Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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sühnen, vb.

sühnen, vb.,
richten, (einen streit) beilegen, versöhnen, wiedergutmachen, genugtuung leisten, entsühnen; ostfries. küssen.
herkunft und form. ahd. sônan, suonan, suanan, mhd. suonen, süenen, as. gisonian, mnd. sonen, swonen, mnl. zoenen; afries. sēna; entlehnt aus dem mnd. sind norw. sona 'versöhnen', schw. sona ('poetische verkürzung aus försona' Hellquist 825), dän. sone, forsone, s. Torp 682, Falk-Torp 1108. — kontinental-wgerm. * sonjan gilt als ableitung von *sōna, doch vgl. die oben unter sühne sp. 1012 im hinblick auf norw. svaana 'einschläfern, stillen' u. s. w. geäuszerten zweifel. die alte umlautlose form suonen im südwestdt. bis ins spätmhd.: gesuonet (Isenburg 13. jh.) Höfer ausgew. urkd. 19; suont Ulrich v. d. Türlin Willeh. 306; gesuͦnet (1389) urkdb. d. st. Eszlingen 295 Diehl; suonde (15. jh.) schweiz. id. 7, 1107. sounen vreden (15. jh. nd.) Diefenbach n. gl. 105ᵃ; soͮnen mecklenburg. urkb. 18, 44. monophthongierung zu u wieder besonders md.: sunen Sachsenspiegel I 38 § 1 Weiske; zu sunene (1330) hess. urkb. 2, 395 Wyss; gesunet (Berncastel 1315) weist. 2, 354; zunen (1350) lehnsurkd. Schles. 1, 494; sunen Luther 32, 331 W.; 10, 2, 387 W.; gesumpt (14. jh.) hans. urkb. 3, 307; gesunet (1372) meckl. urkb. 18, 177. seit dem 13. jh. begegnen umgelautete formen und verdrängen allmählich die andern: süenen Kudrun 831; (1429) schweiz. id. 7, 1107; gesüent U. Füetrer bayr. chron. 163. suͤnen Suchenwirt 2, 49 Primisser; sünte (1315) mon. Germ. hist. leg. IV 5, 259; suinen bei Scherz-Oberlin 1601; suͤnen Luther 5, 103 Bindseil. gelegentlich entrundet: sienen bei Schmeller-Fr. 2, 303ᵃ; gesienet Alsfeld. passionssp. 7480; Murner narrenbeschw. 208 ndr. ö beginnt als stammvokal im 13. jh. besonders md. und nd. aufzutreten. es hat sich aber beim simplex ebensowenig wie beim subst. sühne (s. d. sp. 1013) durchzusetzen vermocht. doch hat diese mundartliche form unter dem einflusz von versöhnen (s. teil 12, sp. 1350) zu einer bedeutungsdifferenzierung geführt, derart dasz versöhnen und die ö-formen von sühnen in neuerer zeit nur noch in der bedeutung 'versöhnen' gebraucht werden: gesöndt (1269) bei Schmeller-Fr. 2, 303ᵃ; soenen (15. jh. md.) Diefenbach 594ᶜ; soenen Alsfeld. pass. 7050 Grein; hertzog Aymonts süne (1535) c 4ᵇ; gesönet (Nürnberg 15. jh.) chr. d. dt. st. 2, 346; Nigrinus papist. inquisit. (1582) 391; soenden (Lübeck 15. jh.) chr. d. dt. st. 30, 100; söneten (1578) weist. 5, 243. Luther verwendet unter bevorzugung der alten beide formen. Harsdörffer t. secret. (1656) 1, 531, wie Stieler stammbaum (1691) 2056 haben sühnen neben söhnen. in neuerer zeit hat Gotter 1, 229 nur söhnen; Klopstock gibt söhnen den vorzug.
