reis n
Fundstelle: Lfg. 4 (1890), Bd. VIII (1893), Sp. 716, Z. 62
ein name der sumpfbinse (scirpus palustris) Nemnich 2, 1245, wohl eine durch volksetymologische anlehnung an reis entstandene verstümmelung von nd. risch sumpfbinse (holl. rusch, ags. rysc).
reis m
Fundstelle: Lfg. 4 (1890), Bd. VIII (1893), Sp. 710, Z. 78
1)
oryza; die aus dem orient stammende pflanze, ihre frucht und die aus letzterer bereitete speise. zuerst mhd. rîs (m. und n.), mndl. rijs, nndl. rijst, engl. rice, dän. ris, riis, schwed. ris; lehnwort aus dem romanischen, ital. riso, franz. riz. zu grunde liegt lat. orîza, oryza, griech. ὄρῡζα, ἄρῡζον. name und frucht stammt aus Indien. sanskr. vrîhi muszte iran. zu brîzi werden; dies ist entweder direct zu griech. ὄρῡζον, ὄρῡζα geworden (vgl. Hehn culturpflanzen 432. Kluge⁴ 278ᵃ), oder durch vermittelung einer semitischen wortform, arab. aroz, uruz (vgl. Diez 272. Schade 718ᵃ). mittellateinische form für reis ist risi und risum: risi ł rysum, reys, reysz, reyse, rys, ein ris Dief. 499ᵃ; risum, rysz, ryesz, reysz, rijss ebenda. verbreiterung des auslautenden zischlautes zu sch kommt schon im 13. jh. vor (s. unten), ist jetzt aber auf mundarten beschränkt. rîs, rîsch, m. reis, besonders gekochter. Zingerle lusern. wb. 47ᵇ. die etymologisch unberechtigte schreibung mit sz neben der richtigen mit s ist bis heute in gebrauch. das schwanken des geschlechts, durch die mittellateinischen doppelformen veranlaszt, scheint mit dem 16. jh. aufzuhören. plural nicht gebräuchlich. Der reis wird im mittelalter sehr häufig mit der mandel zusammen erwähnt; er wird in mandelmilch oder in wasser gekocht, auch mit hirse gesotten. schon 1280 als abgabe in Regensburg: er sol auch geben fvemf hundert pfunt raisch und mandel. Urbar. Baiuwar. inf. 527; swenne ab iʒ (daʒ reys) gesoten wirt mit hirs, sô twinget iʒ gar sêr. arzneib. Diemer bei Müller mhd. wb. mit weiteren beispielen; risum haiʒt reis. daʒ ist ain korn, des halm, eher und pleter geleichent der gersten. daʒ reis ist an kraft warm und trucken, iedoch ist sein trücken offenleicher wan sein werm, aber eʒ ist wermer dan der waiʒ. wenn man daʒ reis seudet mit mandelmilch, sô fuoret eʒ paʒ wan sunst; aber sô man eʒ mit waʒʒer kocht, sô twinget eʒ den leip etswie vil und mêrt die fäuhten oder den sâmen der unkäusch. Megenberg 419, 14; fayl ... haben feygen, mandel, reys, weynper, ole, swaden und anders, was sie von alder haben fayl gehabt. Prager stadtrecht 39, 58; mandel und reis lorber und flachs. ebenda 61, 100;
es sig mandel, risz, vigan,
damit tuond si (die kramer) schamlich umbgan.
des teufels netz 9905;
reis in alter zeit als herrenessen:
ich scholt im kochen gute speis
baide von mandel und von reis.
fastn. sp. 784, 33;
fleisch, fisch und reis,   der herren speis,
freszens für kraut und ruben.
Gödeke-Tittmann liederb. 179;
höwstöffel ist ein strenge spysz,
frisz lieber dafür hirsz old (oder) risz.
trag. Joh. D ij.
auch als fastenspeise, über Venedig oder Mailand eingeführt: reisz von Meiland. Fischart groszm. 27;
hört, ir frau mit dem kretzen,
wie gebt ir des reis ein metzen?
sagt mir, ist es Venedig reis?
so ist es heur ein guote fastenspeis.
fastn. sp. 368, 11;
als leckerbissen der mäuse aufgeführt:
die kinder brachten teller und brot,
von harten kesen etlich schrot,
reisz, erbsen, bonen, weitzenären,
für den mund ersparet zun ehren.
