit acc. etwas meiden, verlassen, aufgeben, mit dem beisinn des gezwungenseins: ein land, eine stadt, eine burg, eine festung, einen ort, ein haus, eine stätte räumen; das lant reumen, migrare Stieler 1534; anstundt raument meinen hof und reich. Aimon bog. D; dennoch sich der könig also hart wider jhn entrüstet, dasz er dem ritter Gernier gebot, sein land, mit leib und gut, in monats frist zu raumen. buch der liebe 229ᵇ; so ich die statt Paris nicht in monats frist raumen thet, ich warlich einen ungnedigen herrn und könig haben würde. ebenda; wir müssen das land reumen, denn sie haben unser wonunge geschleift. Jer. 9, 19; ich wil auch die burg zu Jerusalem widerumb reumen lassen, und dem hohenpriester ubergeben. 1 Macc. 2, 32; ich habe euch geschrieben, in dem brieve, das jr nichts solt zu schaffen haben mit den hurern, das meine ich gar nicht von den hurern in dieser welt, oder von den geizigen .. sonst müstet jr die welt reumen. 1 Cor. 5, 10 (ἐπεὶ ὠφείλετε ἄρα ἐκ τοῦ κόσμου ἐξελθεῖν, goth. unte skuldêdeiþ þan us þamma faírhvau usgaggan); was von fremden nicht arbeiten wolte, das solte das ganze land in einem monat, die stadt aber in vier und zwanzig stunden raumen. Simpl. 2, 98 Kurz; beide freunde muszten zuletzt nachgeben, das zimmer und das haus räumen. Göthe 19, 234; als sie die stellung bei Gadebusch geräumt fanden. L. Häusser deutsche gesch. 3², 39; am festgesetzten tage ward die festung geräumt. 79; sie hatten den unglücklichen Sequanern befohlen, auch das zweite drittel ihrer äcker zu räumen. G. Freytag bild. 1, 48;
sô rûmde ich mîne slâfstat.
g. Gerhard 1883;
als den das gelt allain ich hon.
darmit ich raümen wil das lant
in ein gegent mir unbekant.
H. Sachs fastn. sp. 6, 103, 255;
und in drum warnet iederman,
das er das lant balt raumen sölt
und niemer darein kem,
dan in der künig strafen wölt.
dicht. 1, 169, 11 Gödeke;
ouch die puren hettend grumbt das land.
H. Salat 97, 249 Bächtold;
doch vorab, dasz die vind zugend bald
ab Zuger erdrich, rumbtend den wald.
104, 498;
drum hast du, als verfolgt, dich freilich nicht gesaumt,
auf reichthum nicht getrachtt, du hast das land geraumt.
Rompler 92;
dasz keiner, satt des unglücks, seine legionen
das blutfeld räumen hiesz.
Ramler 1, 52;
ich fürchte, das seelchen
entflieht, um dir zu entfliehn, und räumet die hütte.
Göthe 10, 233;
fürs erste wollen seine majestät,
dasz die armee ohn aufschub Böhmen räume.
Schiller Piccol. 2, 7;
da schlief ich ein und träumt,
ich sei noch im spitale,
den ich doch längst geräumt.
Uhland ged. 105;
den platz räumen, von einem platze weggehen, sich zurückziehen: da kompt unser vatter, mit meinem rath wollen wir den platz raumen. Aimon bog. e; last uns diesen platz raumen. f; darauf gefaszt, seinen platz zu räumen. L. Häusser deutsche gesch. 3², 185; wol ursprünglich der kriegerischen sprache angehörig, wie das feld, den plan räumen, was auch formelhaft geworden ist (gegensatz das feld behalten, vergl. theil 3, 1478): er räumte das feld, terga dabat victoribus. Steinbach 1, 429; so dasz die alte, ganz erstaunt über seine seltene fertigkeit, das feld räumte. Arnim 2, 219; als die ungeschicktesten (tänzer) den plan geräumt hatten. Göthe 16, 32;
er fühlt es selbst, und beschlieszt sogleich das feld zu räumen.
Wieland 4, 118 (n. Amadis 5, 22);
nur mit dem Geszler fürcht ich schweren stand, ..
nicht ohne blut räumt er das feld.
Schiller Tell 2, 2;
den hof, die gesellschaft räumen:
und es erschraken die beiden, die krähe mit dem kaninchen,
räumten den hof und trauten nicht weiter ein wörtchen zu sprechen.