bedeutung und gebrauch. ursprünglich wie das zugehörige subst. sühne ein wort der rechtssprache und als solches in der bedeutung 'richten' schon ahd. darnach von mhd. zeit bis Luther einschlieszlich häufig verwendet, wenn auch niemals in der fülle des subst. seit dem 16. jh. verschwindet es bis zur ersten hälfte des 18. jh. immer mehr aus der lebendigen sprache, doch hat Luthers bibelübersetzung ebenso wie das subst. so auch das verb. vor dem untergang bewahrt; lexikalisch bis in den anfang des 18. jh. gebucht: Faber thes. (1587) 621ᵃ; Stieler (1691) 2065; Ludwig teutsch-engl. (1716) 1724 (neben versöhnen); noch Adelung 4 (1780) 748 nennt es veraltet. durch Klopstock, Herder und Göthe wird sühnen, söhnen neu belebt, und so von Campe in beiden formen söhnen 4 (1810) 466 und sühnen 748 ohne einschränkung verzeichnet. seitdem ist sühnen wieder ein häufig verwendetes wort der hochsprache, doch in einem gegenüber dem alten gebrauch verengerten bedeutungsumfang, s. 2 a, der sich im wesentlichen auf 'wiedergutmachen' (s. u. 4) und 'entsühnen' (s. u. 5) beschränkt. für die verwendung 'versöhnen, sich versöhnen' ist neben sühnen versöhnen üblicher geworden (s. 2 b und 3). die mundarten kennen das wort im allgemeinen nicht mehr.
1)
richten, einen urteilspruch fällen. nur im ahd.: uf steig ci himilom ... thanan cumftiger ci suananne lebente endi tote (Weiszenburg. katech.) kl. ahd. sprachdenkm. 33, 104 Steinm.; vgl. ebda 202, 28; 229, 1 u. ö., ferner Muspilli 85; 71; Otfrid IV 29, 15; judex ad requirendum soneo ze sonene ahd. gl. 4, 681, 31 St.-S. vgl. dazu noch in den glossen komposita wie: dejudicat pisonit (K; Pa) ahd. gl. 1, 64, 30; discernit dejudicat zascaidit casonit (Pa; Ka) 1, 104, 32 u. andere.
2)
einen ausgleich herbeiführen, zu einem ausgleich kommen: foederavit, pacificavit cafoagida, casoanta (Pa; K; Ra) ahd. gl. 152, 40 St.-S.; componere sounen vreden (15. jh. nd.) Diefenbach n. gl. 105ᵃ; treugare soenen, friedemachen, velichen (md. 15. jh.) gloss. 594ᶜ; vgl. nl.: pacificare soynen peysen v. d. Schueren Teuthon. 363 Verd.
a)
mit dem akkusativ der sache (gern durch das neutr. eines pronom. ausgedrückt), lebendig und häufig nur auf älterer sprachstufe, im mnd., mhd. sowie im altfries., besonders urkundlich (vgl. Schiller-Lübben 4, 292; mhd. wb. 2, 2, 750, Lexer 2, 1287 sowie Richthofen altfries. wb. 1007); nur vereinzelte zeugnisse reichen in die frühnhd. zeit bis zur mitte des 16. jh. (s. u. Luther); heute nur gelegentlich in altertümlicher sprache oder in histor. darstellung. 'zwistigkeiten beilegen', und zwar privatrechtliche, vgl. Heliand 1627 S.; altfries. als thio seke sened is Richthofen rechtsqu. 387, 3:
es nâhet gegen der suone tage,
daz got wil suonen alle klage
der Marner 83 Strauch;
kyff nicht to sonende mnd. katechismus in: zs. f. dt. phil. 13, 22 anm. 3; dri bidderb manne, die solichs gesunet hetten in vorgenanter redden (Kreuznach 1440) bei H. Loersch der Ingelheimer oberhof (1885) 104. — eine fehde, einen krieg beenden: alle herren und de vorsten, de syk vorbunden hadden teghen de stede, ... soͤnden dat orlich myt den steden (15. jh. Lübeck) chr. d. dt. st. 30, 100; daz he (landgraf Hermann) den krig nit sonen enwolde bi jaren unde dagen Tilemann Limburg. chron. 