rieseln verb.
Fundstelle: Lfg. 5 (1890), Bd. VIII (1893), Sp. 936, Z. 77
mhd. riseln, mit dem beweglichkeit, wiederholung, kleinheit bezeichnenden l-suffix von rîsen, cadere, delabi gebildet.
1)
sanft herunterfallen.
a)
in einzelnen theilchen, tropfen- oder körnerweise, so
α)
zunächst von regen- und thautropfen, schneeflocken und hagelkörnern: der selb weiʒ regenpog kümt dâvon, daʒ der wolken dunst an dem himel gleich gezaist ist und dünn mit ainer gaistleichen fäuhten, alsô daʒ dar auʒ gar klain riselndiu tröpflein würden, ob er sich in waʒʒer entslüʒʒe. Megenberg 98, 16;
jezo sah sie hinaus, wie die stöbernden flocken am fenster
rieselten.
Voss 2, 275.
unpersönlich, riselen, ein wenig regnen, rorare Schottel 1387; rieseln, minutim grandinare Stieler 1524; risle, hageln Hunziker 207; risseln, rieseln, fein regnen Woeste 216ᵇ; riseln, fein regnen; wenn ein starker nebel seine tropfen niederschlägt: et riselte sau nate Schambach 173ᵇ. es rieselt sagt man auch, wenn der gefrorne schnee in gestalt kleiner hagelkörner einzeln herunter fällt. an andern orten rieselt es, wenn es in einzelnen kleinen tropfen regnet. Adelung;
es wee, es schneye, es risel oder regen,
es doner, es plitze, es witter wie es welle.
minnefalkner 156;
ste auf, feins lieb, und lasz mich ein!
es regent und schneit und riselt so klein.
Uhland volksl. 248;
es tropft' und rieselt von den ästen.
A. v. Droste - Hülshoff 130.
unpersönlich, mit erklärendem acc.: da lag der groszmächtige Goliath, der frefle eysenbeisser, der so wenig darnach gefragt, wann es musqueten-kugeln hagelte, als wenn es linde schnee-flocken gerisselt hätte. Simpl. 4, 172, 6 Kurz.
β)
von sandkörnern, steinchen u. s. w., unpersönlich: so sol euch solche untugent sein, wie ein risz, an einer hohen mauren, wenn es beginnt zu rieseln, die plötzlich unversehens einfellet und zuschmettert. Jes. 30, 13. unpersönlich mit acc.: denn es in unserm heimlichen gemach wohl zween tage uber unserm kopf rieselt kalch und leimen. Luther briefe 5, 790. persönlich: da ghort ich wie der herd nitzsich riszlet. Platter 10 Boos;
was wolt ihr mehr? der streusand rüselt.
Günther 922;
von der düne rieselt sand.
A. v. Droste - Hülshoff 130;
die mauern bröckeln, rieseln uns entgegen.
351.
nd. riseln, vom zerfallenden erdreich: et riselt noch nich recht ût enander (beim behacken) Schambach 173ᵇ.
γ)
von andern leichten dingen; vom dürren laube: da nahm er, so wie er den andern trost zuwehte, die blätter der sterbenden rose mit, die auf den boden farblos rieselten. Tieck novellenkr. 4, 184;
dahin, daher, wie wogen im meer,
wiegen die wipfel und schwanken,
schon rieselt das laub herab in den staub,
schon brechen äst' und ranken.
Geibel 3, 7.
riseln, vom abfallenden heu, von dürren reisern Schambach 173ᵇ. risle, fallen, abfallen, ausfallen, vom laub, den blüten bei schädlichem regen, den haaren bei kranken, alten leuten. Seiler 239ᵇ.
b)
sanft, mit leichtem gefälle flieszen; so vom wasser, namentlich dem eines rinnsals, einer quelle, eines baches: rieselen, sanft flieszen, fluescere Schottel 1386; ihr rieselnden quellen seid mir gegrüszt! Geszner 1, 131; der gesang der geistlichen verklang nun in der höhle, das wasser rieselte in das behältnisz gleich neben dem altare zusammen. Göthe 28, 107; jetzt rieselte, rollte es daher und schwoll und schwoll (von einer lawine). Felder sonderl. 2, 256; da rieselte im grünen birkenthal versteckt eine quelle. Scheffel Ekkeh. 373; in tausend rinnen rieselte und strömte das wasser zu thale. Freytag ahnen 2, 284; das helldunkel, durch welches die heimlich leuchtenden wellen (des flüszchens) über rosenrote, weisze und blaue steine rieselten. Keller grüner Heinrich 1, 248; so hatte sie mich in weniger als zwölf stunden zum zweiten male durchnäszt, erst mit ihren thränen und nun mit dem weihwasser, und ich rückte doch den hals etwas unbehaglich her und hin, da mir die feuchte in den nacken rieselte. 3, 294;
tief in dem herzen flieszt, da strömet die quelle der freude,
oder rieselt auch nur;
aber auch ihr rieseln ist süsz.
