Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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sünde, f.

sünde, f.,
peccatum.
verbreitung und form. westgerm. und nordisches wort, im got. nicht vorhanden. ahd. suntea, sunta, sunda; mhd. sunde, sünde; as. sundea; mnd. sunde; mnl. sonde; ndl. zonde; afries. sonde, sende; westfries. suwne; ags. synn; engl. sin. anord. synd, älter synþ, synđ, norw., schwed., dän. synd sind wohl aus dem westgerm. entlehnt, die formen mit þ oder đ könnten und müszten dann analogisch sein, s. Fischer lehnwörter des altwestnord. 41, Hellquist 928. der anlaut ist schwankungen nicht unterworfen. inlautendes d ahd. nur auf md. und rhfrk. boden als unverschobenes westgerm. d und als erweichtes t nach n durchweg bei Notker (2, 49; 93 Piper); erst seit dem frühen 12. jh. erweichung auch sonst auf obd. boden: hochzeit 668 Waag, Arnsteiner Marienleich 36 Waag; im späteren mhd. t noch obd. ganz vereinzelt, s. altdeutsch. pred. S. Paul 120 J.apokope des auslautvokals im mhd. noch selten (st. Georgen. prediger 16, Konrad v. Megenberg 140 Pf.), greift aber seit der mitte des 15. jh. um sich (erste dtsche bibel) und wird im 16. und 17. jh. gebräuchlicher als die vollform (nicht bei Luther), zumal im singular. sie verschwindet aus dem gebrauch der schriftsprache um 1700, noch bei Kramer 2 (1702) 1039ᵃ; in jüngerer sprache begegnet die kurzform nur noch im vers: Müllner (1828) 1, 68. — umlaut des stammvokals schwerlich seit 1150 belegt: Trierer Silvester 416 Kr.?; im ganzen mhd. bereich sind formen mit und ohne umlaut gleichberechtigt, und noch im 16. jh. ( Luther) ist umlautlosigkeit weit verbreitet, s. Wilmanns gramm.² 1, § 202; 204; im 17. jh. nur noch singulär: Lehman floril. polit. (1662) 1, 200. — flexion im ahd. durchweg als jô-stamm, singuläre ausweichung im gen. plur. suntîno Otfrid IV 1, 53 (hs. V). — sonderformen nach analogie der i-dekl. im gen. plur. auf -e oder ohne endung, vereinzelt im mhd.: altdeutsch. pred. S. Paul 120 J., häufiger im 16. und 17. jh., vgl. H. Paul deutsche grammatik 2, 84. — doppelgebrauch starker und schwacher dekl. vom frühen mhd. bis ins letzte drittel des 17. jh. als mhd. normalform hat noch die starke zu gelten, doch sind schwache formen, zunächst pluralisch, seit 1150 belegbar: Arnsteiner Marienleich 144 Waag, altdeutsch. pred. S. Paul 56 J.; für die erste deutsche bibel und für Luther gilt ein nebeneinander st. und schw. gebrauchs im sing., während der plur. hier durchweg noch stark begegnet. kurz vor ihrem verschwinden, um die mitte des 17. jh., schwellen die st. pluralformen (mit und ohne apokope) noch einmal an: Neumark lustwäldchen (1657) 1, 56, Schupp schrift. (1663) 7, Lehman floril. polit. (1662) 2, 700, P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 375ᵃ. das gleiche gilt für die deklin. restformen des schw. sing.: Lehman floril. polit. (1662) 1, 200, P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 313, Schupp schr. (1663) 146; 177. die deutschen mundarten greifen das wortbild vor allem im stammvokal und in der inlautenden konsonantengruppe an. entrundung des stammvokals zu i md. und obd., z. b. Follmann dtsch.-lothr. 480; Schmeller-Fr. 2, 306. singulär bleiben, meist md., andere färbungen wie sönn luxemb. ma. 411, söng Leithäuser Barmer ma. 145, send, sen Follmann dtsch-lothr. 480, sene Hofmann niederhess. 236. — assimilation des inlautenden nd ˃ nn ohne apokope des auslauts vornehmlich im niedersächs. gebiet: sünne Woeste westf. 263, Schambach Götting. 219, Deiter Hastenbeck nachtr. 64, Doornkaat-Koolman ostfries. 3, 365; einsilbige kurzformen auf nn, n seltener nd.: sünn Mensing schlesw.-holst. 4, 954, Danneil altmärk. 216, meist md.: sinn Autenrieth 133, Lenz Handschuhsheim 70, Schöner Eschenrod 253, Rückert unterfränk. 179. gutturalisierung auszerhalb des rheinischen nur singulär, z. b. süng Frischbier 2, 388ᵃ, in mundartlichen nebenformen Seiler Basler ma. 285. auf obd. boden bleibt der dental im allgemeinen unangetastet, doch fehlt meist auch hier, zumal im bair.-österr., das auslaut -e: Schmeller-Fr. 2, 306, Schöpf tirol. 729, Jakob Wiener ma. 188.
herkunft. die sehr schwierige und bis heute umstrittene deutung des wortes weist seit Jac. Grimm (kl. schriften 5, 288 ff.) im allgemeinen, bei abweichungen im einzelnen, den vorchristlichen begriff sünde der rechtssphäre zu. man sieht daher in sünde ein abstraktum zu dem germ. adjektivum *sun(d)ja-, das nur in got. sunjis 'wahr', bisunjane 'ringsum' (eigentlich 'von den ringsum seienden') erhalten ist, aber durch ahd. sunna, latinisiert sunnis 'rechtsgültiges hindernis', as. sunnea 'not, krankheit' (als hauptbeispiel der verhinderung), an. nauđsyn 'not, die einen hindert, eine rechtspflicht zu erfüllen' vorausgesetzt wird und in ai. satyá- 'wahr', av. haidya- 'der wirklichkeit entsprechend' wiederkehrt; da das ablautende an. sannr auszer 'wahr' auch wie lat. sons 'schuldig, überführt' bedeutet, fühlt man sich berechtigt, auch sun(d)ja- diese bedeutung zuzusprechen, vgl. Hellquist 927 f., Falk-Torp 1226. gegen diese konstruktion spricht wohl entscheidend, dasz das wort nirgends der rechtssprache angehört. aus dieser schwierigkeit sucht Edw. Schröder in zs. f. vergl. sprachf. 56, 106—116 einen ausweg, indem er das wort sünde der heidnischen ethik zurechnet, lautlich als ein wie *scanđô aus der idg. wurzel skem gebildetes germ. *skm̥tjô, das nach ausfall des k (parallelfälle bei Schröder a. a. o.) zur schwundstufigen form *sunđjô wird, inhaltlich als ein synonymon zu schande, 'wessen man sich zu schämen hat, ein entstellendes', auch in körperlichem sinne, worauf die gelegentliche ahd. übersetzung von macula, sogar lepra durch sunta hinweist (s. u. V B 3 b). den ansatz solcher deutung findet Schröder vor allem in der seit 1200 belegten, von ihm aber bis in die zeit des Bonifatius hinaufgerückten formel sünde und schande (s. u. IV), d. h. schande vor gott und den menschen, daneben in der as., ags., afries. festen verbindung sache und sünde: ne saca ne sundea Heliand 85; vgl. 1009; 5037; Beowulf 2472; Richthofen altfries. rechtsquellen 75, in der das ganz unkirchliche sache die rechtliche, sünde die bürgerlich-sittliche sphäre vertreten würde. die entscheidende umprägung zum kirchlichen begriff der 'verfehlung gegen gott' wäre dann möglicherweise das werk eines angelsächsischen missionars, und im zuge der mission wäre das neu gefüllte wort auf dem festlande heimisch geworden und von da zu den Nordgermanen gelangt.
bedeutung und gebrauch. bezeugt ist das wort sünde zuerst in den ältesten christlichen quellen der ahd., as. zeit, und zwar eindeutig als religiös-kirchlicher begriff. diese beschränkung gilt im wesentlichen für das ganze mittelalter, und noch in der gegenwart wird der religiöse gebrauch als der primäre empfunden (s. u. I). seit der wende zum nhd. hin begegnet sünde jedoch auch als blosz sittlicher begriff, der einer unmittelbaren religiösen beziehung entraten kann (II). in weiterer entwicklung verliert sünde, mehrfach abgestuft (II C), an moralischem gewicht, um sich seit ende des 18. jh., in der aufklärung, zum religiös-sittlich neutralen begriff abzuschwächen (III) und sich in ernsthaft sachlichem (III A) und in scherzhaftem oder ironischem gebrauch (III B) jüngerer sprache mannigfach zu verzweigen. diese entwicklung, als ganzes ein beispielfall für die wachsende säkularisierung des geistigen lebens, wiederholt sich im kleinen in der geschichte der wichtigen formel sünde und schande (IV). durch sämtliche bedeutungen hindurch gehen feste sprachliche formeln (V). ebenso übergreift der bildliche und vergleichende gebrauch des wortes (VI) verschiedene bedeutungsbereiche.
I.
sünde als religiös-kirchlicher begriff. häufig schon in den ahd. glossen des 8. jh., z. b. Pa, K, Ra, vgl. Graff 6, 261, ebenso in denkmälern wie exhortatio ad plebem christianam bei Steinmeyer kl. ahd. denkm. 51, 50, Weiszenburger katech. ebda 30, 54. im übrigen vgl. unten die belege.
A.
seinem inhalt nach.
1)
sünde als religiöse verfehlung, mit genauerer, meist attributiver bestimmung des inhalts der sündigen handlung: hastu wider got ie getuͦn in der sünde der fraszheit Arigo decamer. 23 Keller; ohn allen zweifel aber ist die zauberei und schwarzkünstlerei die gröste und schwereste sünde für gott und für aller welt volksbuch d. dr. Faust 6 Braune;
misztrauen wäre sünde
an gottes wort
Th. Körner (1835) 102 Streckfusz;
weiszt du nichts von der wüsten sünde ehebruch? ... bist du denn so gottlos? P. Dörfler um das kommende geschlecht (1933) 95; in besonderem sinne der unglaube als die sünde schlechthin (vgl. Röm. 14, 23): was nit usz dem glouben geschicht, das ist sünd Zwingli freih. d. speisen 25 ndr.; unglaub ist ein quell aller sünd Petri 1, f 2ᵇ; wenn der unglaube, wie das alte und neue testament behauptet, die gröszte sünde, ja die sünde der sünden ist, so haben sie, mein wertester, viel abzubüszen Göthe IV 34, 293 W. als katholisch-kirchlicher begriff, verstosz gegen ein kirchliches gebot, etwa gegen das zehntzahlen: tatsächlich war das unterlassen des zehntenzahlens ein vergehen gegen die kirche und somit eine sünde P. Schulze hauptlaster- und tugendlehren (1914) 96, oder gegen die heiligenverehrung: und hielt man dafür, es (das gewitter) käm von sünden, dasz man denselben zweier zwölfbotentag markt hat und den fyrtag und die heiligen damit entunert Tschudi chron. Helv. 2, 133, verstosz gegen die beichte:
der strafen denke, die die heilge kirche
der mangelhaften beichte droht! das ist
die sünde zu dem ewgen tod
Schiller 12, 564 G.,
gegen die kirchlichen fastenvorschriften: Reinard sinnt rache ... bei einer neuen begegnung räth er ihm, die sünde der fleischspeise zu meiden Jac. Grimm Reinhart fuchs vorr. lxxi; an fasttagen fleisch zu essen, halte er allerdings für keine sünde O. Jahn Mozart 3, 26; vgl.t get keng sönn den hals erôf luxemb. ma. 411.
2)
sünde wider den heiligen geist, aus biblischem gedankengut heraus (Mt. 12, 32) zur festen formel entwickelt; zuerst belegbar in der form ein sünde in den heiligen geist peccatum in spiritum sanctum (1394) Diefenbach gl. 418ᵇ, und so in der mehrzahl der fälle bis in die wende vom 17. zum 18. jh.: ein sund in den heiligen geist Luther 15, 139 W.; wievil seind der sünd in den heiligen geist? Moufang kath. katech. d. 16. jh. 465; vgl. noch Hulsius-Ravellus (1616) 316ᵇ; Kramer 2 (1702) 1039ᵃ; Rädlein (1711) 1, 862ᵃ; vereinzelt noch bei Göthe: von dem gedanken an die sünde in den heiligen geist 27, 126 W.; vgl. ähnlichen gebrauch des in: crimen laesae maiestatis, das ein sünde sey in die maiestät Luther 28, 536 W.; ganz vereinzelt in diesem zusammenhang ein gegen: von den 6 sünden gegen den hl. geist Moufang kath. katech. d. 16. jh. xxii; das wider gelegentlich schon bei Luther: und wie man mit den sunden wider den heiligen geist gesündigt hat 2, 61 W.; häufiger seit ende des 17. jh., vgl. Stieler (1691) 2240; Ludwig teutsch-engl. lex. (1716) 1925; und dann bald, wie noch heute, im alleinigen, durch die formel geschützten gebrauch, der wohl auch auf verwandtes gebiet ausstrahlt (s. u. V 2 a). inhaltlich wird die formel meist als bewuszter unglaube (s. o. I A 1), als widerstand gegen die göttliche gnade ausgedeutet: es ist kein groszer sund, dann das man nit glaubt den artikel 'vorgebung der sund' ... und dise sund heist die sund in den heiligen geist Luther 2, 717 W.; wir finden uns demnach nicht berechtigt, von der grundbestimmung in der älteren auffassung der sünde wider den heiligen geist abzugehen. das wesen dieser sünde ist der hasz wider das erkannte göttliche Jul. Müller lehre v. d. sünde (1859) 2, 592; auch als fester terminus der kathol. beichtpraxis: die sechs sunde in den heiligen geist (vor 1468) J. Wolff beichtbüchlein 29 Battenberg; sünden wider den heiligen geist werden sie genannt, weil sie der gnade des heiligen geistes ganz besonders widersprechen kath. katech. f. d. erzbistum Köln (1915) 421; häufig jedoch ohne inhaltsbestimmung, darum leicht in ironischer abschwächung:
... der ihm die wahre sünde wider
den heilgen geist bedünkt; — das ist die sünde,
die aller sünden gröszte sünd uns gilt,
nur dasz wir, gott sei dank, so recht nicht wissen,
worin sie eigentlich besteht
Lessing 3, 135 M.;
man begeht doch eigentlich eine sünde wider den heiligen geist, wenn man ihr auch nur im mindesten nach dem maule redt Göthe IV 17, 14 W.; auf andere gebiete übertragen: viel zu oft liesz man sich ... zu trugschlüssen und sünden wider den geist der kunst verleiten ders. I 46, 80 W.; A. Dinter die sünde wider den geist (1920) (buchtitel).
3)
oft vom sündenfall Adams und Evas, besonders in älterer sprache: Adâmis sunda (originale peccatum) Notker 2, 49 P.; do diu erista sunda gescah ebda 2, 93; gott ... hat Adam und allen seinen kindern aufgeladen nach der sund, in ... angst und not ir leiplichs leben zu volstrecken J. Strausz christl. unterricht (1523) a 2ᵇ; ein leben voll liebe, voll seligkeit, wie vor der sünde, in ewiger jugend E. T. A. Hoffmann 1, 38 Gr.; oft in der festen verbindung sünd und fall: Adams sünd und fall ist unser aller unfall Petri 1, e 6ᵇ; o Adams sünd und Eva fall, was hastu angericht! ebda; genauer bestimmt als die apfelsünde: die sünd und übertretung des apfels H. v. Cronberg schr. 23 ndr.;
(Jesuskind) das getilgt des apfels sünde
Cl. Brentano (1852) 2, 548.
B.
sünde bezeichnet häufig den aus sündigen handlungen erwachsenen, dem täter anhaftenden zustand. der charakter des zuständlichen findet seit alters in mancherlei meist biblisch begründeten formeln sprachlichen ausdruck, am greifbarsten in verbalverbindungen mit in sünden.
1)
in sünde(n) geboren, empfangen werden, als ausdruck erbsündlicher verhaftung: in sunton bist al giboran, inti thu leris unsih Tatian 132, 20;
er weinde von der sünde
dâ er inne was geborn
Hartmann v. Aue Gregorius 1750 Paul;
ein mensche wirt in sunden enpfangen ackermann aus Böhmen 24 B.; sihe, ich bin aus sündlichem samen gezeuget, und meine mutter hat mich in sünden empfangen psalm 51, 7;
in sünden bin ich ja geborn
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 394ᵇ;
wir sind alle in sünde geboren, und was uns hält, ist ... eine kraft auszer uns Fontane (1890) I 7, 61; vereinzelt: nach Adams fall werden alle ... mit der sünde geboren D. Fr. Strausz 6, 15; früher auch adjektivisch und partizipial: dio geburtlichun sunta (peccatum originale) st. Galler exhortatio 41;
angeborner sünde ist er frî
Freidank 38, 16 Grimm;
die suͤnd uns angeerbt,
an leib und seel verderbt
Petri 1, b 6ᵃ;
angeborne sünde
Stieler 2239, wofür später durchweg erbsünde.