Rollenhagen froschmäuseler F 7ᵃ.
neuer gewöhnliches, doch geschätztes nahrungsmittel aller volksklassen: reisz ist bey uns in Deutschland eine bekannte speise, welche alle materialisten führen und pfundweise verkauffen. haushaltungslex. (1728) 776;
wie nun manches korn uns nähret,
so wird, zu des schöpfers preis,
andern völkern auch bescheret
die so edle kost, der reisz.
Brockes 9, 147;
auf die mannigfachste art zubereitet: fleisch mit reisz gekocht, caro jurulenta cum oryza. Stieler 1593. geläufige ausdrücke: dicker reis mit zucker und kanel, fleischsuppe mit reis, apfelreis, milchreis; nd. rîs in melk, rîs mit rosînen ten Doornkaat-Koolman 3, 44. in der küchensprache heiszt es: der reis geht auf; die schüsseln waren alle mit aufgewalletem reisz angefüllet. Olearius reisebeschr. 269ᵇ; reis als pflanze hat für uns den charakter des ausländischen bewahrt:
sei (in Amerika) freude eurer brust beschieden,
und euren feldern reis und mais!
Freiligrath dicht. 1, 13 (die auswanderer).
es heiszt reis pflanzen, ernten, bauen; sie (die könige in Afrika) können ihre leute zu hause brauchen, um zuckerrohr zu pflanzen und reis zu bauen. Freytag soll u. haben 2, 364.
2)
reisähnliche pflanzen: der deutsche reis, hordeum zeocrithon Nemnich 3, 178; schlesischer reis, festuca fluitans 5, 462; auch von anderartigen gewächsen: rîs, rysz, rijs cicer Dief. 117ᵃ; im froschmäuseler (abschnitt 'was Homerus meint das die frösch essen') wol als übersetzung von πράσα χλοερά verwendet, und somit eine lauchähnliche pflanze bezeichnend:
denn rettich, muntz, kohl, kurbsen, reisz,
petersilg, würmlein roth und weisz ...
da von jhr wasser herren zehrt,
sind bey meinem (Bröseldiebs) geschlecht unwerth.
Rollenhagen froschm. Ll 7ᵇ;
οὐ τρώγω ῥαφάνας, οὐ κράμβας, οὐ κολοκύντας!
οὐδὲ πράσοις χλοεροῖς ἐπιβόσκομαι, οὐδὲ σελίνοις.
Batrachomyomachia 53.
3)
reis, in Regensburg bezeichnung eines eszbaren schwammes, agaricus cantharellus. Nemnich 1, 105. Pritzel-Jessen 454ᵇ; zu dem vorigen nicht gehörig, vielleicht nur verstümmelung des daneben vorkommenden namens rehgeisz; vgl. oben sp. 558.
reis n
Fundstelle: Lfg. 4 (1890), Bd. VIII (1893), Sp. 712, Z. 16
sarmentum, frons.
I.
Heimat und verwandtschaft: ahd. hrîs und rîs, mhd. rîs, nd. rîs, ndl. rijs, ags. hrîs, mengl. ris, rys oder rise, altnord. hrís, dän. riis, ris, schwed. ris; gemeingermanisches wort, das einen stamm hrîsa- voraussetzt, verwandt mit goth. hrisjan schütteln, in af-, us-hrisjan, mit alts. hrisian zittern, beben, ags. hrisian, schütteln, und mit der grundbedeutung schwanker zweig. das wort ist im deutschen des festlandes zuerst durch ahd. glossen bekannt: hriis ramus Steinmeyer-Sievers 1, 237, 35; rise ramo ebenda 2, 353, 16, ris frondes Graff 4, 1179. aus ahd. zeit ist nur der mit dem ir-suffix gebildete plural belegt: hrisir uirecta Steinmeyer-Sievers 1, 266, 8; riser ramusculi Graff 4, 1179; im mhd. kommen die plurale rîser und rîs neben einander vor; letztere form stirbt im 16. jh. aus, während reiser sich als die allein giltige form bis heute erhalten hat. vereinzelt erscheinen im 17. und 18. jahrh. (Rist, Hölty, Göthe, s. unten) schwach gebildete pluralformen. in der übergangszeit des mhd. zum nhd. taucht die schreibung mit sz auf, die sich neben der etymologisch berechtigten mit s bis zum ende des 17. jahrh. gehalten hat (beispiele s. unten). vereinzelt ist die anorganisch erweiterte form mhd. rîse (Roethe Reinmar von Zweter s. 582ᵃ), die sich aber noch im 16. jahrh. hält: er gehet auf für jm als ein reise, und als eine wurzel aus dürrer erden für jm. Luther 4, 275ᵇ (vorher: gleich wie ein zweig, reis oder rute).
