rolle f
Fundstelle: Lfg. 6 (1891), Bd. VIII (1893), Sp. 1137, Z. 51
ziemlich spätes lehnwort (vgl. Lexer mhd. wb. 2, 483) aus einer syncopierten form von lat. rotula neben rotulus, italien. rotolo, rullo, span. rollo, franz. rôle (älter rolle) Diez³ 1, 358; nld. rol, schwed. roll, dän. rolle, daneben rulle nach dem nd. entsprechend dem lat. rotulus zeigt das wort auch männliches geschlecht, z. b. noch jetzt im schwed., im älteren nld.: sijnen rol spelen, personam suam agere Kilian. früh bezeugt ist isländisch rolla, s. Vigfusson 501ᵇ. im älteren nhd. überwiegt die dem lat. rotula näherstehende übertragung rodel (s. oben sp. 1107) und erst in neuerer zeit gewinnt rolle sein ausgedehntes bedeutungsgebiet. die niederd. form ist rulle Schiller-Lübben 3, 526ᵃ. Dief. 501ᵃ. nov. gl. 320ᵇ. brem. wb. 3, 548. Schambach 176ᵃ. Danneil 176ᵇ. ten Doornkaat Koolman 3, 66ᵇ.
1)
eigentliche bedeutung in historischem sinne entsprechend dem gebrauche von mlat. rotulus, deutsch rodel: schreibrolle, darauf ausgefertigte urkunde, amtliches verzeichnis, liste u. ähnl.
a)
schreibrolle, wie sie das alterthum verwendete: bücher-, papyrusrolle, gesetzesrollen der juden (rotuli judaeorum Ducange, s. oben rodel); Wilhelm ging hin und las die aufschriften der rollen. Göthe 20, 126;
im ernsten museum
liegt noch ein köstlicher schatz seltener rollen gehäuft.
Schiller 1, 193;
man legt zu ihm in schmucken rollen
die letzten lieder, die er sang.
Uhland 243.
von den aufgerollten spruchbändern in der mittelalterlichen bildenden kunst. Jacobsson 3, 443ᵇ.
b)
in älterer sprache in besonderer anwendung: auf pergamentrollen geschriebene urkunden, bestimmungen, verzeichnisse. rol codicillus, catalogus, elenchus propriorum nominum, album, catalogus causarum. Kilian; rotula, rotulus rolle vel eyn gevalt brieff. Dief. 501ᵃ. mnd.
dat seuenste (zur unkeuschheit reizende) is rollen off ledekinne
te hoerne.
speg. de sonden bei Schiller-Lübben 6, 248ᵇ.
bestimmungen, satzungen, stiftungsbriefe, privilegien von genossenschaften, besonders der zünfte: zunftrolle, innungsrolle, amtsrolle. Frisch 2, 125ᵇ. im alten Bremen wurde jährlich am sonntag laetare vom rathause aus die kundige rulle verlesen, eine pergamentrolle, welche die polizeigesetze der stadt enthielt. brem. wb. 3, 548. freier von satzungen überhaupt: die valsche rullen ende unbescheiden unwærafftich afflæt vor die gebede schriven. tract. über die 10 gebote bei Schiller-Lübben 3, 526ᵃ. lehrbriefe werden auf pergamentrollen ausgestellt: auf dem teppiche lag eine kleine rolle. hier ist ihr lehrbrief, sagte der abbé. Göthe 20, 125. liste, verzeichnis von personen: hê steid mit in de rull. ten Doornkaat Koolman 3, 67ᵃ. besonders in zusammensetzung: bürgerrolle, kriegsrolle, steuerrolle, stammrolle, musterrolle et regimentrolle, catalogus militum, reichsrolle matricula imperii, ritterrolle index nobilium, zeugenrolle protocoll des zeugenverhörs. Stieler 1501: Caesar schreibt, es wären im lager der Helvetier die rollen sowohl überhaupt von allen, die ausgezogen, als insonderheit von denen, so waffen geführet, gefunden worden. Mascov gesch. der Teutschen 1, 20; der geschlechtsname Scultetus, kömmt in der rolle der reimer und versmacher häufig genug vor. Lessing 8, 263; die rolle der andern hannovrischen subskribenten wird dir Münter geschickt haben. Hölty 257 Halm;
es wird ihr mehr als eine rolle
verliebter sclaven weyhrauch streun.