2)
in sünden sterben u. ähnl.: ih faru inti ir suochet mih, inti in iwaru suntu arsterbet ir Tatian 131, 6; denn so ir nicht gleubet, das ichs sei, so werdet ir sterben in ewren sünden Joh. 8, 24;
das mancher in dem wuost verdirbt
und in seinen sunden stirbt
Th. Murner badenfahrt 1 Martin;
in sünden sterben ist sehr böss,
denn es der seel thut schaden gross
Petri 1, d 7ᵇ;
don Juan (sagt) dem steinernen comthur ... 'fährst in sünden du dahin'?
O. Jahn Mozart 4, 334;
vergönn zur ruh ihm eine kurze frist,
nur nimm ihn nicht hinweg in seinen sünden
A. v. Droste-Hülshoff 2, 247 Cotta.
3)
in sünden leben, sein, oft als merkmal menschlicher existenz schlechthin:
eia, nu windet uwere hende,
alle die in sünden leben
spiel v. d. 10 jungfr. 120 Beckers;
in sunden ick geboren wart,
in sunden was ick alle tyd
v. d. jungesten tage 112 Willoughby;
wie sollten wir in sünden wollen leben, der wir abgestorben sind? Röm. 6, 2; in sünden leben Kramer 2 (1702) 1039ᵇ; wann ob Cristus nit erstuͦnd, euwer gelaub ist uppig. wann noch seit ir in euweren sünden erste dtsche bibel 2, 102; gelegentlich variiert:
das all die welt in sünden staht
Hugo v. Trimberg renner (Frankf. druck) 111ᵃ Warlies;
darausz folget, das alle menschen, keinen auszgenommen, in der sünde stecken Fischart binenkorb (1588) 101ᵇ; zur bildl. abwandlung in sünden liegen s. u. VI 1 b. in gleichem sinne, aber nur bis ins frühe nhd. geläufig sünde haben: ob ih ni quami inti sprahi zi in, thanne ni habetin sie sunta Tatian 170, 4;
ich bin ein man, der sünde hât
Wolfram v. Eschenbach Parzival 456, 30;
so wir sagen, wir haben keine sünde, so verfüren wir uns selbs, und die warheit ist nicht in uns 1. Joh. 1, 8; wer ander wil versünen, der musz selber keine sünde haben Petri 1, g 2ᵃ. mhd. gern es, des sünde haben, aber mehr in dem sinne von 'mit etwas sünde begehen':
swer im nu ruowe næme, ...
ich wæn der hetes sünde
Wolfram v. Eschenbach Parzival 583, 3;
swer iht nimt pilgerînen, der hât des sünde starke
Kudrun 932, 6;
noch bei Luther: darumb, der mich dir uberantwortet hat, der hats grösser sünde Joh. 19, 11.
4)
ohne sünde sein, namentlich wenn es einem persönlichen subjekt beizuordnen ist, meist in älterer sprache: ther thie ûzan sunta si iwar Tatian 120, 5;
so bist du âne sünde
Hartmann v. Aue Gregorius 3098 Paul;
wer unter euch on sünde ist, der werfe den ersten stein auf sie Joh. 8, 7; ohne sünden sein Kramer 2 (1702) 1039ᵇ;
doch menschenwandern, menschentreiben
mag immer ohne sünde sein
E. M. Arndt 4, 155 R.-M.
C.
sünde in ihrer wirkung, nach ihren äuszeren und inneren folgen, hat zu mehr oder weniger festen verbindungen geführt.
1)
verbindung mit dem begriff der strafe: wer seinen vater ehrt, des sünden wird gott nicht strafen Jesus Sirach 3, 4; 'dasz gott nur bis ins dritte und vierte glied die sünden der väter strafe' Herder 12, 154 S.; meist präpositional: der zorn gots komen was ze strafen die menschen umb ir poszheit und grosse sünde willen Arigo dec. 5 lit. ver.; und das volk der Franken für seine sünden strafen Scherer lit.-gesch. 61; redensartlich: ein sünd mit der andern strafen Eyering proverb. copia (1601) 2, 185; substantivisch in fester verbindung: eingang in die ewigen sünde und strafe Luther 18, 482 W.; das eiserne gesetz der folgerichtigkeit von sünde und strafe Stifter 14, 35. daneben seltener der begriff des rächens: tugent lieb gehabet, bosheit gehasset, sunde ubersehen und gerochen hat got unz her ackermann aus Böhmen 31 B.;
ihr sünd beleibt nit ungerochen
Spreng Ilias (1610) 44ᵇ;
später wohl nur als zufallsbildung:
die sünde sollt ihr rächen,
die durch die wolken drang
M. v. Schenkendorf ged. (1815) 12.
sünde heimsuchen ist biblischen ursprungs: wann ich heimsuͦch auch dise ir sünde an dem tage der rach erste dtsche bibel 3, 332; ich werde ire sünde wol heimsuchen 2. Mose 32, 34; die sünden seiner väter werden heimgesucht im dritten und vierten glied Schiller 2, 15 G.
2)
zur vorstellung vom richteramt gottes über die sünde gehört die rufende sünde: die ruofenden sünden ... (weil sie) ze allen zîten ruofent vor gote über ir lîp und über ir sêle aller der, die in der selben sünden einer sint Berthold v. Regensburg 1, 88 Pfeiffer; peccatum clamitans, clamans ein rufende sunde (15. jh.) Diefenbach 418ᵇ; kirchlich präzisiert: die rufenden sunde sind die funf ... (vor 1468) J. Wolff beichtbüchlein 21 Battenberg; die rufenden und stummen sünde (nicht als gegensatz, s. u. II B 1 c und teil 10, 4, 397) sind wider das fünft, sechst und sibend gebot Luther 1, 254 W. an ihre stelle tritt später die erst seit der wende des 17. zum 18. jh. belegbare himmelschreiende sünde Stieler (1691) 2239; eine greuliche, grausame, abscheuliche, himmelschreiende sünde Kramer 2 (1702) 1039ᵃ, die aber schon seit dem mhd. vorbereitet ist: sîn sunde schrîet zu gote mhd. wb. 2, 2, 734ᵇ;
wird iemands schreien in himmel zu mir,
zu einer sünde soll es werden dir
bergreihen 29 ndr.;
wievil seind der sünd, die gen himel schreien Moufang kath. katech. d. 16. jh. 465; 589; 607; aus dem religiösen gebrauch übertragen (s. u. III A 2): die schreienden sünden an der tonkunst E. T. A. Hoffmann 1, 5 Gr.; noch heute auch in prägnant kirchlichem sinne: die vier himmelschreienden sünden sind: der vorsätzliche totschlag, die sodomitische sünde, die unterdrückung der armen, witwen und waisen, die vorenthaltung oder entziehung des tag- oder arbeitslohnes kath. katech. f. d. erzbistum Köln (1915) 422; oder Agnes ... beginge eine von den himmelschreienden sünden, und er nähme die busze auf sich K. H. Waggerl jahr des herrn (1933) 268.
3)
auf den sündigen menschen bezieht sich
a)
der mehrdeutige begriff sünde büszen (s. u. I D 3), hier in dem sinn 'strafe für die sünde empfangen':
sie werdens teur bezalen müssen,
die grosse sünd mit herzleid büssen
Barth. Krüger spiel v. d. bäur. richtern 59 Bolte;
hab dise ding anschauen müssen
und fremde sünd unschuldig büssen
Spreng Äneis (1610) 22ᵃ;
diese sünde abzubüszen Göthe 19, 133 W.; sprichwörtlich: die sünd büst sich selbst Lehman floril. polit. (1622) 3, 42; seltener sünde entgelten:
doch muoz er sünde engelten,
daz er nicht frâgt des wirtes schaden
Wolfram v. Eschenbach Parzival 473, 18;
als ob sie (die zigeuner) ... ihrer voreltern sünden entgelten müsten grillenvertreiber (1670) 3, 9.
b)
sünde und tod, biblisch zusammengehörig: dorumb als die sünd einginge in dise werlt ... und durch die sünd der tod erste dtsche bibel 2, 25; denn der tod ist der sünden sold Röm. 6, 23, darnach öfter, ähnlich, vgl. H. Sachs 1, 435 K.; Petri 1, b 3ᵃ; je grösser sünd, je grausamer tod ders. d 5ᵃ; seit 1600 in fester verbindung belegbar:
uns hat umbfangen grosse noth
und über uns herrscht sünd und tod
ebda 1, f 3ᵇ; vgl. 5ᵇ;
hell und teufel, sünd und tod
Fischer-Tümpel 1, 7;
was rettet mich von tod und sünde?
Mörike (1905) 1, 143 Göschen.
c)
sünde und hölle, teufel:
der engel ümb ain ainig sünd
fül ewig in der helle grund
J. v. Schwartzenberg memorial der tugent in: teutsch Cicero (1535) 98;
so fuget itsliches teufels list
die sunde der er meister ist
kl. mhd. erz. 4, 105 Rosenhagen;
wer sünde tut, der ist vom teufel 1. Joh. 3, 8; er soll kämpfen sein lebenlang gegen sünde und teufel Scherer lit.-gesch. 81; gehäuft: dasz er dich von sünd, tod, teufel und hölle erlöst Grimmelshausen 2, 359 Keller.
4)
zur begründung solcher folgen der sünde dienen oft präpositionale wendungen. die ältere sprache, bis ins 17. jh., hat hier viele möglichkeiten, vor allem von: inti thanne her cumit, thanne thwingit her weralt fon sunton Tatian 172, 4;
das es von deinen sünden sei,
die bei dir wont an allem ort
H. Sachs 1, 229 K.;
hielt man dafür, es (das gewitter) käm von sünden Tschudi chron. Helv. 2, 133. um (willen):
als Israel wart hart gestraft
umb sein sünd
H. Sachs 1, 213 K.;
die straf bleibt umb die sünd nicht aus schöne weise klugreden (1548) 150ᵃ; umb meiner sünde willen übergibstu uns jetzt engl. comed. u. traged. (1624) e 5ᵃ. durch (kausal):
das got verhenget durch die sünd
seins lieben volkes
H. Sachs 1, 228 K.
wegen: die dritte hauptstrafe ..., die got über das mänschliche geschlecht ihrer sünden wegen hat kommen lassen Zesen rosenmând (1651) 10. für: für grosse sünde und schulde des sons soll ein kleine straf ... genug sein dem vater gen dem sone A. v. Eyb dtsche schr. 1, 20; in jüngerer sprache einseitig bevorzugt: und ich komme für alle meine sünden nicht in die hölle Göthe IV 1, 105 W.; dasz die kinder leiden müssen für die sünden der eltern Seb. Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 336; er (gott) liesz ... das volk der Franken für seine sünden strafen Scherer lit.-gesch. 61.
D.
sünde in festerer oder loserer verbindung mit trans. verben oder den entsprechenden substantiven, die gemütsbewegungen, erkenntnisakte, handlungen des menschen gegenüber der sünde ausdrücken.
1)
sünde neben ausdrücken der furcht, scham, vor allem der reue:
je mehr sünd, je mehr furcht
Petri 1, d 5ᵇ;
als zählebig erweist sich die reflexive verbalverbindung sich (der) sünde(n) fürchten etwas als sünde fürchten; schon mhd. vorbereitet:
des dritten tages man si uz lîe,
Joseph zuͦ zin gie,
chod er forhte suntône,
want si waren in ellentuͦme
W. genesis 128 Dollmayr;
dô vorht ich mir sunden,
ob ich si (eine ins wasser gefallene) lieze retrinchen
kaiserchronik 11941 Schröder;
do man auch sich sünden förcht Eberlin v. Günzburg 1, 19 ndr.; vgl. sich der sünde fürchten reformidare culpam, crimen extimescere Stieler 2239; sich bei allem thun der sünde fürchten nimis scrupulosum esse Frisch (1741) 2, 375ᵃ; allein der recensent ... würde sich nun der sünde fürchten, dieses urtheil über ihn (Lavater) zu fällen Göthe 37, 262 W.; in md. und obd. mundarten noch heute lebendig: Frankf. 37; ich tät mir ... sünden fürchten u. ä. Schmeller-Fr. bair. 2, 306; Fischer schwäb. 5, 1958; von da aus wieder literarisch: er hätte sich der sünden gefürchtet, es zu unterlassen P. Dörfler um das kommende geschlecht (1933) 294. —
ein wildez herze er alsô zamt,
daz ez sich aller sünden schamt
Walther v. d. Vogelweide 6, 27;
(der abt) sich mer dann der junge münch seiner eigen sünde schamet Arigo dec. 38 lit. ver.;
aufs bad ist schwitzen gut,
auf sünd scham frommen thut
Petri 2, j 8ᵇ.
un in sin sünd rüwoti
Richenthal Constanz. conzil 132 lit. ver.;
die sünde reut mich itzt,
so klein sie iemals schien
Joh. Chr. Günther bei Steinbach 2, 776;
sünde als akkusativbojekt: euuar selƀoro sundea hreuuan Heliand 880; allen dien, dîe ir sünda riuwont und si gerno ... har nâ vermîdent bei Wackernagel altdtsch. lesebuch (1839) 299; ich berewe die sünde mein Fr. Dedekind papista conversus (1596) a 8ᵇ;
nein, so bereun sie alte sünden?
Lichtwer äsop. fabeln 1, 95;
sünde und reue gehören seit alters eng zusammen:
ez enist dehein sünde mê,
man enwerde ir mit der riuwe
ledig unde niuwe
Hartmann v. Aue Gregorius 162 Paul;
wie kummts, dass nimmer reu sich finden wil auf sünden?
Logau 254 Eitner;
um die sünde flechten schlangenwirbel
scham und reu, das Eumenidenpaar
Schiller 1, 211 G.
neben äuszerungen des schmerzes: thie hiar thia sunta riazent Otfrid V 23, 7;
daz ich mîne sunden
muoze geweinen
Arnstein. Marienlied 144 Waag;
o mensch, beweine deine sünd
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 302;
darumb wöllen wir ... in seine sünde gott lassen klagen buch d. liebe (1587) 91ᵃ; ich bitte aber alle fromme christen, ... dasz sie ihre sünde beseufzen ... wolten Ringwaldt lauter warheit (1598) a 6ᵇ.
2)
neben ausdrücken des erkennens und bekennens: der nach christlicher ordennunge und verwarunge der sacrament mit erkenntenis siner sunde abescheide nimpt bei Steinhausen privatbr. d. mittelalt. 1, 70; besser sein sünd erkennen, denn sich seiner guten werk rühmen Petri 1, a 4ᵃ. ahd. mhd. jehen, bijehen mit dem gen.: bigehente iro suntono Tatian 13, 12;
der selben sünde muoz ich jehen
Wolfram v. Eschenbach Parzival 475, 8;
ich begich meiner sünden erste dtsche bibel 3, 182; daraus sünde beichten, schon mhd. als feste kirchliche formel:
ein sünde ich ouch bîhten wil
Reinhart fuchs 394 Grimm;
dô vorchten si sich unde bîchten ire sünde mit grôzen stimmen dtsche mystiker d. 14. jh. 1, 138 Pfeiffer; sol man die sünde des herzen ... beichten (1519) Luther 2, 59 W.;
ein andern pfaffen, dem er wolt
beichten dieselbig grosze sünd
Fischart Eulensp. 194 Hauffen;
jährlich wenigstens einmal ... alle seine sünden zu beichten Ranke 1, 158. seit Luther und unter dem einflusz seiner bibel wird für den auszerkirchlichen gebrauch sünde bekennen bezeichnend: und sie sollen ihre sünde bekennen, die sie getan haben 4. Mose 5, 7; es thut fleisch und blut faul, sein sünd erkennen und bekennen Petri 1, c 4ᵃ; Alphons ... habe ... mit groszer wehmut seine sünden bekannt A. G. Kästner verm. schr. 2, 156. vereinzelt mit anderen verben: und seiner gotlichen majestat alle seine gebrechen und sunde ... erzelen und anzeigen Luther 2, 59 W.; wer seine sünde bereut und eingesteht, dem ist sie vergeben kinder- u. hausm. (1850) 1, 16; im älteren beichtgebrauch: sage din sunde (vor 1468) Joh. Wolff beichtbüchlein 3 Battenberg. im gegensinne ist nur sünde verschweigen fest geworden:
sünde macht sich immer recht oder wil sich ja verschweigen
Logau 3, 30 Eitner;
so hat noch einmal eure sünde, die
ich länger nicht verschweigen kann, ein ende
Lessing 3, 132 M.
vgl. verschweigung einer sünde Kramer 2 (1702) 709ᶜ.