II.
Bedeutung und gebrauch.
1)
eigentlich,
a)
in der grundbedeutung des einzelnen, leicht beweglichen zweiges eines baumes, des jungen bäumchens oder strauches: denn er scheusst auff für jm, wie ein reiss, und wie eine wurtzel aus dürrem erdreich. Jes. 53, 2;
nu vuogt sich, daʒ ein sperwer kan
gevlogen zuo dem nest hindan
ûf ein rîs, dâ diu nachtegal
stuont und sang ir süeʒen schal.
Boner 54, 5;
ir vliehet gar den rât, des vor vrou Êve pflac,
dô sî der slac
vrumt ûʒ dem paradîse,
unde sî mit rîse
verdecken muoste gar ir schame.
Frauenlob 39, 7;
dô verhiu er manige birken
und manic oliboumes rîs.
Lamprecht Alex. 2952;
auch sach der alde
zwo meus, eine schwarz eine weisz,
die im abnugen die zwei reis,
daran er hieng.
H. Sachs meisterl. 130, 16 Gödeke;
gott aber waiszt, so bald geschicht,
das jr eszt von des baumes reisz,
so wert jr gleich den göttern weisz.
Wickram irr. reit. bilg. 12ᵇ;
er springet auff, als wie ein kraut zu morgen
und schwaches reisz aus dürrem boden kompt.
Opitz 3, 116;
die reisen, seyn sie zahrt, so sind sie leicht zu beugen,
die starken eichen kan auch Milo selbst nicht neigen.
Rist poet. lustgarten K 4;
des süszen weinstocks starker saft
bringt täglich neue stärk und kraft
in seinem schwachen reise.
P. Gerhardt 240, 34 Gödeke;
bald rissen sie (die störche beim nestbau) die besten reiser aus.
Drollinger 299;
die nachtigall
singt überall
auf grünen reisen
die besten weisen.
Hölty 158 Halm;
er (der schütze) schreitet verwegen
auf feldern von eis,
da pranget kein frühling,
da grünet kein reis.
Schiller Tell 1, 1;
wenn der vogel auf dem reise
kaum damit (mit dem thau) den schnabel netzt,
lernet er die helle weise,
die den ernsten wald ergetzt.
Uhland ged. 50;
ein grünes reis er schnitt
von einem weiszdorn bald.
ebenda 298.
sprichwörtlich: könnte ein reis das andere ertragen, so wären sie stark. Simrock sprichw. 454. reiser werden namentlich zum rutenbinden verwandt: auff ein mittwoch darnach kam gemelter baur aber in desz pfaffen hausz unnd fand jn nit daheim, dann er was auszgangen nach besen reysern. Wickram rollwagenb. 84, 16 Kurz; sprichwörtlich: viele reiser machen einen besen. Simrock sprichw. 454. der plural ist ein stehender ausdruck für die kleinen, dürren, den waldboden deckenden zweige, die als brennholz oder, in derselben weise wie laub, als deckmittel benutzt werden: da aber Paulus einen hauffen reiser zusammen raffelt. apostelg. 28, 3; sie decket die reisz von jm ab. Sachs hürn. Seufr. 3, 2, 182ᵈ; will hierum reiser sammeln, die wir heimziehen, musz schon anfangen wintervorrat besorgen, es geht ins jahr. Fr. Müller 3, 337;
und den hügel ereilten sie, welcher mit dunkeln
tannen und hangendem grün weiszstämmiger birken gekrönt war,
fanden kien und reiser, und sammelten.