Günther 238;
aber siehe, wie lebt Cäsar Octavius
durch zwey edele Roms (edel nach göttlichen
ranggesetzen, obgleich nicht auf der rolle des censors).
Ramler 1, 4.
c)
die rolle des schauspielers, auf welcher seine partie für ihn ausgeschrieben ist, dann die partie selbst, die er darzustellen hat. rolle in diesem sinne wird übertragen auf das leben mit einer reihe von bühnenwendungen.
α)
in eigentlichem sinne: rollen ausschreiben, vertheilen; ein stück mit vertheilten rollen lesen; die rolle ist nicht umfangreich; die rolle des liebhabers, des bösewichtes, der naiven spielen; er tritt in der rolle des Egmont auf; eine rolle übernehmen; die rolle ist ihm auf den leib geschrieben, mit rücksicht auf die guten seiten und mängel eines schauspielers entworfen. rollen fressen die schauspieler, welche mehr gewicht auf das schnelle auswendiglernen als das durchdenken ihrer rollen legen: einmal musz er (der schauspieler) sich selbst, und die horchende menge vergessen, um in der rolle zu leben. Schiller 2, 345; und die bei euch den narren spielen, laszt sie nicht mehr sagen als in ihrer rolle steht (no more than is set down for them). Shakespeare Hamlet 3, 2;
hat man von einem spiel dir eine rolle bracht?
Gryphius 1, 662.
β)
in beliebter übertragung auf das leben: eine passive rolle, die rolle des zuschauers übernehmen; die rollen vertheilen, zutheilen, austheilen; jetzt war die frage, wie die rollen vertheilt werden sollten. Schiller 8, 194; Adelheid: ich hoffe, sie werden ihrer jugendfreundin zu liebe als ein bürger dieser welt bei meinen freunden auftreten. Bolz: in jeder rolle, welche sie mir zutheilen. Freytag journalisten 60;
so sind die rollen ausgetheilt
und alles wohl bestellt.
kommersbuch;
sich in die rolle eines andern versetzen; die rollen tauschen, vertauschen. ungewöhnlich: sich die rolle jemandes geben:
doch ist mir's lieb, dasz ich beim schlittenfahren
mir, gnäd'ges fräulein, seine rolle gab.
Göckingk 2, 224.
eine rolle spielen in mannigfacher anwendung: sijnen rol spelen, partes suas agere Kilian; sorgt nicht, ich will meine rolle schon spielen. Schiller räuber 4, 1 schausp.; für stunde und gelegenheit will ich sorgen; nur muszt du hernach die rolle spielen, die ich dir vorschreibe. Göthe 18, 65; diese nacht werden sie eine sehr geringe rolle zu spielen haben. 14, 209;
wenn du geglaubt, ich werde eine rolle
in deinem spiele spielen, bast du dich
in mir verrechnet.
Schiller Piccol. 5, 3;
wie schlecht wirst du, mein herz, die schwere rolle spielen.
Göthe 7, 20;
er möchte gern eine rolle spielen, er möchte sich gern zeigen, hervorthun; eine traurige, armselige, niedrige, erbärmliche rolle spielen: welche niedrige rolle spielt der ewig geleitete und gefoppte Emil beym Rousseau. Arnim Hollins liebel. 26; wenige gelehrte werden eine mehr doppelte rolle gespielt haben, als herr Wieland. Lessing 6, 13; geben sie ein spiel auf, wobey sie nicht die beste rolle spielen. Schiller 14, 171; er spielt die erste rolle in dieser gesellschaft; eine hohe, grosze, untergeordnete rolle spielen. auch unpersönlich: das spielt bei dieser frage nur eine untergeordnete rolle; das herz — den fleischichten hauptmuskel in unsrer brust, der eine so grosze rolle über die seele selbst spielt. Klinger 12, 31; hier spielte nun der enzian eine grosze rolle. Göthe 58, 87. keine rolle spielen, nicht in betracht kommen: geld spielt bei uns keine rolle. eine rolle durchführen: sie haben einmal den anfang gemacht, ihren onkel vorzustellen! bleiben sie dabey! führen sie die rolle durch. Schiller 14, 136. in entgegengesetzter bedeutung, aus der rolle fallen:
sie fallen aus der rolle, herr minister,
nicht lobens wegen sind sie hier.