3)
neben ausdrücken des korrigierenden handelns, vornehmlich sünde büszen (durch eine sühnleistung), seltener für sünde büszen:
that sie mid fastunniu sundia bôttin
Heliand 877;
daz ich vor mînem ende
gebuozze mîne sunde
hochzeit 665 Waag;
(Maria) hilf mir durch dînes kindes êre deich mîn sünde
gebüeze
Walther v. d. Vogelweide 36, 22;
volg Adam dem betriebten man,
wie er sein sünd fing biessen an
Murner narrenbeschwör. 4, 66 ndr.;
nun, sprach er (der wolf), habe ich für die sünde zum voraus gebüszt, ergriff das schaf und würgte es Lessing 8, 57 M.; o ich weisz, dasz man sünde mit sünde nicht büszt Hebbel w. 2, 59 Werner. sünde und busze in fester zuordnung:
swer sünden buoze in alter spart,
der hât die sêl niht wol bewart
Freidank 33, 22 W. Gr.;
busze gehört auf die sünd,
wie die laus auf den grind
Binder 31.
die kurzformel für (meine) sünde(n), analog I C 4, aber hier im sinne von 'zur busze für die sünde', schon mhd.:
die gâben mirz für sünde mîn,
daz ich dich tæte lîbelôs
Wolfram v. Eschenbach Willehalm 217, 24;
durch got für sünde er daz tuot (freiwillig arm bleiben)
Parzival 251, 14;
in jüngerem gebrauch abgeschwächt, aber als redensart fest geblieben:
du, schicksal, trenntest uns, und ach! für meine sünden
muszt ich mich — welch ein musz! — mit einem vieh verbinden
Göthe 9, 67 W.;
auch mundartl.: den (die) möchte ich net für alle meine sünden Fischer schwäb. 5, 1958; schweiz. id. 7, 1161; nicht für meine sünden nicht, wenn ich damit meine sünden abbüszen könnte: nicht für meine sünde möchte ich deshalb alle die dicken bücher durchlesen Bürger 334 Bohtz.
4)
aus der kirchlichen buszpraxis stammt die unterscheidung der sünden nach ihrer schwere; meist in attributiver fügung.
a)
tödliche, haupthaftige; tägliche, läszliche, vergebliche sünden. peccata mortalia: mit mortlîchen sunden mhd. wb. 2, 2, 734ᵇ; die sich huͤtent vor tötlichen sünden st. Georgener pred. 12, 13 Rieder; der frühe Luther: alle seine todliche sunde (1519) 2, 60 W.; in anderer wendung: ein sunda wirt ze tôde Notker 2, 47 P.;
das ist
die sünde zu dem ewgen tod
Schiller 12, 564 G.
peccata capitalia, meist synonym mit peccata mortalia: die houbethaften sunda Wiener symb. apost. 7; der miselsühtige man der bezeichent einen iegeslichen sündær, der sine sele mit houbthaftigen sünden bewollen hat bei Schönbach altdtsche pred. 3, 37. seit dem 16. jh. setzen sich die substant. formen tod-, hauptsünde durch. anderseits peccata venialia: ja e danne er sinen got erzurnde mit einer tegelichen sunden, mit muͦtwillen und furdachtes, er wolte e lieber sterben Tauler pred. 107 Vetter; so das ganze mittelalter hindurch; auch Luther kennt noch tägliche sünde 1, 220 W.; lexikalisch noch bis 1700: tägliche sünden peccati ... quotidiani Kramer 2 (1702) 1039ᵃ; vom 16. jh. an wird tägliche durch läszliche oder vergebliche sünde allmählich verdrängt, vgl. peccatum veniale leszlich oder tagleich sund voc. ex quo 15. jh. obd. bei Diefenbach nov. gl. 283ᵇ; nicht allein in läszlichen sünden, sondern auch in schweren, hohen sachen Luther br. 6, 528 W. weitere belege s. teil 6 sp. 272; im neueren kirchlichen sprachgebrauch ist läszlich das gewöhnliche: wenn man nicht weisz, ob eine sünde eine schwere oder eine läszliche ist, so soll man sie beichten kath. katech. f. d. erzbistum Köln (1915) 585. vergeblich sünde Er. Alberus dict. (1540) 2ᵃ; kleine und vergebliche sünde Stieler (1691) 2239. weitere belege s. teil 12, 1 sp. 392.
b)
die übrigen gradbestimmungen der sünde, obschon meist allgemein gebräuchlich, sind wohl ursprünglich aus dieser kirchlichen unterscheidungspraxis abzuleiten; sie begegnen meist in fester attributiver verbindung, aber auchzumal in jüngerer sprachein gelockerter prädikativer stellung. schwere sünde (d. h. materia gravis, doch mag ebenso die alte vorstellung von der sünde als last [s. VI 1 a] eingewirkt haben), ahd., as. häufig: sunta filu swaro Otfrid III 21, 9; suâra sundea Hel. 1852; 1873 u. ö.; mhd. spärlich bezeugt und hinter grosze sünde (s. u.) zurücktretend: allen menschen, die ietzt lebent in groszen schweren sünden chron. d. dtsch. städte 5, 184 (15. jh.); vgl. auch: das du in manige swere totsünde vallest Tauler pred. 106 Vetter; im nhd. wieder sehr verbreitet: solche schwere vilfaltige sünd Casp. Scheit fröl. heimf. a 3ᵃ; weil wir es nicht ohne schwere sünde sagen können Nitzsch dtsche studien (1879) 13; als terminus im neueren kirchlichen gebrauch: es gibt schwere sünden, die man auch todsünden nennt kath. katech. f. d. erzbistum Köln (1915) 400; ein bildhafter gehalt wird beim gebrauch der formel nur selten fühlbar:
unsere centnerschweren sünden
hieszen gott die ruten binden
J. Grob dichter. versuchgabe 125.
grosze sünde, vereinzelt im as.: sundie te mikil Heliand 1505; im mhd. das übliche, in jüngerem gebrauch hinter schwere sünde zurücktretend:
er wird mit swacher buoze grôzer sünde erlôst
Walther v. d. Vogelweide 124, 40;
und du hast gefürt uber uns ein grosse sünde erste dtsche bibel 3, 125; ach mir thuͦnd grosse sünd Boltz Terenz deutsch (1539) 40ᵃ; grosze städte, grosze sünden Pistorius thesaurus (1715) 387; synonym mit schwere sünde: wiewol alle sünde in ihrer natur verdammlich sind ... so ist doch von wegen der ungleichen umbstände immer eine sünde gröszer und schwerer volksb. v. dr. Faust 6 Braune; eine grosze, schwere sünd Kramer 2 (1702) 1039ᵃ. grobe sünde seltener, aber wenigstens für das ältere nhd. in festem gebrauch: die grobe und vielfältige sünde des königs Sauls volksb. v. dr. Faust 6 Braune; aber es werden dadurch sonderlich die gröbern und schwerern sünden verstanden Stosch 2, 248. nur mhd. hohe sünde:
die der hôhin sünde pflâgin
Rudolf v. Ems weltchron. 14963 Ehrismann.
unter den gegenbegriffen wiegt vor kleine sünde: also sont wir uns hüten vor grossen und vor klainen sünden st. Georgener pred. 16 Rieder; weisz ich doch, dasz es besser ist, eine kleine sünde zu begehen Klinger 3, 103; vor der tat macht der teufel die sünd klein und gering Petri 1, f 4ᵇ;
je schöner das dirnl,
desto kleiner die sünd
L. Steub wander. im bair. gebirge 161.
c)
der kirchlichen buszpraxis entstammen wohl noch andere unterscheidungen in der beurteilung der sünde, die aber ebenfalls zum teil in den allgemeinen sprachgebrauch übergegangen sind. unwissentlichewissentliche sünde: so ist unwissende sünde halbe vergeben Arigo dec. 37 lit. ver.; darumb betriegen die sich selber, die mit wissentlichen sünden und sträflichem gewissen hinzugehn Moufang kath. katech. d. 16. jh. 97;
ob er freund oder feind von wissentlichen sünden,
so wirst du ihn gewisz auf keinem irrweg finden
Triller poet. betracht. 4, 282;
da ich immer wegen wissentlicher und unwissentlicher sünden auf meinem lebenswege bange und angst habe vor dem schweren gericht P. Dörfler um das kommende geschlecht (1933) 78. heimlicheoffenbare sünde u. ähnl.: ich han sin (des nächsten) heimliche sunde wider die bruderliche lieb geoffenbart (vor 1468) J. Wolff beichtbüchlein 17 Battenberg; in ähnl. sinne bei Luther auch subtile sünde: die subtilen und heimlichen sünden 10, 3, 128 W. (s. subtil B 3); auf der andern seite beginnt aber im abendland zu derselben zeit im buszwesen insofern eine änderung, als bei geheimen sünden das öffentliche bekenntnis mehr und mehr in wegfall kommt Wetzer - Welte 2, 1570; er bemerkte nicht, ... wie viele geheime sünden die unnatürliche strenge der englischen sonntagsfeier hervorruft Treitschke dtsche gesch. im 19. jh. 3, 395; in nachträglicher miszdeutung des begriffes stumme sünde (s. u. II B 1 c und teil 10, 4, 396): geheimsünden, alias stumme sünden Stieler (1691) 2240; offenbare sünde, offenbare busze. heimliche sünde soll man heimlich büszen Graf-Dietherr 549. betont:
das wir (pfaffen) uns der offnen sünd verschämind
und ouch als sie eeliche wiber nemind
N. Manuel v. papst u. s. priestersch. 329;
sie erröten nie, ihre öffentlichen sünden an andern ohne mitleid zu strafen H. P. Sturz (1779) 1, 84. vorsätzlicheunvorsätzliche sünde: fürsetzliche ... sünd Kramer 2 (1702) 1039ᵃ; so sind die sünden theils vorsätzlich, theils unvorsätzlich Krünitz 178, 422; verbüszest du etwa vorsätzliche sünden? maler Müller 2, 198. fremde sünde als beteiligung an der sünde anderer, ein alter, bis heute gültiger kirchlicher terminus. die gleiche formel in anderem sinne unter V 3: de nun fremde sunde: heiszen, raden, willen, smeichelunge und zulaufen, deilhaftikeit, swigen, nit widerstan und nit offenbaren (vor 1468) Joh. Wolff beichtbüchlein 28 Battenberg; die fremden sünde sind in allen geboten, denn mit heiszen, raten und hülf wider alle gebot gesündigt kan werden Luther 1, 254 W.; fremde sünden werden sie genannt, weil man sich dadurch der sünden anderer mitschuldig macht kath. katech. f. d. erzbistum Köln (1915) 423. wirkliche sünde, d. h. die im kirchlich-dogmatischen gebrauch von der angeborenen, nicht buszbedürftigen erbsünde unterschiedene sünde, die der einzelne begangen und für die er persönlich verantwortlich ist, vgl. auch peccatum actuale selbtetige sunde, eigene sunde u. ä. in hd. und nd. gloss. seit dem frühen 15. jh. Diefenbach 418ᵇ; Alois Bernt beitr. z. mundartl. vocabularien 453; und damit dise vergebung deste besser verstanden werde ..., ist zu wissen, dasz erbe- und wirkliche sünden seind Moufang kath. katech. d. 16. jh. 167; David steigt auf in erkenntnus seines sündenelends von den würklichen zu den erbesünden J. D. Frisch harph Davids (1719) 395.
E.
eigenes sprachliches leben gewinnt auch der vorgang der aufhebung und beseitigung der sünde.
1)
sünde(n) vergeben, eine schon ahd., as. bekannte, mhd. gefestigte und nhd. herrschend gewordene verbindung: ouh sint sunda die got nefergibet Notker 2, 222 P.; sundea te fargeƀanne Heliand 2328; so were das also ein klein ding unserme herren, ... alle die sünde in eime ougenblicke zuͦ vergebende Tauler pred. 125 Vetter;
wol dem, den gott all seine sünd ...
aus jammer thut vergeben
Ringwaldt handbüchl. a 5ᵇ;
du bist ein frommer gott,
der sünde vergiebet
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 300;
und er warf sich ... auf die kniee und betete: vergieb mir die sünde, barmherziger schöpfer Holtei erz. schr. 3, 124; substantivisch: von einer herzlichen rüwen und einem milten vergeben der sünde der ewigen wiszheit betbüchl. (1518) c 1ᵃ; eine secte ..., die ein monopolium der weihe hat, einen freibrief der vergebung der sünde Herder 23, 127 S.; in beziehung auf das katholische buszsakrament: peicht er sich dann, so seien seine süne so grosse und grausam, daz im si kein priester vergeben wirt Arigo dec. 21 lit. ver. eine gewisse festigkeit bewahren hier noch sünde erlassen, nachlassen, letzteres besonders in der kirchlichen beichtsprache. ahd. und as. herrschen bilâzzan, fürlâzzan u. ähnl. sogar vor: sô wemo ir sunta bilâzêt Otfrid V 11, 11; dir sint dine sunda belazzan Notker 2, 144 P.; sundea alâtan Heliand 884 und öfter; relaxare die sunde ablassen (15. jh.) Diefenbach 490ᶜ; welchen ir die sünde erlasset, den sind sie erlassen Joh. 20, 23;
bat, dasz sein gott der bösen schaar
wolt ihre sünd erlassen
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 334;
das sakrament der busze ist jenes sakrament, in welchem der priester an gottes statt die sünden nachläszt kath. katech. f. d. erzbist. Köln (1915) 545; substantivisch: ablaz sundeono Weiszenburger katechismus bei Steinmeyer kl. ahd. sprachd. 30, 54; vgl. noch Notker 2, 93 P.; so besonders in kirchlichem sinne: nun der peichtiger ... im ablasz über seine sünde sprechen wolt Arigo dec. 25; dem heiligen Peter zu gefallen, und um nachlasz seiner sünden zu erhalten M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 1, 282. beschränktere geltung haben sünde bedecken: quorum tecta sunt peccata (ps. 31, 1) dero sunda bedecket sint Notker 2, 103 P.; si seind selige, der ungangheit sint vergeben und der sünd da seind bedackt erste dt. bibel 2, 22; noch bildhaft gefühlt: aller engel und menschen frombkeit ist viel zu schmal, eines menschen sünd zu bedecken, wenn die decke gleich über alle himmel reichte Petri 1, a 2ᵃ; doch hat die gleiche formel gelegentlich auch anderen sinn: grosze sünde kan nicht lang bedeckt bleiben Hoffmann pol. Jesus Sirach (1740) 126. — sünde verzeihen, auszerhalb der kathol. beichtsprache in der formel gott verzeih mir die (meine) sünde meist zu redensartlichem gebrauch abgeschwächt, besonders als beifügung zu derbem wort oder gewagter behauptung, und so im wesentlichen auf das 19. jh. beschränkt: (eure liederchen,) die weder kalt noch warm sind und, gott verzeih mir meine sünde! so ungenieszlich maler Müller (1811) 1, 253; gott verzeihe mir die sünde, dasz ich von feuer rede Gutzkow ritter vom geist (1850) 1, 245; gott verzeih mir meine sünde, ich glaub immer, meine gnädige herrschaft ist lutherisch Holtei erz. schr. 13, 41; auch mundartlich: schweiz. id. 7, 1160; hescht nōre die kränk, gott verzeih mer mei sinn! Autenrieth pfälz. 133. vgl. auch bildungen ähnlicher art: gott behüt uns unsrer sünden, es ist ja ein thier, du mann, ein wildes vieh Tieck (1828) 3, 402; vgl.
gott helf mir meiner sünd,
das lager brennt
ders. 2, 124.
auf das erlösungswerk beziehen sich wendungen, die nur von Christus üblich sind; geläufig und fest von (den) sünden (er)lösen, älter die sünde lösen:
thit is that lamb godes, that thar lôsean scal
af thesaro uuîdon uuerold uurêđa sundea
Heliand 1131;
unde sante uns sines selbis sun
ce irlosene von den sundun
Trierer Silvester 416 Kraus;
darumb sagen wir anfenglich, dasz uns gott der vater geschaffen, gott der sone von sünden, tod und hellen erlöszt Moufang kath. katech. d. 16. jh. 10; Jesus hat uns von der sünde ... erlöst kath. katech. f. d. erzbistum Köln (1915) 141; variierf:
Johannes erst in der wüste predigt:
'seht gottes lamm, das von sünden erledigt'
Göthe 3, 129 W.