63, 7 Wyss.endgültig frieden schlieszen im gegensatz zum waffenstillstand: dar wart dat orloch twisschen ... to eneme vrede sproken, unde wart darna nicht lange gesonet bei Schiller-Lübben 4, 292ᵇ; in altertümlicher redeweise auch in neuerer zeit: (zwei könige beanspruchten beide dasselbe land für sich) das wollten weise leute sühnen, aber die herren wollten es ausfechten dt. sagen 2, 69. häufig in stehender verbindung mit synonymen, vgl.sühne 2 e α und γ: (alle streitigkeiten sollen) gezonet unde gerichtet wesen (1435) urkb. d. st. Hildesheim 4, 176 D.; frome ... nachbarn, die hadder und zwitracht ... unter ... nachbarn richten, sunen Luther 32, 331, 29 W.; dusse ... veyde is fruntlik vorrichtet und gezoent (1528) urkb. d. st. Göttingen a. d. 16. jh. 181 H.-K.; dat hiirmede ... alle broeken, veden ind ongunste ... guetliken verleken, hynnen gelacht, gescheiden ind geswoent wesen (Unna 1444) stadtr. d. grafschaft Mark 3, 70; ind wy ... en willen van den veden nyet swoenen noch vreden (1444) urkb. f. d. gesch. d. Niederrheins 4, 314 Lacomblet. von autoritativ geschlichtetem streit:
er (der träger der krone) süenet und vridet
Reinmar von Zweter 148, 6 Roethe;
wir ... raetlude und soenlude gecorin ... bekennin uns ... umbe allin den krich ... umbe den zu soene und si dy vorgenanten partien endrechtich zu machene (1332) hess. urkb. I 2, 414 Wyss; vgl. altfries.: al deer epenbeer stryd ... is, dat schillet da riuchteren riucht sena (judices ... discordantes ad pacem studeant revocare) Richthofen rechtsqu. 104, 20. von privatklagen, die ohne inanspruchnahme eines gerichtsurteils beendet werden: kemphen und ... spillûte und die dûbe oder roub sûnen oder wider geben, und sie des vor gerichte verwunden werden ... die sint rechtelos Sachsenspiegel I 38 § 1 Weiske; darnach noch Chr. Zobel sechsisch lehenrecht (1537) 8ᵃ; alle klegde, di an den eit ruren, werdent die âne eide gesunt, sol der, den di clage aneget, dem amptmann 1 β hlr richten (15. jh.) weist. 5, 677. — alt und formelhaft sühne sühnen: ich ... bekenne ... de sone, de wy ghesonet hebbet (1348) Diepholz. urkb. 30 v. Hodenberg; unde clageden, dat en sone ware sonet tuischen em (Bremen 1331) bei Schiller-Lübben 4, 292ᵇ; vgl. altfries. sa hwer sa ma enne tichta lat opa enne mon, thet hi ene sone send hebbe Richthofen afries. rechtsqu. 541, 4. nicht selten ist ellipse des objekts, z. b.:
sanfte zürnen, sêre süenen, deis der minne
reht
Walther von der Vogelweide 70, 6 L.;
wie (d. rat zu Lüneburg) ... hebben vruntliken vorlikent unde ghezoͤnet under andere stucken, de twisghen en unde uns ghedeghedinghet syn (1374) meckl. urkb. 18, 457; nach altem sprachgebrauch: wo die sühne nach der klage verboten ist, wird mitunter nur bestimmt, dasz der kläger, der unbefugterweise gesühnt hat, trotz der sühne seine klage durchführen musz His strafrecht d. dt. mittelalters 1, 316.
b)
mit besonderer hervorhebung der beteiligten personen, mit jemandem (durch eine bestimmte leistung) zum ausgleich kommen, (sich) versöhnen. dieser gebrauch überdauert die mhd. zeit und hat sich vereinzelt bis heute gehalten, wenn auch im allg. versöhnen in diesem falle an seine stelle getreten ist, s. teil 12, 1351. wo immer er aber in neuerer sprache angewendet wird, erhält diese dadurch einen besonderen stimmungsgehalt.