Voss Luise 1, 256;
oder er bezeichnet auch die summe lebender ruten, zweige und sträucher, das gebüsch: hrisir uirecta Steinmeyer-Sievers 1, 266, 8, riser arbusta Dief. 45ᵃ;
ich sach kum die sunnen brechen
ettwa durch die grünen risz.
Lassberg liedersaal 2, 210;
dô rief ein waltwîser
durch diu rîser.
minnes. 3, 306 Hagen;
durch die reiser ich schlieffen began
bisz ich sie sach unter augen an.
fastn. sp. 1393, 13.
sprichwörtlich: nd. in den ryseren, oder buten deme stock is gud deidingen. Hoffmann findlinge 1, 79;
besser in reisern
dan in eisern.
Schottel 1113ᵇ;
vgl. mnl.: ik hebbe liever in de risere,
dan hier te ligghene int isere.
Reinaert 3471.
diese der heutigen rede ungeläufig gewordene anwendung des plurals musz im früheren sprachleben sehr gebräuchlich gewesen sein, da sich bei Fischart die form reiser sogar einmal als neutraler singular findet:
o wie ein schrecklicher anspect!
er hat mich oft wol mehr erschreckt,
als wann ich sach ain wolf im reiser
und word darab wol neun tag haiser.
flöhhaz 3203.
b)
das vom baum gebrochene reis, in verschiedenen verwendungen.
α)
pfropfreis, setzling: surcus, surculus, risz, eyn yngeplantet risz, inphlancz reiz, rysz, reisz Dief. 568ᶜ; surculus risz von dem wynstack. eyn pödris, eyn weynreme vel rysze, nigepflancz risz, surcus peltz reis nov. gloss. 356ᵇ; ein reis von einem feinen obstbaume auf einen wildling pfropfen. Campe;
und das noch ist wunder seltzam
man setz damit (mit dem pulver aus dem stein der philosophen) ein reysz in stam
mittn im winter, so wird man sehen,
blumen, und obs daran auffgehen.
Rollenhagen froschm. M 8ᵃ.
sprichwörtlich: junge reiser pfropft man nicht auf alte stämme. Simrock sprichw. 454.
β)
bindereis, flechtreis; besonders weidenreiser, wegen ihrer starken biegsamkeit und zähigkeit dazu benutzt: vimen ryszken, rijs, eyn ryszlin da man kerb von machet Dief. 619ᵇ; namentlich wird auch das aus reisern geflochtene henkersseil rîs genannt:
swer mir schade an mîner frowen,
dem wünsch ich des .. rîses,
dar an die diebe nement ir ende.
MF. 58, 11;
man verteilte imʒ leben unt sînen prîs,
unt daʒ man winden solt ein rîs,
daran im sterben wurd erkant
âne bluotige hant.
Parz. 527, 19.
γ)
reis, rute, zuchtrute: alsô ein kint mit dem êrsten lernet steln, daʒ eʒ eim andern kinde eteswaʒ nimt oder stilt, sâ zehant slaheʒ mit einem rîse darumbe. Berthold 1, 35, 31;
ouch hâts diu minne kranken prîs
diu stieʒ ûf in ir krefte rîs (züchtigte ihn mit dem reise).
Parz. 290, 29;
dô ich sînem rîse entwahsen was.
Helbling 4, 570;
mnd. he (Grymbart) brack eyn rys by deme weghe
unde sprack: 'om, nu slaet yw dre sleghe
up yuwe hud myt desseme ryse
unde legget yd dan, dar ik yw wyse,
unde sprynget dar drewerf ouer her
sunder strumpeln ouer dwer.
denne kusset dat rysz sunder nyd
in eyn teken, dat gy gehorsam syd'.
Reinke de Vos 1595;
bei Göthe:
brach ein reischen am wege, dann sprach er: oheim nun schlagt euch
dreimal über den rücken mit diesem reischen, und legt es,
wie ichs euch zeige, zur erde und springet dreimal darüber;
dann mit sanftmuth küsset das reis und zeigt euch gehorsam.