Schiller Piccol. 1, 4;
wahrheit ist das leichteste spiel von allen.
stelle dich selber dar,
und du läufst nie gefahr
aus deiner rolle zu fallen.
Rückert 32.
aus der rolle kommen wie aus dem tacte kommen:
ich hab es wohl bemerkt, das er euch liebt —
ja, ja das hab ich — seht wie ihr erröthet.
— dasz er im stillen sich um euch verzehrt,
aus seiner rolle kommt in eurer nähe.
Schiller 15, 1, 255.
er hat seine rolle ausgespielt, seine rolle ist ausgespielt, besonders im sinne 'er ist abgethan, er kann keinen eindruck mehr machen, nicht mehr blenden': er fühlte die getäuschte hoffnung andre zu täuschen, die rolle war ausgespielt, der theaterkönig stieg herab von der bühne. Arnim Hollins liebel. 74. die rolle endigen: die weisheit würde uns die maske nicht ablegen heissen, wenn wir unsere rolle nicht geendigt hätten. Lessing 11, 28;
wohl dem, der nach kurzgespielter rolle
seine larve tauschet mit natur.
Schiller 1, 181;
majestätischer sünder!
deine furchtbare rolle vollbracht.
301.
2)
rollenförmig zusammengelegtes, aufgewundenes, zugleich häufig als maszbezeichnung: das ubrige schlag auff ein rollen tuech und binds uber das geäder. Seuter rossarzn. (1599) 323; ene rulle linnen. brem. wb. 3, 548; iiij rullin blyes. anz. des germ. mus. (1868) 168, vgl. Jacobsson 7, 93ᵇ; eine rolle juchten, eine rolle zwirn, garn u. ähnl.; eine rolle stockfische, nach der art ihrer zusammenlegung Mones zeitschr. 7, 297 (1488) bei Lexer 2, 483. eine art roulade verschiedener zubereitung wird in Norddeutschland rolle genannt. Woeste 217ᵇ. Frischbier 2, 231ᵇ. ten Doornkaat Koolman 3, 67ᵃ, s.röllchen; eine rolle tabak. die rollenförmig zusammengelegte haarlocke Tobler 369ᵃ. Frisch 2, 125ᵇ. vgl. oben krolle, th. 5, 2352.
perüken mit zöpfen
mit daffet eingefaszt, mit bukeln, rollen, knöpfen.
Reinh. v. Freientahl (1700) 211.
eine rolle geldes; a rolle kreuzer. Hintner 190; die rollen lagen noch auf dem tische. Schiller 4, 283. walzenförmige schnecken werden rollen genannt. Nemnich unter conus.
3)
walzen-, rad-, scheibenförmige vorrichtungen, welche sich rollend bewegen. walzen zum glätten des erdbodens: roll damit man ebnet, cylindrus Dasypod. zum vorwärtsbewegen von darauf ruhenden gegenständen: roll fustes teretes, per quos naves in mare trahuntur Schottel 1387; rol, schiprol phalanga Kilian; stühle, tische, betten gehen auf rollen. verticale um ihre achse sich drehende rolle: zu diesen dreyen, gott sey dank! weisz ich mich, wie das färberpferd um die rolle. Lessing 1, 214. rolle zum aufwinden von tau, kleinere für garn, zwirn, seide:
männchen das war in der küche! Susanna windet ihr garn ab,
dasz die beschleunigten rollen sich drehn im rummelnden umlauf.
Voss Luise 2, 90.
rollen am vogelgarn: oben in den säulen müssen zwey kloben oder rollen dicht an einander seyn .. da denn in eine rolle die hauptleinen, und in die andere die zugleinen kommen. Döbel jägerpr. 2, 245ᵃ. scheiben-, radförmige vorrichtung zum ziehen und heben: trochlee, trochalia, instrumenta cum orbiculis ad sublevanda vel deponenda onera rullen. Trochus R 2ᵇ; in die rollen oder scheyben werdend eyngepasset zwey rädlin, die in jren zapffen rings umbgon mögend. Maaler 335ᵇ; feste, bewegliche rollen, s. Jacobsson 3, 443.