Göthe 40, 150;
den sattel räumen, vom sattel abgeworfen werden, im kampfe, im turniere: muszt schnell den sattel raumen. Galmy 146; nun ist nicht on, ich mein sattel auf diesem thurnier nie geraumet hab. 147;
er stach in vornân inne   daʒʒ rückeshalp ûʒ brast.
den satel muoste er rûmen   her nider ûf daʒ gras.
Alpharts tod 152, 3;
doch unter ihnen allen keiner hielt
den strengen stosz des unbekannten aus:
sie räumten alle nach der reih den sattel.
Wieland 18, 19;
und auf den andern trosz arbeitet unser ritter
so unverdrossen los, dasz bald ein zweiter und dritter
den sattel räumt.
22, 59 (Oberon 2, 5);
bildlich: ohne deren hülf .. ihr doch längest hätten müssen den sattel raumen. Philander 2, 50. in der älteren sprache ward loco cedere kurz durch eʒ rûmen ausgedrückt, zahlreiche beispiele oben th. 3, 1118. das gericht räumen, eine gerichtssitzung verlassen, der man als richter oder beisitzer anzuwohnen hat, vergl. Haltaus 1511; selbst das zeitliche räumen, sterben: der vetter hat im monat Junio dieses zeitliche gereumet. Diefenbach und Wülcker wörterb. 814 (von 1624).
d)
neben dem acc. ein persönlicher dativ dessen, zu dessen gunsten man geht: mitler zeit schreib Jonathas dem könig Demetrio, und bat jn, er wolt denen, so auf der burg lagen, gebieten zuweichen, und jm die burg zu reumen und einzugeben. 1 Macc. 11, 41;
er muoʒ mir diu lant rûmen,   ald ich geniete mich sîn.
minnes. frühl. 8, 7;
nu brinc mir her vil balde   mîn ros, mîn îsengwant.
wan ich muoʒ einer frouwen   rûmen diu lant.
9, 32;
wolauf, wolauf! last uns hinausz!
den frommen herren raumbt das hausz!
H. Sachs fastn. sp. 1, 123, 275;
der gute räumt den platz dem bösen.
Schiller glocke v. 372;
verschieden davon unten 5.
e)
aber frühe war auch schon intransitives räumen, von oben a aus, im sinne von weggehen, von einem orte weichen, gebraucht worden: ih .. bin uuorden also der sparo der einluzzer in hûs ist. uuanda andere fogela rûment, sparo ist heime. Notker ps. 101, 8; di jungvrowen sungen und lâsen vil ober ime (einem besessenen) und ouch di pfaffen; und der vînt enkarte sich nichtis nicht dar ane und wolde nit rûmen. d. myst. 1, 77, 1; were von uns rumede oder burgerschaft anderswo empfinge, des gut han wir auch gewonnen. weisth. 2, 3 (Saar, von 1321);
er sprach: nu rûmit, grôʒe bulgân!
könig Rother 1625;
bapst Jutta. darumb so gebiete ich dir so bald,
du böser teufel ungestalt,
dasz du von diesem manne reumest
und dich nicht lenger seumest.
teufel. sint ich ja reumen sol allhier,
so höret all in diesem saal von mir,
das ich das nicht durch sein geheisze thu.
fastn. sp. 925, 24;
und noch im 16. jahrh.: würde auch jemand von den ungebetenen gesten wan er von dem wirthe zu reumen oder wegzugehen ermahnet wird, nicht reumen wollen, und dem wirth und der andern gesellschaft zu verdriesz und wiederwillen sitzen bleiben. Haltaus 1510 (von 1580); mit dem dativ der person, für die das weichen geschieht: tu (sonnengott) rûmest tero naht fore dero finstri, unde gibest iro sô filo sî liehtes habet. Notker schriften 2, 834, 27 Piper (Mart. Cap. 2, 39); uuanda dô Christus irstuont, dô uuurden sie fluhtîg, unde dô rûmdon sie fidelibus (christânen). ps. 103, 22; frage du aber hie eine halbe kluge vernunft, oder ein kind von sieben jaren, wenn gottes wort und gewonheit widernander sind, welchs doch billich solle dem andern reumen oder weichen? Luther 3, 386ᵃ; nu er selbs der zwietracht geräumet (um zwietracht zu meiden sich wegbegeben). br. 3, 445.