40, 54;
bald zu einem ris lief und die hund gar zuruck triebe. Bocc. 16, 31ᵃ; der ellender gern geholfen hett, aber sich on waffen fand, doch ein groszes reisz nam, den hunden und dem ritter entgegen kam. ebenda 48, 123ᵇ; auch die wünschelrute wird reis genannt:
nur in der fühlenden hand regt sich das magische reis.
Göthe 1, 379.
pluralisch: sie haben mich in verdacht, dasz ich eine wünschelruthe besitze, sie merken aber nicht, dasz sie mir widersprechen, wenn ich etwas vernünftiges vorbringe, und dasz sie dadurch sich den weg abschneiden zu dem baum des erkenntnisses, wo diese prophetischen reiser zu brechen sind. ebenda 22, 182.
δ)
reis als herrscherstab, zepter: sceptrum hantreys vel gewalt Dief. 518ᵃ. synonyma von reis werden schon in früher zeit in diesem sinne gebraucht: sceptrum glossiert durch ahd. chunincgerta, ags. cynegeard Grimm rechtsalt. 241. kaiser Lothar braucht die formel: sub virga regni nostri collocamus Wilmanns zu Walther 26, 5;
vil wol gelobter got, wie selten ich dich prîse!
sît ich von dir beide wort hân unde wîse,
wie getar ich sô gefreveln under dîme rîse.
Walther 26, 3.
übertragen auf die person die das zepter führt:
ich sitze in dîme gedinge,
du bist mîn obersteʒ rîs.
Ortnit 41, 2.
ε)
das reis als rechtssymbol. bei der übertragung eines baumgartens, waldgrundes, weinberges durch verkauf pflegte ein reis (laubzweig oder rebe) in die scholle gesteckt oder dargereicht zu werden: upgegeven in enem gehegeden dinge mit einem rise. Grimm rechtsalt. 131; eine hufe landes .. verkauft unde gegebin .. erblich mit dem rise, als erbgutis vorreichunge recht und gewonheit ist. ebenda (wo weitere belege); die öden güeter, weingarten ze reis sagen, sie mit einem reis der freien verfügung des lehnherrn zurückgeben Lexer 2, 456. reiser zur bezeichnung von hegung und bann auf felder oder wiesen gesteckt: unde sullent die banwarten gan an deme balmetage unde sullent an iedwedern brugel (brühl) ein ris stecken unde damite kunden, das sie ze banne sint getan, swer druf far grasen oder mit sinem vihe, das in die banwarten phenden. Grimm rechtsalt. 133; als friedenszeichen:
dô nam ir einer an die hant
ein rîs als in der wirt geriet,
dô er von sînen gesten schiet.
dô muoste ir fride stæte sîn.
Biterolf 3172.
ζ)
im mittelalter vertrat ein einfaches reis mit blättern um haupt, hut oder helm gelegt, die stelle eines kranzes, so dasz rîs gradezu ein synonym von kranz wird (vgl. theil 5 sp. 2044):
dô Gâwân daʒ rîs gebrach
unt der kranz wart sîns helmes dach,
eʒ reit zuo im ein rîter clâr.
Parz. 604, 6.
das reis eines grünenden baumes, namentlich das lorbeerreis wurde im griechisch-römischen alterthum als ehrenzeichen verwandt. hauptsächlich auf der bekanntschaft mit dieser sitte fuszt seit der zeit des humanismus der gebrauch des wortes reis im sinne des grünen ehrenschmuckes, kranzes:
Apollo bricht ein reisz
von seinem lorbeer ab.
Fleming 48;
weil ihr denn offt erwiesen,
dasz ihr das wehret wert, vor was ihr nun gepriesen
von allen werdet hooch, so führt Apollo jetzt ...
... ümb eure haar die reiser,
die die gelährten nur bekommen, und die käyser.
63;
übertragen:
die (Cäsar, Hannibal u. s. w.) plündert ihr an blüthen und an reisern
des ruhms? noch däucht's für euren kranz zu wenig?
Arndt ged. 404 (an Napoleons verehrer).
η)
reis, das als vogelfalle verwandte gebogene reis, die falle:
so sing wir nimmer: ach laider!
wo nimm wir winterklaider?
das soll uns wol beschaiden
der mit seinen guldin rot,
der in das reis eingât.