α)
meist reflexiv vom friedensschlusz zweier parteien, in reicher fülle:
daz si sich suonden noch mit in
Konrad von Würzburg Troj. 47276;
daz wir uns sünte mit unseme ohem (1315) mon. Germ. hist. leg. IV 5, 259; unde soneten sich von stunt der rat und die gemeinde Tilemann Limburg. chron. 88 Wyss; die könige haben sich untereinander gesünet Wigand Gerstenberg chron. 29 Diemar; hertzog Bene hat sich nie mit mir sönen wöllen, aber ytzt will ichs im vergelten hertzog Aymonts süne (1535) c 4ᵇ; es haben sich diszmahl der keyser und der bapst gesönet Nigrinus papist. inquisit. (1582) 391; im anschlusz an alten gebrauch auch in neuerer sprache:
(Gunther:) sie (Brunhild nach dem streit vor dem münster)
um mittag hier im saale mich zu sprechen. begehrt
gewisz, sie fühlt dasz sie sich sühnen musz
Geibel ges. w. (1883) 6, 68.
auch hier häufig in verbindung mit synonymen verben: (unsere bürger sollen) sich ... fryden unde sonen myt iren vigenden Tilemann Limburg. chron. 145, 28 Wyss; daz her sich gutlich med uch einte unde ... sunte Köd. von Salfeld leb. d. hl. Ludwig 38, 11 Rückert; wan sich ... rat und burger ... mit uns gesuͦnet und verricht haͧnt (1389) urkb. d. stadt Eszlingen 295 Diehl; sik sonen, daghen eder vreden mecklenb. urkb. 16, 279; wir sullen uns mit ... herzog Ludwigen ... weder vriden noch suͤnen noch vertaidingen (1324) mon. Germ. hist. leg. IV 5, 828; das wir ... uns mit deme selben bischofe ... nymmer gefreden zunen adir berichten wollen (1350) lehnsurkd. Schlesiens 1, 494.
β)
passivisch, im part. prät., 'zu vergleich und frieden gelangt': (hiermit) sin wir ... mit dem ... erzbischoffe ... gesuͦnet (1322) mon. Germ. hist. leg. IV 5, 531, 10; wann unser herren die fürsten mit unsern herren vom rate ... auf rechtlichen austrag für unsern gnedigisten herren den römischen küng gütlich gericht und gesönet sein (15. jh. Nürnberg) chron. d. dt. st. 2, 346, 8; de sulven vorbenante parte fruntliken voreniget, gerichtet und gesonet aller schelinge (1445) urkb. d. st. Hildesheim 4, 449 D.; (der todschläger wird friedlos gelegt) totter tyt dat hy mit des doden maghen soent ist Westfries. dingtal bei His strafrecht d. dt. mittelalters 1, 299 anm. 2; also ward er mit dem künig wider gesüent U. Füetrer bayr. chron. 163. — vom beleidigten her gesehen, 'durch genugtuung zufrieden gestellt': wir ... duon kunt ... dat wir bit der edilre vrouwen Mechtilden ... van alle der anesprache unde der vorderingen, die wir op si hadden, ... gesuonet sin (13. jh.) Isenburg. urfehdebrief in: Höfer ausw. d. ältest. urkd. dt. sprache (1835) 19 f.
3)
versöhnen. das hauptgewicht liegt hier mehr auf der inneren umwandlung der früheren gegner. in dieser bedeutungsnuancierung hat sich sühnen neben dem freilich üblicheren versöhnen bis heute lebendig erhalten.
a)
nicht der gekränkte selbst, sondern die gemütsstimmung des beleidigten erscheint als das objekt des sühnens:
dasz ich solde sœnen mins vatter zorn
Alsfeld. passionsspiel 7050 Grein;
die Pythias gebot: sühnt Minos zorn!
und unerbittlich wie der Hades war
der fürst von Kreta
grafen Stolberg ges. w. (1820) 4, 6;
da die erbitterung, welche eben zu sühnen ist, gegen jenen stärker ist als gegen diesen Th. Mommsen röm. gesch. 1, 140; denn es waltete ... doch ein offener und geheimer hasz gegen ihn, den er durch den tod der ... Küngolt zu sühnen hoffte G. Keller ges. w. 5, 241.
b)
die gottheit, höhere mächte versöhnen, in dichterisch gehobener sprache:
die ewige gerechtigkeit zu sühnen,
starb an dem holze gottes sohn
Schiller 5, 447 G.;
denn er (Apollo) wird nicht eher die hand von der seuche zurückziehen
bis Agamemnon dem vater das mädchen ...