4)
die neuere bedeutung von räumen schlieszt an das subst. raum 5 (sp. 276) als freie stätte für entfaltung einer thätigkeit an, und bedeutet eine solche stätte bereiten, frei machen von hindernissen, was in die bedeutung des leer machens übergeht: raumen, amovere, loco movere, cedere, seponere etc. Maaler 226ᵇ.
a)
etwas frei machen, aufräumen: den tisch räumen, ihn von den speiseresten befreien; das haus räumen, zum empfang der gäste bereiten: kom er ein, du gesegneter des herrn, warumb stehestu drauszen? ich habe das haus gereumet (ἐγὼ δὲ ἡτοίμασα τὴν οἰκίαν septuag.), und fur die kamel auch raum gemacht. 1 Mos. 24, 31; vergl. alts.:
sô rûmda he thô endi rekôda,   rîki drohtin,
that hêlaga hûs.
Heliand 3750;
einen weg räumen, benutzbar machen: machet ban, reumet den weg, hebt die anstösze aus den wegen meines volks. Jos. 57, 14; schluegens (die Ungern) in die flucht, raumbten dem ganzen her ein freien weg. Aventin. chron. 2, 293 Lexer; zoch nachmals über lant gein Jerusalem, erlid vil von den unglaubigen, raumbt und macht im ein weg mit gewalt und werender hand. 312, 1; wie alts.:
ik bium an is bodskepi herod
an thesa werold kuman   endi skal im thana weg rûmian.
Heliand 896;
eine brandstätte, eine schuttstätte räumen; die gassen zu raumen und zu vegen. d. städtechron. 3, 360, 29; ein ort oder platz raumen, von allem unraat seuberen, als von steinen, schärben, zerfallnem gemür und gemüsel, und dergleichen. Maaler 326ᶜ; eine pfeife räumen, vgl. pfeifenräumer; bair. den stall, die wiesen, die egerten raumen (von mist, steinen). Schm. 2, 91 Fromm.; (einen verschlemmten) hafen räumen. Jacobsson 2, 186ᵃ;
mein seüstal ist mir gfallen ein,
hat mir gwisz erschlagen die schwein.
den wolt ich gern wider raumen.
J. Ayrer fastn. sp. 97ᵈ (2829, 27 Keller);
die matten raumen, und das vych nit darein lassen zeweiden, darmit sy vil höuw gäbe, submittere prata in foenum. Maaler 326ᵇ; in dem reiche der wissenschaften ... sehen wir ... einzelne bezirke, obgleich von neuerlichem anbau, schnell zu ansehn .. erhoben, andere, zwar erst künftiger bearbeitung geräumt, dennoch ihre tendenzen und einigermaszen ihren möglichen umfang andeuten. Wolfs museum der alterthumswissenschaft 1, 10.
b)
in der heilkunde magen, brust, bauch räumen, frei machen von krankheitsstoffen: leinsamen gepülvert mit honig vermischt wie ein latwergen, miltert den husten, räumt die brust. Tabernaemont. 1206;
und schol sich damit nit saumen,
ob im der arzt den pauch mocht raumen.
fastn. sp. 682, 16;
das (mittel) must einnemen des tags zwier.
das selb wirt dir dein magen raumen.
H. Sachs fastn. sp. 1, 135, 79.
c)
von da aus auch das herz räumen, erleichtern, befreien, durch mittheilung, zornausbruch u. ähnl.: das herze räumen, conscientiam exonerare Steinbach 2, 229; in der älteren sprache aber mit dativ dem herzen räumen, ihm luft machen: dort sitzt der herr Secundarus, der ist ein herr und will noch darzu ein krieger werden, wie dörft ich dann, als ein armer baursmann, dem diese beiderlei leuth zu hart sein und immer auf der hauben sitzen, meinem herzen raumen. Simpl. (1684) 3, 200;
mit rede doch ein man sîm herzen rûmet.
H. v. Laber jagd 646;
sie greifen nach euch (flöhen), so ir stecht,
und richten euch nach irem recht,
zwischen den baiden roten daumen
auf das sie irem herzen raumen.