seltener: wan er selb (Jesus) macht behalten sein volk von iren sünden cod. Teplensis 1, 1 (var. wirt heilsam machen; vulgata: ipse enim salvum faciet populum Matth. 1, 21);
Christ macht uns frei von sünd und schuld
und setzt uns in seins vaters huld
Petri 1, e 2ᵃ.
andere wendungen knüpfen an die stellvertretung und das blutopfer Christi an, ohne dasz sie fest geworden wären: gott der sohn ... ist ein opfer worden nicht allein vor die erb-, sondern auch vor alle andre sünden H. v. Schweinichen denkwürd. 2 Österley;
ach er ist für frembde sünd
in den tod gegeben
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 337ᵇ;
das opfer, das für die sünde der welt verblutet Lessing 8, 17 M.; der uns geliebt hat und gewaschen von den sünden mit seinem blut offenbarung Joh. 1, 5; Christi heilige wunden machen uns rein von sünden Petri 1, e 1ᵇ. die kirchliche buszpraxis prägt wendungen, die der richterlichen disziplin entsprechen, gemäsz der auffassung der beichte als eines buszgerichtes; so sind auf die kirche und ihre priester beschränkt fügungen wie von der sünde entbinden, absolvieren, lossprechen und ähnl.: absolvere entbinden van den sünden (15. jh. nd.) Diefenbach nov. gl. 4; dasz alle person desz ordens ... entpunden mugen werden von allen sunden Knebel chron. v. Kaisheim 330 lit. ver.; jeder, der durch solch sacrament euszerlicher weisz seiner sünde durch den priester entbunden wirt Moufang kath. katech. d. 16. jh. 171; ausgenommen auch d. Luthers schreibfeder und tintenfas, die haben ein sünde gethan, das sie nimehr vom babst konnen absolvirt werden Luther 18, 266 W.;
doch sieh, wir sind soldaten, und den feldherrn
ermorden, das ist eine sünd und frevel,
davon kein beichtmönch absolviren kann
Schiller 12, 367 G.;
was war z. b. rechtmäsziger, als dasz er (Joseph II.) ... die sünden seines landes fremder dispensation entnahm? Herder 17, 56 S.; von sünden freisprechen Kramer 2 (1702) 1039ᶜ;
da die? sie kam von ihrem pfaffen,
der sprach sie aller sünden frei
Göthe 14, 129 W.
die beichte ist das reumütige bekenntnis der begangenen sünden vor dem priester, um von ihm die lossprechung zu erhalten kath. katech. f. d. erzbist. Köln (1915) 580.
2)
im gegensinne ist nach biblischem vorbild nur die verbindung die sünde behalten fest geworden: welchen ir die sünde erlasset, den sind sie erlassen, und welchen ir sie behaltet, den sind sie behalten Joh. 20, 23;
sie weisz nicht, was die zunge spricht;
behalt ihr nicht die sünde
Bürger 14 Bohtz;
damit nun der priester wissen könne, ob er die sünden nachlassen oder ob er sie behalten soll, ist es notwendig, dasz der sünder ... seine sünden bekenne kath. katech. f. d. erzbistum Köln (1915) 550.
3)
der vorgang der sündenvergebung ordnet sünde und gnade einander zu:
nu ist niemens sünde alsô grôz,
des gewalt die helle entslôz,
des genâde sî noch merre
Hartmann v. Aue Gregorius 3609 Paul;
der für uns am creuz ist gestorben,
die sünd bezalt, genad erworben
H. Sachs 1, 433 Keller;
auf grosze sünd gehört grosze gnad Lehman floril. polit. (1662) 1, 377.
wozu dient
die gnad, als vor der sünde stirn zu treten?
Shakespeare 3, 266;
zwischen sünde und gnade
zu fallen, zu steigen
auf der woge des lebens,
ist unser schicksal
von urzeiten her
E. Leibl zelt unterm stern (1931) 101.
II.
sünde in sittlichem sinn als übertretung des sittengesetzes: sie luden damit eine der schwersten sünden auf sich, welche das germanische sittengesetz kannte Scherer lit.-gesch. 47. nach vereinzelten mhd. ansätzen (s. u. II B 3) seit dem 16. jh. als ein zweiter selbständiger anwendungsbereich auf breiter grundlage entwickelt, wobei in vielen fällen eine religiöse beziehung fortbestehen kann. später schwächt sich das moralische gewicht des wortes vielfach ab, bis hart an die grenze der bedeutung sünde III. sprachlich findet die erweiterung oder umdeutung des wortes ins sittliche ihren niederschlag in einer fülle neuer formeln, verbindungen und wortbeziehungen.
A.
in der allgemeinen, vom konkreten einzelfall losgelösten verwendung des wortes: sünde ... das ist ein fehler, verbrechen, missethat oder übelthat Gueintz dtsche rechtschreibung (1666) 134; so kann man die unsittlichsten schilderungen damit vertheidigen hören, dasz man das böse, die sünde kennen müsse, um moralisch handeln zu können Hegel 10, 1, 69.
1)
der übergang vom religiösen gebrauch zum moralischen, im einzelfall oft schwer greifbar, deutet sich, aufs ganze gesehen, darin an, dasz seit dem 16. jh., häufig noch im religiösen bereich, sünde in synonymischer verbindung mit begriffen aus der sittlichen sphäre erscheint: facinus ein misztat oder ein sunde gemma gemmarum (1508) k 1ᵃ.
a)
vor allem unter dem einflusz der Lutherbibel sünde und missetat: wasche mich wol von meiner missethat, und reinige mich von meiner sünde. denn ich erkenne meine missethat, und meine sünde ist imer fur mir psalm 51, 4-5; doch vgl. schon erste dtsche bibel: wann ob ir vergebt den leuten ir sünde (peccata) und ewer himelischer vater vergibt euch ewer missetat (delicta) 1, 23;
der mensch oft durch gelegenheit
zu sünd und missthat wird verleit
Petri 1, b 1ᵇ;
fliesz ab, fliesz ab, du thränenbad, ...
wasch ab all sünd und missethat
Spee trutznachtigall (1649) 84.
durch übertretung zur dreigliedrigen formel erweitert: der du vergiebest missethat, übertretung und sünde 2. Mos. 34, 7; wol dem, dem die ubertretung vergeben sind, dem die sünde bedecket ist. wol dem menschen, dem der herr die missethat nicht zurechnet psalm 32, 1-2; du vergiebest missethat, übertretung und sünde Herder 26, 344 S.sünde und untugend: alle untugend ist sünde 1. Joh. 5, 17; darumb, dasz er die seelen wigen musz, ob ihre gute werck und verdienst ihre sünde und untugend überwigen Fischart bienenkorb (1588) 157ᵇ; tugend als gegenbegriff:
lestu der sünden ihr gewalt,
so schadet es der tugend bald
Petri 1, e 4ᵃ;
nacht an tag sich schlieszt, an tugend sünde
U. Hegner ges. schr. 5, 137.
b)
in anderen verbindungen. sünde und laster; vereinzelt schon im mhd. synonym:
der leben (sc. der rîter unt frowen) ...,
daz got vil widerwertic ist ...
daz ist ein strich der hôhverte,
deu den tîvel des himelrîches beherte.
er wirbet ouch nicht so gerne
sô daz er uns ûz götlîchem scherme
mit dem selben laster verschunde.
ez sint die allermäisten sunde
die man wider gotes hulde mac getuon
Heinrich v. Melk erinn. 297 Heinzel;
im frühen nhd. ungemein verbreitet: wenn die entschüldigunge söllte gellten, so müste man keyne sünde noch laster straffen Luther 18, 395 W.;
sünd und laster zycht man mich
H. R. Manuel weinspiel 2214 ndr.;
wo saufen, fressen, huren ... ein herkommen und gewonheit ist, da kan man keins als ein sünd und laster strafen Lehman floril. polit. (1662) 1, 343; in diesen gesichten ... findet man die abscheulichen strafen der sünden und laster ... erschreklich vorgebildet Neumark palmbaum (1668) 469; sprichwörtlich: in unschuld leid, sünd, laster meid Eyering 3, 106; später mehr im zufallsgebrauch, archaisierend: wenn ers für ein sünd und ein laster hielt, so bliebe er nicht so lang dabei stehen H. Kurz sonnenwirt 190 Müller; im reim in umgekehrter folge:
woher kommt das? das will ich euch verkünden:
das schreibt sich her von euern lastern und sünden,
von dem greuel- und heidenleben,
dem sich offizier und soldat ergeben
Schiller 12, 35 G. (kapuzinerpred.).
sünde und schuld:
wen lycht syn zorn in ungedult
zucht, der velt bald in sünd und schuld
Seb. Brant narrenschiff 38 Zarncke;
thu weck dein grobe sünd und schuld!
H. Sachs 1, 230 Keller;
nur selten in umgekehrter folge: das gewissen ist des menschen schuldbuch, darin er sein schuld und sünden schreibt Lehman floril. polit. (1662) 1, 336; bis in die moderne sprache lebensfähig: nachdem eine generation voll sünde und schuld dahingerafft ist Scherer lit.-gesch. 124;
doch der tod macht frei von sünden,
und die erde tilgt die schuld
Hoffmann v. Fallersleben (1890) 1, 239.
anderes bleibt in seiner geltung als feste verbindung mehr auf das ältere nhd. beschränkt. sünde und übeltat: an hub die grausam und tötlich pestilenz villeicht umb unser sünde und übeltat willen Arigo dec. 3 lit. ver.; man ... andere sünden und ubelthaten ungestraft läst Schupp (1663) 16. — sünde und bosheit:
last ab von sünden und boszheit
H. Sachs 6, 173 Keller;
die sünd und boszhait der menschen Schaidenreisser Odyssea (1537) 1ᵇ. — sünde und unrecht:
und hab kein sünd noch unrecht lieb!
H. Sachs 1, 140 Keller;
ein sehr barmherziger und treuer gott!
der treu und güte hält ...
und unrecht trägt und sünd
Herder 12, 36 S.
gebrechen und sünde: seiner gotlichen majestat alle seine gebrechen und sunde ... erzelen und anzeigen Luther 2, 59 W.;
wer ist der wissen kund
sein gebrechen all und sünd
Petri 1, g 5ᵃ.
aber auch in jüngerer sprache führt die vorliebe für zweigliedrige formeln immer wieder zu gelegentlichen bildungen: ja, sünde selbst und verbrechen nicht als hindernisse, sondern als fördernisse des heiligen zu verehren und liebzugewinnen Göthe 24, 243 W.; er entdeckte seinen beichtkindern sünden, die sie verschwiegen, mängel, die sie nicht beachtet hatten ders. 32, 198;
wir sind soldaten, und den feldherrn
ermorden, das ist eine sünd und frevel
Schiller 12, 367 G.
2)
nur gelegentlich streift sünde die rechtssphäre, doch bleibt der bedeutungsgehalt des wortes auch hier innerhalb des moralischen, ein eigentlich rechtssprachlicher gebrauch wird nirgends greifbar; vgl. lexikographische umschreibungen wie: commissum sunde (vocc. d. 15. jh.) Diefenbach gloss. 136ᵃ; reatus sunde (vocc. d. 15. jh.), zunde (nd. 1420) ebda 486ᵃ (in andern vocc. mit schult, schult der pein, miszthat wiedergegeben ebda); peccatum, admissum, commissum, labes, lapsus, delictum, culpa, error, erratum, reatus, transgressio, vicium, viciositas einn sünde, übertrettung, laster, missethat, irrthumb req. bösz Er. Alberus (1540) q 2ᵇ; sünde peccatum, culpa, delictum, factum contra legem, contra officium Frisch (1741) 2, 357ᵃ. in sprichwörtern: um geld bleibt viel sünd ungestraft Petri weiszheit 2, Vv 1ᵃ; gleiche sünde, gleiche strafe; wie die sünde, so die strafe bei Graf-Dietherr 313; wenn die sünden überhand nehmen, musz man die strafen schärfen Spanutius sprichw.-lex. (1720) 515; in jüngerem gebrauch, poetisch: der träumende erstaunte, dasz ihrer beider ferraresische sünden eines so hohen gerichtes würdig erfunden seien C. F. Meyer 1, 288 Knaur.
B.
konkrete einzelsünden als verstösze gegen das sittengesetz.
1)
vorzugsweise und mit besonderer betonung ist das geschlechtliche vergehen sünde: geil sunde (nd. 15. jh.) Diefenbach 517ᵇ.
a)
allgemein der unerlaubte liebesgenusz: du hast ein junckfrau verfellt ... nun ist disz vorausz ein grosze sünd, doch menschlich, ander habens oft thon, darzu fromme leut Boltz Terenz (1539) 102ᵃ; gern mit näherer bestimmung: do zuͦ (zur liebe) mich natürlich sünd zoch Arigo dec. 252 lit. ver.; Klärchen fühlte die sünde der lust in ihrem reize Klinger 3, 107; es zu veranstalten, dasz die mir gefährliche nonne die sünde des fleisches beginge ebda 3, 105; unzucht ist schon früh die sünde schlechthin: die leibliche schönheit ist fürwar die thür der sünd Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, g 5ᵇ; thränen der h-n ..., die aus hunger so lange weinen, bis ein kunde kommt, die sünde für geld mit ihnen zu treiben Klinger 3, 19; übrigens bleibt es doch immer gewaltig hart, dasz wir männer ... den weibern ..., die von jugend auf durch uns zur sünde gereizt werden, keinen fehltritt verzeihn wollen Knigge umgang m. menschen 2, 118;
ein doctor half einem gefälligen kinde
jüngst von der natürlichen folge der sünde
A. G. Kästner (1755) 1, 181;
als ihm im hafen von Malaga in gestalt verlorener frauen die sünde entgegentrat H. v. Hülsen Gerhart Hauptmann (1927) 28. aus diesem sprachgebrauch erwachsen wendungen wie haus der sünde, kind der sünde u. ähnl.:
da ruft mich zucht und ehr und pflicht
aus diesem haus der sünde
Cl. Brentano 2, 419;
heimisch im tempel, heimisch im frechen hause der sünde M. v. Ebner-Eschenbach (1893) 1, 189;
(dirne) du so heisz begehrtes,
so schnöde verdammtes
kind der sünde
mod. dichterchar. (1885) 19.
zu dem neueren abgeschwächten gebrauch s. u. III B 1.
b)
im besonderen der ehebruch:
noch pfleg ich sein ehlichs weib
oftermahlen auch zu schenden,
treiben sünd mit ihrem leib
Reinicke fuchs (1650) 119;
kein mord! kein todesfall! blosz ehebruch!
die krankheit und die unschuld paarten sich
in süszer sünde!
Hebbel w. 1, 18 Werner.
c)
die widernatürliche unzucht jeder art: alle in unzucht ..., nicht allein in natürlichen sachen sunder in unnatürlichen sünden Arigo dec. 31 lit. ver.; am verbreitetsten die stumme sünde, von der man nicht spricht (belege sieh s. v. stumm teil 10, 4, 395 ff.) und, auf homosexuelle vergehen beschränkt, die ungenannte (s. teil 11, 3, 780), die sodomitische (s. teil 10, 1, 1400), mhd. auch die rôte sünde (vgl. teil 10, 4, 396); die blutschande, nicht in fester formel:
sie faszte flehend seine hand
und rief: 'o denk der sünde!' (geschwisterliebe)
Storm (1904) 8, 207;
so fing er an, das vergehen ihr mit schrecklichen farben vorzumalen, das vergehen, sich einem geistlichen ergeben zu haben, das er als eine art von sünde gegen die natur, einen incest behandelte Göthe 23, 272 W.
d)
als sünde wird im allerjüngsten sprachgebrauch auch das vergehen gegen die rasse bezeichnet: die sünde wider blut und rasse ist die erbsünde dieser welt Hitler mein kampf (1933) 272; als sünde aber wird diese tat (rassenkreuzung) auch gelohnt ebda 314. vgl. A. Dinter sünde wider das blut (1918) (als buchtitel).
