rutschen verb
Fundstelle: Lfg. 9 (1892), Bd. VIII (1893), Sp. 1568, Z. 76
labi.
I.
das wort begegnet in der litteratur erst verhältnismäszig spät und nur vereinzelt. Lexer handwb. 2, 559. in umgelauteter form:
myn gên behilffet sich mit eym stab,
und treist und rütsche ellendclich.
altd. bl. 1, 30, 10 (15. jahrh.).
rüttschen, schnacken, kriehen, serpere, correpere Maaler 338ᵃ, rutschen, sive rütschen Stieler 1572; vergl. oben ritschen 1 sp. 1050. die etymologische stellung des wortes ist überzeugend festgestellt durch Winteler in den beitr. zur gesch. der deutschen sprache 14, 461. nach dem von ihm a. a. o. entwickelten lautgesetz ist eine form ruckazzen zu grunde zu legen, dann trat mit syncope des ableitungsvocals umstellung ein zu ruzken, der zweite bestandteil von z verband sich mit k zu sch, so dasz sich rutschen ergab. durch diesen zusammenhang erweist sich rutschen als von rücken promovere, promoveri abgeleitet. Winteler a. a. o. 458 stellt das gesetz auf, dasz in der durch die umstellung entstandenen lautgruppe auch der guttural ausfallen kann (wie in blitzen, schmatzen). auszer den dort angeführten belegen bietet auch die im älteren nhd. mehrfach belegte nebenform rützen neben rütschen, rutschen hierfür ein zeugnis: da ist er eine kleine weil bliben, wider ufgestanden, die treppen und das bet hinab geschliffen oder gerutzt. Zimm. chron. 4, 268, 22; und rütsten uff der benck hin und har. basl. chron. 1, 476, 1. dem hochd. rutschen entspricht nd. rutsken brem. wb. 3, 566, mnld. rutsen, rotsen, labi, prolabi Kilian. vgl. ten Doornkaat Koolman 3, 77ᵇ.
II.
Bedeutung.
1)
in körperlichem sinne.
a)
clunibus reptare, proserpere, prolabi Stieler 1572; sitzend oder auf dem rücken liegend auf einer fläche sich gleitend bewegen, von freiwilligem und unfreiwilligem gleiten: den abhang hinunter rutschen; sich die hosen entzwei rutschen; wer diese reise unternehmen will, musz sich im rutschen geübt haben. Sturz 2, 70; er war auf seinem weiten lager in der unruhe des schlafs ganz an die hintere seite gerutscht. Göthe 19, 60; wie ein schornsteinfeger rutsch ich herab. Arnim schaub. 1, 33; wenn er in eine kirchenbank sich setzte, so rutschten auf der stelle sämmtliche darin seszhafte bauern bis in die äuszerste entgegengesetzte ecke. Immermann 3, 38. bildlich: (er) wollte von der sekundanerbank auf den lehrstuhl rutschen. J. Paul uns. loge 3, 143. wenn der hase sich langsam und wie auf den hinterläufen gleitend vorwärts bewegt, sagt man er rutscht zu holze, zu felde. v. Thüngen weidmanns pract. 307 (er ruckt, fährt Döbel jägerpract. 1, 31ᵇ).
b)
allgemeiner, von lebenden wesen im sinne von kriechen, gleiten u. ähnl. auf den knieen rutschen vor jemanden, zu jemanden, das zeichen der demütigsten bitte. mit dem fusz rutschen, ausgleiten. auf einem dreibeinigen stuhle in das gut rutschen, symbol der besitznahme eines grundstückes. rechtsalterth. 187. in einzelnen gegenden vom gleiten auf dem eise. Sartorius 104 (s. oben rutsche f. 2); wenn wir nur jhm zuschreyen, und unser hende zu jhm strecken, und kriechen oder rutzschen jm zu. Mathesius Sarepta 139ᵇ. im bilde: und (sie) haben auch doch schon gelesen, wie armselig die blindschleiche daher gerutscht kömmt? Lessing 12, 540.
c)
besondere anwendungen in freierem gebrauche: hernach entstand ein geräusche; da rutscht' ich fort (machte mich unbemerkt davon). Göthe 14, 53. humoristisch von einer fahrt, einer reise (s. oben anrutschen theil 1, sp. 432. Schm. 2, 191. Albrecht 194ᵇ. vgl. oben rutsch und rutsche):
sonntag rutscht man auf das land.
Göthe 1, 166.
mundartlich, im sinne von schaukeln, daneben rutscheln. Schm. 2, 191. Schöpf 572.
d)
labi, prolabi von leblosem: das holz vom berge rutschen lassen; (die kürse) was ir under dem mantel hinweg gerutscht. Pauli sch. u. ernst (1546) 56; wie ich so auf dem sandhügel am flusz hintrolle, glitsch, so rutscht der plunder unter mir ab. Schiller räuber 3, 2 schauspiel; stieg, den vor einigen jahren ein postwagen hinunter rutschte. Göthe 43, 143; als bei bedecktem himmel und frischem schnee die schlitten eilend vorbei rutschten. 60, 40.
2)
besondere übertragungen; von einer widerstehenden speise: die erbsen wollen nicht rutschen. Frischbier 2, 240ᵃ. nd. dat wil nig dögd rutsken, die sache hat nicht den richtigen fortgang. brem. wb. 3, 566. das geld rutschen lassen, es flott ausgeben. oberd. brettlein rutschen, sterben, begraben werden (weil man den sarg auf einem brett in das grab gleiten liesz). Schm. 2, 191. Schöpf 572. Höfer 3, 55. rutschen von der regelmäszig forschreitenden erhöhung eines betrages (s. rutscherzins): so ist der besserunge uff morn noch also vil, und rutscht also bisz an den dritten tag. weisth. 1, 739.
Zitationshilfe
„rutschen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/rutschen>, abgerufen am 24.01.2018.

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