Fischart flöhhaz 3270;
vom herzen raumen: solte sie wol vermeinen, sie werde die eingewurzelte runzeln ihrer lasterhaften stirn austilgen, ... wann sie dergestalt ihre bubenstück und begangne laster berichtsweisz daher erzehlet, von ihrem herzen zu raumen? Simpl. 3, 9 Kurz; von der leber raumen, stomachum narrare, seim herzen raumen, exonerare conscientiam suam. voc. von 1618 bei Schm. 2, 91 Fromm.
d)
im weinbergs- und feldbau: räumen bei den winzern, wenn man das erdreich um den weinstock mit der hacke bis an die thauwurzeln aufrührt, und zugleich die obersten wasserwurzeln abreiszt. öcon. lex. 1968; beume reumen, arbores ablaqueare et aggerare Stieler 1534; raumen umb die wurzlen der reben und bäumen, ablaqueare vites vel arbores Dasyp.; zu der wurzel eines baumes räumen, die wurzel eines baumes von der erde entblöszen Adelung (vergl. mnl. ruymen, frondare, collucare, interputare, interlucare, amputare ramos supervacuos Kilian).
e)
zu etwas räumen, platz machen, luft schaffen, auch anderweit: daʒ boht (koth) lag vor den porten und darunder verharstet, daʒ man sü nüt moht han zuͦgetoen, man hette danne darzuͦ gerumet mit bikeln. d. städtechron. 8, 98, 11; wann ein pferd vernagelt ist, so brich das eisen ab, und raum zu dem nagel, truck jhn mit einer zangen, damit das aiter herausz gehe. Seuter rossarzn. 309; wann ein pferd an einen nagel oder stecken getretten, so nimb alt schmeer und honig, ... und lasz zu dem schaden raumen. 342; ich war aber allbereit in der gewinnsichtigkeit und allen ihren nachgehenden lastern dermaszen ertränkt, dasz ichs bleiben liese wie es war (ohne nachzudenken), und nichts zum fundament zu raumen gedachte, darauf meine seeligkeit bestunde. Simpl. 3, 95 Kurz;
hat nun die gans zu hoch genist,
wolln wir sie greifen an mit list,
wir müssen nicht flugs tappen zu,
sondern fein ernstlich reumen darzu,
damit sie nicht verjaget werd.
Opel u. Cohn 253, 36.
f)
statt des freizumachenden ortes (ad) steht der acc. des wegzuräumenden gegenstandes: schutt, kehricht räumen; endlich sei ihm aber eingefallen, dasz es schwer zugehen werde, erstlich den brand zu löschen, die asche zu räumen und ihn alsdenn zu erlösen. polit. stockf. 183;
ich bitt, jr wölt solch unlüst reumen.
B. Waldis Esop 3, 78, 18;
mit unterdrücktem object: darnach liesz man den pfenter von rats wegen pieten, das iederman vor seiner tür raumen must (den unrat wegkehren, in Nürnberg). d. städtechron. 10, 291, 3; mit ortsbestimmung: die gläser vom tische räumen; die teller in den speiseschrank räumen; die wäsche aus einem schrank in den andern räumen; den abfall aus der werkstatt in die müllgrube räumen; das eiserne gewicht des widrigen vorurtheils .. von der stelle zu räumen, foderte einen stärkeren hebel als den enthusiasmus einiger wenigen. Schiller hist.-krit. ausg. 1, 202.
g)
formelhaft etwas aus dem wege räumen, ein hindernis entfernen: da er jtzt uber hin gehet, wie uber ein gehoffelt bret, da haben wir must schwitzen und uns engsten, ehe denn wir solche wacken und klötze aus dem wege reumeten, auf das man kündte so fein daher gehen. Luther 5, 141ᵇ; ist er trunken, so thädingt sie jhn ins bett, raumbt jhm stul und bänk ausz dem weg. Garg. 71ᵇ; alle hindernüsz aus dem wege reumen, impedimenta quae obstant superare, perfringere repagula, spinas evellere Stieler 1534; gern auch jemand aus dem wege räumen, einen hindernden feind: einen aus dem weege räumen, e medio aliquem tollere. Steinbach 2, 229; dasz er herzog Wilhelmen ausz dem weg raumen .. wolte. Zinkgref apophth. 2, 13; indeme Nero die bösen und übelthäter ausz dem wege geraumet hat. Schuppius 527; dasz er .. von denen, die das volk scheinheilig drückten, bald aus dem wege geräumt ward. Herder zur philos. 7, 48; indem Dionysius viel eher einwilligen würde, ihn heimlich aus dem wege räumen zu lassen. Wieland 3, 211; was für kabalen habt ihr angezettelt, mich aus dem weg zu räumen? Schiller räuber 4, 2;
ja alles, was nur luthrisch wär,
sei ein bös sect und falsche lehr,
ausm weg müszt man sie räumen.