wieder sendet gen Chryse; dann mögen wir wieder ihn sühnen
grafen Stolberg ges. w. (1820) 11, 9;
gegen fremdlinge ... grausam, sühnten sie auch ihre gottheiten mit menschenblut J. H. Voss antisymb. (1824) 1, 174;
es war der scheidende gott meines volks! ...
und ihn zu sühnen ging ich hin
Hölderlin ges. dicht. 2, 231 L.;
und stürmend drängt sich zum prytanen
das volk, es fordert seine wut
zu rächen des erschlagnen manen,
zu sühnen mit des mörders blut
Schiller 11, 242 G.;
zündet mit zunder
opfer, zu sühnen des furchtbaren macht!
Z. Werner kreuz an d. Ostsee (1806) 46;
mit den kronen meiner schönsten stunden
sühnt ich das verfolgende geschick
Tiedge w. (1823) 2, 141;
als dies opfer verschlungen war, schienen die schicksalsmächte wieder gesühnt H. Laube ges. schr. (1875) 5, 136;
sühnt die geister der ahnen mit blut
Rückert Firdosi 1, 247 Bayer.
c)
mehrere personen miteinander versöhnen. schon spätahd.: (thaz ih) ... zuuene nigisuonta (Fuldaer beichte) Steinmeyer kl. ahd. sprachdenkm. 327, 12; vgl. 330, 15; 319, 26 (as. beichte);
hêr keiser, swenne ir Tiuschen fride
gemachet stæte bi der wide ...
und süenent al die kristenheit:
daz tiuret iuch, und müet die heiden sêre
Walther von der Vogelweide 12, 22 L.;
myt groter wisheit he (der kaiser) do sonde de weldigen ... forsten unde makede se alle to vronde (Lübeck) chr. d. dt. st. 19, 29; ein fridsame, haylsame tzunge, die niemant schadet und yderman frummet, die die uneynigen sunet Luther 7, 213 W.;
o, dasz ich der beglückte sei,
der ...
dich mit der freude wieder söhne!
Fr. W. Gotter ged. 1 (1787) 229.
äuszerlich gesehen mit sachlichem objekt (wie unter a): frome nachbarn, die hadder und zwitracht unter nachbarn richten, sunen und wegnemen Luther 32, 331 W.; ein luchs, beiden theilen verwandt, sucht die feindschaft zu sühnen J. Grimm Reinhart fuchs vorr. cv.
d)
sich versöhnen:
die (friedsamen) sorgent zuo dem suontage,
si suonent sih hie unz si magen
paternoster bei Müllenhoff-Scherer denkm.³ 1, 165;
in moderner sprache nur dichterisch:
groszmütig will er sich auf immer mit dir söhnen
Fr. W. Gotter ged. 2 (1788) 59;
sterbend er sich mit dem enkel sühnte!
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 6, 143;
hier lieg ich,
umfassend deine knie, und bitte dich
mit gott und mit der menschheit dich zu sühnen
Z. Werner söhne des thales (1804) 2, 29;
mundartlich in Ostfriesland: se hebben frede makt und sük sônd Doornkaat-Koolman 3, 257ᵇ.
4)
wiedergutmachen. meist mit dem akk. der sache, die geleistete busze und sühne gegebenenfalls durch einen präpositionalen ausdruck angeschlossen. das zeitliche vorkommen deckt sich mit dem von sühne 5, vereinzelt mhd. und frühnhd., dann erst wieder im 19. jh.
a)
wiedergutmachen, bessern:
ergetze mich der leide,   di mir von dir sint geschehen,
und süene iz, rîter küene
Nib. 2273;
wunden kan man verbinden, scheltwort kan man suͤnen Luther bibel 5, 103 Bindseil;
alle menschliche gebrechen
sühnet reine menschlichkeit
Göthe 4, 277 W.;
doch haben wir bald abverdienet?
wird doch selbst missetat gesühnet,
du, guter väter sohn!