2)
allgemeiner können alle moralischen verfehlungen als sünde bezeichnet werden.der Frankfurter druck des renner (1549) ersetzt folgende wörter der mhd. vorlage durch sünde: diube (Ehrismann 7159 — Frkf. dr. 38ᵇ), unfuor (Ehrism. 11253 — Frkf. dr. 58ᵇ), untât (Ehrism. 22074 — Frkf. dr. 111ᵃ), werre (Ehrism. 22116 — Frkf. dr. 111ᵃ), vgl. P. Warlies d. Frkf. druck d. renner; besonders im moralisierenden sprichwort des 16.-18. jh. ist die sünde zu haus: vil geschwetz gehet nit on sünd ab schöne weise klugreden (1548) 45ᵇ; in hoffart alle sünde wurzeln Gilhusius grammatica (1597) 128; wenn alle sünden alt werden, wird der geiz jung kern auserlesener sprüch- u. denckwörter (1718) 55; aber auch sonst: item das weitleuftige laster der afterrede und achtung fremder sunde ist fast die unseligist sund auf erden Luther 1, 121 W.;
gewisz die herren lügen nur,
und lügen ist doch sünde
Blumauer ged. (1782) 43;
ich halte spielen zwar für keine sünde
Lessing 1, 14 M.;
der general machte die sünde des nepotismus gut Jul. v. Voss gesch. m. milit. laufbahn 254.
3)
sünde ist im besonderen jede störung oder schädigung der menschlichen gemeinschaft, das unrecht des menschen am menschen, so schon mhd. im rahmen des ritterlichen lebens, zumal der minne:
und gewinne künde
der vil grôzen sünde (verschmähte liebe)
die sî an ir fründe
her begangen hât
Heinrich v. Morungen in: minnesangs frühling 130, 5;
swaz ir spottes hât gein mir getân,
dâ mite ir sünde enpfâhet,
ob ir mîn dienst smâhet
Wolfram v. Eschenbach Parzival 524, 3;
vgl. altdtsche bl. 2, 398; bei Wolfram auch in allgemeinerer anwendung auf verstösze gegen höfische art und zucht:
swer im (dem kampfmüden Gawan) nu ruowe næme,
ob ruowens in gezæme,
ich wæn der hetes sünde
ebda 583, 1; vgl. 656, 10; 775, 16;
es ist ain grosze sünd, den menschen unverschult beschweren und bekümmern Steinhöwel Äsop 69 lit. ver.; begeh ich dadurch (durch die liebe zu einem anderen mädchen) eine sünde an Amalien? Tieck (1828) 6, 82; oder sie hieltens für sünde, von einem armen ... handwerksburschen geld zu nehmen Gaudy (1844) 2, 64.
C.
mit der stetig wachsenden anwendung der bedeutung II wird sünde allmählich auch auszerhalb des im engeren sinne sittlichen heimisch, so sehr eine strenge beschränkung nach wie vor möglich bleibt, vgl.: wenn es keine sünde wäre, ... so würde es schon unverantwortlich sein Hippel über die ehe (1774) 65. seit dem ende des 18. jh. wird eine auflockerung der bedeutung II etwa in folgenden rasch gefestigten abstufungen sichtbar.
1)
sünde als charakterfehler, als menschliche schwäche: guter gott! bewahre doch mich ... vor der ... schrecklichen sünde der indiskretion J. K. Lavater verm. schr. (1774) 2, 23; er scheint wenig üble laune zu haben, und du weiszt, das ist die sünde, die ich ärger hasse am menschen als alle andre Göthe 19, 59 W.; aber überall hin brachte sie ihre genaue einteilungskunst mit, so dasz die behäbigen leute ... hinter ihrem rücken sagten, es wäre doch eigentlich eine sünde von der frau Lee, dasz sie gar so ängstlich, so spröde sei G. Keller 3, 32. so erweitern sich die synonymen möglichkeiten: und wenn ich heimlich nicht mit mir zufrieden bin, so sind sie (anrede) wie die eherne schlange, zu der ich mich aus meinen sünd und fehlen aufrichte Göthe IV 4, 230 W.; der fehler ist nun einmal gemacht, er gehört unter die sünden, welche sich selbst bestrafen Schubart bei D. Fr. Strausz 8, 64; wenn er eine notlüge vorbrachte, um eine begangene sünde zu vertuschen, zeigte sie ihm ..., dasz er sich besser befinde, wenn er offen und ehrlich einen begangenen fehler eingestehe G. Keller 4, 171; dasz wir menschen so ganz in unart, in sünden geboren sind maler Müller (1811) 1, 73; du kennst ... das überlaufende masz meiner sünden und schwächen fürst Pückler briefwechsel 1, 85.
2)
sünde als etwas unrechtes, unverantwortliches: unschuldige ergötzungen ..., wenn man sie zum schaden seiner berufsgeschäfte oder gemeinnütziger arbeiten genieszt, werden zur sünde Lichtenberg nachl. 36 Leitzmann; gern affektbetont: vergisz dich doch nicht also bei deinem freund! du thust wahrlich sünde! v. Petrasch lustspiele (1765) 1, 587; sünde wärs, durch unsere kalte gegenwart die angenehmen träume zu verjagen Göthe 38, 120 W.; denn er bat sie darum so herzlich, dasz es ihr wie eine sünde vorkam, ihm diese kleine bitte abzuschlagen Immermann 3, 29 Boxb.; wie sünde und schande, s. IV 2 a: uns wackere männer klopft ihr und den buben da herzt ihr, dasz es eine sünde ist graf Pocci komödienbüchl. 86. — seltener als verstosz gegen die gute sitte, als unschicklichkeit: von Jahn hiesz es, dieser mensch 'sollte sich der sünden schämen, mit den kindern solche narrenstreiche anzuführen' Gutzkow ges. w. (1872) 1, 134.
III.
in der weiterentwicklung der bedeutung II C wird sünde seit ende des 18. jh. (im verbalen gebrauch schon früher, s.sündigen 3) unter preisgabe seines ursprünglichen charakters zu einem religiös-sittlich neutralen begriff.
A.
in ernsthaftem sinne.
1)
das, was dem geist oder der inneren gesetzmäszigkeit einer sache zuwiderläuft; in verschiedener anwendung: 'ich will licht holen.' 'nein, fräulein, lassen sie es, es wäre eine sünde gegen die natur, und die stunde, die ich bey dem untergang der sonne mit ihnen durchleben kann' Cl. Brentano Godwi (1801) 1, 36; ist es nicht sünde, zu trauern im frühling? Hölderlin 2, 158 Litzmann;
und sünde wars, dasz deiner schere klirren
ihm (dem haare) jemals nahe kam
Fouqué held d. nordens 3, 35;
dann wird man es auch allgemein als eine sünde an der nation erkennen, wenn in bedrängter zeit gerade die reichsten und vornehmsten zuerst die producte der reinen geistesarbeit als entbehrlich von ihrem budget streichen W. H. Riehl d. dtsche arbeit (1861) 95; man ist groszherzig genug, um nicht die anerkennung des fremden für eine sünde gegen den nationalstolz zu halten Scherer lit. gesch. 21. sünde als unverantwortliche unvernunft: sie sollten doch so vernünftig sein und keinen winter mehr in Westfalen zubringen — es ist ja eine sünde von ihnen (anrede) L. Schücking bei Droste-Hülshoff briefe 328 Sch.; schwächer: wenn der wunsch (in einem schöneren lande zu leben und müszig zu sterben) nicht im auge der ernsthaften weisheit sünde wäre Gleim briefwechsel 1, 27 Körte.
2)
besonders auf dem gebiet der kunst, ästhetische verirrung (sieh auch oben I A 2, Göthe 46, 80 W.); mit spöttischem unterton: trotzdem hat man den Struwwelpeter aber auch groszer sünden beschuldigt ... da hiesz es 'das buch verdirbt mit seinen fratzen das ästhetische gefühl des kindes' Heinr. Hoffmann Struwwelpeter (341. auflage) vorrede; die gröszte sünde aber unserer jetzigen poesie ist meines wissens die gänzliche abstraction Eichendorff (1864) 2, 162; die sünde des Pilatismus literarius ... wird mir niemand zur last legen können D. F. Strausz leben Jesu (1877) 3, xxv; sünden an der tonkunst E. T. A. Hoffmann 1, 5 Gr.; in gottes namen ..., so stecke man den guten menschen bis über die ohren ins öl (lasse ihn in öl malen), ich habe keinen teil an dieser sünde Mörike 3, 36 Göschen; gern mit kennzeichnendem attribut: professor Heiberg stempelt die abänderung meiner Judith zu einer ästhetischen sünde Hebbel w. 11, 11 Werner; wir Teutschen schimpfen indessen noch immer auf Voltaire, und diese litterarische sünde hat sich unser groszer Lessing zu schulden kommen lassen Klinger 11, 66; Jean Paul 42/43, 73 Hempel.
3)
ganz allgemein als fehler, irrtum, torheit jeder art. die vorstellung des abirrens schwingt seit alters in dem begriff sünde mit (vgl. erratum ... ein sünd, fehl Calepinus XI ling. [1598] 493ᵇ; die sünde ... irrt, hemmt an der seligkeit Jac. Grimm kl. schr. 5, 290): der irrthum ist sünde, aber unvermeidliche Schleiermacher III 4, 2, 193;
das ist eine von den alten sünden,
sie meinen: rechnen das sei erfinden
Göthe 3, 335 W.;
Arntz hat noch eine gute rede geliefert über die alten und neuen sünden unserer politik Varnhagen v. Ense tageb. 6, 102; ... dasz der regelmäszige strafrichter nicht in der lage ist, die sünden der diplomatie in internationalen verhandlungen mit vollem verständnisse zu beurtheilen Bismarck ged. u. erinn. 2, 193; auch Gentz, der ... bereits alle sünden der neuen geschichte auf den protestantismus zurückführte Treitschke dtsche gesch. im 19. jh. 1, 218; hundert brauchbare nachrichten in betreff der urteutschen verfassung, polizei, häuslichkeit, sitten und gebräuche, welche freilich durch die sünden der unzeitigen commentare beschmutzt genug sind Kretschmann s. w. (1784) 1, 28; mit dieser auslegung versündigen sie sich an der deutschen sprache ... und die regierung will sich der mitschuld an dieser sünde nicht theilhaftig machen Bismarck polit. reden 3, 18 Kohl; mit entsprechenden adjektiven: wir halten die ganze gegenwärtige politik der östreichischen regierung und der östreichischen abgeordneten in Frankfurt für eine politische sünde G. Freytag (1886) 15, 136; grade weil Varnbüler uns gegenüber einige diplomatische sünden auf dem conto hatte Bismarck ged. u. erinn. 2, 93; damit ich kein verzeichnisz grammatischer sünden liefere Kinderling reinigkeit d. dtsch. spr. (1795) 349; ew. wohlgebornen verzeichnisz der typographischen sünden ... hat mich wirklich erschreckt Göthe IV 27, 103 W.
B.
in scherzhaftem oder ironischem gebrauch.
1)
gutmütig-abschwächend für handlungen, die oft ernsthaft als sünde gelten: weiber, würfel, wein sind seine sünden Scherer lit. gesch. 77; meist auf erotischem gebiet (s. o. II B 1 a):
ist dieser kusz sünde,
so schwör ich,
den himmel zieret diese schöne sünde
maler Müller (1811) 1, 216;
wem die erste liebe glückt, der erspart sich viel sünden Raupach dram. w. kom. gatt. 1, 25;
je schöner das dirnl,
desto kleiner die sünd!
L. Steub wander. im bair. gebirge 161;
vgl. der mann da is a sünd werth Hügel Wiener dial. 161.
2)
in bewuszter übertreibung für kleine schwächen oder harmlosigkeiten, meist selbstironisch; oft für schreibfaulheit: diese herren sind nicht allzu grosze feinde von einer gemächlichkeit, die mir die süsze sünde erlaubt, selbst an meine freunde seltener zu schreiben Klopstock briefe 3 Lappenberg; so gedenke ich auch heute meiner sünde, dasz ich dir so lange nicht geschrieben Göthe IV 28, 225 W.; für vergeszlichkeit, unordnung aller art: ich will zu hause bleiben und alte sünden aufräumen Göthe IV 5, 332 W.; umgangssprachlich und mundartlich: alle sünden meines lebens überfallen mich, wenn ich daran denke, dasz ich ihm so lange noch nicht geschrieben habe Heinse 10, 150 Schüddekopf; itze falln mer meine sünden ei(n) ich denke an etwas vergessenes, unterlassenes Müller - Fraureuth obersächs. 2, 589ᵇ; sündenzettel zeugnis ebda; vgl. redensarten wie: dann beichte mal deine sünden, denke mal über deine sünden nach u. ähnl. vgl. dazu I D 2 (sp. 1116).
3)
ironisch oder sarkastisch für dinge, die positiv beurteilt werden oder gar das gegenteil von sünde sind; der ironische gebrauch ist, besonders im sprichwort, alt: arm sein ist die gröste sünde zu Rom Friedrich Wilhelm sprichw.-register (1577) A 1ᵃ; in der welt ist kein gröszer sünd als arm sein Petri weiszheit (1604) 2, Kk 5ᵃ;
dasz gelehrte leut ich liebe, wo ich dran begehe sünde,
so bekenn ich, dasz ich drüber dennoch keine reu empfinde
Logau sinnged. 372 Eitner;
seine (Karlstadts) gröszte sünde war, dasz er seinen eigenen einsichten folgen und das αυτος εφα der Lutheraner nicht mitsingen wollte Wieland in: gesch. d. gelehrtheit von C. M. Wieland s. schülern diktiert 72 Hirzel; den rest besorgte der sehr schwache Essener sturm, der das toreschieszen offenbar für eine sünde ansieht (bericht über ein fuszballspiel) generalanzeiger Wuppertal 1931 nr. 1; mit bitterem beiklang: vier ding seind sünd in der welt: die warheit sagen, armuth, treu und recht thun Lehman floril. polit. (1662) 3, 447;
denn sünde ward es, aus dem schwarm zu ragen
Geibel 1, 154 Cotta.
IV.
sünde und schande (s. teil 8, 2131 f.). ein altes begriffspaar, seit etwa 1200 belegbar, aber vermutlich älter (dazu und zur bedeutung der formel für die worterklärung von sünde vgl. E. Schröder in: zs. f. vergl. spr. 56, 106 ff. und oben sp. 1110). die wortfolge sünde — schande liegt bis auf wenige ausnahmen fest, z. b.: do mit so vil schand und sünd vermitten blyb Eberlin v. Günzburg 1, 13 ndr.; es ist schande und sünde Hippel ehe (1792) 34. — jünger und seltener ist die formel sünde und schade.
1)
inhaltlich z. t. noch getrennt, in noch auflösbarer formel: wil su (die frau) dan daz (den auszerehelichen geschlechtsverkehr) lazi, durch sundi edir durch scandi edir svarummi iz si ... undi sal un (den mann) dan bieti, daz he sogitani dinc me lazi, wandi da sundi undi scandi ani sie undi leit Mühlhäuser reichsrechtsbuch 110 Meyer²;
er sol uns lêren,
wie wir unsir gewæte chêren
innen von den sunten,
ouzzen von den schanten
vom rechte 506 Waag.
abhängig von transitiven verben, wobei wenigstens im frühnhd. eine eigenbedeutung der beiden formelglieder noch spürbar ist: einen meister, der solche ire heiligkeit zu sunden und schanden macht Luther 32, 369 W.; das recht eigentlich christlich werck, das wir unser sund und schand bekennen Luther 10, 1, 1, 555 W.;
de hir up dusser stede eines anderen sunde und schande wil recken,
de sehe erst an sick sulven dat he sy sunder vlecken
Husemann spruchsammlung (1573) 53;
sie treiben sünd und schande in flagitiis volutantur Steinbach 2, 776; in der jüngeren schriftsprache ausgestorben, aber noch mundartl.: jemand sind un schand aatu Müller-Fraureuth obersächs. 2, 589ᵇ. mit eigenem bedeutungsgehalt der glieder auch in poetisch oder rhetorisch gehobener erweiterung der geschlossenen verbindung; dreigliedrig (unter einwirkung der formel schade und schande):
der guoten ræte der sint drî
drî ander bœse stênt dâbî ...
die ... heizent schade, sünde und schande
Walther v. d. Vogelweide 83, 36;
trunkenheit ist selten vrî,
da ensî sünde schande schade bî
Freidank 94, 8 Grimm;
vgl. noch: sünd bringt schand und schaden Petri weiszheit (1604) 1, f 1ᵇ; in aufgelöster formel: alte sünd richt oft newe schand an ebda 2, j 3ᵇ; sünden des nachts, schande bei tage Hoffmann polit. Jesus Sirach (1740) 68; in eine längere begriffsreihe eingegliedert:
unstæte, schande, sünde, unêre,
die râtents iemer swâ mans hœren wil
Walther v. d. Vogelweide 44, 30;
zweideutigkeit und schmutz und schand und sünde,
sprecht was ihr wollt: sie winkt euch zu und lacht
Lessing 1, 5 M.