Opel u. Cohn 13, 12;
wenn ihr gebartet dergestalt
die buben räumtet von der welt,
blieb manchem sein erworben gut.
438, 119;
ähnliche wendungen: man soll diesen Jesum als ein verführer von dem erdboden raumen. Ayrer proc. 2, 6; wann wir ihre (der Agrippina) boszheit bedenken, verwundern wir uns eher und mehr über sein desz Neronis grosze gedult, als dasz er sie beiseite geraumet. Schuppius 527; und in milderer weise, einen von dem brote räumen, um den lebensunterhalt bringen:
also sie (die geistlichen) in glaubenssachen wollen herrschen, und die brüder
lieber räumen von dem brote, wann sie ihrem wahn zu wider.
Logau 2, 163, 20.
h)
räumen, in den begriff des freimachens von gegenständen überhaupt, des leerens übergehend (vgl.abräumen, ausräumen): ein haus räumen, domum evacuare Steinbach 2, 229 (verschieden oben 3, c. 4, a); ein land räumen, leer machen, säubern (von räubern): lies si gên Straubing füeren, ein tail alda henken, ein tail trenken, die maisten köpfen. raumbt also das land und machet die stras sicher. Aventin. chron. 2, 588, 21 Lexer; ein zimmer räumen, beim ausziehen; eine kiste, eine commode, einen schrank räumen, leer machen; nun was des selben tages ein sprachhausz geraumpt. Steinhöwel decam. 530, 30 Keller; gern namentlich taschen, beutel räumen, stehlend, betrügend, schwelgend: dasz sie den stationierern, wo sie die auf der straszen ankomen, ire pfert nemen, die seckel raumen. Schade sat. u. pasqu. 2, 44, 15; so sol man den Deudschen den beutel reumen, und den kutzel vertreiben. Luther 1, 296ᵇ; diebe, so heimlich die kasten reumen. 5, 411ᵃ; raumen den streydasgütlein die taschen. Garg. 56ᵃ; einem den beutel reumen, exinanire crumenam alicujus, comedere nummos alicujus Stieler 1534;
und weil ich so umb si wird naschen
raumpt si mir hinten ausz der taschen.
fastn. sp. 339, 29;
bleib mir da; wo wolstu heint nausz?
ja, in die taiber und hurnecken,
zu den iltesbelgen und schlepsecken,
das sie dir raumen deine taschen.
H. Sachs fastn. sp. 1, 75, 171;
wer wil den peutel raumen mir?
meisterl. fol. 23 nr. 190;
wir wöllen zechen bei der glut,
darzu sind kisten und kästen gut.
dises raumt seckel und täschen,
dasz uns kaum bleibt die warme äschen.
Garg. 97ᵃ;
mit etwas räumen: swô der vrowen die stat nicht en ist mit dem gebûwe, als ir man stirbt, binnen sechs wochen nâch dem drîʒigesten tage sal sie mit deme gebûwe rûmen, so daʒ sie der erde nicht enwunde. Sachsensp. 1, 20, 2 (das gebäude abbrechen bis auf die fundamente); der inf. substantivisch:
drumb must er schetzen, schinden, schaben,
mit scharren, scheumen, reumen, ropfen
dacht, alls in seinen sack zu stopfen.
B. Waldis Esop 4, 100, 5.
i)
kaufmännisch heiszt es sein lager, sein waarenlager räumen, ausverkaufen; auch seine waaren, seine vorräte räumen; mit seinem lager räumen; mit einer waare räumen wollen; um damit zu räumen, verkauft er unter dem einkaufspreise; eigenthümlich ein intransitives beiräumen, im sinne von schwinden: unser vorrath räumt sehr bei, und ist daher die auswahl in erster hand sehr mangelhaft. Weserzeitung 1859 nr. 4877.
5)
räumen, einem etwas, einem etwas übergeben, einräumen (verschieden oben 3, d): so es alles ungewis ist, und sie teglich selbs dahin sterben, und doch endlich jr hülfe und trost, dem tode reumen müssen. Luther 5, 52ᵇ; wenn gott leben und gesundheit schenkt, ... so will ich euch bitten, mir das häuschen drunten im dorfe zu räumen, das schon eine gute weil leer steht. Schiller räuber 4, 3;
hier in Argos hätt ich ihm stadt und wohnung bereitet,
ihn aus Ithaka führend mit aller hab und dem sohne,
auch dem sämmtlichen volk, und eine der städt ihm geräumet,
die, in der nähe bewohnt, mich selbst als herrscher erkennen.