J. H. Voss s. ged. (1802) 2, 68;
ich tat unrecht vorhin
und will es sühnen
Fouqué held d. nordens (1810) 2, 140;
und der jungfrau heldenfüsze
traten auf das haupt der schlange,
kindisch ihre schuld zu sühnen
gibt den kranz ihr Rosablanka
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 3, 8;
sühnt auch diese gedanken mein tropfendes blut?
J. Hart bei Arent mod. dichtercharakt. (1885) 48;
welcher tat wir uns erkühnen,
weisz die welt. die schande sühnen
soll das unbeschimpfte blut
Fr. A. v. Stägemann kriegsgesänge (1813) 106;
Carus, unser imperator, sühnt nun auch die letzte schmach
Platen w. 1, 8 R.;
die geschichte hat ... gelehrt, wohin solche miszgriffe führen, und dasz sie nur durch umkehr zum geiste der nation zu sühnen sind A. Ruge briefw. u. tageb. 2, 40 Nerrlich; es musz verlangt werden, dasz die jetzigen fürsten ... diese schuld erkennen und zu sühnen suchen P. de Lagarde dt. schr. (1886) 24; manche haben unser wort sünde aus sühnen erklärt, so dasz sünde wäre das was gesühnt werden musz J. Grimm kl. schr. 5, 290; aber solche makel hat der tod gesühnt O. Jahn Mozart 3, 253; ob er (der täter) ... die unthat durch buszzahlung sühnen wolle H. Brunner dt. rechtsgesch. 1, 163; die Nemesis ... sühnt nicht immer blut mit blut Mommsen röm. gesch. 2, 314; die damen verleumden an meinem tische! das fordert blut! ... der alte cyniker lächelte, sein rotweinglas neufüllend: ich denke, wir sühnen es mit diesem hier H. v. Kahlenberg familie Barchwitz (1902) 42. — mitunter vertritt ein objektsatz den einfachen akkusativ:
alsus zürne ich und süene, beide, nu vil manic jâr
daz mich diu minne nie gevrumte als umb ein hâr
minnesinger 1, 314ᵃ v. d. Hagen;
zuerst müsse der könig selbst sühnen, dasz er nach Italien gekommen Niebuhr röm. gesch. 3, 556; ich ... bin bereit ..., durch brüderliche pflege an ihnen ... zu sühnen, ... was ... heiszes blut ... gesündiget Holtei erz. schr. 11, 302; das versprechen ..., bei dieser tochter das zu sühnen, was an der mutter verbrochen war H. Seidel vorstadtgesch. (1880) 95; könig Ludwig will sühnen und bessern, was er dir und dem lande zu leide gethan hat G. Freytag ges. w. 2, 62.
b)
der staatlichen gewalt die verfallene busze bezahlen und ihr dadurch genugtuung verschaffen. besonders niederrheinisch, vgl. dazu Verwijs-Verdam mnl. wb. 7, 2567; overyssel. stadtrechte 12, 13 u. ö.: ob sich zwen oder mehr schlugen in eines offenen wirtshaus, dasz die hofstat dem vogt nit zins gebe, und söneten sich uf wallstatt, die soneten einem vogt die hochste busz abe (Sprendlingen 1578) weistümer 5, 243; die träger der öffentlichen gewalt, denen gesühnt wird, sind in der ältesten zeit die rechtsgenossen selbst v. Amira grundrisz d. germ. rechts (1913) 244.
c)
im religiös-kultischen sinne das buszetun für eine sünde und ihr wiedergutmachen, neigt stark zu 5:
das sühnend opferlamm ... das meiner sünden schulden
musz bezahlen
G. Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 314;
wem tut Jupiter unsre schuld zu sühnen
auftrag
Herder s. w. 26, 226 S.;
die er erschütterte, die heilgen mauern ...
hat er in uns erbaut zu langem dauern
durch seiner busze sühnende geduld
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 1, 201;
die unbewuszte (verletzung des dies nefastus) konnte ... mittelst eines piaculum gesühnt werden R. v. Jhering geist d. röm. rechts 2, 677; wenn es ... bei den Maori vorkam, dasz tabubruch durch zahlung ... oder busze gesühnt werden konnte Ratzel völkerkde (1885) 2, 212; nur die 'allerschwerste schuld' ... kann auch des meisters gnade nicht sühnen Treitschke hist. u. polit. aufsätze⁵ 2, 35.