Klopstock 2, 238;
bescheiden rieselt so durch blumenpfade
der kleine bach.
Gotter 1, 4;
mit sanftem rieseln
schleicht hier gemach
auf silberkieseln
ein heller bach.
Bürger ged. 9ᵇ;
blumen schlieszen sich zu, nahet dein Hölty sich,
und die rieselnde quelle weint,
und vom nachtigallbusch tönet mir seufzerlaut.
Hölty 92 Halm;
es spielt des felsborns muntres rieseln
am hüttchen hin.
Fr. Brun im musenalm. (1798) 182;
vom felsen rieselt spiegelhelle
ins grasz die reinste silberquelle.
Schiller 1, 28;
lieblich ist wie über bunten kieseln
silberhelle fluten rieseln.
1, 217;
horch, der hain erschallt von liedern
und die quelle rieselt klar!
14, 250;
der leiden quellen fluthen allerwegen,
der heilquell rieselt einsam abgelegen.
A. Grün ges. werke 2, 149;
der schnee des winters rieselt von den kuppen.
Freiligrath 1, 175;
wer kühlt geschwind uns im vorüber
rieselnden quell des Falerners feuer?
Geibel 5, 203 (nach Horaz oden 2, 11);
sei uns (bergumwandelnder Pan) freundlich gesinnt, so viele wir, uns zu erquicken,
deinem krystallenen stets rieselnden borne genaht.
5, 141.
vom weine:
lastende traube
stürzt in's behälter
drängender kelter,
stürzen in bächen
schäumende weine,
rieseln durch reine
edle gesteine.
Göthe 12, 76.
vom blute, das aus der wunde rinnt, wobei wol häufig im sinne von 'tropfenweise flieszen': blut, das aus den gebissenen wunden rieselte. Pierot 2, 177; das hervorrieselnde blut. Salinde 325;
ha, jetzt erblickt er das rieselnde blut!
Gotter 2, 497;
so lag er da und wehrte des verbandes
und schaute seines blutes rieseln zu.
Körner Zriny 4, 9;
o, drückten sie nur grausam oft nicht zu
die wunde mir, am herd und auf den gassen,
und lehrten mich, dasz den gewalt'gen flusz
verschlieszen, eher noch mich tödten musz,
als ihn, bei pochenden schläfen, rieseln lassen.
Freiligrath 1, 185.
reflexiv:
blut rieselt sich von meinem haupt.
Göthe 33, 256.
2)
wenn man vom rieseln des wassers u. s. w. spricht, so wird häufig an das dadurch verursachte geräusch gedacht, so dasz rieseln die bedeutung 'rauschen' bekommt. ob die vorstellung des flieszens oder die des rauschens die oberhand gewonnen hat, läszt sich (wie z. b. bei einigen belegen zu 1, b) nicht immer mit sicherheit angeben. in den folgenden beispielen hat der begriff des rauschens durchaus die herrschaft (vgl. rieseln, fluescere cum murmure Stieler 1524): ich liege im fenster, horche dem rieselnden wasser (des brunnens). Dingelstedt wanderbuch 2, 16;
chor der nymphen:
ihr rauschenden fluthen, ihr brausenden wellen,
eilt unserm vergnügten gestade nicht zu!
unsre hertzen
wollen schertzen,
und die brust
braucht zur lust
ein schmeichelndes rieseln und zärtliche ruh.
Picander 1, 162;
mir hat das arbeitselige Sparta,
mir das fette Larissa so nicht die sinne bethöret,
als der Albunea rieselnde grotte.
Ramler 2, 217
(für: me nec tam patiens Lacedaemon
nec tam Larisae percussit campus opimae,
quam domus Albuneae resonantis.
Horaz oden 1, 7);
und (der mensch) hört die laute stimme der natur,
im gang der stern', im sturme nicht,
die du (schmetterling) im rieseln jedes silberbachs,
im lispeln jedes wests vernimmst.
Mastalier (1774) 88;
dessen fahne donnerstürme wallte,
dessen ohren mordgebrüll umhallte,
berge bebten unter dessen donnergang,
schläft hier (im Elysium) linde bei des baches rieseln,
der wie silber spielet über kieseln,
ihm verhallet wilder speere klang.
Schiller 1, 312;
und horch! da sprudelt es silberhell
ganz nahe, wie rieselndes rauschen.
11, 287;
auch unterm blauen wölbedach
verhielt er (Pan) sich beständig wach;
doch rieseln ihm die bäche zu,
und lüftlein wiegen ihn mild in ruh.
