Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

reihentanz, reigentanz, m.

reihentanz, reigentanz, m.
eigentlich eine besondere art des tanzes neben andern, im 16. jahrh. tanz, bei dem gesungen wird, im gegensatze zu nur durch instrumente begleiteten, vgl. den ausdruck singentanz. noch hätt ich schier den tanz vergessen, nämlich den reihentanz, da werden auch nit minder unzucht und schande begangen, als in den andern (vorher angeführten tänzen), von wegen der schändlichen und schandbaren hurenlieder, so darain gesungen werden, damit man das weiblich geschlecht zur geilheit anreizet. G. von Kaisersberg bei Böhme gesch. des tanzes 103; reigentantz, daͤntz in ringsweisz wenn man darzuͦ singt. Maaler 330ᵃ. im 18. jh. war der reihentanz noch als bezeichnung einer bestimmten art des volkstanzes gebräuchlich, welche auf den uralten festlichen tanzzug, den reien, zurückgeht: beim reihentanz umschlieszt man sich nicht, dreht sich auch nicht paarweise herum. es ist mehr ein aufzug als ein tanz zu nennen und sollte wohl auch nie eine liebeswerbung darstellen (wie nach ansicht des verfassers die andere art der volkstänze, der schleifer, ein rundtanz), vielmehr eine feierliche procession sein. Gräter in Bragur 1794 bei Böhme gesch. des tanzes 1, 146. in der ausgebildeten nhd. sprache bezeichnet reigentanz in einem engeren sinne einen mit gesang begleiteten tanz wie die ringelreihen der kinder, ferner die einfache volksthümliche tanzart der landleute, besonders wie sie die sentimental - idyllische dichtung sich vorstellte. in weiterem sinne wird reigentanz wie reien für tanz überhaupt gebraucht und nimmt auch die freiere anwendung von reigen an.
1)
tanz, in dem engeren und dem weiteren sinne: darauf sollten sie (kinder) mit andern scherzen abwechseln und zuletzt zu einem immer wiederkehrenden reihentanze ein fröhliches lied singen. Göthe 18, 271;
den reihentanz vollenden
die hirten auf der hut.
Hagedorn 3, 70;
probe verlangt so ein ding, eh' öffentlich meistre der vorwitz.
probe verlangt ja musik, schauspiel und geschlungener reihntanz.
Voss Luise 3, 1;
aber der göttliche sänger, die klingende harf in den händen,
soll anführer uns sein frohscherzendes reigentanzes.
Od. 23, 133;
galt's des gliederbau's harmonische fülle
schlank und leicht zu drehn in reigentänzen,
kam dem fremdling keiner gleich.
Platen 332ᵃ;
sieh, du schwebst im reigentanz, doch den sinn erkennst du nicht.
73ᵇ;
(Strania) den weg zu Phöbus neuem tempel nahm,
wo schon mit lauten und mit flöten,
verlarvt und im cypressenkranz,
sich ihre schwestern drehten
im schönsten reihentanz.
Ramler 1, 27;
elfen, mit veilchen bekränzt, tanzeten reihentanz
durch die silberbesäumten
wankenden schatten des eichenhains.
Hölty 69 Halm;
o die schönen reigentänze,
welche selige engel schwingen.
Arndt ged. 484.
2)
übertragen: nicht nur tag und nacht und der reihentanz abwechselnder jahreszeiten verändern das klima eines jeden erdstrichs periodisch. Herder zur phil. u. gesch. 5, 80;
einigen deiner kinder, o mutter! will ich erzählen,
was im goldnen reihentanze die sterne dir sangen.
Stolberg 1, 204;
ein reihentanz von ewigjungen freuden
umschlingt den lieben langen tag.
Hölty 200 Halm.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1890), Bd. VIII (1893), Sp. 655, Z. 58.

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Zitationshilfe
„reihentanz“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/reihentanz>, abgerufen am 30.10.2020.

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