Uhland volksl. 367.
c)
der begriff des leicht beweglichen dünnen zweiges tritt in den hintergrund, und reis kann den ast und den ganzen baum überhaupt bezeichnen, so namentlich den baum, der die stelle des galgens vertrat, vgl. th. 4¹, sp. 1167 ff. in den folgenden beispielen ist nicht an den strang aus gedrehten zweigen zu denken, dem widerspricht schon der gebrauch der präposition ûf, es müszte an stehen (s. oben b, β); ûf einen boum hâhen ist dagegen belegbar. Grimm rechtsalt. 682:
ders beidiu hienge ûf ein rîs
daʒ solde nieman klagen niht.
Reinh. fuchs 1842;
daʒ der selbe Pârîs
erhangen werde ûf ein rîs,
sô daʒ er gerihte
ze unser angesihte
an einer wit erworge.
Herbort von Fritzlar liet von Troye 2825.
baum im weitesten sinne: im forstwesen und bey den jägern werden auch ganze junge bäume, ingleichen dünne lange stangen reiser genannt. Adelung;
o tannenbaum, du edles reis,
bist sommer und winter grün.
Uhland ged. 162.
d)
collectiv, das reis im sinne von die reiser (s. oben 1).
α)
das reis bedeutet gebüsch: virgultum risz Dief. 622ᵃ;
do slaich ich in das hages reys
hin tzuͦ, daʒ mich niemand sach.
Suchenwirt 24, 111.
dieselbe bedeutung liegt auch dem reis in reisjagd, reisjäger (s. unten) zu grunde.
β)
sarmenta arida, dürres, dünnschaftiges holz: abgerupftes kales reisz, frondes strictae Stieler 1593. man spricht von einem bündel reis, auch von einer welle reis (s. reiswelle). eine welle reisz, fascis cocularius Stieler 1593;
diu gie ze holze umbe rîs.
minnes. 3, 447ᵃ Hagen;
virgo quaedam nobilis
trug auf seinem krummen rücken
ein schweres bündel reis.
Gleim 3, 313;
und reitet wohlbehalten,
zu groszem schrecken seiner alten,
auf seinem bündel reis in ihre wohnung ein.
Wieland 18, 138;
wenn auf dem kleinen herd
ein wenig dürres reis zur mittagssuppe brennet.
129;
schüre die gattin das feuer, auf reinlichem herde zu kochen!
werfe der knabe das reis spielend geschäftig dazu!
Göthe 1, 331;
der kaiser brennt und seine schar.
sie sey verflucht, die ihn verführt,
in harzig reis sich eingeschnürt,
zu toben her mit brüll-gesang
zu allerseitigem untergang.
41, 60.
das reis, collectiv, material, aus dem reusen geflochten werden: item von Almenstorff sol geben werden xvij karren risz, by den Lochen klain fisch ze fachen. Gallus Oheim chronik von Reichenau 56, 19. der ausdruck im reise, bei reise (gegensatz im laube, bei laube) wird von dem zur winterszeit entblätterten baum gebraucht: was die holten dem holzgreven vor gerechtigkeit gestehen? des jahrs vier bäume, zweine im rise und zweine im love ... weme die holten die windbraken zu erkennen? dem holzgreven, und fellt einer im laube, so soll er den im laube wegholen, lest er ihnen aber liggen bis ins reis, so mogen die holten den baum wegholen, doch stehe es bei den herren. felt auch einer im rise und bleibet liggen bis ins laub, so sols gleicherweise damit gehalten werden. Grimm weisth. 3, 256 (1579); wann keine mast ist, gebühren ihm (dem holzgreven) zwei bäume, einer bei laube anderer bei reise, doch soll er darüber ansuchen. ebenda 3, 286 (1605).
2)
bildlich.
a)
das reis, das kind des baumes, ist ein bild des abstammenden, des erzeugten überhaupt. so namentlich zur bezeichnung einer person gebraucht, reis am stamm des geschlechts:
sô die eldern tôt beliben,
daʒ in wêre dan bekliben
sînes geslehtes ein rîs.
Ebernant 741;
an dem die engel sehn jr lust,
denn er ist Davids reis.
Nic. Hermann bei Wackernagel kirchenl. 3, 1170;
die schönste nymphe traf die wahl,
ein reis aus einem edlen hause.
