reizung f.
Fundstelle: Lfg. 5 (1890), Bd. VIII (1893), Sp. 799, Z. 18
mhd. reiʒunge.
1)
handlung, vorgang des reizens, erregung. von sinnlicher erregung und von der des empfindungslebens: reyczunge, reyszunge, irritatio Dief. 310ᵃ; provocatio 468ᶜ.
a)
reizung im physiologischen sinne, erregung im allgemeinen, oder bestimmung des miszfallens oder wohlgefallens: was wir reizung oder erregung nennen, ist nur der unbekannte bewegungsvorgang, welcher in den nervenelementen durch reize hervorgerufen wird. Wundt physiol. psychologie³ 1, 248; empfindungen aus peripherischer reizung. empfindungen aus centraler reizung. 292. reizung besonders auch als erregung zur lebensbethätigung: reizung des magens, der hautthätigkeit, reizung des appetites u. ähnl.
b)
in anwendung auf das geistige leben, anlockung, herausforderung, verführung, erregung zum zorn, unwillen: mhd.
ân unserm getiht
dient man got lützel ode niht;
ân unser reiʒunge ist eʒ wâr
daʒ man got nien vürhtet gar.
wälsche gast 11335;
die dardurch verwunt werden und mit böser begirde reytzunge in suntliche werck vallen. altd. blätter 1, 53; dem volk zu gefallen und zu raitzung wider die gewaltigen. d. städtechron. 3, 129, 25; auch umb raitzung willen zu den tugenden. Aventinus 1, 88, 1; ein ewige gedächtnus ... zue raizung der nachkommen, das si auch vil auf êr wüegen. 1, 302, 25. im plural: von dem grim seines groszen zorns, da mit er uber Juda erzürnet war, umb alle die reitzunge willen, da mit jn Manasse erreitzet hatte. 2 kön. 23, 26; bey betrachtung eines gemäldes ist etwas, das vorausgehen musz, dieses ist die belustigung der augen, ... und diese bestehet in den ersten reizungen. Winckelmann 1, 97; als ob man es erst von einem philosophischen gesetzgeber lernen müszte, die jugend von dergleichen reitzungen der wollust zu entfernen. Lessing 6, 381; (ein haus) mit allem versehen, was dem auge zur verwunderung, und den übrigen sinnen zur schmeichelnden reizung dienen konnte. Drollinger 55;
das hab wir ja im besten tan
nach gottes er, nichts gsuchet mer,
dann dasz der jugnt ein reizung wer
zu gottes forcht und erbarkeit.
Rebhun Susanna, der beschlusz (105, 130 Tittm.);
des feinds fürhaben, list, betrug
und raht so wol als er selbs wissen,
in raitzung, angrif und auffzug
so weisz und klug sein als geflissen.
Weckherlin 365;
mir ist noch nie bewust, dasz du ein lied erdacht
von dehm, was Zyprie vor fremde reizung macht.
anonymus bei Schwieger geharnischte Venus 5 neudruck;
sie (die liebe) bringt durch tausend flammen
all' jhre krafft zusammen,
sucht reitzung im verdrusz.
S. Dach in ged. des Königsb. dichterkr. 202 neudr.;
reitzungen zu bösen sünden,
und verderbte lust empfinden.
Mylius a. a. o. 43;
des auges reizung bringt den eindruck ins gefühle.
Drollinger 75.
2)
dasjenige an einer person oder sache, was reiz, anziehung ausübt. in diesem sinne, also gleichbedeutend mit reiz, erscheint das wort sehr häufig im 18. jahrh., besonders der plural die reizungen ganz wie die reize. Adelung tadelt die anwendung des singulars in dieser richtung. die neuere sprache vermeidet diesen gebrauch von reizung: ich glaube nicht, dasz ich so viel reizungen besitze, dasz ich in so kurzer zeit mir ihre liebe zu eigen machen könnte. Gellert 3, 217; die ehrliche frau verläszt sich auf ihre alten reizungen so sehr, als ihr guter mann auf die gerechtigkeit seiner sache. Rabener sat. 3, 89; die vorzüglichen reizungen des schönen geschlechts daselbst. Winckelmann 1, 11; der Achilles — welcher vermöge der reizungen seiner gestalt und in weiblicher kleidung unter den töchtern des Lycomedes als ihre gespielin unerkannt blieb. 4, 106; wir verlangen beyde (Iphigenie und Britannicus) in allen reitzungen ihrer jugend zu sehen. Lessing 4, 192; die wahrheiten selbst verlieren in unsern augen alle ihre reizungen. 6, 23; da sie (die hetäre) schon ziemlich weit über ihre rosenzeit hinaus war, und bereits einen groszen theil ihrer reitzungen von der kunst borgen muszte. Wieland 27, 122; bey gewissen völkern, jenseits des Ganges ist ein mädchen desto vorzüglicher, je mehr es liebhaber gehabt hat, die seine reitzungen aus erfahrung anzurühmen wissen. 1, 176 (Agathon 3, 5); die mohrschwarze mitternacht müszt' eh' erröthen, eh' ihr so sanften reitzungen gewalt anthut. Maler Müller 2, 184; das vaterland als unumschränkter satrap eines unumschränkten herren zu drücken, oder zu plündern war eine mächtigere reizung für die habsucht und den ehrgeiz der groszen. Schiller 7, 62; überdem war dieser gesegnete strich landes für das bedürftige heer eine unüberwindliche reitzung. 8, 216; die braut trug ihr haideblümchen, und die liebenswürdige sittsamkeit war das durchscheinende gewand vieler edlen und mächtigen reizungen. Möser patr. phant. 1, 54; sie (die moden) tragen nichts zur erhöhung deiner reizungen bey. 1, 5;
die reizung freyer felder
beschämt der gärten pracht.
Hagedorn 3, 70;
den hat vereintes blut,
mehr noch die freundschaft, zärtlich mir zugesellt,
und den des umgangs süsze reizung,
und der geschmack mit der hellen stirne.
Klopstock 1, 12;
dann bringt sie auf zärtlichem arm den erstling der liebe,
ein aufblühendes mädchen, das ihrer reizungen bild ist.
Zachariä 2, 19;
ist mein Karl
auch seiner so gewisz, den reitzungen
der unumschränkten majestät zu trotzen.
Schiller 5, 2, 191 (don Carlos 1, 9);
das also sind die reizungen, lord Lester,
die ungestraft kein mann erblickt.
M. Stuart 3, 4.
Zitationshilfe
„reizung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/reizung>, abgerufen am 11.12.2019.

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