5)
entsühnen, kultisch reinigen. berührungen mit 3 b 'die gottheit versöhnen' und 4 c 'eine sünde abbüszen' liegen fast überall vor. der bedeutungsgehalt dieser gruppen ist hier zur prägnanz gesteigert, besonders in der hohen poesie. ansätze dazu sind durch den kerngehalt der christlichen religion seit alters gegeben: du suondost unsih mit dinemo bluote Notker ps. 129, 4 (2, 561, 13 P.);
Amos sohn, der grosze prophet des söhnenden opfers
Klopstock Messias 10, 428;
deine verlangen will ich ... dem söhnenden kund thun
1, 512;
in dir weile ich flammend, du gibst mir lindernde öle,
und so sühnt sich in dir, opfernd den göttern, der sturm
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 2, 484;
es scheuch ihn von den altären unsichtbarer zorn
des vaters, dasz herbergen, sühnen keiner ihn darf
Droysen Äschylus (1868) 85;
Wittelsbach
ist nun der erde gleich, und eine kirche
wird sühnend stehn auf der verfluchten stätte
E. Raupach dram. w. ernster gatt. 8, 165;
so reicht im becher mir den zaubertrank ...
aus eisgem quell und sühnendem blut gemischt
A. Wilbrandt Kriemhild (1877) 61;
tief von der liebe verschönt
steiget die göttin zum meer
dasz sie sich sühnend versöhnt —
rosen des lichts um sie her
R. G. Binding die geliebten (1935) 63;
denn das schattige thal wird belebt durch den pythischen aufzug ..., welcher vom heiligen lorbeer die sühnenden zweige bricht Humboldt kosmos 2, 14; nachdem Solon das attische land durch Epimenides von Kreta hatte sühnen lassen Droysen Äschylus (1841) 5; auch den gesichtspunkt ..., seinen tod als sühnenden opfertod zu betrachten D. Fr. Strausz ges. schr. 3, 266; die menschenopfer waren ... sühnopfer oder ... todesstrafen, die als sühnende kultusakte, supplicia, von priestern ... vollzogen wurden E. H. Meyer germ. mythologie 199; hierher auch, ins weltliche gewandt: die geschichte der ... notare war in der sühnenden stille der strafgefängnisse eingeschlafen G. Keller ges. w. 8, 332.
6)
küssen. nur mundartlich im niederdeutschen, stammt aus dem niederländischen wie sühne 'kusz', s.sühne 7, ist aber älter und reicht weiter als dieses: suaviare sonen (gemma gemm. Cöln 1507) Diefenbach gl. 558ᶜ; soonen, suunen küssen Stürenburg ostfries. 249ᵃ; wen fründe bin ander kamen, den sonen se sük Doornkaat-Koolman 3, 257ᵇ; sünen küssen Schütze holst. 4, 158. die ältesten nl. belege s. bei Verwijs-Verdam mnl. wdb. 8, 1476.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1937), Bd. X,IV (1942), Sp. 1022, Z. 29.

sun, m.

sun, m.,
plur. sün(e), 'meeresbucht', in übersetzung für lat. sinus: ob ettwan an dem gestatt des meeres ain flusz were oder ain sün, da die ankommende schif leüchtlich hineinkommen kündten und sicher darin stehn Xistus Betuleius von d. newen Hispanien (1550) 17ᵇ; ain flusz, ... für andere brait, liesz sich ansehen, als flusz er zwischen zwaien bergen ... in ainen sun ebda; die sün ebda. die herkunft ist dunkel; besteht zusammenhang mit alemannisch suen(e), f., wiesengraben (von 1667) Martin-Lienhart elsäss. 2, 363; wasserleitung, wassergang einer art schlitzgraben schweiz. id. 7, 1109, etwa erweitert als schiffbare wasserrinne?
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1937), Bd. X,IV (1942), Sp. 1107, Z. 26.

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sühnungsweg
Zitationshilfe
„sün“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/s%C3%BCn>, abgerufen am 11.05.2021.

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