2)
in der schon Luther geläufigen redensart es ist (eine) sünd(e) und schand(e) zu einem begriff verschmolzen.
a)
als ausdruck stärkster sittlicher empörung: ists nicht sund und schande? das der bapst, der uber alle christen meister sein will, nicht mehr zu sagen weiss denn also Luther 11, 355 W.;
es wär bei mir ein sünd und schand,
wann ich sie (die hausgötter) wolte rühren an
Spreng Ilias (1610) 39ᵇ;
ja sie machten auch bisweilen ihre mutter so herunter, dasz es sünde und schande war Reuter Schelmuffsky 111 vollst. ndr.; gemildert, aber noch ernsthaft, als ausdruck ehrlicher entrüstung über unrechtes, ungehöriges: so stehn die blumen auf dem felt uns zu sunden und schanden Luther 11, 179 W.; vor allem in jüngerer sprache, bis in die moderne: es ist ein sünd und schand, ... dasz man hochen orts alles so nachsicht J. J. Schwabe tintenfässl (1745) 13; einen ... artigen jungen cavalier in dem pferdstall schlafen zu lassen, das wäre ja sünd und schand Stranitzky ollapatrida 136 Wiener ndr.; denn es ist sünd und schande, um eines hundes wegen solchen lärmen zu machen L. Holberg dän. schaubühne 3, 98; elliptisch, wie oft im neueren gebrauch: is doch wahrhaftig, als ob alles mannsvolk nach ihr raufkucken soll; ne sünd und ne schand Fontane I 5, 3; ich hätte lieber — malen sollen. — sünde und schande — solches wetter um die ohren zu schlagen G. Hauptmann einsame menschen (1891) 6. auch mundartlich sehr verbreitet: sünn un schann zur bezeichnung eines argen vergehens Danneil altmärk. 216; et is ne sünne un ne schanne Schambach Göttingen 219; s es e sinn un e schann Autenrieth pfälz. 133; des it a sünn un a schann Ruckert unterfränk. 179; des ist eine sünd und eine schande Fischer schwäb. 5, 1958; s isᵗ e sünd unᵈ e schand wie deʳ mit siⁿᵉm vieʰ umgeʰt Martin-Lienhart elsäss. 2, 365.
b)
daneben nutzt sich die verbindung im häufigen redensartlichen gebrauch zur komisch-pathetischen formel ab: sünd und schande, rief der säbelbeinige trommelschläger, dasz wir sie nicht beide befühlt haben Bode Tristram Schandi (1774) 4, 11; sünd und schand ists, so en unglückshund is nicht mehr uf gotts erdboden, wie ich ders. Thomas Jones 4, 321; beim hinausgehen drehte er sich ... nach mir um und sagte: 'Holdei, es iss eine sünde und schande, dasz er ein so fauler schläcks iss' Holtei vierzig jahre 1, 118; es (das weibervolk) war gekommen mit besen und bürsten ... dem gräuel, der sünde und der schande (der männerwirtschaft) ein ende zu machen W. Raabe hungerpastor (1864) 3, 175.
3)
sehr viel seltener ist die formel sünde und schade, in der sünde lediglich verstärkenden sinn hat. heute mundartlich und fast nur auf obd. gebiet bezeugt: es ist sünd und schad 'es ist sehr schade' Schmeller-Fr. bair. 2, 316; ebenso Schöpf-Hofer tirol. 729; Jacob Wien 188; Seiler Basler 284; Hunziker Aargau 266; Martin-Lienhart elsäss. 2, 365; Follmann lothring. 480 (daneben es isch e sünd un e schand 'es ist jammerschade' ebda). literarisch selten:
wenn es nit wäre sünd und schad
N. Manuel v. papst u. s. priestersch. 545 Bächtold;
es ist sünd und schade ... um den eichbaum Scheffel ges. w. (1907) 1, 213.
V.
eine reihe von verbalen, präpositionalen und adjektivischen fügungen und formeln übergreift die bedeutungen I-III.
1)
verbale verbindungen.
a)
sünde tun, vom ältesten gebrauch bis heute durchgehend; selten mit bestimmtem oder unbestimmtem artikel: also stark du werst zu thun die sünde Keisersberg bilgersch. (1512) c 1ᶜ; ef uui thar eniga sundia giduan Heliand 5486; der eine sünde an dem mântage tuot Berthold v. Regensburg 1, 128 Pf. oft allgemein und ohne nähere bestimmung: allero giwelih thie (d. i. der) sunta tuot Tatian 131, 14; so die hailgen dar koment, da sü niemer sünd mugent tuͦn St. Georgener pred. 16 R.; wer sünde thut, der ist vom teufel 1. Joh. 3, 8; Joh. 8, 34; ob er nit besorgte sünd zu thuͦn Stumpf Schweizerchron. (1606) 419ᵃ;
aber weinen
wird es (das kruzifix), so oft du sünde thust
Schubart ged. (1825) 2, 34.
vereinzelt passivisch: weil er glaubte, das sei sünde getan W. H. Riehl d. dtsche arbeit (1861) 142. — daneben sünde begehen, später bezeugt, aber in neuerer sprache gebräuchlicher, zumal in gehobener, besonders poetischer sprache, und mehr auf bestimmte handlungen bezogen:
der vil grôzen sünde
die sî an ir fründe
her begangen hât
Heinrich v. Morungen in: minnesangs frühling 130, 5;
und das umb aller ewer sünde willen, die ir ... begangen habt Jer. 15, 13; es lastete etwas auf ihr, als ob sie eine sünde begangen M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 1, 36; so dergleichen sünden und laster begehen, soll man auf die bank legen Rosegger I 4, 326. im partizipialen gebrauch: wenn er eine notlüge vorbrachte, um eine begangene sünde zu vertuschen G. Keller (1889) 4, 171. — sünde vollbringen, nur frühnhd. nachweisbar, aber wohl auch später noch möglich: verbracht sund o. schuld Diefenbach gl. 429ᵃ; so bald es der berurten sunde eine vorbracht hat Luther 2, 59 W.;
wer seinen auszgang wol bedächt,
kein sünd er leichtlich mehr verbrecht
Petri weiszheit (1604) 1, g 6ᵇ.
sünde treiben, meist ohne artikel, bis in die gegenwart: hochfart, welche sünd innerlich und eusserlich getrieben wirt Moufang kath. katech. d. 16. jh. 507;
menschlich ist es, sünde treiben,
teufelisch, darin verbleiben
Binder 191;
eine solche entwicklung herbeiführen, heiszt aber denn doch nichts anderes als sünde treiben wider den willen des ewigen schöpfers Adolf Hitler mein kampf (1933) 314. in erotischem sinne (s. o. II B 1 b): bis ein kunde kommt, die sünde für geld mit ihnen zu treiben Klinger 3, 19. — seltener, aber in ältester und jüngster zeit belegbar, in der intransitiven verbindung sünde geschieht: do diu êrista sunda gescah Notker 2, 93, 15 P.; won sich denn diu sele ... naiget an die geschephte, dar ane geschehent alle sünde St. Georgener pred. 209 R.; geitz, welche sünde geschicht, wenn einer immer mehr haben will Moufang kath. katech. d. 16. jh. 507; die zweite sünde geschah, als der ... schwindel von der souveränität der deutschen fürsten ... sich die anerkennung erzwang Hans Grimm volk ohne raum (1932) 1286. mit präpositionalem objekt in der alten und bis ins 18. jh. sehr verbreiteten formel in (die) sünde(n) fallen, wie sünde tun, eine sünde begehen, aber immer mit einer gewissen betonung (s. u.sündenfall): unde ube ih fallo in dia sunda Notker 2, 12 P.; als der sünder in tœtliche sünde gevellet Berthold v. Regensburg 1, 80 Pf.; gedenk zum dritten, das der in sünd falt, der do nit verzicht sinen nechsten Geiler v. Keisersberg bilgerschafft (1512) c 1ᵃ; las sie in eine sünde über die andern fallen psalm 69, 28; pflanze solche ... tugend in die herzen meiner kinder, dasz sie ... nicht ... in sünden fallen Moscherosch insomnis cura parentum 67 ndr.; Kramer 2 (1702) 1039ᵇ. variiert: wenn man dasselbige thut, so folget bald ein fall darauf, dasz man in eine sünde gestürzt wird Luther 1, 177 W. unter den gegensätzlichen begriffen als feste verbindung, in kirchlicher und auszerkirchlicher verwendung sünde (ver)meiden: die ir sünda riuwont und ... har nâ vermîdent bei Wackernagel altdtsch. leseb. (1839) 299; denn es ist unmuglich ein vorsatz zu haben, die sunde, die tegliche sunde genant werden, zu meiden Luther 2, 59 W.;
sünd meiden ist ein schrein,
gedult in leiden leg darein
Petri weiszheit (1604) 1, f 2ᵃ;
wir sollen jede sünde ... meiden
kath. katech. f. d. erzbistum Köln (1915) 79.
sünde lassen, mehr in älterem gebrauch:
swer sünde lât ê si in lâze,
der vert der wîsen strâze
Freidank 36, 17 Grimm;
seine sünden lassen, unterlassen Kramer 2 (1702) 1039ᵇ; ich kann die sünde des dichtens nicht lassen A. Stifter briefwechsel (1929²) 3, 281. — sich vor sünden hüten, bewahren: das lieb kind ... huͦt sich all zeit vor sünden d. summer teil d. heiligen leben (1472) 2ᵇ;
wer christlich rein sein leben halt,
hüt sich für sünden mannigfalt
Petri weiszheit (1604) 1, g 5ᵇ;
und nach disser zit (werden die verlorenen) zu den tufeln farn,
die sich nicht von sunden bewarn
Alsfelder passionsspiel 24 Grein.
b)
durch andere verbale formeln wird ganz allgemein eine handlung als sünde gekennzeichnet: es ist (eine, keine) sünde (s. u.sünde, adj.), eine alte und verbreitete wendung, meist mit abhängigem konjunktional- oder infinitivsatz:
es was iedoch ein sünde,
daz man in niht rîten liez
Wolfram v. Eschenbach Willehalm 113, 18;
ists dann kein sünd, einen jüngling thuͦn solche laster? (non est flagitium adolescentulum facere haec?) Boltz Terenz (1539) 87ᵃ; es ist sünd ..., es ist eine sünde, dasz Kramer 2 (1702) 1039ᵃ;
s ist eine sünde, dasz ichs euch verrathe
Grabbe w. 2, 29 Bl.;
die Frangula will mit dem strick zum boden (um sich aufzuhängen) ... es ist sünd, was sie da will Moritz Jahn Frangula 11 Reclam nr. 7211. in jüngerem gebrauch auch abgeschwächt (ähnlich wie IV 2 b oder bei sündlich 5): es wäre sünde, ihre (der stümper) welt zu zerschlagen Göthe IV 27, 120 W.; mit dem dativ d. pers. pron., schon mhd.: unde si im so vil grozer sünde daz er ez zemidenne wol weiz Lucidarius 49, 10 Heidlauf; wenn du das geloben unterwegen lässest, so ist dirs keine sünde 5. Mos. 23, 23; und mir solls sünde ... sein, den herrn des erdbodens ... zu preisen? Lavater physiogn. fragm. (1775) vorrede 4; vgl.:
dir sind die kunst, die keusche liebe sünden
A. v. Chamisso (1836) 4, 166.
seltener es wird (mir) (zur) sünde:
was uns verstattet ist, wird ihnen nicht zur sünde
Pietsch geb. schr. (1740) 136;
unschuldige ergötzungen ... werden zur sünde Lichtenberg nachl. 36 Leitzmann;
denn sünde ward es, aus dem schwarm zu ragen
Geibel 1, 154 Cotta.
(zur) sünde machen, rechnen, für sünde halten u. ähnl., d. h. einer handlung oder sache durch ein urteil das merkmal des sündlichen aufprägen: aus einem jeglichen bombast eine sünde machen Luther tischreden (1576) 101ᵃ; hätte er bedacht, dasz einem geistlichen insonderheit dinge zur sünde gemacht ... werden Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 1, 29; (er) machte sich nun beinahe jeden zu schnellen schritt zur sünde K. Ph. Moritz 15 lit.-denkm.; dasz um seinethalben solche mängel der gerechtigkeit nicht zur sünde gerechnet werden Moufang kathol. katech. d. 16. jh. 170. ironisch: man könnte sichs wirklich zur sünde rechnen, die selige überzeugung der Newtonschen schule ... zu stören Göthe II 2, 19 W.; professor Heiberg stempelt die abänderung meiner Judith zu einer ästhetischen sünde Hebbel w. 11, 11 Werner. in neuerer sprache am verbreitetsten für eine sünde halten Frisch (1741) 2, 357ᵃ: Luther und Butzer halten die begürligkeit für sünd Joh. Nas antipap. (1567) 1, 7; an fasttagen fleisch zu essen halte er ... für keine sünde O. Jahn Mozart 3, 26;
ich halte spielen zwar für keine sünde
Lessing 1, 14 M.
nur in älterem gebrauch: er (gott) auch dieses, so jetzmal für ein grosse sünd geachtet, zu seinem lob richten werde Amadis 1, 22 Keller; es ist ... mit diesem und anderen lasteren beinahe bei allen menschen dahin erwachsen, das es kein sünde, sondern ehrlich geachtet wirt Ambach vom zusauffen (1544) a 2ᵃ. gelegentlich auch in anderer syntaktischer fügung: wie ihrer tat sünde dadurch geringer erscheint O. Ludwig 5, 105 Schm.-St.; selten ist jemand so tugendhaft, dasz er die suppe ohne salz äsze; ein wenig sünde ist zu jedem interesse nöthig Laube (1875) 8, 82.
2)
präpositionale verbindungen.
a)
sünde mit nachfolgendem verhältniswort, um eine person oder sache als ziel oder richtung der sündigen handlung zu bestimmen. die verbindung mit an ist alt und bis heute gebräuchlich:
vrawe du tust sunde
an dynem besten vrunde
(14. jh.) altdtsche bl. 2, 394;
(ich) bekenne die suͤnde der kinder Israel, die wir an dir gethan haben Nehemia 1, 6; sünde an gottes wort Körner (1835) 102 Streckfusz; eine sünde an der nation W. H. Riehl d. dtsche arbeit (1861) 95; die sünde am volke Jos. Ponten im Wolgaland (1933) 35. — fest bleibt auch bis in die moderne sprache das an sich archaische wider, z. t. wohl unter dem einflusz von sünde wider den heiligen geist, sieh I A 2:
da ich die gröst sünd hab begangen
wider dich
H. Sachs 1, 65 Keller;
sünde wider das sibende gebot Grimmelshausen 2, 430 Keller; vgl. besonders: sünden wider den geist der kunst Göthe 46, 80 W.; oder auch: sünden wider die perspective ders. 49, 292; eine sünde wider den bestand der weiszen menschheit Adolf Hitler mein kampf (1933) 705; vgl. auch sünde wider das blut u. ähnl. oben sp. 1124. — seit dem 19. jh. wird gegen gebräuchlicher: eine sünde gegen die natur Cl. Brentano Godwi (1801) 1, 36; unsre sünden gegen die westmächtliche politik Bismarck ged. u. erinn. 1, 176. — bei Luther häufig ein in im sinne von contra (s. o. I A 2).
b)
verbindungen, in denen sünde selbst in präpositionale abhängigkeit tritt, verleihen dem wort verbalen gehalt: ohne sünde, meist singularisch: dorumb nu, ob ir habt recht und on sünd habt geschickt über euch Abimelech zuͦ eim kunig erste dtsche bibel 4, 374; denn ichs da für halte, das wir ... nicht on sünde schweigen mügen Luther 23, 452 W.; denn die empfangen gift (liebe zu der fremden frau) er nicht on sünde verdewen mocht Arigo decamer. 113 Keller;
diss alles nützt der mensch, wiewohl nicht ohne sünden
Rachel satir. ged. 58 ndr.;
ich glaub wohl, dasz ich ohne sünde den hut kann behalten Bettine Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 295; die müllerstochter war ein schönes und frommes mädchen und lebte die drei jahre in gottesfurcht und ohne sünde kinder- u. hausmärchen (1888) 1, 120. ohne sünde sein s. o. I B 4. mit sünden, pluralisch, eine formel, die oft zu der adverbiellen bedeutung 'auf sündhafte weise' weiterführt:
wer mac minne ungedienet hân?
muoz ich iu daz künden,
der treit sie hin mit sünden
Wolfram v. Eschenbach Parzival 511, 12; 463, 30;
die menschen führens (das unglück) über sich mit sünden Petri weiszheit (1604) 1, e 5ᵃ. redensartlich:
mancher mit sunden guͦt gewint
Seb. Brant narrenschiff 6 Zarncke;
das geld ... mit sünden verdienen, mit sünden reich werden Kramer 2 (1702) 1039ᵇ; vgl.: ich mag nun nicht gern am hofe mein zuckerbrod mit sünden essen Jean Paul s. w. (1826) 21, 63. zur sünde, meist bei verben wie verleiten, reizen, helfen u. ähnl., aber auch bei abstrakten substantiven: do in aber do der tievel verlait zuo den sünden bei Schönbach altdtsche pred. 3, 75; auch andere begirden, so zur sünde bewegen Moufang kath. katech. d. 16. jh. 223;
wir sollen dempfen fleisch und blut,
das stets zu sünden reizen thut
Petri weiszheit (1604) 1, h 1ᵃ;
zur sünde raten ..., andere zur sünde reizen ..., zur sünde helfen
kathol. katechism. f. d. erzbistum Köln (1915) 423;
fomes peccati naigung zu der sund
Diefenbach n. gl. 178ᵇ;
der ist alt genug, der die lust zur sünden läszt fahren
Lehman floril. polit. (1662) 1, 15;
was versteht man unter nächster gelegenheit zur sünde?
kath. katech. f. d. erzbistum Köln (1915) 577;
mit der fähigkeit zur sünde
Herm. Hesse Narzisz u. Goldmund (1930) 399.