Göthe 41, 57;
ich singe ein liedel, juchheisa! juchhei!
es säuseln die lüfte, es locket der mai,
die quellen sie rieseln mit lustigem klang,
die bäche sie spielen und flöten gesang.
Arndt ged. 130;
er (der graf) und seine gesellen,
die flüstern und halten rath,
viel lauter rieseln die wellen.
A. v. Droste-Hülshoff 191.
dichterisch auch mit einem acc. des inhalts:
liebe rauschen die blätter,
liebe duften die blüthen,
liebe rieselt die quelle,
liebe flötet die nachtigall.
Hölty 191 Halm.
diese begriffserweiterung hat zur folge, dasz rieseln für jedes dem rieseln ähnliches geräusch gebraucht wird: sie schwiegen schauerlich neben einander unter dem rieselnden lindengipfel. J. Paul Hesp. 4, 154;
eilig, bedient von Amalia, schlüpfte die jungfrau
in das gewand; hin flosz zu den fersen der rieselnde atlas,
hell vom monde beglänzt.
Voss Luise, id. 3, ges. 1, 228;
in dem herzen klingen töne,
die sich mit der nacht verwirren,
rieselnd durch einander irren
all' in harmonie der schöne.
Tieck ausg. werke 2, 58;
oder (bist du, tote mutter) der zärtliche geist des lüftchens, der sanft durch die blätter
rieselnd, demuth und ernst haucht in die lauschende brust?
Arndt ged. 89;
der knabe rennt, gespannt das ohr,
durch riesenhalme wie speere;
und wie es rieselt und knittert darin!
das ist die unselige spinnerin,
das ist die gebannte Spinnlenor',
die den haspel dreht im geröhre!
A. v. Droste - Hülshoff 59;
zuweilen dehnte sîch ein murren
den horizont entlang, es schlich
am hag' ein rieseln und ein surren,
wie flatternder libelle strich.
123;
und wie er (der spielmann von Lys) sanft und sanfter bläst,
da regt sich's in den büschen,
da kommt es geschlüpft durch's hohe gras (die schlangenkönigin)
mit leichtem rieseln und zischeln.
Geibel 4, 154.
3)
unangenehme empfindungen, angst, schreck rieseln gleichsam wie kaltes wasser durch den körper des menschen; den übergang zu den aus dieser vorstellung entspringenden übertragungen stellt folgendes beispiel dar: als ich aufwachte, rieselte mir die morgenluft durch alle glieder. Eichendorff taugenichts 91; ris'ln, das kaltüberlaufen, ein leiser fieberschauer. Hügel 129ᵃ;
angst rieselt ihm durch mark und bein,
ihm wird so schwül, so dumpf und taub!
Bürger 71ᵇ;
aus dem spiegel mein antlitz bleich
mit rieselndem schauer mich necket.
A. v. Droste - Hülshoff 134.
unpersönlich:
Abdallah lauscht betroffen, ihn blendet des goldes glanz,
es rieselt ihm kalt durch die adern und gier erfüllt ihn ganz.
Chamisso 2, 151;
es rieselt mir kalt durch mark und bein!
Freiligrath 1, 190.
4)
dialektisch riseln, gleiten auf dem eise. Schröer Heanzenmundart, bei Frommann 6, 342. rieselen, ryselen, auf einem glatten brette oder an einer abhängigen lehne herunter rutschen. Stalder 2, 275.
5)
transitiv.
a)
sanft herunterfallen lassen, in älterer sprache: die drei varb (des regenbogens) köment von der schickung der wolken, dar ein diu sunn scheint, wann diu wolken müeʒent alsô gestalt sein, daʒ si klain und dicke riseln vil klainr tröpflein in ainen dicken haufen und daʒ hinder dem riseln swarzeu wolken sein und diu sunn gleichs gegen dem riseln schein. Megenberg 98, 34. in jüngerer sprache, dichterisch, rieseln (s. oben 1, b) so viel als durch rieseln einführen:
in der muschelhalle liegt er (der triton),
seine grünen zöpfe wiegt er;
ries'le, woge, sand und kies,
in des bartes zottig' vliesz.
A. v. Droste - Hülshoff 130.
dialektisch riseln, sieben. Schmeller 2, 148.
b)
in älterer zeit technischer landwirtschaftlicher ausdruck, umstürzen (vom pfluge gesagt): item ein buwäg sol sin, das einer mit einem gerisselten plug da faren mag. Grimm weisth. 1, 92 (Zürich); item welich usser inher buwet, der sol mitt sinem zieenden fieh und geriselten pflug in das dorf farn. 1, 119 (Zürich). vgl. riesen 2.
Zitationshilfe
„rieseln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/rieseln>, abgerufen am 17.07.2019.

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