Odyss. 4, 176.
6)
dieses räumen auch wie das bildliche einräumen th. 3, 347 nr. 4: es hat mir Caspar Müller, aus e. g. befehl, auf zwei stück antwort angesonnen. das erst, wie weit e. g. sich begeben und reumen solle, in der stiftkirchen auf dem schlos, das sacrament unter beider gestalt und ander newerunge, wie sie sie nennen, zu wehren. Luther 3, 90ᵃ; wollt ich doch ja auch, was ich immer für mein gewissen räumen möcht, gerne mich finden lassen. br. 4, 560.
7)
hessisch raumen mit dem dativ der person, von statten gehen: die arbeit raumt mir; es will ihm mit der arbeit nicht raumen. Vilmar 318; rhein. raumen, schnell von statten gehen Kehrein 325. in der seesprache, der wind räumet, wenn er günstiger wird. Campe.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1886), Bd. VIII (1893), Sp. 285, Z. 12.

raumen, verb.

raumen, verb.
für rahmen, den rahm abnehmen sp. 67, wie das subst. raum für rahm steht (oben sp. 283); bildlich den buckel raumen, prügeln: weil ich besorgte, es mögte .. mir der buckel geraumt werden. Simpl. 1, 386 Kurz.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1886), Bd. VIII (1893), Sp. 290, Z. 48.

raumen, verb.

raumen, verb.
für rahmen der weidmännischen sprache oben sp. 68, nr. 2: dann ich vermeinte, weil kein baum in der nähe war, auf den sich die katze retiriren konte, würden sie die hunde eine weile auf der ebne hin und wieder jagen, wie einen hasen raumen und mir eine treffliche kurzweile anrichten. Simpl. 1, 439 Kurz.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1886), Bd. VIII (1893), Sp. 290, Z. 52.

raumen, verb.

raumen, verb.,
alte nebenform zu raunen, s. d.: murmurare rumen, ruomen Dief. 372ᶜ; mussare rumen, czweifel l. rawmen 373ᶜ; susurrare rumen 570ᵃ; rawmen, romen, susurrare, mussare. Schm. 2, 90 Fromm. (15. jahrh.); raumen, in aurem dicare. ebenda (voc. von 1618); die pœsen râtgeben, die ander läut vergiftent mit irm haimleichen raumen. Megenberg 279, 32; dasz man ir kainen zuͦlaszt, unnütze geschwetze zetreiben, noch etwas in die oren zuͦ raumen, sonderlich wann du darbei bist. Frölich Stobäus 392; er .. raumbt ir in ein ohr, sie solt sagen, sie were die Thiszbe. buch der liebe 199ᵈ; Elbensteins guter engel raumete ihm zwar in die ohren, dasz er dieser lockspeise nicht trauen solte. cav. im irrg. 168;
er gedacht herteclich zue hant
und het in seinen sinnen:
got, wie ist diesen dingen?
hat eʒ mir getraumt?
vil schier er da raumt:
oder ist eʒ ware für ware?
Keller erz. aus altd. handschr. 134, 28.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1886), Bd. VIII (1893), Sp. 290, Z. 58.

räumen, verb.

räumen, verb.
für reimen, s. d.: das sichs (das buch der weisheit) allenthalben wol reumet auf unser jetzige zeit. Luther 4, 461ᵇ (vorher als das sich zur sachen so eben reimet. 461ᵃ); so läppisches geziere kann ich mit einem so erleuchteten geiste nicht zusammen räumen. Reiske Thucyd., vorrede;
zu lastern, dieses paar, so trefflich wol sich glich,
als grasz und blumen wol zusammen räumen sich.
D. v. d. Werder Ariost 16, 6, 4;
kein weibesbild sagt mir so zu
und räumt sich so zu meinen sitten,
mein sinnentrost, als einig du.
S. Dach in den ged. des Königsberger dichterkreises 59.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1886), Bd. VIII (1893), Sp. 290, Z. 77.

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„raumen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/raumen>, abgerufen am 14.04.2021.

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