3)
adjektivische fügungen. fremdeeigene sünde (vgl. zu fremde sünde auch I D 4 c):
swer næme sîner sünde war,
der verswige die vremden gar
Freidank 34, 3 Grimm;
mache dich auch nicht teilhaftig frembder sünden 1. Tim. 5, 22; von ihren eltern hart behandelt, sah sie gern auch andere gezüchtigt und spähte eifrig nach fremden sünden Carossa kindheit u. verwandlungen e. jugend 15;
mit dem verhängnüsse vermummt man eigne sünden
Lohenstein Sophonisbe (1680) 2, 65;
nichts desto weniger warnte er mich, nach solcher herren weise oft vor seinen eigenen sünden mit groszem ernst Ulr. Bräker (1789) 1, 105. alte sünde(n): wann die süne Israel die fuͦgten newe ding zuͦ den alten sünden erste dtsche bibel 4, 381; alte sünde, neue busz Kramer 2 (1702) 1039ᵃ. im sinne von 'noch nicht erledigt, bereinigt':
nun durchschweift er gründe,
felder, berge wild,
klaget alte sünde,
suchet frauenbild
Platen 1, 50 Redlich;
so auch abgeschwächt, vgl. III B 2: wenn du zurückkommst, wollen wir unsern haushalt recht schön ordnen und von alten sünden völlig reinigen Göthe IV 16, 260 W.; IV 5, 332.
4)
sünde in kollektivem gebrauch. oft in den formeln sünde beichten, sünde vergeben, sünde tun u. ähnl., die oben sp. 1115 f., 1129 f. belegt sind; aber auch sonst in der festen verbindung sünde der welt: das opfer, das für die sünde der welt verblutet Lessing 8, 17 M.; oder: euch werde alle das unglück, alle die sünde zugerechnet, zu welchen uns euer zwang bringt ebda 2, 277; gerade deine viele sünde ... ist es, die mich an dich kettet C. F. Meyer 1, 288 Knaur; (reinigung des katholizismus durch Luther, die uns) unendliche umwege, unendliche kriege, unendliche — sünde erspart hätte Ina Seidel d. wunschkind (1930) 2, 315.
VI.
die bildliche und vergleichende verwendung des wortes, schon früh in der vorstellung der sünde als einer lebendigen macht vielseitig begründet, findet auch sprachlich reichen niederschlag.
1)
in einer fülle fester formeln, greifbar vor allem in bestimmten, z. t. sehr alten bildkreisen, die meist im religiösen, bes. im biblischen bereich ihre wurzel haben, aber nicht auf diesen gebrauch beschränkt bleiben, wobei sünde verführerisch lockend oder feindlich bedrohend im sinne der vergiftung, der belastung, der knechtung, der befleckung, der verstrickung u. ähnl. auf den menschen bezogen ist. dieser bereich ist der sproszbezirk für eine unzahl entsprechender komposita mit sünde, s. u. VII 4 sowie sündenlast, -pfuhl, -schlaf u. a.
a)
in substantivverbindungen mit sünde als genetivischem attribut: aller sünden reizel Hugo v. Trimberg renner 2966 Ehrismann; der geldmangel sei aller sünden angel G. Keller (1889) 2, 111; diu vergift der sünden K. v. Megenberg buch d. natur 249 Pf.;
du hast vertriben der sunden gift
bei Wackernell altdtsche passionssp. aus Tirol 200;
swie grôz und swie swære
mîner sünden last wære
Hartmann v. Aue Gregorius 3928 Paul;
nun ist der sünden last
mir nicht mehr fürchterlich
Schubart ged. (1825) 1, 9; 2, 269;
den schweren druck der sünde maler Müller 1, 7; vgl. auch onera vestra uwero sunda ahd. gl. 2, 232, 25 St.-S.; moles swere burd o. sund Diefenbach gl. 365ᵇ; wer sünde thut, der ist der sünden knecht Joh. 8, 34; Röm. 6, 20; der sünden knecht Barth. Krüger anfang u. ende d. welt (1580) c 2ᵇ;
wer sich nicht kan überwinden,
wird ein sclave seiner sünden
Joh. G. Neukirch anfangsgründe (1724) 52;
zum dienst der sünden Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 345ᵇ; das joch der sünden Joh. A. Cramer ged. (1782) 1, 30;
den flecken sîner sünde
Hartmann v. Aue Gregorius 3672 Paul;
in dem schlamme der sünden Lohenstein Arminius (1689) 1, 150; in der sünden pfuhle Rückert (1867) 1, 127; im staub seiner sünden W. Schäfer dreizehn bücher (1925) 113; vgl. auch macula sunta Graff 6, 261; befleckung der sunde o. faulung Diefenbach gl. 211ᶜ und verbindungen wie sünd und unflat Luther 10, 3, 157 W.; voll unflat und voll sünden D. v. d. Werder rasender Roland (1636) 11. ges., 25. str.; sünd und mackel Scheit Grobianus 4998 ndr.; wol uf, ir schlafenden herzen, uss dem tode der sünden Seuse 28 Bihlm.;
erhebt euch vom schlummer der sünden
Herwech ged. e. lebendig. (1843) 5.
b)
in verbalverbindungen, so in der redensart etwas wie die sünde hassen: ich hasse alle pfuscherei wie die sünde Göthe gespr. 8, 140 Biedermann; Fr. L. Schröder dram. w. (1831) 2, 128; ich hasse alle klatschereien wie die sünde fürst Pückler briefwechsel 3, 279. ähnlich: ich kann die klugen leute vor meiner sünde nicht leiden M. A. v. Thümmel reise (1791) 4, 220. im übrigen in den a entsprechenden formeln: (mit) sünden beladen sein:
wir waren suntone biladene
Otfrid IV 5, 11;
wir sind mit sünden schwer beladen
Petri weiszheit (1604) 1, h 1ᵃ;
ich würde mich ... mit fremder sünde beladen
Grimmelshausen 2, 24 Keller;
viel unrecht tun, sich viel sünde aufladen
Herm. Hesse weg nach innen (1931) 136.
der sünde ergeben sein u. ähnl.:
der sünden (bin ich) ganz ergäben
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 313;
bin gar mit sünd befangen
Spee trutznachtigall (1649) 61;
beflecken mit sünd Calepinus (1598) 688ᵇ; was befleckt von sünd ist Voss ged. (1802) 3, 161; sich mit einer sünde beflecken Kramer 2 (1702) 1039ᵇ; sich im schlamm der sünden herumwaltzen ebda. im gegensinne: piare reynigen, reynichen von, van sunden (1420) Diefenbach gl. 432ᶜ; Kramer 2 (1702) 1039ᶜ (s. o. I E 1 ende). von sünden rein sein:
er was von sundin reini
summa theol. 137 Waag;
rein ist mein herz von dieser groszen sünde
Körner² 103 Streckfusz.
in sünden liegen (s. o. I B 3): di wile si noch in den sunden lit? paradisus anime intelligentis 12 Strauch; wenn du in sünden ligst Luther 16, 349 W.
c)
in der verbindung mit adjektivischen epithetis; mit süsz, schön u. ähnl., nur in jüngerem gebrauch:
dann fühlen sie, was süszen sünden
für bittre pein bestimmet sei
Triller poet. betracht. (1750) 2, 40;
die süsze sünde Klopstock br. 3 Lappenberg; Hebbel w. 1, 18 Werner;
verlockt des menschen brust zu heitern sünden
Göthe 15, 108 W.;
dann schwelgt ich froh in tausend schönen sünden
Tieck (1828) 2, 116.
mit böse, gemein, affektbetont: dy swarczen bosin suͦnde (md., 14. jh.) bei Türk wortschatz d. pred.-samml. Dietrichs v. Gotha 119; mit einer bösen sünden erste dt. bib. 3, 168;
reizungen zu bösen sünden
Königsberger dichterkreis 43 ndr.;
das (fluchen) ist eine recht gemeine sünde Gerstenberg hamburgisch. n. zeitung 143 lit.-denkm. im vergleich: dasz sie sollten schwarz werden wie die nacht und häszlich wie die sünde kinder- u. hausmärchen (1894) 466. der vergleich führt in neuerer sprache zur verstärkungsformel (s. u.sündenteuer): kaffee ..., der schwarz und teuer war wie die sünde K. B. v. Mechow in: zs. das innere reich (1935) 791. redensartlich: alt, dumm, faul, böse wie die sünde; vgl. schweiz. id. 7, 1161.
2)
im bildbereich des naturlebens, in dem sünde namentlich seit ende des 18. jh. mit gelegentlichen bildungen vielfach vertreten ist (sieh auch sündenblüte, -ernte, -frucht u. ähnl. unter VII 4), wird fest nur die wendung in der sünden (maien) blüte:
er (der mörder) überfiel in wüstheit meinen vater,
voll speis, in seiner sünden maienblüthe
Shakespeare 3, 267 (Hamlet);
gern mit ironischem beiklang: die mama hatte den papa nicht in seiner sünden maienblüthe geheiratet W. Raabe Abu Telfan (1870) 60; es wird ihnen (anrede) kaum wehe tun, wenn ich in meiner sünden blüte hier zurückbleibe (d. h. der messe fernbleibe) K. B. v. Mechow vorsommer (1934) 195.
3)
sünde personifiziert, in jüngerer dichterischer sprache: würde laut, dasz hier während langer jahre sünde sünde (die sündige richterin sündliche taten) gerichtet hat, irre würden tausend gewissen und unterginge der glaube an die gerechtigkeit C. F. Meyer 3, 421 Knaur; diesem tugendbilde gegenüber ... stand die freche sünde: der Lauenburger ebda 180; dann lief er gegen Cheliens bild: 'hüll dich ein', sagte er murmelnd, 'du schöne sünde, hüll dich ein, du apfel des paradieses' A. Stifter (1904) 2, 77; vgl. auch in ähnlicher anwendung: allweil der pfaff! auf seinem eigenen mist soll er kratzen, er hat selber seine fleischgewordene sünde (einen sohn) im haus H. Watzlik d. alp (1923) 265.
VII.
zusammensetzungen mit sünde an erster stelle ahd., as. vereinzelt: suntilôs Otfrid IV 26, 22; V 21, 12; suntolôs III 21, 4; sundilôs Heliand 5307; 5822; suntfalga (11. jh.) Müllenhoff-Scherer denkm. 1, 297; auch im älteren und mittleren mhd. noch gut zu übersehen und vorwiegend in adjektivbildungen: sundemeilic Wernher Maria d 975 Wesle; sunderîch ebda 2569; sündesiech Konrad v. Würzburg Silvester 2335 Ger.; sündenbar Rudolf v. Ems Barlaam 312, 32 Pf. u. a.; aber auch substantivisch: sündenvreude ebda 111, 25; sündenruz passional 523, 39 Köpke; sündendorn Konrad v. Megenberg buch d. natur 406 Pf. u. a.; in der ordensdichtung des späten mittelalters und in der theologisch-erbaulichen literatur (kirchenlied) des 16. und 17. jh. ansteigend, seit dem pietismus in einer nicht mehr einzudämmenden flut. die weitaus meisten zusammensetzungen sind substantiva, häufig ein nomen agentis wie sündenrichter u. ä. zahlreich sind daneben adjektiva, selten und nur als gelegenheitsbildungen substantivierte verba wie sündenbekennen, sündevergeben, in denen sünde objekt ist. die participia praesentis und praeteriti bilden nur eine kleine gruppe und sind meist zufallsbildungen. die fuge zeigt -en oder -e, soweit nicht die apokopierte form sünd das beziehungswort an sich zieht. seit alters und bis in den jüngsten gebrauch herrscht in der zusammensetzung mit substantiven bei weitem -en vor, doch begegnen in älterer sprache auch die beiden anderen möglichkeiten nicht selten, während sie später nur in gewissen sonderfällen häufiger vorkommen: die apokopierte form vor vokalischem anlaut des zweiten bestandteils, z. b. sündangel u. ä., in rhythmischem gebrauch, im vers oder im begriffspaar, in verbindung mit adjektiven und partizipialformen; im letztgenannten falle begegnet vornehmlich auch die form mit -e in der fuge. ohne stellenangabe aufgeführte wörter sieh an alphabetischer stelle.
1)
an sünde I, den religiösen gebrauch des wortes, knüpfen grosze gruppen von zusammensetzungen an; so an I C, die vorstellung des göttlichen richter- und strafamtes über die sünde: sündenfeind (1583), -not (16. jh.), -sold (1604), -rächer (17. jh.), -strafe (1641), -richter (gott) Schottel haubtspr. (1663) 450, -fluch (1675), sündstrafend Treuer Dädalus (1675) 1, 83, sündenplage Veit Weber sagen (1787) 6, 219, -schaden Gerok pfingstrosen (1886) 172, -ferne Ihmels siehe ich mache alles neu (1913) 27. andere bildungen gehen von sünde I D 1, 2, dem akt des erkennens, bekennens oder bereuens aus: sündenqual (1476), -angst (16. jh), -schmerz (1642), -reue (1647), -jammer Dannhawer catech. (1657) 9, 268, -leid (1740), -gefühl (1741), -erkenntnis Holberg dän. schaubühne (1743), -beichte Woltersdorf s. lied. (1773) 324, -bekenntnis (1793), -blasz M. v. Collin dram. dicht. (1813) 3, 75, -scheu (adj.) Fr. L. Jahn 2, 407 Euler, sündbewuszt Gervinus gesch. d. dtsch. dicht. (1853) 1, 116, sündenbekennen Rosegger III 4, 156. eine besondere, sehr breit entfaltete gruppe umfaszt solche fälle, in denen es sich, vor dem hintergrund von busze und beichte, um das zählen oder die einschätzung der sünden handelt, wobei der jüngere gebrauch oft den abgeschwächten sinn von sünde III A, B zeigt: sündenwürdigung Fischart binenkorb (1588) 112ᵃ, -masz (16. jh.), -menge G. R. Widmann Fausts leben 557 Keller, -zettel (1613), -protocoll Dannhawer catech. (1657) 1, 307, -buch A. Gryphius ged. 266 Palm, -spiegel (1691), -haufe Aler dict. (1727) 2, 1866ᵇ, -zahl Scriver seelenschatz (1737) 1, 309ᵇ, -conto (1741), -liste (1750), -tarif Klinger (1809) 3, 237, -taxe G. Forster s. schr. 3, 297, -heer Zimmermann üb. d. einsamkeit (1784) 2, 224, -katalog Fr. A. Weiszhuhn sinnged. (1790) 90, -masse Göthe IV 10, 221 W., -wert Schleiermacher I 3, 413, -tabelle Gottl. Hiller reise (1808) 233, -spule Grillparzer 9, 9 Sauer, -reich (adj.) Müllner dram. w. (1828) 3, 144, -umsatz E. v. d. Recke tageb. 4, 230, -bilanz Gaudy (1844) 19, 65, -rechnung Alexis Isegrim (1854) 75, -verzeichnis D. v. Liliencron (1896) 3, 209, -litanei Rosegger I 15, 160, -rubrik W. Scherer in: briefw. 18 Leitzmann, -abstufung Dittrich gesch. d. ethik 1, 365, -wage W. Schäfer erz. schr. (1918) 2, 336. eine weitere gruppe knüpft an sünde I E, den vorgang der beseitigung und tilgung der sünde an: sündenvergebung (1523), sündevergeben (1623) Jac. Böhme v. Christi testamenten (1682) 73, sündenheil (1675), -ablasz (1765), -tilgung Jung-Stilling s. schr. 6, 325 Gr., sündetilgend Döllinger akad. vorträge (1888) 1, 215. für sich steht hier eine kleine gruppe von bildungen, in denen Christus als tilger und versöhner der sünde erscheint: sündenträger (16. jh.), sündevergeber Joh. Draconites von cherubim (1555) c 1ᵇ, sündenbüszer (1588), -tilger (1626), -sucher Dannhawer catech. (1657), sündeversöhner Klopstock Messias (1780) 236, sündenlöser Shakespeare 1, 301.