4)
von dingen, deren wichtigster bestandtheil eine rolle ist.
a)
nd. rulle, handrulle, ein langes handtuch, welches über eine an der wand befestigte rolle läuft. brem. wb. 3, 549; 3 duelen unde 2 rullen. Wism. inv. bei Schiller-Lübben 3, 526ᵇ.
b)
rolle, die maschine, vermittelst deren die wäsche u. a. geglättet wird. Jacobsson 3, 441ᵇ (vgl.wäsche rollen). mang, rolle, wäsche oder sonst etwas glatt zu machen, torcular, torcularium. Kirsch cornuc.
c)
rolle, in älterer sprache für rollwagen, vgl.rol rota Kilian (s. rollen 3, d, α und unter roller): ist also auf der roll gen Augsburg kommen. Kirchhof wendunm. 383ᵃ; demnach erregte juden bei der herbirg zum radt von der roll abgestiegen. Frankf. archiv bei Dief.-Wülcker 822.
5)
rolle, vorrichtung, etwas davon herabrollen zu lassen.
a)
im bergbau ein kleiner und enger flacher schachtartiger bau, zur förderung von mineralmassen, die vermöge ihrer schwere darin abrollen. zusammensetzungen: abbau-, berge-, erz-, förder-, sturzrolle. Veith bergwb. 384. Schm. 2, 87.
b)
ein schräggestelltes sieb zur sichtung von getreide. vgl.kornrolle, ↗kornfege. Stieler 1501: die aehrensiebe werden an einigen orten, und zwar mehrentheils um Leipzig herum rollen genennet. öcon. wb. 54. sieb für erde: erdrolle, gartenrolle. Jacobsson 3, 442ᵇ, schweiz. rölle Stalder 2, 281. übertragen in älterer sprache in mancherlei wendungen; im sinne von 'jemanden durchlassen, der anderes verdient':
dan man wol wais, das du dich hast
mit deinem prei drum vermummet fast,
auf dasz man dich nicht kennen soll
und dich las laufen durch die roll.
Fischart 2, 216, 42 Kurz;
wie schön man aber uberal
heut bey euch halt die priesterwal,
das gibt heut die erfahrung wol,
wie pfaffen fahren durch die roll,
da mancher auch nicht lesen kan.
1, 55, 2060.
jemanden durch die rolle laufen lassen, ihn übel behandeln (s. unten 6, f): sonst kann ich dies argument nicht solviren, worum gott seine lieben kinder in der welt durch die rolle lässet laufen, panzerfegen und plagen: den gottlosen aber gibet er alles vollauf. Luther tischr. 2, 21.
6)
besonderes.
a)
rolle als name eines knöchels: von dem bein, so die roll genennet wirt, und eines theils hinden an den knien der hinderschenckeln hinausz und in die höhe raget ... die roll oder scheyb. Uffenbach neues rossb. (1603) 1, 207.
b)
pferdeschelle, kugelförmige schelle mit einer beweglichen kugel darin, auch als thürschelle. Tobler 369ᵃ. Hunziker 208. Schm. 2, 87. eine oberdeutsche bezeichnung, vgl. niederd. pingel. vielleicht in anlehnung hieran von der samenknolle der kartoffel Hintner 190, der noch grünen unreifen kirsche Tobler 399ᵃ.
c)
rolle, ein werkzeug, womit der flachs im groben vorgebrochen wird. Schm. 2, 87.
d)
rolle als bezeichnung eines lüderlichen weibsbildes, eigentlich der brünstigen katze (s. unten rollen und roller) Schöpf 562. Schmid 438. Stalder 2, 281; bubenrolle bei Adelung.
e)
die von thieren durch den deich gegrabenen öffnungen und gänge, welche den deich sehr gefährden. brem. wb. 3, 549. Jacobsson 7, 93ᵇ.
f)
rolle als folterinstrument:
fluchs auff die folter und die roll,
das man jn kein verhör sol geben.
Fischart 1, 193, 2414 Kurz.
vielleicht auf rolle in diesem sinne zu beziehen: denn er (gott) wil nicht solche sichere vermessene geister dazu haben, sondern solche leute, die zuvor wol durch die rolle gezogen, versucht und gebrochen sind. Luther 6, 220ᵇ. vergl. aber c und 4, b, s. auchrölle undröllen.
rölle f
Fundstelle: Lfg. 6 (1891), Bd. VIII (1893), Sp. 1140, Z. 68
trichter in einer mühle, durch welchen das getreide während des mahlens läuft. Stalder 2, 281: röllen, darinn man das korn auff die müle schütt. Maaler 335ᵃ. s. unten röllen.
Zitationshilfe
„rolle“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/rolle>, abgerufen am 15.09.2019.

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