Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

sündenbock, m.

sündenbock, m.
1)
schimpfwort: 'schlimmer sünder' (s.bock teil 2, sp. 202f.; vgl. auch Mt. 25, 32f.), seit dem frühen 17. jh. belegbar: die stinckenden sündenböcke aber wird er zuerst in das verdammnis stürzen V. Herberger hertzpostilla (1613) 1, 20; abgeschwächt noch im 19. jh.:
ich armer sündenbock verschmachte
in dieser heiszen höllenglut
(gedicht: der minister in der hölle)
Hoffmann v. Fallersleben (1890) 4, 254;
erotisch: und nun kommen hinter ihr her ... die zween alten sündenböcke, mit ihren langen rauhen bärten, herangeschlichen Heinse 9, 322 Schüdd.
2)
der bock, der nach 3. Mos. 16 die sünde des volkes stellvertretend in die wüste trägt: der Azazel oder sündenbock (hat) ohn zweifel unerträglich übel gestunken Dannhawer catech. (1657) 5, 812; der sündenbock (der Juden) aber hatte zwischen seinen hörnern raum genug, die ganze missethat auf sich zu nehmen Görres 6, 363; in mehrfacher übertragung; auf Christus: er (Christus) soll euer sündenbock werden? Herder 20, 258 S.; allgemein auf das opfertier: das dritte bild ... sind Abraham und Isaak ..., neben ihnen der sündenbock Mommsen reden u. aufs. 310; auf das ersatz- und sühnetier im rechtsleben: wenn jemand einen andern aus versehen getötet hatte, so muszte er den verwandten desselben einen widder stellen; es war der sündenbock Ihering geist d. röm. rechts (1852) 172.
3)
aus 2 erwächst die seit 1800 durchaus vorherrschende bedeutung: der, auf den man die eigenen sünden oder die sünden dritter abwälzt. durchweg in auszerreligiösem gebrauch, im anschlusz an sünde II und besonders III; Campe 4 (1810) 752ᵇ: er ... muszte sündenbock werden für die übrigen und kam zehn jahre auf die festung Zschokke s. ausgew. schr. (1824) 23, 6; überhaupt ist es eine alte erfahrung, dasz das publikum bei jeder (schauspieler -)gesellschaft einen sündenbock haben musz, an dem es seine ... unarten auslassen kann Göthe IV 13, 128 W.; da wird, wie in jeder familie ein sündenbock nöthig ist, auch im staat ein mittelpunkt ausgesucht, auf den sich aller vorwurf häuft Heinr. Laube ges. schr. 5, 154; sie (die amtsbrüder) waren von den Kroaten oder Schweden gleich den sündenböcken geachtet worden, die man zuvörderst von allen entgelten liesz, dasz — nun, dasz im dorf nicht genug rinder, pferde und schweine ... aufzutreiben waren Ina Seidel Lennacker (1938) 190. auch auf unpersönliche begriffe bezogen: so wird der zufall zum sündenbock in der moralischen welt Klinger w. 12, 28; das wetter ..., das ist den weibsleuten ihr sündenbock O. Ludwig 2, 21 Schm.-St.; jetzt ist der krieg wieder ihr (der Liller) sündenbock Liller kriegsztg. sommerlese 1916, 3, 42. die ausgangsvorstellung schimmert in den sprachformeln durch: noch weniger ziemt es sich, dieselben (die miszerfolge) ... auf irgend welchen sündenbock abzupacken Lagarde dtsche schr. 526; aber s ist gut, wenn sie einen haben, dem sie alles aufladen können, dazu bin ich gut, zum sündenbock Alexis hosen d. herrn v. Bredow (1846) 1, 202; redensartlich: der sündenbock sein Richter redensarten 177; vgl. einen sündenbock suchen u. ä.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1941), Bd. X,IV (1942), Sp. 1143, Z. 32.

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Zitationshilfe
„sündenbock“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/s%C3%BCndenbock>, abgerufen am 12.07.2020.

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