2)
der moralische gebrauch des wortes, sünde II, führt zu bildungen, in denen sünde, soweit der ganz allgemeine, oft noch religiös gefärbte bereich II A in frage kommt, tautologisch, aber verstärkend zu moralischen begriffen tritt, mit denen es z. t. auch durch die copula gepaart begegnet, nicht vor dem späten 16. jh.: sündengreuel (1599), -laster Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 5, 299, -fehler Harsdörffer teutsch. secretar. (1656) 2, 497, -schuld (17. jh), -mangel B. Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 408, -unart Veit Weber holzschnitte (1793) 182, -schwachheit maler Müller (1811) 3, 131, -frevel mod. dichterchar. (1885) 246, -schmach (der zeiten) W. Weigand renaissance (1903) 2, 109. im konkreten bezirk sünde II B ist nur der erotische gebrauch entwicklungsfähig: sündenhaus (15. jh.), -schmuck (einer dirne) V. Herberger hertzpostilla (1613) 1, 653, -glut (1645), -gewerbe (1661), -hurerei A. Gryphius ged. 63 Palm, -schwester discourse der mahlern (1721) 3, 157, -kusz Klinger theater (1786) 1, 185, -flamme (19. jh.), -lager (der buhlerin) G. Keller (1889) 7, 393.
3)
im anschlusz an bestimmte gebrauchsweisen aus dem bereich sünde V.
a)
als allgemeine kennzeichnung einer handlung, einer person, einer gemeinschaft u. ä. stellt sünde in der compositionsbildung einen fruchtbaren, über die möglichkeiten des grundwortes (s.sünde V 1 b) weit hinausgreifenden sproszbezirk dar. die hauptgruppe bezeichnet, oft in bildlicher oder allegorischer umschreibung, mensch, leib, leben, welt, z. t. ohne scharfe trennung dieser begriffe, als mit sünde behaftet, in der erbaulichen sprache der orthodoxie und des pietismus mit besonderer vorliebe: sündenfasz: ein mensche, ein sundenvaz väterbuch 34305 Reissenb., -sack (14. jh.), sündhaus (16. jh.), sündenkerker Luc. Pollio v. ewig. leb. (1583) 89ᵇ, -haut Schaller theol. therold (1604) 493, -mantel (der leib) derselbe 378, -wurm (1609), -meer (1649), -kittel (der leib) Dannhawer catech. (1657) 2, 467, -mensch (1657)), -welt (1657), -höhle Fischer-Tümpel 2, 286, -kind (17. jh.), -reich (des satans) Fischer-Tümpel 2, 435, Anzengruber ges. w. (1890) 6, 23, -aas (1701), -tal (die welt) J. G. Neukirch anfangsgründe (1724) 168, -wüste Henrici ged. (1727) 3, 123, -rock Jung-Stilling s. schr. 4, 213 Gr., -balg (der leib) Lichtenberg br. 1, 193 Leitzm.-Schüdd.; -vater (1799), -land (die welt) E. M. Arndt 5, 116 R.-M., -leib Cl. Brentano (1852) 1, 182, -ball (die welt) Immermann 11, 28 Boxb., -sohn ders. 13, 160, -weib Alexis d. falsche Woldemar (1842) 3, 286, -hund Holtei erz. schr. 28, 171, -krüppel Hopfen praktikant (1891) 265. eine kleinere gruppe geht, soweit mensch und menschliches leben als der sünde verfallen gedacht sind, in der vereinzelung noch weiter: sündefaust (des diebes) Luther 34, 1, 56 W., sündenfleisch G. Neumark poet. u. musikal. lustwäldch. (1652) 11, -glied Zinzendorf pred. (1756) 1, 337, -antlitz M. v. Collin dram. dicht. (1813) 1, 142; entsprechend: sündenwille Jac. Böhme s. w. 5, 437 Schiebler, -sinn Harsdörffer frauenz.-gesprächspiele 8 (1649) 395, -herz G. Neumark fortgepflanzt. lustwald (1657) 1, 87, -seele Fischer-Tümpel 1, 369, -mut Rehfues d. letzte Assassine (1834) 2, 261, -geist (19. jh.), sündgedanke Liliencron (1896) 8, 42. — darüber hinaus ist die fülle der in der zusammensetzung durch sünde charakterisierten objekte schwer zu begrenzen, doch heben sich gewisse motivbereiche heraus, so der um die begriffe geld, geschäft: sündengewinn Kramer dt.-ital. 2 (1702) 1039ᶜ, sündgut (neutr.) Thomasius philos. händel (1725) 3, 256, sündengeld (1801), -lohn (19. jh.), -pfennig Iffland theatr. w. (1827) 9, 267, -gold L. Walesrode glossen (1842) 29. daneben stehen zeit- oder ortsbestimmungen: sündentag Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 335ᵃ, Shakespeare 1, 29, -jahr G. Neumark fortgepflanzt. lustwald (1657) 1, 54, -zeit (17. jh.), -stadt (1711), -stunde theater d. Deutschen (1768) 7, 288, -ort Schenkendorf ged. (1815) 126, -staat Bettine dies buch gehört d. könig 2, 384, -haus (19. jh.), -burg Liliencron (1896) 8, 215, sündeschlosz Stefan George bücher d. hirten 61. endlich treten unmittelbare umschreibungen für sünde heraus: sündenwerk Heinrich v. Hesler apokal. 20125 Helm, Fischer-Tümpel 2, 455, Jul. Mosen (1863) 2, 255, -handwerk V. Herberger traurlieder (1612) 2, 144, -arbeit Dannhawer catech. (1657) 1, 544, -tat Kramer dt.-ital. 2 (1702) 1078ᶜ, -sache Thierbach Herrnhuthianum (1748) 1, 444,
b)
zu sünde V 2 b, von der möglichkeit einer verbalen funktion des wortes aus: sündenmeister (16. jh.), sündlüstig M. Christopherus Irenaeus spiegel d. ewig. lebens (1589) v 3ᵃ, sündenlust (17. jh.), -zunder (der müsziggang) Artomedes pred. (1604) 67, -begierde Jac. Böhme s. w. 7, 197 Schiebler, -sucht Simon Dach 308 lit. ver., sündreizend Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. 4 (1644) 110, sündenreiz B. Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 138, -gierig Butschky Pathmos (1677) 249, -mittel Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. 7 (1647) 362, -gewohnheit Er. Francisci rechenschaft (1681) 91, -trieb Triller poet. betracht. (1750) 6, 412, sündefähig Fr. L. Jahn 3, 407 Euler, sündenanlasz Cl. Brentano (1852) 8, 363, -hang Rückert (1867) 11, 544, -zwang Fessler Abälard 2, 90. eine deutlich begrenzte sondergruppe umschreibt den verbalen gehalt bildlich, besonders in geläufigen bildungen erbaulicher sprache, zumal des kirchenliedes: sündenstrasze Fischer-Tümpel 1, 451 ,-spur ebda 2, 519, -pfad ebda 2, 263, Hölty ged. (1869) 225, -trab Dyke nosce te ipsum (1638) 418, -bahn (1657), -lauf Paul Gerhardt bei Fischer - Tümpel 3, 319, -steg G. Neumark fortgepflanzt. lustwald (1657) 2, 6, -weg (18. jh.), -geleise Fr. L. Jahn 1, 135 Euler. eine andere gruppe bestimmt den mittäter der sünde: sündengefährte Dyke busze (1637) 151, -genosse Kramer dt.-ital. 2 (1702) 1039ᶜ, -geselle Immermann 5, 16 Boxb., -kamerad A. v. Arnim 15, 50.
4)
die hauptmasse der zusammensetzungen entfaltet sich, schon seit dem späteren mhd., im bereich sünde VI, in dem die beziehungen zwischen mensch und sünde bildlich abgewandelt werden. die unter VI 1 aufgezeigten bildkreise begegnen hier sämtlich wieder. sünde als befleckung, vom pietismus und auch früher schon oft ins geschmacklose verzerrt: sündenrusz passional 523, 39 Köpke, -mal Heinrich v. Hesler apokal. 9345 Helm, -fleck ders. Nicodem. 3715 Helm, Fischer-Tümpel 1, 70, G. Hiller reise (1808) 201, -rein Heinrich v. Hesler apokal. 14660 Helm, G. Keller (1889) 5, 251, -reinigend Ritter erdkde (1822) 12, 807, -stank Schaller theol. heroldt (1604) 55, -kot Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 319, Mittler deutsche volksl. 336, -schlamm Grimmelshausen 2, 48 Keller, -wust (17. jh.), -pfuhl (17. jh.), schmutz Görres (1854) 2, 365, sündbefleckt Er. Francisci wol d. ewigkeit (1717) 815, sündegeläutert Scheffel (1907) 2, 11, sündenbestaubt A. Günther d. heilige u. ihr narr (1921) 1, 27. sünde als belastung oder knechtung: sündenlast (mhd.), -schwer Hans Sachs 22, 238 G., -leicht G. A. v. Maltitz pfefferkörner (1831) 1, 20, -dienst J. Nas antipap. (1567) 5, 316ᵃ, Triller poet. betracht. (1750) 5, 153, -netz V. Herberger hertzpostilla (1613) 2, 397, H. Laube ges. schr. (1875) 2, 71, -fessel Dannhawer catech. (1657) 1, 184, -band Grimmelshausen 2, 499 Keller, Gottsched d. neueste aus d. anmuth. gelehrsamkeit (1751) 6, 557, -bürde A. Gryphius ged. 39 Palm, Kotzebue s. dram. w. (1828) 31, 273, -kette A. Gryphius ged. 95 Palm, -strick Joh. Rist bei Fischer-Tümpel 2, 211, -joch Fischer-Tümpel 2, 257, Immermann 14, 316 Boxb., sündebeladen Görres (1854) 1, 287, sündenverstrickt moderne dichterchar. (1885) 108. sünde als krankheit: sündesiech Konrad v. Würzburg Silvester 2335 Ger., sündenpest Artomedes christl. ausleg. (1609) 1, 344, -krankheit Butschky Pathmos (1677) 862, -eiter Lohenstein geistl. gedancken (1708) 60, -aussatz Sperling Nicodemus quaerens 1 (1718) 1209, -krank E. M. Arndt 5, 84 R.-M. sünde als zustand der finsternis, des schlafes oder todes: sündenschlaf (1588), -tod (1646), -nacht (1647), sündaufwachung Reinicke fuchs (1650) 114, -grab Harsdörffer secretar. (1656) 1, 112, -finsternis Dannhawer catech. (1657) 6, 143, -tiefe Er. Francisci rechenschaft (1681) 533, -bett B. Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 2, 307, sündedunkel (adj.) (von der zeit) Cl. Brentano (1852) 3, 171. sünde als vergiftende oder verletzende macht: sündengift V. Herberger himml. Jerusalem (1609) 199, Herder 29, 11 S., -stich Artomedes christl. auslegung (1609) 2, 271, -wunde Joh. Arndt parad.-gärtl. (1626) 198, -streit Jes. Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch s. reimgetichte (1647) 184, -kampf Scriver seelensch. (1737) 1, 297ᵃ. sünde als verlockung und betörung, vorwiegend in jüngeren, poetischen bildungen: sündenkitzel V. Herberger hertzpostilla (1613) 1, 233, -liebe Scriver seelenschatz (1737) 1, 313ᵇ, -scherz Woltersdorf sämtl. neue lieder (1773) 125, -freude maler Müller 2, 19, -spiel Fouqué altsächs. bildersaal (1818) 4, 540, -trunken Cl. Brentano (1852) 4, 432, -heisz (von der leidenschaftlichen bauernseele) Rosegger III 5, 212, -heiter Liliencron (1896) 9, 169, sündesüsz Herm. Conradi (1911) 1, 145. deutlich kehrt auch der an das naturleben anknüpfende bildgebrauch (s.sünde VI 2) wieder: sündendorn Konrad v. Megenberg buch d. natur 406 Pf., Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 397ᵃ, -quell Jac. Böhme s. w. 3, 266 Schiebler, -quelle Kramer dt.-ital. 2 (1702) 1040ᵃ, Görres (1854) 6, 247, -frucht (1647), -wurzel Kramer dt.-ital. 2 (1702) 1040ᵃ. -saat Görres (1854) 6, 247, -unkraut Immermann 16, 103 Boxb., -ernte Hebbel tageb. 2, 102 Werner, -blüte (19. jh.), -gärtner (der teufel) jahrb. d. Grillparzergesellsch. (1890) 3, 245. über das grundwort hinaus erweitert sich der bildliche gebrauch in zusammensetzungen, die meist für das einfache sünde stehen, in verschiedenen richtungen: sündenwelle Dyke wahre busze (1567) 223, -rad Joh. Heermann bei Fischer-Tümpel 1, 265, -wagen Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 394ᵃ, -schuh Dannhawer catech. (1657) 1, 48, -stein G. Wagner ter tria (1698) 97, J. Rank a. d. Böhmerwalde 358 Wagner, -regen Abr. a s. Clara etw. f. alle 2 (1711) 174, -sturm Fr. v. d. Trenck s. ged. u. schr. (1786) 2, 28, -wirbel jahrb. d. Grillparzergesellsch. (1890) 4, 177, -wein Woltersdorf s. neue lieder (1773) 39, -hefe Herwegh ged. e. lebendigen (1843) 61, -becher Alexis ruhe ist die erste bürgerpflicht (1852) 2, 168, -ei Jer. Gotthelf (1855) 12, 255, -mahl moderne dichterchar. (1885) 215.
5)
für sich steht eine vor allem mundartlich verbreitete gruppe adjektivischer zusammensetzungen, in denen das erste glied nur verstärkenden sinn hat: sündenbös Martin-Lienhart elsäss. 2, 365, -dumm Albrecht Leipzig. 220, -mäszig Fischer schwäb. 5, 1960, -schade (s.sünde IV 3), -teuer, -wüst Fischer schwäb. 5, 1960, schweiz. id. 7, 1163.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7,8 (1937,1941), Bd. X,IV (1942), Sp. 1109, Z. 33.

sünde, adj.

sünde, adj.,
sündlich, das substantiv in adjektivischer funktion, mhd. und bis ins frühnhd.; zu diesem adjektivischen bildungstyp, der nur in prädikativer verbindung mit sein oder werden begegnet, vgl. Wilmanns gr.² 2, 510 und nhd. parallelfälle wie schade, not, feind, im mhd. comparierte formen wie zorner, dürfter u. ä. (s. o. sünde V 1 b): daz (d. i. hurerei) ist aller schedleichest und ist gar sünd Konrad v. Megenberg buch d. natur 140 Pf. namentlich in der steigerung: tuot er sie (die sünde) aber an dem suntage, sô ist sie aber sünder Berthold v. Regensburg 1, 128 Pf.; so wohl noch: es ist zimlicher und minder sünd, solich flaisch heut zu eszen (1488 Nürnberg) städtechron. 3, 90. vgl. noch: wenns luign scho sünt is, so mou a s steln no sünte sa Schmeller-Fr. bair. 2, 306.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1941), Bd. X,IV (1942), Sp. 1139, Z. 12.

sunde, f.

sunde, f.,
nebenform zu sonde 'senkblei', teil 10, 1, 1571, vgl. sundieren: an dieser küste der bank zeigen die sunden eine weit gröszere tiefe des meeres. hier fällt das bleiloth ... plötzlich auf 100 bis 200 faden Ritter erdkde (1822) 1, 121.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1937), Bd. X,IV (1942), Sp. 1109, Z. 28.

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Zitationshilfe
„sünde“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/s%C3%BCnde>, abgerufen am 05.07.2020.

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