Lichtwer fabeln 2, 15;
brecht hervor und empfanget
heut eures hauses letztes reis.
Fr. Müller 2, 224.
im mystischen sinne heiszt es von der dreieinigkeit:
sich flaht an ir ein drîvalt rîs ûʒ eime ganzen aste.
Konrad von Würzburg 389, 32 Bartsch;
auch als pfropfreis oder setzling gedacht tritt das reis im bilde auf: und (der adler) brach das öberste reis abe, und füret es ins kremerland, und setzt es in die kauffmannsstad Hes. 17, 4; ich wil auch von dem wipffel des hohen cedernbawm nemen, und oben von seinen zweigen ein zartes reis brechen, und wils auff einen geheufften berg pflantzen. 17, 22; das jüdische volk seh' ich für einen wilden unfruchtbaren stamm an, der in einem kreis von wilden unfruchtbaren bäumen stund; auf den pflanzte der ewige gärtner das edle reis Jesum Christum, dasz es, darauf bekleibend, des stammes natur veredelte, und von dannen pfropfreiser zur befruchtung aller übrigen bäume geholt würden. Göthe 56, 234. auch von abstracten gebräuchlich, z. b. der humanismus impfte auf den altersschwachen baum der mittelalterlichen wissenschaft das frische, grüne reis des klassischen geistes.
b)
reis, als bild des lebenskräftigen, jugendfrischen, wachsenden, fruchtbringenden und somit des hoffnungsreichen. namentlich die mhd. poesie ist reich an metaphern, die in dieser vorstellung fuszen: lobes rîs, des wunsches rîs, der êren rîs. Lexer 2, 456ᵇ;
sist mînes wunsches paradîse
unt mîner wunne gar ein blüendeʒ rîse.
Reinmar von Zweter 28, 7;
scham unde mâʒe sint zwô tugent,
die gebent uns vrouwen hôhen prîs.
lât si got leben in dîner jugent,
sô gruonet dîner sælden rîs.
minnes. 1, 373 Hagen;
er mannes schœne ein blüende rîs.
Parz. 195, 4;
sîn lîp was tugende ein bernde rîs.
26, 11;
und der künic Neupatrîs,
ob der minne ie mennischlîcheʒ rîs
geblüet, daʒ was sîn liehter schîn.
Willeh. 255, 15;
Maria muter, so nim ab
den tzorn deines chindes.
iʒ ward nie nicht so lindes
sam deiner parmung reys.
Suchenwirt 2, 80;
wie dasz sein (gottes) donnerstral denn immer auf euch fällt,
ihr schönstes tugend-reisz, und schont der dürren äste?
Gryphius 2, 315;
so lange unverrückt nun unsers landes grenzen
und ungebrochen stand der Troer-heimat wall,
mein bruder Hektor auch im speereskampfe siegreich:
ward ich unseliger im haus des Thrakergastfreunds
mit jeglichem bedarf, ein grünend reis, genährt.
Grillparzer 4, 257 (Hekabe).
im mystischen sinne wird die jungfrau Maria mit einem reise verglichen, namentlich mit der gerte Aarons, die in derselben wunderbaren weise grünte und blüten trug, wie Maria den gottessohn gebar:
Maria hôch drîvaltec slôʒ,
der tugende grôʒ ...
ein rîs entsprôʒ,
daʒ Ârôn schône vant.
Frauenlob 291, 1;
daʒ küneclîche rîs,
dâvon sich in liljen wîs
der götlîche bluome want.
goldene schmiede XXXIII.
Maria heiszt auch blühendes mandelreis, blühendes himmelreis. ebenda.
3)
in Ostfriesland heiszt rîs ein kleines bund stroh von gewisser, abgemessener länge (etwa 11⁄2 fusz), woran zwiebeln dicht aneinander aufgereiht und festgebunden werden. ten Doornkaat-Koolman 44ᵃ. die bezeichnung wird in der ähnlichkeit eines solchen dünnen, nach allen seiten biegsamen strohbündels mit einem reise oder einem kleinen reisbund ihren ursprung haben.
Zitationshilfe
„reis“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/reis>, abgerufen am 27.05.2019.

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